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Dubiose Zahlen zum Autobahnausbau

So sollte der Anschluss beim Güterbahnhofareal aussehen – inklusive deutlich mehr Verkehr als auf dem Bild. (Visualisierung: pd) 

So sollte der Anschluss beim Güterbahnhofareal aussehen – inklusive deutlich mehr Verkehr als auf dem Bild. (Visualisierung: pd) 

Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf nicht nachvollziehbaren Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.

 Der Ver­ein ge­gen den Au­to­bahn­an­schluss am Gü­ter­bahn­hof lud den Ex­per­ten Tho­mas Hug-Di Le­na vom Zür­cher Bü­ro Ur­ba­ni­s­ta an die Jah­res­ver­samm­lung vom Diens­tag­abend ein. Der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner er­klär­te, mit wel­chen Grund­la­gen, Zah­len und Pro­gno­sen das Bun­des­amt für Ver­kehr (As­tra) und das ETH-Gut­ach­ten die Prio­ri­sie­rung der Bahn- und Au­to­bahn-Aus­bau­ten be­rech­net hat­ten. 

Tho­mas Hug-Di Le­na zeig­te un­ter an­de­rem die Grund­la­gen, mit de­nen ar­gu­men­tiert wird, dass die drit­te Au­to­bahn­röh­re durch den St.Gal­ler Ro­sen­berg und die Teil­span­ge mit dem An­schluss Gü­ter­bahn­hof ein po­si­ti­ves Kos­ten-/Nut­zen­ver­hält­nis ha­ben. Bei der ge­samt­schwei­ze­ri­schen Ab­stim­mung zu sechs Au­to­bahn­aus­bau­en im No­vem­ber 2024 war die Vor­la­ge in der Stadt St.Gal­len ab­ge­lehnt, im Kan­ton aber an­ge­nom­men wor­den. Die Be­für­wor­ter wol­len den Aus­bau je­doch wei­ter­hin und Bun­des­rat Rös­ti re­spek­ti­ve das As­tra und auch das ETH-Gut­ach­ten ha­ben es wie­der in die ak­tu­el­le Pla­nung «Ver­kehr 45» auf­ge­nom­men. 

Anfang Oktober «schickten» die Gegner:innen der Autobahnausbauten in St.Gallen einen grossen Protestbrief an Bundesrat Albert Rösti. (Bild: Verein gegen den Autobahnanschluss am Güterbahnhof)

Anfang Oktober «schickten» die Gegner:innen der Autobahnausbauten in St.Gallen einen grossen Protestbrief an Bundesrat Albert Rösti. (Bild: Verein gegen den Autobahnanschluss am Güterbahnhof)

Für die Au­to­bahn­geg­ner:in­nen ist dies ei­ne Miss­ach­tung des Volks­wil­lens. Sie ha­ben im Rah­men der Ver­nehm­las­sung zum «Ver­kehr 45» En­de Sep­tem­ber mit ei­nem über­gros­sen, im Gü­ter­bahn­hof­are­al auf die Stras­se ge­mal­ten Brief an Bun­des­rat Rös­ti pro­tes­tiert: «Nie­mand will Ih­re auf­ge­wärm­ten und kurz­sich­ti­gen Au­to­bahn­plä­ne».

Kein Ver­kehrs­mo­dell für St.Gal­len – nur An­nah­men

Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na kri­ti­sier­te in sei­nem Vor­trag, dass es für die St.Gal­ler Aus­bau­plä­ne kein taug­li­ches Ver­kehrs­mo­dell ge­be. Die Ver­kehrs­zah­len auf der Stadt­au­to­bahn wei­sen für 2016/17 ge­mäss den Zah­len des Kan­tons St.Gal­len pro Tag durch­schnitt­lich 80’400 Fahr­ten durch den Ro­sen­berg­tun­nel aus. Das As­tra pu­bli­zier­te Zah­len für 2022 bis 2024 von nur noch ma­xi­mal 73’800 Fahr­zeu­gen. Von ei­nem Ver­kehrs­wachs­tum ist laut dem Ex­per­ten al­so nichts zu se­hen. 

Das Ver­kehrs­mo­dell des Kan­tons geht sei­ner­seits bis 2040 von rund 22 Pro­zent mehr Ver­kehr im Tun­nel als 2017 aus, um­ge­rech­net rund 98’000 Fahr­zeu­ge pro Tag. Dar­auf stützt sich die Kos­ten-/Nut­zen­rech­nung der Eng­pass­be­sei­ti­gung. «Der Kan­ton be­ruft sich auf die Ver­kehrs­per­spek­ti­ven des Bun­des. Dort wächst der Au­to­ver­kehr schweiz­weit bis 2040 aber nur um rund fünf Pro­zent. War­um es im Ro­sen­berg­tun­nel mehr als vier­mal so viel sein soll, ist nicht nach­voll­zieh­bar», kri­ti­siert Hug-Di Le­na. Für ihn sind die Zah­len nicht plau­si­bel.

Fehlende Gesamtschau

Die von ETH-Pro­fes­sor Ul­rich Weid­mann und sei­nen Mit­ar­bei­ter:in­nen vor­ge­nom­me­ne Prio­ri­sie­rung, die nun im Vor­schlag «Ver­kehr 45» ins na­tio­na­le Par­la­ment kommt, ent­stand aus ei­nem Auf­trag des As­tra. Die­ses stell­te da­für nur ei­ne be­schei­de­ne Sum­me von 150’000 Fran­ken zur Ver­fü­gung, so dass die Ex­pert:in­nen vie­le Grund­la­gen des As­tra gar nicht über­prü­fen konn­ten und die­se – vor al­lem bei den Au­to­bahn­pro­jek­ten – mehr­heit­lich über­nah­men. Das sei ei­gent­lich ei­ner ETH-Ex­per­ti­se un­wür­dig, kri­ti­sier­te Tho­mas Hug-Di Le­na. Das Gut­ach­ten kom­me zwar als tech­ni­sches Gut­ach­ten da­her, sei aber letzt­lich po­li­tisch.

Nö­tig wä­re ein Ge­samt­kon­zept, das Bahn und Stras­se als Gan­zes be­trach­tet und das zeigt, wo und wie sich der Ver­kehr ent­wi­ckeln soll und wo wel­cher Ver­kehrs­trä­ger aus­ge­baut wer­den muss. Der Fach­mann kri­ti­siert auch, dass die an­ge­wand­ten Be­wer­tungs­kri­te­ri­en nicht mehr dem ak­tu­el­len Stand der For­schung ent­spre­chen. So sei in den Be­rech­nun­gen der Nut­zen ei­nes Zeit­ge­winns zu po­si­tiv be­wer­tet. Das As­tra wol­le aber die ak­tu­el­le­ren Wer­te nicht ein­füh­ren, denn dies könn­te den Nut­zen des ei­nen oder an­de­ren Pro­jekts zum Kip­pen brin­gen. Auch die heu­te ge­trenn­te Fi­nan­zie­rung von Bahn und Stras­se aus un­ter­schied­li­chen Töp­fen müss­te ge­än­dert wer­den, denn sie ver­hin­de­re die Pla­nung ei­nes Ge­samt­sys­tems. (rho) 

Auch die bis­her ge­nann­ten Kos­ten für die drit­te Röh­re und den An­schluss Gü­ter­bahn­hof sind ein ei­gent­li­cher Zah­len­sa­lat: 2020 rech­ne­te der Bund für die drit­te Röh­re al­lein noch mit 410 Mil­lio­nen Fran­ken. Zu­sam­men mit der Teil­span­ge und dem An­schluss Gü­ter­bahn­hof klet­ter­te die Sum­me auf mehr als das Dop­pel­te, auf 957 Mil­lio­nen. 2024, in den Un­ter­la­gen zur Volks­ab­stim­mung über die sechs Pro­jek­te, war dann die Re­de von 1,24 Mil­li­ar­den, mit ei­ner Un­ge­nau­ig­keit von plus/mi­nus 30 Pro­zent. 

Wie wird die Um­welt­be­las­tung ge­wich­tet?

Nicht nur die Ver­kehrs­zah­len und Bau­kos­ten sind un­klar. Auch die im ETH-Gut­ach­ten vor­ge­nom­me­ne Ge­wich­tung der ins­ge­samt 26 Ein­fluss­grös­sen auf das Kos­ten/Nut­zen­ver­hält­nis der Pro­jek­te –dar­un­ter Lärm, Kli­ma- und Um­welt­be­las­tun­gen – sei in­trans­pa­rent und teils du­bi­os, sagt Hug-Di Le­na. Als Nut­zen wird zum Bei­spiel an­ge­rech­net, dass für Au­to­fah­ren­de kein «Scha­den» in Form von Stau ent­steht. 

Weit­ge­hend klar ist da­ge­gen für al­le Ver­kehrs­fach­leu­te, dass ein Ka­pa­zi­täts­aus­bau der Stras­se ei­nen Re­bound­ef­fekt hat und so­ge­nann­ten in­du­zier­ten Mehr­ver­kehr mit sich bringt: Wer schnel­ler vor­wärts kommt fährt öf­ter und wei­ter. In den vom As­tra vor­ge­ge­ben und von der ETH über­nom­me­nen Be­rech­nun­gen gilt der Rei­se­zeit­ge­winn dank neu­en Stras­sen­ka­pa­zi­tä­ten als «Nut­zen». In St.Gal­len wür­de das aber da­zu füh­ren, dass Leu­te statt mit dem ÖV mit dem Au­to un­ter­wegs wä­ren. Das As­tra be­rech­net selbst, dass durch den Au­to­bahn­aus­bau im ÖV rund 26 Mil­lio­nen Per­so­nen­ki­lo­me­ter pro Jahr weg­fal­len. Sol­che Um­stei­ger sind ei­ne Ent­wick­lung, die al­len bis­he­ri­gen Be­mü­hun­gen wi­der­spricht. 

Mehr Au­to­bahn ver­bes­sert in der der Stadt nichts

Auch die Ent­las­tung des in­ner­städ­ti­schen Stras­sen­net­zes sei oh­ne strik­te flan­kie­ren­de Mass­nah­men ei­ne Il­lu­si­on. Be­kannt ist für St.Gal­len, dass die Ober­stras­se mit ei­nem An­schluss Gü­ter­bahn­hof mas­siv mehr Ver­kehr zu er­war­ten hät­te. Was die Teu­fe­ner Stras­se be­trifft, so sei dort nicht mit sehr vie­len Ver­bes­se­run­gen zu rech­nen, denn die Bus­li­ni­en wür­den wei­ter­hin dort ver­keh­ren, was grös­se­re Stras­sen­um­bau­ten ver­hin­de­re, wie es aus der Mit­te der Ver­samm­lung hiess. 

Kommt da­zu, dass zu­sätz­li­che Au­to­bahn­spu­ren das Ver­kehrs­auf­kom­men ver­grös­sern und die Ein- und Aus­fahr­ten be­las­ten. Ge­ra­de bei den Aus­fahr­ten ist mit Staus zu rech­nen, denn auf der St.Gal­ler Stadt­au­to­bahn sind über 80 Pro­zent der Fahr­ten in­ner­städ­tisch. Aus­fahr­ten glei­chen aber ei­nem Trich­ter: Von drei oder gar vier Au­to­bahn­spu­ren auf ei­ne ein­spu­ri­ge Stadt­stras­se. Letzt­lich führt das zur Über­las­tung des städ­ti­schen Stras­sen­net­zes. Das Fa­zit von Tho­mas Hug-Di Le­na: «Mehr Au­to­bahn­ka­pa­zi­tät bringt kei­ne Ver­bes­se­rung in der Stadt.»

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf nicht nach­voll­zieh­ba­ren Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

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Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

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