Ein wenig scheinen Franziska Hoby und Stéphane Fratini von Buffpapier selbst überrascht, wie lang die Gründung ihrer Compagnie schon her ist und dass sie dieses Jahr ihr 20-jähriges Jubiläum feiern. Im Jahr 2000 begannen sie mit der Arbeit an Der Papierfresser, jener Produktion, aus deren Titel der Name Buffpapier entstanden ist.
Beim Treffen mit den beiden zählt Stéphane an den Fingern ab, Franziska überlegt und gemeinsam einigen sie sich auf eine Zahl: 16 Produktionen haben sie in den letzten 20 Jahren gemeinsam herausgebracht, haben gespielt, inszeniert und mit anderen Künstlerinnen und Künstlern zusammengearbeitet.
Das ist schon eine ganz schön lange Zeit, doch abgenutzt hat sich die Zusammenarbeit nicht, im Gegenteil. Zu Anfang haben sie eine Bühnensprache gesucht, haben erstmal einfach gemacht, und die Suche geht immer noch weiter: «Jetzt wissen wir, wovon wir sprechen», findet Franziska. An Plänen und Ideen mangelt es ihnen nicht und Stéphane hat sogar manchmal das Gefühl: «Es fängt jetzt erst an.»
DIY von A bis Z
Buffpapier machen alles selber, sie konzeptionieren, schreiben und entwickeln ihre skurrilen, clownesken Stücke zusammen, mal in Kooperation mit anderen, wie beim Schaubuden Carnival, mal als groteskes Trio mit Manuel Gmür, der seit 2006 mit dabei ist, oder im Laboratoire wie bei Egon oder zuletzt Flash Gordon. Einmal haben sie den Text des Autors Daniil Charms umgesetzt, sonst sind die Stücke Eigenproduktionen, bei denen sie auch die Texte selbst schreiben.
Sie probieren aus, verwerfen Ideen wieder, finden neue Anknüpfungspunkte. Dafür nehmen sie sich auch gern ein Jahr Zeit. Dass ihre Arbeit immer auch «work in progress» ist, macht es ein wenig schwieriger, wenn mehr Menschen involviert sind. Die Koordination erfordert eine konkretere Planung, auch für Auftritte, bei denen alle zusammenfinden müssen, oder gar für eine ganze Tournee. Aber auch wenn sie mit einem Stück unterwegs sind, geht die Arbeit weiter, die Stücke verändern sich vor Publikum, man müsse schon 20 Mal spielen, findet Stéphane.
Dass Buffpapier alles selbst machen, gilt nicht nur für die Stückentwicklung, sondern auch für den administrativen Teil – Förderanträge schreiben, Konzepte einreichen, Tourplanung, Werbung. Das frisst einiges an Zeit, die sie eigentlich lieber in den künstlerischen Prozess stecken würden. Sie haben es mit einer Managerin probiert, aber jemanden anzustellen, der sich nur um Buffpapier kümmert, ist teuer, und das Geld stecken sie lieber in eine weitere Person auf der Bühne und machen es am Ende doch wieder selbst. Schliesslich ist für beide die Arbeit mit der Compagnie der Hauptberuf.
Das Einwerben von Beiträgen gehört bei einer frei arbeitenden Truppe immer dazu, doch seit zwei Jahren erhalten Buffpapier darüber hinaus die Basisförderung des Kantons St.Gallen, was eine grosse Erleichterung bedeutet. Dank der Basisförderung können sie die beteiligten Künstlerinnen und Künstler nicht erst nach der Premiere bezahlen, können auch mal ein Jahr im Voraus planen. Reich werden Buffpapier dennoch nicht, aber trotzdem haben sie noch nie ein Projekt wegen des Geldes abgesagt. Dann verzichten sie lieber am Ende auf den eigenen Lohn.
Absagen und fehlende Planungssicherheit
Eigentlich steckten Buffpapier dieses Jahr mitten in der Entwicklung von Apocalypso, ihrem neuen Stück, einer Koproduktion mit Beteiligten aus Spanien und Frankreich.
Im Juni wären sie bereits mit Tryouts unterwegs gewesen, doch hier hat ihnen die Pandemie einen Strich durch die Rechnung gemacht: Die Tryouts wurden abgesagt, die beteiligten Künstlerinnen und Künstler konnten nicht anreisen und die Proben, die in Frankreich und der Schweiz hätten stattfinden sollen, konnten während des Lockdowns nicht weitergehen. In St.Gallen konnten Buffpapier zwar weiterproben, doch Apocalypso musste auf nächstes Jahr verschoben werden.
Neben den konkreten Absagen bedeutet die Pandemie für sie vor allem Planungsunsicherheit in der Zukunft. Die Euphorie ist gedämpft, so empfinden sie es, und Franziska sagt, es herrsche eine seltsame Stimmung, weil es momentan wenig Perspektiven gebe und wenig Vertrauen in die Zukunft.
20 Jahre Buffpapier: 9. bis 13. September, Kreuzbleiche St.Gallen, in Zusammenarbeit mit dem Theater Café Roulotte und Chocherey.
Das 20-jährige Jubiläum von Buffpapier möchten sie trotzdem begehen. Zehn Jahre Buffpapier haben sie nicht gefeiert, aber dieses Mal wird es ein Fest geben, und wenn schon, dann richtig: Sie feiern gleich fünf Tage lang, vom 9. bis 13. September. Es gibt kein Jubiläumsstück, sondern ein kleines Festival auf der Kreuzbleiche, für das sie befreundete Künstlerinnen und Künstler eingeladen haben, Menschen, mit denen sie bereits gearbeitet oder die sie bei Festivals kennengelernt haben, einfach Leute, die sie mögen. Das Festival ist eine Koproduktion mit dem Theater Café Roulotte, mit dem sie seit 2013 mehrfach zusammengearbeitet haben, und der Chocherey.
Twint statt Kollekte
Das Jubiläumsfest findet unter freiem Himmel statt, mit einem Stretch-Zelt, das vor Regenschauern schützt. Sie spielen gern draussen, denn der öffentliche Ort lockt Laufpublikum an. Zudem bietet draussen spielen grössere Freiheit, denn so können sie mehr selbst bestimmen, mehr selbst gestalten als in einem vorgegebenen Theaterraum. Ausserdem müssen sie sich in diesen speziellen Zeiten keine Gedanken über Zuschauerzahlen im Innenraum machen.
Dennoch sorgen sich die beiden ein wenig, ob die Beteiligten aus Spanien auch wirklich anreisen können. Buffpapier zeigen am Festival Teile aus The New Show, die 2018 auf dem Gallusplatz, ebenfalls unter freiem Himmel, Premiere hatte.
Bei The New Show treten die bereits bekannten, ursprünglich für Le Petit Cabaret Grotesque entwickelten skurrilen Figuren auf, die sie seit nunmehr zehn Jahren begleiten: Isabelle la belle, Madame Jocaste und der Elefant, gespielt von Manuel Gmür.
Isabelle la belle bekommt sogar bald eine weitere Solo-Show: Me myself and I!, die im Dezember im Palace Premiere haben wird. Auch dafür war geplant, ein Tryout der Produktion beim Schaubuden-Sommer in Dresden zu zeigen, doch wie so vieles in diesem Corona-Sommer wurde die Veranstaltung abgesagt und ins nächste Jahr verschoben.
Corona ist auch der Grund für eine weitere Neuerung, von der Buffpapier eigentlich gar nicht begeistert sind. Bei ihrem Jubiläumsfest spielen sie für Kollekte und lassen den Hut herumgehen. Franziska ist jedoch aufgefallen, dass viele Menschen seit Corona kaum noch Bargeld dabeihaben. So haben sie sich schweren Herzens entschlossen, die Möglichkeit der Twint-Zahlung einzurichten, auch wenn das eigentlich gar nicht recht passt zu ihrer direkten, körperlichen Kunst, zum Hutgeld.
Es bleibt also nur zu sagen: Strömt alle im September auf die Kreuzbleiche, feiert mit Buffpapier ihr Jubiläumsfest und nehmt ausnahmsweise mal wieder Bargeld mit, damit sich die Hüte füllen!
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