Humor und Haltung
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Arbeiten von Joel Castillo. Unten links Doors Wide Shut. (Bild: vez)
Ein kotzendes Herz. Das Shell-Logo als Gasmaske. Ein bücherstemmendes Gehirn. Eine Delfin-Kakerlaken-Oktopus-Insekten-Krone mit Hundekopf als Diamant. Oder eine US-Flagge, die sich selbst erschiesst. Mal quietschbunt in überladener Wimmelbild-Ästhetik. Mal eher gedeckt, an alte Mickey-Mouse-Filme erinnernd.
Die «Illo Konstanz Vol. 5» liefert. Und zwar eine grosse Ladung Illustrationen. Die Schau ist eine Kooperation zwischen dem Ausstellungsraum Turm zur Katz, dem städtischen Kulturamt und der dortigen Hochschule. Seit 2019 findet sie alle zwei Jahre statt. Die aktuelle Ausgabe zeigt Arbeiten von renommierten Illustratoren: Greg Mably, Joel Castillo und Gary Taxali aus Toronto und Ari Liloan aus Hamburg.
Dass diese vier, die sonst für den New Yorker oder Meta arbeiten, hier in Konstanz ihre Werke zeigen, sei dem Konstanzer Hochschulprofessor und Illustrator Thilo Rothacker und seinem Netzwerk zu verdanken, erzählt die Kuratorin Anna Martínez Rodríguez.
Verteilt auf drei Stockwerke gibt es an der «Illo Konstanz Vol. 5» über 60 Illustrationen der Künstler zu entdecken. Dem im Februar 2026 verstorbenen Greg Mably, der wie Taxali bereits Teil der ersten Ausgabe war, ist im Erdgeschoss eine Retrospektive gewidmet. Alle vier Illustratoren haben ihren eigenen Stil. Liloan ist eher maximalistisch unterwegs, Taxalis Arbeiten versprühen einen Retro-Vibe. «Es soll für alle mindestens ein Bild geben, das sie auf irgendeine Art und Weise abholt», so der Anspruch der Kuratorin Martínez Rodríguez.
Illustrationen von Ari Liloan (Bild: vez)
Zu entdecken gibt es sowohl Auftrags- als auch freie Arbeiten. Ohne viel Ausstellungstext stehen die grossformatigen Illustrationen an den weissen Wänden des Turms für sich selbst. Sind losgelöst vom Artikel, den sie dereinst erweiterten, vom Cover, das sie zierten, oder vom Produkt, das sie bewarben. Unscheinbare A4‑Laminate liefern eine Werkübersicht mit sehr knapp gehaltenen Angaben zu Urheber, Technik und Auftragslage. Eine Art «Beipackzettel», wie die Kuratorin es nennt. Denn: «Manchmal zündet der Witz erst, wenn der Kontext gegeben ist.»
So streift man durch die Ausstellung, beginnt selbst zu deuten und zu verknüpfen. Die wiederkehrende Kakerlake in den Arbeiten von Ari Liloan liest man vielleicht als Verweis auf Kafkas Die Verwandlung. Konsumkritik vermutet man bei Joel Castillos aufgeschrecktem Herrn, dem unbekannte Hände ein Amazon-Päckchen reichen.
Die eigene Deutung prüft man mit einem Blick in den «Beipackzettel». Ist teils irritiert, teils amüsiert. Die animalische Krone von Ari Liloan war eine Auftragsarbeit für das MIT Tech Review. Genauer für den Artikel Inside the enigmatic mind of animals. Wer sucht, findet den Text online. Er befasst sich mit den Bemühungen des Menschen, seine Umwelt zu verstehen. Einleitend gehts um eine parasitäre Grabwespe, die ihre Eier in lebende Kakerlaken legt. Die Szenerie mit dem Amazon-Päckchen von Joel Castillo heisst Doors Wide Shut. Die Illustration war eine Auftragsarbeit von «The Seattle Metropolitan» zu einem Feature über Smart-Lock-Technologie. Manche dürften sich beim Werktitel an den Film Eyes Wide Shut von Stanley Kubrick erinnert fühlen…
Der freie Zugang ist erfrischend und zugleich anspruchsvoll. Bisweilen wünscht man sich doch etwas mehr Kontext. Doch wie viel Anleitung braucht eine Ausstellung? Das sei jeweils ein Balanceakt, sagt die Kuratorin. Sie sei «kein Fan von zu viel Erklärtext». Und Kunst dürfe ruhig mal eine Erklärung verweigern. Nicht alles müsse fix ausgedeutet sein: «Das muss man aushalten können.» Eine Vermittlung finde gerade auch im Dialogischen, im Selbstausprobieren oder im Recherchieren statt.
Illustration ist oft auch Auftragsarbeit. Da drängt sich die Frage nach KI als Konkurrenz auf. Bei der Paneldiskussion an der Vernissage sei die Haltung der Ausstellenden klar gewesen, resümiert Martínez Rodríguez: Wenn man etwas Gutes haben wolle, brauche es einen Menschen. «Human-made» als Qualitätsmerkmal. Aber: «KI wird die Branche noch weiter beschäftigen und schnell verändern.»
Arbeiten von Gary Taxali, darunter Fuck AI (Bild: vez)
Nach wie vor ist Anna Martínez Rodríguez von menschlichen Qualitäten überzeugt: «KI wird nie lustig sein. Sie wird einen Witz nie wirklich verstehen. Das ist eine zutiefst menschliche Fähigkeit.» Und Humor und Illustrationen gehören zusammen. Das verdeutlichen unter anderem zwei Arbeiten von Gary Taxali, die sich mit KI befassen. AI Fear zeigt dassich fürchtende Akronym AI. Fuck AI eine Faust mit vier wabernden Mittelfingern.
«Illo Konstanz Vol. 5»: bis Sonntag, 28. Februar 2027, Turm zur Katz, Konstanz.
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