Kategorie
Autor:innen
Jahr

Je suis Jelinek

Wie man aus einer Textfläche der Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek eindrucksvolle Bilder und politische Relevanz herausarbeitet, wird derzeit in «Wut» am Theater Konstanz gezeigt. Ein Beitrag über die Facetten eines Gefühls zwischen Konsum und Terror.
Von  Veronika Fischer , 

Vor drei Jahren erschossen zwei Terroristen der Al-Qaida elf Menschen in den Redaktionsräumen der französischen Satirezeitschrift «Charlie Hebdo». Einen Tag später wurden in einem koscheren Supermarkt in Paris vier weitere Menschen von einem Islamisten getötet.

Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek reagierte mit ihrer Waffe auf die Taten: mit der Sprache. Entstanden ist der Text Wut. Sie zitiert Heidegger, Nietzsche, Goethe, AfD-Politiker, Stammtischparolen, nimmt Bezüge zur Antike, zur Gegenwart, lässt eine verlassene Frau sprechen, kommentiert selbst und beschäftigt sich mit der Thematik der Religionskriege, der Frau im patriarchalen System und der Frage wie man sich in die Ewigkeit einbrennt. Dieser literarische Wutausbruch, in Rage geschrieben, umfasst um die 120 Seiten und kann online auf der Homepage der Autorin nachgelesen werden.

Jana Alexia Rödiger, Katrin Huke, Sebastian Haase, Ralph Beckord (von links) in «Wut». (Bilder: Ilja Mess)

Jelinek zu lesen ist anstrengend. Welch eine Herausforderung ist es dann erst, diesen Text in ein Bühnenstück umzusetzen? Es gibt keine konkreten Figuren, keine vorgeschriebenen Dialoge, und würde man nicht kürzen, würde die Inszenierung knappe fünf Stunden andauern. So ist die Uraufführung von Wut derzeit wieder in den Münchner Kammerspielen unter Regie von Nicolas Steman zu sehen (www.muenchner-kammerspiele.de/inszenierung/wut). Im Konstanzer Theater wird auf Vollständigkeit verzichtet. Dramaturg Daniel Grünauer hat den Text auf 40 Seiten gekürzt und auf den Ausflug in die Antike zu Hera und Herakles gänzlich verzichtet.

Champagner, Sex und Glitzerschuhe

Der Fokus liegt auf dem Konflikt um die Götter der Moderne. Diese finden sich in zahlreichen Gedankengängen rund um die Religionen, welche in Kontrast gestellt werden zu der hedonistischen Kultur des Westens. Es wird gefeiert, es wird getanzt, es wird gefickt. Als direkte Antwort ertönt die Stimme des Terrors: Es wird geschossen, enthauptet und Blut gerochen. In rasendem Wechsel verwischen die zwei zentralen Themen des Stückes: Kapitalismus und Religion. Kapitalismus als Religion? «Die neuen Götter kommen dahin, wo die Sterblichen einkaufen», heisst es. Die Waffe wird zum Instrument der Wut, zumindest auf Seiten des Terroristen. Denn auch wir halten unsere Waffen in der Hand: das Telefon, das filmt und verbreitet. So gehen wir alle ein in die Ewigkeit, machen unseren Namen, unser Gesicht unsterblich.

Elfriede Jelinek: Wut
9., 14., 21., 22. Februar, 8. und 9. März, jeweils 20 Uhr, Werkstatt Theater Konstanz
theaterkonstanz.de

Spürbar ist die Erfahrung der Regisseurin mit Jelinek-Texten. Meisterhaft übergeht sie die fehlende Handlung, erschafft mit schlichten Werkzeugen gewaltige Bilder, die den Atem stocken lassen. Es ist fast ratsam, einen der hinteren Plätze der Werkstatt zu belegen, um einen Gesamtblick auf die Bühne zu erhalten. Der darauf errichtete kathedrale «Denkraum» (Konstantina Dacheva) deutet mit Stufen und drei Fenstern den Bezug zum Religiösen an. Darin tun sich unsichtbare Abgründe auf, die ein ständiges Abrutschen, Verschlingen und Hervorkommen ermöglichen: ein Gotteshaus für den Kampf der selbsternannten Gottheiten und Richter über Leben und Tod.

Rasende Textfläche, wahnwitzige Wortspiele

Mit vier Schauspielern, die zu Beginn als «wertesetzende Tiere» eingeführt werden, gelingt Regisseurin Claudia Meyer der wilde Ritt durch die rasende Textfläche Jelineks. Sie tragen schlichte, zeitlose Kostüme, robenähnliche Umhänge und Glitzerschuhe (Barbara Kurth). Die Farbe Schwarz eignet sich einerseits gut, um die Facette des Glamours darzustellen (das kleine Schwarze und der schicke Smoking…), andererseits ist es die Farbe des «Bösen», es wirkt gefährlich und «man sieht die Blutflecken nicht».

Jana Alexia Rödiger, Sebastian Haase und Ralf Beckord zeigen eindrucksvoll die Facetten der Wut und deren Abgrenzung zum Zorn. Und machen uns vor, wie wir dieses Spektrum erleben: unterdrückt, blind, ohnmächtig, rasend, schäumend, tobend oder gelähmt. Allen voran aber spielt sich Katrin Huke in diesem Stück um Kopf und Kragen. Sie wechselt die Stimmungen in einem Tempo und einer Intensität, die Zeit und Raum vergessen lassen. Sie singt, sie tobt, sie hackt Köpfe von Rümpfen, sie flirtet, sie kreischt, sie tanzt und hält inne.

Alles in allem wird in Wut ein zeitgemässes Phänomen unserer Gesellschaft reflektiert behandelt. Darüberhinaus trifft es aber auch die Stimmung am Theater Konstanz, wo dem Intendanten Christoph Nix im Januar eine Verlängerung seiner Amtszeit um ein Jahr von der Lokalpolitik versagt wurde – aktuell wird immerhin wieder verhandelt. Es bleibt zu hoffen, dass auch nach 2020 Inszenierungen mit derart politischem Gehalt und ästhetischer Umsetzung möglich sind.

 

 

 

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover