«Dieser Ort braucht eine Perspektive»
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Saiten: Seit gut einem Jahr bildet ihr das Co-Präsidium des Vereins Lattich, wie gehts euch damit?
Adelheid Karli: Super ist, dass es überhaupt weitergeht. Dieser Ort braucht eine Perspektive. Deswegen habe ich mich für den Vorstand zur Verfügung gestellt. Im Projekt dabei waren wir beide aber von Anfang an. Ich mit den HEKS-Gärten und Florim mit dem Urbanen Grün-Atelier.
Florim Šabani: Das Jahr ging schnell vorbei. Das Lattich-Fest war klar das Highlight.
Und wenn wir den Rückblick auf die zehn Jahre Lattich erweitern?
AK: Ich erinnere mich an viele tolle Momente, Veranstaltungen und Begegnungen. Doch die Zeit war auch geprägt von Herausforderungen, Veränderungen und Unsicherheiten. Wir mussten lernen, kurzfristig zu planen und darauf zu vertrauen, dass es immer irgendwie weitergeht.
Eine zehnjährige Leidensgeschichte?
FŠ: Nein. Manchmal war es tatsächlich ein Krampf. Aber wir sind hier eine Brache, an die viele Ansprüche gestellt werden. Für mich waren diese zehn Jahre Lattich keine Leidensgeschichte.
AK: Im Vergleich zu anderen Zwischennutzungen in der Stadt sind hier die Unsicherheiten bestimmt ausgeprägter. Unsicherheiten gehören aber wohl einfach zu einer Zwischennutzung.
Ein so zentrales Entwicklungsgebiet würden sich andere Städte nur wünschen. Was läuft in St.Gallen anders?
FŠ: Urbane Orte wie das Güterbahnhofareal gibt es in grösseren Städten natürlich häufiger. Aber ich finde nicht, dass die Politik hier bremst. Sie fördert den Lattich aber auch nicht speziell. Der Güterbahnhof ist ein Ort mit besonders vielen Interessenskonflikten. Einzelne möchten das Gebiet möglichst schnell «entwickeln», andere möchten einen Autobahnanschluss bauen. Wir füllen dieses Vakuum mit einer dynamischen Zwischennutzung und werden sehen, welche Visionen längerfristig Wurzeln schlagen können.
AK: Das Areal Bach, die Brache Lachen oder andere Zwischennutzungen, in denen wir mit den HEKS-Gärten ebenfalls präsent sind, hatten und haben nicht mit so vielen Einsprachen zu kämpfen wie wir. Die Stadt ist uns gegenüber aber immer wohlwollend ...
FŠ: ... vor allem auf einer niederschwelligen Ebene. Die Standortförderung hätte sich für unser Projekt bestimmt mehr interessiert, wenn hier von Anfang an alles runder gelaufen wäre und das Areal floriert hätte.
Warum?
FŠ: Erst wenn eine Initiative eine gewisse Grösse erreicht hat, springt die Standortförderung auf. Wir fliegen da etwas unter dem Radar. Wir sind ein diffuser Ort mit vielen widersprüchlichen Interessen, Blockaden, und gleichzeitig sind doch viele Dinge möglich. Der Güterbahnhof ist für Fortgeschrittene.
AK: Wir haben gelernt, mit den Einsprachen und Einschränkungen umzugehen. Das durfte ich schon vor meiner Arbeit im Vorstand lernen. Auch bei den HEKS-Gärten empfand ich anfangs viele Einschränkungen als herausfordernd. Und doch ging es immer weiter. Man entwickelt eine gewisse Gelassenheit.
FŠ: Viele Projekte, die hier ursprünglich in einem Container hätten stattfinden sollen, sind ja nicht tot, sondern sie finden einfach anderswo statt. Das Urbane Grün-Atelier funktioniert allerdings ziemlich so, wie wir uns das anfänglich auch vorgestellt haben. Und das ganze Güterbahnhofareal ist für das Quartier ein wichtiger Begegnungsort.
Aber könnte ein so zentraler Ort nicht mehr sein als bloss ein Quartiertreffpunkt? Ein selbstverständlicher Teil des Stadtzentrums?
FŠ: Das fände ich schön, auch wenn Quartiertreffpunkte enorm wichtige Orte sind. Doch dafür bräuchte es eine übergeordnete Struktur im ganzen Areal, nicht nur den Lattich. Ein Gesamtkonzept mit politischer Rückendeckung. In dieser Stadt gibt es oft viele Ideen, aber auch eine nicht unbedeutende Diskrepanz zu dem, was davon umgesetzt wird.
Wie viel politische Rückendeckung spürt ihr denn?
AK: Es gibt den runden Tisch mit allen Projekten auf dem Güterbahnhofareal. Da sichern uns die anwesenden Stadtratsmitglieder jeweils Unterstützung zu. Aber wie Florim sagt: Ideelle Unterstützung ist das eine, die Umsetzung das andere. Doch die Menschen, die den Lattich mit ihren Ideen und Initiativen mitgeprägt haben, waren immer voller Tatendrang. Doch viele weitere Visionen wurden nie Wirklichkeit. Vor allem ohne die Einsprachen sähe es hier ganz anders aus.
FŠ: Es gibt Einsprachen, die durch alle Instanzen weitergezogen wurden. Wenn der Eindruck entsteht, dass ein Projekt nicht wirklich zum Fliegen kommt, wird ein Ort für neue Ideen unattraktiv. Die Stadt hat sämtliche Baugesuche immer bewilligt. Natürlich könnte die Stadt gewisse Rahmenbedingungen vereinfachen. Zum Beispiel bauplanerisch oder mit Finanzierungen. Doch ich sehe auch die Tendenz, dass die Zivilgesellschaft immer mehr an die Verwaltung delegieren möchte. Dabei ist es doch attraktiv, sich einen Raum anzueignen und nach eigenen Kriterien selber zu gestalten. Das ist die höchste Stufe von Partizipation.
Blicken wir nach vorne. Was ist der Plan für die nächsten zehn Jahre?
AK: Erste Priorität hat das Baugesuch für den Schiffscontainer und die beiden Bauwagen. Wir brauchen einen bewilligten Rahmen, um die Projekte fortführen zu können. Die Zwischennutzung für den Lattich-Bau läuft 2029 aus. Die Lattich Bau AG ist aber in guten Verhandlungen für eine längere Garantie. All jene, die hier ein Stück Heimat gefunden und aufgebaut haben, sollen sie weiterhin haben. Was die Nutzung des Geländes betrifft, sind jetzt die Gartenprojekte im Fokus.
FŠ: Das Baugesuch steckt den Rahmen ab, in dem wir uns bewegen wollen. Wenn in fünf Jahren eine brillante Idee kommt, die eine andere Nutzung vorsieht, werde ich neugierig bleiben. Doch für den Moment ist uns die Kontinuität am wichtigsten.
Wären mutige Projekte, die vielleicht auch anecken, nicht auch eine Chance, neue Aufmerksamkeit zu wecken?
FŠ: Gartenprojekte ecken in der Tat nicht besonders an. Wir lassen da wenig Staub aufwirbeln, was uns im Optimalfall aber auch mal den Spielraum vergrössert. Wir sind offen für mutige und grosse Ideen, aber diese müssten übergeordnet entstehen. Der Verein Lattich ist nicht das Vehikel dafür. Auch wenn ich die Idee, dass wir lauter und mühsamer werden, sympathisch fände.
AK: Wir haben den Ball flacher gehalten, weil wir mit den Bewilligungen durchkommen wollen. Jetzt schauen wir weiter. Hier findet vor allem viel Alltag statt, Gärtnern, Begegnungen, Gemeinschaft, ohne Glanz, aber mit viel Wirkung für die beteiligten Menschen.
FŠ: Vielleicht läuft im Areal Bach im Moment mehr als hier im Güterbahnhof. Hier steht nicht die Containersiedlung, wie wir sie uns einmal vorgestellt hatten. Doch das, was hier ist, funktioniert. Die Module sind alle ausgelastet und für Wechsel führen wir eine Warteliste.
Was ist der Lattich in zehn Jahren?
FŠ: Mir schwebt ein grosses Güterbahnhoffest vor. Ähnlich wie das Fest vor über zehn Jahren auf der gesperrten Rosenbergstrasse. Das hatte etwas Anarchistisches, das dem Güterbahnhof manchmal guttun würde.
AK: Der Lattich wird für noch mehr Menschen ein Ort des Wirkens und der Begegnung sein.
Adelheid Karli, 1968, ist Sozialpädagogin und Gartentherapeutin. Seit Anfang an ist sie als Verantwortliche für die HEKS-Gärten im Lattichquartier engagiert.
Florim Šabani, 1987, ist Forstingenieur beim Kanton St.Gallen und leitet neben dem Lattich auch den Verein «Gegen den Autobahnanschluss beim Güterbahnhof». Ebenfalls Vorstandsmitglied ist er im benachbarten Urbanen Grün-Atelier.
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