Das Jahrmarkts- und Strassentheaterflair nimmt einen schon beim Betreten der Wiese auf der Kreuzbleiche ein. Da ist nirgends ein Kassenhäuschen, kein Zaun trennt Publikum von Passant:innen, ein umfassendes «Volkstheater, wo die reichen Leute viel Geld geben und die armen Leute auch viel Geld geben», wie der dickwanstige Schaubuden-Chef (Stéphane Fratini) am Ende des Stücks aufmunternd in die Menge ruft, bevor die Kollekten-Hüte kursieren.
Apocalypso: groteskes Musiktheater von Cie. Buffpapier und Cie. Têtes de Mules, Kreuzbleiche St.Gallen
Aufführungen nur kurze Zeit: 19., 20. und 21. Mai
Ab 17.30 Uhr: Bar, Essen, Musik und Karussell. 20 Uhr: Theater
buffpapier.ch
Die Grenzen zwischen Theater und Jahrmarkt verlaufen an diesem Abend fliessend. Vor Beginn des eigentlichen Stücks der St.Galler Cie. Buffpapier und der französischen Cie. Têtes de Mules verbreiten The Boozan Dukes/The Tuba Machine aus Spanien mit ihrer lüpfigen Musik und kleinen Show-Einlagen Strassenzirkus-Atmosphäre. Vollendet wird dieses Bild mit den rundherum aufgestellten, antiquierten Wagen und Anhängern. Absolutes Schmuckstück der Szenerie ist das wunderbar lottrige und hübsch restaurierte Karussell mit Figuren, wie man sie lange nicht oder eher noch nie gesehen hat.
Sirenengesang und dicke Lippen
Am anderen Ende dieser kleinen Wunderwelt steht der dreh- und kippbare Anhänger, der gleichsam als Schaubudenkulisse und interaktiver Schiessstand fungiert. Darin, darauf und darum herum wuselt das Ensemble auf seinem wilden Schauspiel-Tripp dem Weltuntergang entgegen. «Kommen Sie näher, schiessen Sie, gewinnen Sie, wählen Sie einen Preis!»
Das Personal ist rasch aufgezählt: Den Direktor mit dem ungezügelten Appetit kennen wir bereits. Dann wäre da seine Frau (Franziska Hoby), die ständig rummault und gegen Ende des Stücks die Schönheit der Stille, der definitiven Stille nach der Apokalypse, erkennt. Weiter der solariumgebräunte und pomadenfrisurige Gigolo (Baptiste Eliçagaray), der sein doofes Grinsen selbst in den misslichsten Lagen nicht verliert, ausser einmal, als ihm der Direktor vor seinen Augen sein geliebtes Handy aus der Hand reisst und innert Sekunden wegschnabuliert.
Den Untergangskahn steuern der durstige Kapitän (Mattia Sinigaglia) mit seiner Gitarre und sein feinfühliger Matrose (Pol Jubany) an Bass, Perkussion, Nasenflöte und mit herzerwärmendem Sirenengesang («We just want your money»). Die beiden bilden das musik-atmosphärische Fundament des Stücks, werden aber immer wieder in die Szenen eingebunden, wie sich auch das gesamte Ensemble da und dort musikalisch und gesanglich einbringt.
Die hinterletzten Fragen
Das Stück ist reichlich absurd, es wird viel gelacht. Das fängt schon an, als die aufgetakelte Tusse (Angela Neimann) mit ihren absurd gross aufgespritzten Lippen die Bühne betritt. Sie ist es, die dem Publikum die elektro- und induktionstechnischen Details erklärt, warum die Schaubudenmechanik mit einem Knall in Rauch aufgeht: Logisch, einen 24-Volt-Motor, der 3 Ampère zieht, darf man nie und nimmer mit Wechselstrom betreiben.
Botox im apokalyptischen Gegenwind.
Der Zusammenbruch der Budenmaschine läutet gleichzeitig den Weltuntergang ein, der in einen zuerst punkigen, dann surfigen Kollektivtanz mündet, zuoberst auf dem Dach der grandios Hasselhoff-Jagger’esk gestikulierende Gigolo.
Apocalypso kommt mit wenigen Worten aus und ist auch verständlich für jene, deren Schulfranzösisch und Ferienitalienisch längst eingerostet sind. Ein grossartiger Klamauk, der einem da auf der Kreuzbleiche geboten wird, ein groteskes Musiktheater über die «Nach-uns-die-Sintflut»-Gesellschaft, in dem Fragen gestellt werden wie: Wenn deine Mutter und deine Frau ertrinken, wen würdest du retten? Der Direktor kennt die Antwort: Er will nicht ohne Mutter ins Paradies. Man muss aus Apocalypso nicht viel lernen, wenn man nicht will. Zumindest wissen wir jetzt aber: Die Apokalypse kommt im Ventilator über uns.
Unübertroffene Gigolo-Moves.
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