Zwischen Grafikdesign und Tätowierung

Als Tätowierer und Grafikdesigner überträgt Daryl Schiltknecht seine visuelle Sprache auf verschiedene Medien. Seine Motive entstehen im Austausch und bleiben stets individuell.

(Bilder: pd/Daryl Schildknecht)

Zwei Wo­chen am Stück – das ist der längs­te Zeit­raum, den De­si­gner Chris­ti­an Her­sche je­weils an ei­nem Ort ver­weilt. An­sons­ten reist er be­ruf­lich um die Welt: To­kyo, New York, Los An­ge­les, Lon­don, Pa­ris oder Ap­pen­zell. Die bei­den letz­te­ren sind sei­ne Wohn­or­te. In Pa­ris lebt er seit über zehn Jah­ren, in Ap­pen­zell ist der 37-Jäh­ri­ge auf­ge­wach­sen und hat hier 2022 sei­ne Fir­ma Re­cher­sche ge­grün­det, mit der er Re­cher­che­ar­bei­ten im krea­ti­ven Be­reich über­nimmt. 

«Ak­tu­ell ar­bei­te ich vor al­lem für den in­ter­na­tio­na­len Mo­de­brand Uni­q­lo und für den Out­door­brand Gold­win», sagt er. Die Un­ter­neh­men un­ter­stützt er vor­wie­gend bei der Image­pfle­ge. «Da­bei ver­su­che ich, die Ge­schich­te hin­ter der Kol­lek­ti­on zu er­fas­sen und die fer­ti­ge Kol­lek­ti­on dann in Zu­sam­men­ar­beit mit un­ter­schied­li­chen Teams ins rich­ti­ge Licht zu rü­cken, in­dem ich pas­sen­de Sty­lis­tin­nen, Fo­to­gra­fen, Mo­dels und Lo­ca­ti­ons zu­sam­men­tra­ge und or­ches­trie­re.» 

Ein­bli­cke in ge­stal­te­ri­sche Pro­zes­se

Wäh­rend des In­ter­views be­fin­det sich Her­sche in New York, wo er mit sei­nem Team ein Shoo­ting or­ga­ni­siert hat. Doch der De­si­gner, der jah­re­lang als Art­di­rec­tor von Uni­q­lo tä­tig war, ver­folgt auch klei­ne­re und per­sön­li­che­re Pro­jek­te: «Ich set­ze ei­ner­seits Pro­jek­te von Freun­din­nen und Freun­den aus der Mo­de­indus­trie um oder ver­fol­ge mei­ne zwei­te Lei­den­schaft ne­ben der Mo­de: die Fo­to­gra­fie.» 

Mit dem Buch Chom Hee Zu Mee hat Her­sche ein Werk her­aus­ge­ge­ben, das Fo­tos aus sei­nem All­tag mit in­sze­nier­ten Fo­to­gra­fien ver­eint. Im Ge­gen­satz zu die­sem ku­ra­tier­ten Werk gibt der De­si­gner in der Aus­stel­lung «Un­lo­cal» an der De­sign Week Ein­blick in sei­nen ge­stal­te­ri­schen Pro­zess. Da­zu stellt er Fo­to­gra­fien, Skiz­zen­bü­cher und Mus­ter aus, die sei­ne Ar­beit und sei­nen Wer­de­gang zei­gen. «Vie­le Ent­wür­fe und Übun­gen wer­den nie öf­fent­lich, weil sie Teil ei­nes Pro­zes­ses sind und nicht als fer­ti­ge Ar­beit ge­dacht sind.» Da­mit will er zum Aus­druck brin­gen, dass nicht al­les, was man pro­du­ziert, ge­stal­tet oder ent­wirft, fer­tig wird.

Her­sche be­such­te den ge­stal­te­ri­schen Vor­kurs in St.Gal­len und ab­sol­vier­te ei­ne Gra­fi­ker­leh­re bei der Wer­be­agen­tur Vit­amin 2. Da­nach stu­dier­te er Mo­de­de­sign in Ba­sel und ar­bei­te­te als Prak­ti­kant in New York. «Ich ha­be un­ten an­ge­fan­gen: Erst durf­te ich nur Kaf­fee ma­chen, dann Stof­fe ab­ho­len und dann schliess­lich am De­sign mit­ar­bei­ten.» Er ha­be un­be­zahl­te Prak­ti­ka ab­sol­viert, in den kleins­ten und güns­tigs­ten Woh­nun­gen ge­lebt und sich Schritt für Schritt vom As­sis­ten­ten bis hin zum ge­frag­ten Art­di­rec­tor hoch­ge­ar­bei­tet, der selbst As­sis­ten­tin­nen und Prak­ti­kan­ten be­schäf­tigt.

«Ich bin sehr klas­sisch in der Mo­de­bran­che auf­ge­stie­gen und ver­dan­ke mei­nen Er­folg dem Be­herr­schen mei­ner Hand­wer­ke», sagt Her­sche. So ha­be er be­reits im Vor­kurs ge­lernt, wie man zeich­net und schraf­fiert. In der Leh­re er­lern­te er Gra­fik und Ge­stal­tung von null auf und im Stu­di­um eig­ne­te er sich an, wie ein Hemd ge­näht wird. «Die­se Kom­bi­na­ti­on mit mei­nem Ver­ständ­nis für Fo­to­gra­fie ha­ben mich sehr weit ge­bracht.» Denn der De­si­gner be­geg­net im­mer wie­der Men­schen, die we­der et­was von ih­rem Hand­werk ver­ste­hen noch die glei­che Be­harr­lich­keit mit­bräch­ten wie er selbst.

Lo­ka­le Kul­tur schät­zen und för­dern

Doch nicht nur sein Wer­de­gang in der Ost­schweiz hat Her­sche ge­prägt, er ist auch be­geis­tert von der Tex­til­ver­gan­gen­heit der Re­gi­on, der Tex­til­bi­blio­thek, dem Sit­ter­werk und all­ge­mein von der Qua­li­tät von Schwei­zer De­sign und In­dus­trie. «Oft wur­den bes­se­re Din­ge in der Schweiz her­vor­ge­bracht als in gros­sen Me­tro­po­len – doch man ist hier zu be­schei­den, um es her­aus­zu­po­sau­nen.» Her­sche be­dau­ert manch­mal, hat er sich nicht mehr für Pro­jek­te in sei­ner Hei­mat ein­ge­setzt, und er be­wun­dert all je­ne, die das tun. «Bei jun­gen Men­schen steht oft Glo­ba­les im Fo­kus, aber man muss auch die lo­ka­le Kul­tur schät­zen, för­dern und Teil da­von sein.» 

Um sei­ne häu­fi­gen Rei­sen zu ver­ar­bei­ten, hat Her­sche stets sei­ne Ka­me­ra da­bei: «Es ver­geht kein Tag oh­ne min­des­tens ein Bild.» Auch wenn er sei­ne Rei­sen und den da­mit ver­bun­de­nen Aus­tausch mit Kul­tu­ren und Men­schen liebt, sehnt sich der De­si­gner manch­mal nach mehr Rou­ti­ne. «Nichts­des­to­trotz freue ich mich je­den Tag auf­zu­ste­hen und zu ar­bei­ten, was ich als un­glaub­li­ches Pri­vi­leg er­ach­te.»

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