Wir geben dem Stromer am Dienstagmorgen grad die Klinke in die Hand an der Augustinergasse 17. Er hat noch ein paar letzte Handgriffe getätigt im «Haus zur Ameise», am Donnerstag wird dort Vernissage gefeiert. 16 Illustratorinnen und Illustratoren aus dem erweiterten St.Gallen werden sechs Tage lang ihre Werke zeigen, unter anderem Lika Nüssli, Hannah Raschle, Dario Forlin, Rouven Stucki und der neuerdings nicht mehr so bittere Herr Tittmann.
Im Innern sieht es noch nicht wirklich nach Vernissage aus: Die Böden sind mit Karton abgedeckt, überall liegen Werkzeuge, Besen und Lampen herum, auf der verschlungenen Treppe wartet die Schleifmaschine. Wir trinken kalten Kaffee, irgendwo läuft ein Staubsauger. «Der ist neben dem Badezimmer wohl das Neueste im ganzen Haus», sagt Mario Miles Wyler und lacht. «Dieses Gebäude ist fast 200 Jahre alt.»
Einige Arbeiten von Mario Miles Wyler (links), Sascha Tittman (Blick durch die Tür) und Hannah Raschle hängen bereits.
Mario Miles Wyler ist freischaffender Illustrator und Animationsfilmer. Zusammen mit der Fotografin und Tätowiererin Claudia Schildknecht und dem Illustrator Dominik Rüegg aka «Drü Egg» bildet er den Ameisenhaufen, der ab Donnerstag in St.Gallen wuseln soll. Alle drei kommen ursprünglich hier aus dem Osten und haben in Luzern an der Hochschule für Kunst & Design studiert.
«Eigentlich waren wir auf der Suche nach einem gemeinsamen Atelier», sagt Rüegg, «aber dann sind wir auf die Anzeige für dieses 8-Zimmer-Haus gestossen und haben angefangen, grösser zu denken.» Der neue Plan: ein Atelier- und Ausstellungshaus für Illustration, Street Art, Fotografie und freie Kunst, ein Begegnungsort, ein Treffpunkt – auch für Nicht-St.Gallerinn und -St.Galler. Könnte klappen, an der Hausbesitzerin solls zumindest nicht liegen: Sie hat den Ameisen schonmal das Mietrecht für die nächsten paar Jahre zugesichert.
Dominik Rüegg und Mario Miles Wyler, leider ohne die dritte Ameise Claudia Schildknecht.
Es klopft an der Tür. Manuel Stahlberger kommt mit einigen Holzstecken in der Hand die Treppe hinauf, will sich kurz umsehen. Dort, wo ab Donnerstag seine Bilder hängen werden, kleben jetzt noch rosa Blätter. Stahlberger muss wissen, wie diese Ecke aussieht, um seinem jüngsten Werk den endgültigen Schliff zu verleihen. Vorerst nur soviel: Es handelt von einem alten Bekannten und ist ziemlich meta.
«In St.Gallen wird Illustration immer noch zu sehr als Dienstleistung verstanden und zu wenig als Kunst», erklärt Rüegg, als sich Stahlberger wieder verabschiedet hat. Nur wenige schafften den Spagat zwischen Kunst und Dienstleistung. Auch darum brauche es dieses Haus. Und um externen Kunstschaffenden «einen Grund zu geben, nach St.Gallen zu kommen». Auch um den St.Gallerinnen und St.Gallern Neues zu zeigen, wie Rüegg betont. «St.Gallen hinkt nämlich gerade in Sachen Street Art etwa fünf Jahre hinterher.»
Nico Kast malt Bilder im Stil von alten Tourismus-Plakaten.
Über zwei Monate haben die Ameisen an ihrem Haus gearbeitet. Decken herunter- und Teppiche herausgerissen, Löcher gestopft, geputzt, Wände gemalt, OSB-Platten eingezogen, Strom legen lassen und so weiter. Ohne finanzielle Unterstützung von Stadt oder Kanton – bis jetzt. «Wir hoffen, dass noch etwas kommt», sagt Wyler lachend, «denn der Umbau hat uns in ein ziemliches Loch gerissen. Wir haben das total unterschätzt und sind nun mehr oder weniger pleite.»
Vernissage: 7. und 9. März. Mit Arbeiten von Justine Klaiber, Sascha Tittmann, Jonathan Németh, Cornelius M. Heinzer, Manuel Stahlberger, Rouven Stucki, Dario Forlin, Noah Demirci, Joel Roth, Hannah Raschle, Lika Nüssli, Nico Kast, Mhill Krasniqi und den drei Ameisen.
Im unteren Stock sollen künftig wechselnde Kurzausstellungen Platz finden, im oberen Stock haben Claudia Schildknecht, Dominik Rüegg und Mario Miles Wyler ihr gemeinsames Atelier. Wenn alles klappt, wird auch bald noch ein Schuhmacher bei ihnen einziehen. Auch der Keller ist einigermassen geräumig, «da kann man richtig werken und tun», wie Rüegg sagt, und im Estrich, wo noch Zeitungen aus dem Jahr 1929 an den Wänden kleben, gäbe es dereinst Platz für ein Mal- und Sprayzimmer, sofern er denn isoliert wird.
Und in einigen Jahren? «Ist St.Gallen hoffentlich à jour in Sachen Street Art und Illustration», sagt Rüegg, «und das Haus zur Ameise ist etabliert und hat sich ein gutes Netzwerk aufgebaut. St.Gallen verpasst etwas, wenn es um Street Art geht. Es gäbe viele Orte, an denen man das Stadtbild malerisch verschönern könnte, aber man müsste die Leute auch lassen…»
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