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Es gibt keine Erlösung

Letzten Freitag feierte «Onkel Wanja» von Anton Tschechow im Stadttheater Konstanz Premiere. Regisseur Neil LaBute versetzt den russischen Klassiker in die Zeit des Sommers 1968 in Tschechien. Anfangs ist nicht zu erkennen, warum – noch nicht.
Von  Veronika Fischer , 
Von links: Wanja (Sebastian Haase), Sonja (Laura Lippmann), Amme Marina (Franziska Kleinert) und Jelena (Natalie Hünig). Bilder: Illja Mess, Theater Konstanz

Der New Yorker Regisseur Neil LaBute erzählt die Geschichte von Onkel Wanja in einer ungewohnten Ruhe. Tschechow eben. Das Stück, das um 1896 entstand, wurde nun in der Zeit des Prager Frühlings interpretiert. Damit macht LaBute, der als einer der bedeutendsten Dramatiker unserer Zeit bezeichnet wird, eine grosse politische Metapher auf. Opfer werden zu Tätern. Im Stück, aber auch im gesamtpolitischen Kontext: LaBute setzt das russische Stück, das von Hoffnung erzählt, in eine Zeit, in der die Hoffnung wiederum von sowjetischen Truppen zerstört wird. Diese Erkenntnis kommt dem Publikum in den letzten Minuten, dann aber wie ein Faustschlag ins Gesicht.

Bis dahin kann man sich leicht unterhalten lassen. Auf einer hippiesken Bühne mit buntem Inventar aus den 60ern wird von den Irrwegen der Liebe und des Lebens erzählt. All das untermalt von den Beatles. Doch die sommerliche Leichtigkeit ist eine trügerische. In verrottenden Birkenwäldchen stirbt die Idylle des Landlebens. Was in einer ausgelassenen Stimmung beginnt, endet im Gegenteil. Das Bühnenbild dokumentiert diesen Zerfall – wo anfangs satte Wälder grünen, harrt am Ende nur mehr eine tote Baumlandschaft im Hindergrund.

Die Handlung scheint trivial

Die Rahmenhandlung ist kurz erzählt: Der Professor Serebrjakow besucht mit seiner zweiten Frau Jelena das Landgut, auf dem seine Tochter Sonja lebt, zusammen mit ihrer Amme Marina, dem Landarbeiter Ilja und Wanja, dem Bruder der verstorbenen Frau des Professors. Zu Besuch kommt der befreundete Arzt Michail Astrow. Thomas Fritz Jung stellt diese Figur mit Authentizität und Überzeugung dar. Im Gegensatz zu Ralf Beckord, der den alten Professor in einem freudschen Look präsentiert, wodurch er unfreiwillig komisch ist, was nicht passt. Serebrjakow ist zwar eine Witzfigur, aber nicht im Sinne Woody Allens, sondern in der Tradition Tschechows, also ohne Albernheiten.

Onkel Wanja:
bis 1. Dezember, Theater Konstanz

Infos und Spielplan: theaterkonstanz.de

Eine ungewöhnliche Aufgabe für eine Schauspielerin liegt in der Figur Sonjas. Laura Lippmann muss ihre eigene Schönheit derart herunterspielen, bis sie zunichte ist. Es gelingt ihr – der Arzt hat nur Augen für Jelena, ebenso wie sein bester Freund Wanja, der so langsam begreift, dass seine Vergötterung des Professors deplatziert war und er seine Lebenszeit besser in die Verwirklichung eigener Talente investiert hätte, als in die wissenschaftliche Seifenblase Serebrjakows: «Hätte ich normal gelebt, ich wäre ein Schopenhauer geworden, ein Dostojewski wäre ich geworden!» ruft Wanja und gleich darauf prallt er auf die nächste Erkenntnis: Die Frau, die er liebt, ist nun mit dem Professor verheiratet, was nicht passiert wäre, wenn Wanja seine Liebe zehn Jahre zuvor erkannt hätte.

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Ein Leben ist vertan. Aus dieser Verzweiflung entsteht eine Atmosphäre des Unwohlseins, die sich immer mehr zuspitzt, in einer erfolglosen Schiesserei gipfelt – nicht einmal ein Mord mag Wanja gelingen – und schliesslich mit der Abreise der Gäste endet. Zurück bleiben Sonja und Wanja, und auch die Erleichterung, dass nun alles wieder den gewohnten Lauf nehmen kann: Des Tags die harte Arbeit auf dem Landgut, abends die intellektuelle Leistung am Küchentisch.

Das Originalstück von Tschechow endet mit einem Monolog Sonjas, in dem sie ihre Hoffnung auf ein besseres Leben ausmalt. Jungmädchenträume, die emporsteigen, aus all dieser Verzweiflung, aus all der Vergeudung von Existenz, aus der Misslage der politischen Situation, die niemanden frei sein lässt. All das wird eines Tages enden, die Liebe wird siegen, ein schönes Leben wird beginnen – irgendwann.

So weit, so Tschechow

Noch ist die Handschrift von LaBute, der bekannt ist für seinen Zynismus und seine verstörenden Charaktere, nur zu erahnen. Allein für diese Darstellung aber kann man dem Regisseur anerkennend auf die Schulter klopfen. Durch die Zusammenarbeit von LaBute mit dem Konstanzer Dramaturgen Andreas Bauer überzeugt das Stück durch Feinheiten, die nur gelungene Produktionen aufzeigen können. Die einzelnen Charaktere sind dermassen fein ausgearbeitet, dass sie ganze Welten mit auf die Bühne bringen, erkennbar in winzigen Details, die so wohl durchdacht sind, dass sie auf Anhieb verstanden werden.

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Deutlich wird dies, wenn die wunderbare Natalie Hünig ihre «Füchsin» Jelena entfaltet. Eine Frau in den besten Jahren, der es mit einer selbstverständlichen Leichtigkeit gelingt jeden der anwesenden Männer zu betören. Der absolute Höhepunkt dieser intimen Spielweise findet sich im Dialog mit der Stieftochter Sonja. Ein Gespräch, das so anmutend inszeniert ist, dass man ganz seltsam berührt ist von so viel Ehrlichkeit. Oder wenn Sebastian Haase immer mehr in den Wahnsinn Wanjas abdriftet, irgendwann alle Vernunft vergisst und nur noch wie ein rasendes Tier wütet. Er ist am tiefsten Punkt seiner Seele angekommen und der Weg dorthin war schwer.

Am deutlichsten aber wird die Arbeit zwischen den Zeilen an den Stellen, an denen nichts zu sehen ist. Wenn niemand spielt. Die verstorbene Frau des Professors, Sonjas Mutter, ist nur zu erahnen und dennoch wird ihre Geschichte erzählt. Bei jeder Erwähnung wendet sich der Witwer vergrämt ab. Ein Selbstmord wird angedeutet: Auf die Feststellung, dass es ein schöner Tag sei, entgegnet Wanja: «Ja, gerade recht, um sich aufzuhängen.» Der Arzt ergänzt später, dass er nicht noch einmal ein Familienmitglied obduzieren wolle.

Am Ende schlägt LaBute zu

All dies sind kleinste Details, die das Stück gross werden lassen. Ganz subtil, ohne lauten Knall. Diesen bringt LaBute erst in den letzten zwei Minuten. Er belässt es nicht bei Tschechows romantischer Schwelgerei einer besseren Zukunft. Er vernichtet auch diesen Hoffnungsfunken mit einer Radikalität, die dem Zuschauer die Sprache verschlägt.

Während der Vorhang fällt – nicht ein roter samtener, sondern der eiserne – begeht Wanja in seiner dunkelsten Stunde eine Vergewaltigung an seiner Nichte Sonja, an der Verkörperung der Unschuld, an der einzigen Hoffnungsträgerin im Stück. Während die Schreie Sonjas ertönen, wird der Raum dunkler. Dann ertönt aggressive Musik, so lange, bis der letzte Zuschauer den Saal verlassen hat. Es gibt keinen Applaus. Es gibt keine Erlösung. Weder für die Protagonisten, noch für die Zuschauer. Und damit ergibt sich die Antwort auf die Frage, warum Tschechien 1968 und warum LaBute.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

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In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

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Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

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Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter