Kategorie
Autor:innen
Jahr

Auf ins Lattich-Quartier

Der Güterbahnhof St.Gallen belebt sich: Bis Ende Oktober steht eine Halle für Zwischennutzungen bereit, später soll hier ein Stadtquartier auf Zeit entstehen. Das wuchernde Projekt heisst Lattich.
Von  Peter Surber
Blick aufs umstrittene städtische Filetstück: Das Güterbahnhofareal (Bild: Lattich)

Die Uhr in der grossen Halle zeigt halb vier, als wir uns um zwei treffen – ein Ort, seiner Zeit voraus? Eine Stunde später ist es immer noch halb vier – ein Ort, wo die Zeit stehen geblieben ist?

Beides trifft halbwegs zu. Der Ort ist das alte Backstein-Lagerhaus auf dem St.Galler Güterbahnhof-Areal. Hier auf einer der letzten Brachen, hier wo die Autostadt ihre Zukunft plant mit dem neuen Zubringer zur Autobahn, wird bis zum Herbst eine ganz andere, menschenfreundliche Stadt-Vision erprobt: Für drei Monate steht die Halle für diverse Nutzungen unentgeltlich zur Verfügung.

Lattich I heisst das Projekt, getragen wird es von einer Projektgruppe um die Organisation Regio AppenzellAR-St.Gallen-Bodensee. Mit im Lattich-Konsortium sind die Alltag Agentur, Kulturmanagerin Gabriela Falkner und Patrick Scherrer vom Produktionsbüro Ost.

Auf zum Containerdorf

Regio-Geschäftsführer Rolf Geiger sieht die Teilspange (zu der die Stadtbevölkerung am 28.Februar Ja gesagt hat) inzwischen als Chance: Hier könne zumindest für die nächsten 15 bis 20 Jahre nichts definitives Neues gebaut werden, gute Voraussetzungen also für eine Zwischennutzung.

Die eigentliche Vision, Lattich II, ist denn auch grösser gedacht. Ein temporäres Quartier soll entstehen, gebaut aus mobilen Containern, wandelbar und beweglich, Arbeits- und Werkort auf Zeit für die St.Galler Kreativwirtschaft.

Gabriela Falkner, vom Kulturbüro mit im Projektteam, skizziert die Dimensionen des «Containerdorfs»: 40 bis 60 Container, ob Stahl oder Holz, könnten es dereinst sein, belebt und bewirtschaftet nach dem Vorbild der Zürcher Binzsiedlung oder des Basler Projekts «Rakete». Die Startfinanzierung sei gesichert: Lattich ist eines der Siegerprojekte des Kantonalbank-Wettbewerbs und hat damit einen «Götti». Für die tatsächliche Realisierung sind aber mehrere Millionen Franken nötig, es braucht Strom- und Wasseranschlüsse, Bewilligungen aller Art, die Mieten sollen trotz grosser Investitionen tragbar sein, kurzum: Lattich II sei weniger eine spontane «Zwischennische» als vielmehr ein «Immobilienprojekt».

Planen auf dem rohen Boden

Ideal zum einen, sagen die Initianten: Im Güterbahnhof sind bereits jetzt viele Leute am Werk, von der Velowerkstatt und dem Töfftreff bis zum Musikatelier, Design- und Ingenieurstudio. Ideal zum zweiten: Die Grünfläche, auf der künftig die Container stehen sollen, ist als sogenannte Ruderalfläche eine wirkliche Brache. Ruderalflächen gelten als ökologisch wertvoll, weil hier eine genügsame Flora und Fauna (inklusive Huflattich…) gedeiht, die sonst kaum Platz im Siedlungsraum hat. Ein «Rohbodenstandort», laut Wikipedia – die passende Metapher also für das noch zu entwickelnde Projekt.

An dieser Entwicklung wollen die Initianten in den kommenden Monaten arbeiten. Man habe das Glück, dies nicht auf dem Reissbrett tun zu müssen,  sondern auf dem Areal selber, dank Lattich I und dem Probebetrieb in der Halle.

lattich2

Kultur, Soziales, Gastronomie…

Vorläufig kann, die noch ausstehende Bewilligung für die Nutzungsänderung vorausgesetzt, etwa ein Viertel der Halle oder rund 250 Quadratmeter genutzt werden.

Wofür? Man sei sehr offen für alle möglichen Ideen, sagt Gabriela Falkner. Und offen seien auch die Nachbarn ennet der Gleise, die man bereits kontaktiert habe, ergänzt Rolf Geiger. Kontroversen wie ums Kugl werde es aber auch deshalb vermutlich nicht geben, weil tagsüber und abends Betrieb sei, nicht aber nachts.

Interessierte können heute Freitag ab 17 Uhr einen Blick in die Halle tun, und am 19. August gibt es ab 17.30 Uhr einen Abend der offenen Rolladen.

lattich.ch

Geiger sieht die Halle einerseits als Kultur-Plattform für Veranstaltungen aller Art, Workshops, Werkaufführungen, Ausstellungen, Filme etc. Anderseits sei sie auch eine Quartier-Plattform: Die Halle soll zum Treffpunkt werden, die Rampe lädt ein für Bewirtungen aller Art, ein Bistro soll hier entstehen, «die innovative und urbane Gastroszene» ist ebenso erwünscht wie alle möglichen Leute mit Ideen. Mit im Boot ist bei der Programmgestaltung auch die Fachstelle für Kultur der Stadt St.Gallen mit Kristin Schmidt, Barbara Affolter und Stefan Späti.

lattich4

Tatsächlich hat die Halle viele Reize – ein Rohling, Backsteinwände, Stahlträger unter dem leicht geneigten Dach, viel Höhe, ein Betonboden, ein paar schlanke Säulen. Kein Tanzteppich, keine Scheinwerfer, keine Soundanlage und im Normalfall Platz für gerade einmal 50 Personen: Am Güterbahnhof soll ausdrücklich kein weiterer «Eventschuppen» entstehen, sondern ein Ort des Ausprobierens und des Austauschs.

«Anfang eines Stadtentwicklungsprozesses»

Was nach den drei Monaten kommt, steht in den Sternen. Rolf Geiger sieht den Probebetrieb als «Anfang eines Stadtentwicklungsprozesses»: ein niederschwelliger Anfang mit der Chance, herauszufinden, was hier für die Stadt und fürs Quartier funktioniert und gefragt ist. Dieser Prozess werde nachhaltig sein, unabhängig davon, ob dereinst der Autobahnanschluss komme oder nicht. Wegen der Autobahnpläne jetzt schon ganz auf das Areal zu verzichten, wäre eine «Kapitulation», sagen Falkner und Geiger.

lattich1

Gabriela Falkner und Rolf Geiger auf der vielversprechenden Rampe vor der Halle. (Bild: Su.)

 

 

Jetzt mitreden: 1 Kommentar
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.
OSTSCHWEIZER KULTURMAGAZIN SAITEN BERICHTET – Lattich,  

… Die Redaktion des Ostschweizer Kulturmagazin Saiten war auf Besuch an der Güterbahnhofstrasse 8. Über das Gespräch auf der Hallen-Rampe informiert der aktuelle Beitrag: Saiten Online …

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol – Schafft es der FCSG in die Play­offs?

Nach dem 3:1-Hin­spiel-Er­folg steht die Tü­re zu den Con­fe­rence-Le­ague-Play­offs weit of­fen. Schrei­tet der FCSG hin­durch? Das Rück­spiel ab 20 Uhr live im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
Gallus Samuel Portrait sw WEB

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
IMG 0500

Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
DRILL Pressphoto 2 Full

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi

FC St.Gal­len vs. FC Lu­zern 2:2 – Im­mer­hin ein Punkt

Ge­gen die­ses Lu­zern müss­te der FC St.Gal­len ei­gent­lich drei Punk­te ein­fah­ren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es im­mer­hin ei­ner wird. Der Aus­gleich ge­lingt erst weit in der Nach­spiel­zeit per Pe­nal­ty. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Ein er­staun­li­ches Werk

Her­bert Rauch (1929–2012) war Brief­trä­ger und Künst­ler. In den Schwarz-Weiss-Fo­to­gra­fien des Rank­wei­lers er­schei­nen Ob­jek­te wie Stei­ne und Fe­dern als abs­trak­te, gra­fi­sche Ge­bil­de. Nun ist ein Fo­to­band zu sei­nem Spät­werk er­schie­nen, und im Schau­raum Re­né Dal­pra in Alt­ach sind sei­ne Ar­bei­ten aus­ge­stellt.

Von  Ariane Grabher
2 HR M Steine 2009 124x154 r duplex WG5 RGB

Stadt der Un­der­dogs

Ei­ne Bun­des­rä­tin, meh­re­re Na­tio­nal­rät:in­nen und die Po­li­trap­per der Stun­de: Al­le kom­men sie aus der Klein­stadt Wil. Ei­ne Er­kun­dung vor den Lo­kal­wah­len.

Von  Kaspar Surber
Lukas reimann mike sarbach ursula haene

Mehr Platz für Bü­cher und Ma­te­ri­al­mus­ter

Ei­nes der vie­len Ge­bäu­de des Sit­ter­werks, die vor ge­nau 100 Jah­ren er­bau­te Schwarz­fär­be­rei, be­her­bergt heu­te die Kunst­bi­blio­thek und die Ma­te­ri­al­mus­ter­schrän­ke. Ei­ne Auf­sto­ckung soll künf­tig mehr Platz schaf­fen.

Von  René Hornung
Sittwerwerk Aufstockung Bibliothek

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen

Kolumne: 24/7 Traumacore

He­al­ing Jour­ney von Wil nach Wie­ner Neu­stadt

Von  Mia Nägeli

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 6

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 6: «Weg­war­te 002», Sur le Lac, Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen und Schloss­fest­spie­le Wer­den­berg. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Ragazzi di vita 2024

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2

Neues Buch

Zwi­schen Cha­os und Hoff­nung – La­ra Stolls Gun­ni

Von  Kathrin Reimann
215790

Ein aus­ser­ge­wöhn­li­ches Ge­spür für künst­le­ri­sche Qua­li­tät

Be­reits 1971 er­öff­ne­te Ur­su­la Krin­zin­ger ih­re ers­te Ga­le­rie in Bre­genz. Bis heu­te prägt sie die Kunst­sze­ne weit über die Bo­den­see­re­gi­on hin­aus. Nun be­fasst sich die Bre­gen­zer Som­mer­aus­stel­lung im Pa­lais Thurn und Ta­xis mit der Ga­le­ris­tin.

Von  Sieglinde Wöhrer
Ursula K dez2018 27 A9595

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 5

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 5: Emil Brun­ner – «Berg Kind Welt», Ra­pid Open­air und Kul­tur­ufer. 

Von  Redaktion Saiten
DSC05051 Kopie copy

FC St.Gal­len vs. FC Zü­rich 2:1 – Ers­te drei Punk­te im Tro­cke­nen

Der Spa­gat zwi­schen eu­ro­päi­schen Näch­ten und bie­de­rem Su­per­league All­tag ist oft schwer. So auch heu­te. Ei­ne Leis­tungs­stei­ge­rung und die rich­ti­gen Wech­sel in der zwei­ten Halb­zeit rei­chen aber für die ers­ten drei Punk­te der Sai­son. 

Von  SENF Kollektiv
Senf