Magenbrot bis zuletzt
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
Michelle Mauchle vom Forum Palliative Care der Stadt St.Gallen hat die Erstausgabe des «Last Call»-Festivals in St.Gallen mitorganisiert. (Bilder: pd)
Ein Festival zum Tod: Das klingt zunächst nicht nach einem Anlass, auf den man sich freut. Wie seid ihr auf die Idee gekommen?
Wir organisieren immer wieder Veranstaltungen, häufig Vorträge. Dabei begegnen wir oft ähnlichen Leuten. Wir wollten den Kreis öffnen und Menschen erreichen, die sich bisher vielleicht weniger mit dem Thema beschäftigt haben. Deshalb haben wir Kunst und Kultur einbezogen. Die einen finden über ein Gespräch einen Zugang, andere über Musik, ein Theater oder etwas, das sie anschauen können. Es soll verschiedene Möglichkeiten geben, sich dem Thema zu nähern.
«Last Call» klingt nach dem letzten Getränk an der Bar. Kommt man da auch wieder lebend heraus?
Das hat tatsächlich schon jemand gefragt. Ja, hoffentlich! Man darf sich ein Stück weit auf das Thema einlassen und sich dann auch wieder davon verabschieden. Niemand muss den ganzen Tag bleiben oder überall mitmachen. Man kann hereinschauen, etwas herauspicken und selbst entscheiden, wie tief man eintauchen möchte. Wer zwischendurch einen Kaffee trinken will, kann das genauso tun.
Dabei ist der Tod ständig präsent: im Krimi, in den Nachrichten, in Bildern aus Kriegsgebieten. Was ist anders, wenn wir ihm unmittelbar begegnen?
Ob es mich persönlich betrifft, macht einen grossen Unterschied. Das merke ich auch bei uns Pflegenden. An einer Veranstaltung unter Fachpersonen sprechen wir oft relativ locker darüber. Sobald es um mich als Menschen geht oder um jemanden, den ich persönlich kenne, sieht es anders aus. Dann sind andere Emotionen damit verbunden. Auch wer im Hospiz arbeitet und sich intensiv mit dem Sterben auseinandersetzt, erlebt den Tod eines nahestehenden Menschen anders. Das Fachwissen hebt die persönliche Betroffenheit nicht auf.
Du hast selbst in der Pflege gearbeitet. Was hat das mit deinem Blick auf den Tod gemacht?
Der Tod gehörte vom ersten Moment an dazu. Ich habe mit einem Praktikum im Pflegeheim angefangen und dort meinen ersten Todesfall erlebt. Jede Pflegefachperson, die ich kenne, erinnert sich an diesen ersten Menschen. Während meiner Ausbildung ist dann auch meine Grossmutter gestorben. Später arbeitete ich auf einer chirurgischen Station, wo wir ebenfalls viele Menschen in palliativen Situationen betreuten. Ich war also nicht auf einer spezialisierten Palliativstation. Aber auch dort oder im Hospiz steht ja nicht einfach nur der Tod im Zentrum. Es geht darum, wie es einem Menschen möglichst gut gehen kann.
Was brauchen Menschen am Ende ihres Lebens noch?
Das ist sehr individuell. Eine Erinnerung aus meiner Zeit auf der Chirurgie ist mir geblieben: Wenn Olma war, hörte man den Betrieb und roch das Essen bis zu uns. Dann bekamen auch Patient:innen Lust auf Bratwurst und Magenbrot, obwohl manche kaum noch essen konnten. Wir haben die Esswaren auf die Station geholt. Manchmal ging es nur darum, noch einmal ein Stück Bratwurst im Mund zu haben.
Es muss also nicht das Fünfgang-Menü sein. Oft sind es kleine Dinge: etwas schmecken, etwas riechen, einen Menschen nochmals sehen oder etwas Bestimmtes erleben. Das begegnet einem auch immer wieder in den Berichten von Menschen, die Sterbende begleiten.
Bis jetzt hat noch jeder Mensch das Sterben geschafft. So schwierig kann es also nicht sein. Oder doch? Was macht es trotzdem so schwierig?
Dass jede Situation anders ist. Manche sterben plötzlich, bei anderen dauert es lange. Es können Schmerzen auftreten, Angst oder andere belastende Symptome. Dazu kommen psychische Belastungen, die persönliche Geschichte und das Umfeld. Auch der Glaube kann einen ganz anderen Zugang eröffnen. Deshalb finde ich es schwierig, die Herausforderung auf einen Punkt zu bringen. Man hat bei diesem Thema nie ausgelernt.
Ich vergleiche es manchmal mit einer Geburt. Es gibt körperliche Abläufe, die sich ähneln. Trotzdem ist jede Geburt anders. Beim Sterben gibt es ebenfalls Gemeinsamkeiten, aber der Mensch und sein Umfeld sind jedes Mal andere. Und es macht einen Unterschied, ob und wie man sich darauf vorbereiten konnte.
Viele fürchten weniger den Tod als die Schmerzen und das Leiden davor.
Ja, das ist ein verbreitetes Bild. Wobei Sterben nicht zwangsläufig mit Schmerzen verbunden sein muss. In der Palliative Care geht es darum, Leiden möglichst zu lindern. Auch da muss man genau hinschauen: Was ist für diesen Menschen besonders belastend? Für jemanden sind Schmerzen das Schlimmste, für jemand anderen die Atemnot. Von aussen würde man vielleicht die Schmerzen in den Vordergrund stellen, obwohl für die betroffene Person gerade etwas anderes wichtiger ist. Deshalb ist die Frage: Was braucht dieser Patient, diese Patientin? Was ist sein oder ihr Ziel? Das Ziel des Behandlungsteams allein ist nicht entscheidend.
Und wenn jemand sagt: Ich will noch nicht sterben?
Natürlich gibt es das. Dann ist die Frage, was dahinter steht. Gibt es etwas, das dieser Mensch noch abschliessen möchte? Einen Konflikt? Ein Ereignis, das er noch erleben will? Man hört immer wieder von Menschen, die noch an der Hochzeit eines Enkelkindes teilnehmen möchten oder auf die Geburt eines Kindes warten. Solche Ereignisse können sehr wichtig sein. Es gibt aber auch Geschichten von Menschen, die nochmals aufblühen und bei denen es danach relativ schnell geht. Dass man die Geburt eines Enkelkindes noch erleben möchte, kann ich persönlich sehr gut nachvollziehen.
Hilft es, sich früh mit der eigenen Endlichkeit auseinanderzusetzen?
Die Auseinandersetzung kann den Blick wieder auf das eigene Leben richten. Ich bin jetzt da. Was habe ich, was ist mir wichtig? Was kann ich geniessen? Das klingt immer schön und gelingt natürlich nicht jeden Tag gleich gut. Aber sich dieses Bewusstsein zwischendurch wieder zu schärfen, empfinde ich auch in meiner Arbeit als wertvoll.
Darf man über den Tod lachen?
Unbedingt. Humor ist ein wichtiger Teil davon. Als meine Grossmutter starb, haben wir in der Familie auch gelacht. Manchmal dachten wir: Das hätte sie jetzt selbst lustig gefunden. Das gehört dazu. Auch an einer Abdankung darf gelacht werden. Deshalb soll unser Festivaltag nicht nur schwer und traurig sein. Es soll auch Humor Platz haben. Das ist eine Gratwanderung, und wir sind gespannt, wie uns das gelingt.
Der Anlass findet an Halloween statt. Ist das ein günstiger Termin, um mit Kindern über den Tod zu sprechen?
Wir haben diskutiert, ob das sinnvoll oder eher kontraproduktiv ist. Nun ist die Fachstelle Kind und Familie dabei und bietet unter anderem Kinderschminken an. Wir hoffen, dass dadurch auch Familien hereinschauen. Kinder können vielleicht einmal eine Urne oder einen Sarg betrachten und Fragen stellen. Ein erster Kontakt kann helfen, später darüber zu sprechen, wenn das Thema persönlich näher rückt. Fachpersonen, Freiwillige aus der Hospizbegleitung und Seelsorgende sind vor Ort, falls etwas aufkommt, das jemanden belastet.
Trauern Kinder anders als Erwachsene?
Menschen, die Kinder in der Trauer begleiten, beschreiben das mit dem Bild von Pfützen: Die Kinder springen hinein, sind unheimlich traurig und springen dann wieder heraus. Plötzlich sind sie in einer anderen Welt, lachen und haben es lustig. Sie sind stark im Moment. Jetzt ist alles gut, und im nächsten Augenblick ist alles traurig. Das kann herausfordernd sein. Aber es gibt eben auch viele schöne Momente und viel zu lachen.
Ist auch Exit ein Thema?
Am Morgen gibt es eine Dilemmabesprechung zur Entscheidungsfindung: Was will ich noch? Was ist mir wichtig? Dort kann auch Exit zur Sprache kommen. Wir haben Suizid und Exit aber nicht als eigene Programmpunkte aufgenommen. Wir mussten eine Auswahl treffen, auch wegen unserer Ressourcen. Für die erste Durchführung wollten wir es überschaubar halten. Wenn das Interesse gross ist, können wir uns gut vorstellen, den Anlass zu wiederholen und weitere Themen und Beteiligte einzubeziehen.
Wie hat sich unser Umgang mit Abschied und Trauer verändert? Früher trug man sichtbar Schwarz, wenn jemand gestorben war.
Es hat sich viel verändert. Was ich heute häufig höre: Der Abschied findet im kleinsten Kreis statt. Seelsorgende erzählen mir, dass sie wieder dafür werben möchten, den Kreis etwas zu öffnen. Sonst fehlt anderen Menschen vielleicht die Gelegenheit, Abschied zu nehmen und den Tod zu begreifen. In meinem Umfeld habe ich erlebt, dass solche Möglichkeiten sehr gerne wahrgenommen werden. Man trifft Freund:innen und Bekannte, die man über den verstorbenen Menschen kannte, erinnert sich gemeinsam und tauscht Geschichten aus. Manche dieser Menschen sieht man danach vielleicht nicht mehr.
Brauchen wir neue Rituale?
Viele Menschen sind nicht mehr so stark mit der Kirche verankert. Gleichzeitig haben wir nicht unbedingt neue Rituale, die an ihre Stelle treten. Früher gab die Kirche einen Rahmen vor. Nach einem Jahr gab es beispielsweise nochmals einen Gottesdienst, der an die verstorbene Person erinnerte. Solche Formen sind vermutlich auch aus einem Bedürfnis heraus entstanden. Der Kopf muss ja erst begreifen, dass ein Mensch wirklich nicht mehr da ist. Das braucht Zeit. Auch ich kenne das: Man kommt an einen Ort, an dem man jemanden immer wieder getroffen hat, und erwartet diese Person für einen Moment noch immer dort.
Was müsste am Ende des Festivaltags passiert sein, damit du sagst: Es hat sich gelohnt?
Dass darüber gesprochen wird. Ich habe kürzlich in der Stadt ein älteres Paar beobachtet, das vor einem unserer Plakate stehen blieb und sich darüber unterhielt. Allein das ist für uns schon wertvoll. Im besten Fall entstehen auch in Familien Gespräche. Und ich freue mich, wenn Menschen kommen, die wir mit unseren bisherigen Veranstaltungen noch nicht erreicht haben. Wenn sie etwas anschauen, miteinander ins Gespräch kommen, sich zwischendurch hinsetzen und verweilen. Es muss niemand alles mitnehmen. Wir können bei diesem Thema ohnehin nur eine kleine Auswahl anbieten. Aber wir können einen Zugang ermöglichen.
Am ersten «Last Call»-Festival in St.Gallen gibt es unter den Stichworten Erzählen, Lauschen, Verstehen, Begegnen, sich Beteiligen, Spüren und Entdecken diverse invormative und kulturelle Veranstaltungen rund um das Thema Tod. Es wird live gezeichnet, es gibt Musik zu hören und Tänze zu sehen. Unter anderem führt die Compagnie Buffpapier ihr Theaterstück Apocalypso und zweimal eine Parade des Morts auf. Das Festivalzentrum befindet sich ganztags im Waaghaus. Einzelveranstaltungen finden an diversen Orten in der Stadt statt. (red.)
«Last Call»-Festival: Samstag, 31. Oktober, Waaghaus St.Gallen und diverse weitere Orte in der Stadtpalliative-stadt-sg.ch
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