Vor drei Jahren erschossen zwei Terroristen der Al-Qaida elf Menschen in den Redaktionsräumen der französischen Satirezeitschrift «Charlie Hebdo». Einen Tag später wurden in einem koscheren Supermarkt in Paris vier weitere Menschen von einem Islamisten getötet.
Die österreichische Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek reagierte mit ihrer Waffe auf die Taten: mit der Sprache. Entstanden ist der Text Wut. Sie zitiert Heidegger, Nietzsche, Goethe, AfD-Politiker, Stammtischparolen, nimmt Bezüge zur Antike, zur Gegenwart, lässt eine verlassene Frau sprechen, kommentiert selbst und beschäftigt sich mit der Thematik der Religionskriege, der Frau im patriarchalen System und der Frage wie man sich in die Ewigkeit einbrennt. Dieser literarische Wutausbruch, in Rage geschrieben, umfasst um die 120 Seiten und kann online auf der Homepage der Autorin nachgelesen werden.
Jana Alexia Rödiger, Katrin Huke, Sebastian Haase, Ralph Beckord (von links) in «Wut». (Bilder: Ilja Mess)
Jelinek zu lesen ist anstrengend. Welch eine Herausforderung ist es dann erst, diesen Text in ein Bühnenstück umzusetzen? Es gibt keine konkreten Figuren, keine vorgeschriebenen Dialoge, und würde man nicht kürzen, würde die Inszenierung knappe fünf Stunden andauern. So ist die Uraufführung von Wut derzeit wieder in den Münchner Kammerspielen unter Regie von Nicolas Steman zu sehen (www.muenchner-kammerspiele.de/inszenierung/wut). Im Konstanzer Theater wird auf Vollständigkeit verzichtet. Dramaturg Daniel Grünauer hat den Text auf 40 Seiten gekürzt und auf den Ausflug in die Antike zu Hera und Herakles gänzlich verzichtet.
Champagner, Sex und Glitzerschuhe
Der Fokus liegt auf dem Konflikt um die Götter der Moderne. Diese finden sich in zahlreichen Gedankengängen rund um die Religionen, welche in Kontrast gestellt werden zu der hedonistischen Kultur des Westens. Es wird gefeiert, es wird getanzt, es wird gefickt. Als direkte Antwort ertönt die Stimme des Terrors: Es wird geschossen, enthauptet und Blut gerochen. In rasendem Wechsel verwischen die zwei zentralen Themen des Stückes: Kapitalismus und Religion. Kapitalismus als Religion? «Die neuen Götter kommen dahin, wo die Sterblichen einkaufen», heisst es. Die Waffe wird zum Instrument der Wut, zumindest auf Seiten des Terroristen. Denn auch wir halten unsere Waffen in der Hand: das Telefon, das filmt und verbreitet. So gehen wir alle ein in die Ewigkeit, machen unseren Namen, unser Gesicht unsterblich.
Elfriede Jelinek: Wut 9., 14., 21., 22. Februar, 8. und 9. März, jeweils 20 Uhr, Werkstatt Theater Konstanz theaterkonstanz.de
Spürbar ist die Erfahrung der Regisseurin mit Jelinek-Texten. Meisterhaft übergeht sie die fehlende Handlung, erschafft mit schlichten Werkzeugen gewaltige Bilder, die den Atem stocken lassen. Es ist fast ratsam, einen der hinteren Plätze der Werkstatt zu belegen, um einen Gesamtblick auf die Bühne zu erhalten. Der darauf errichtete kathedrale «Denkraum» (Konstantina Dacheva) deutet mit Stufen und drei Fenstern den Bezug zum Religiösen an. Darin tun sich unsichtbare Abgründe auf, die ein ständiges Abrutschen, Verschlingen und Hervorkommen ermöglichen: ein Gotteshaus für den Kampf der selbsternannten Gottheiten und Richter über Leben und Tod.
Rasende Textfläche, wahnwitzige Wortspiele
Mit vier Schauspielern, die zu Beginn als «wertesetzende Tiere» eingeführt werden, gelingt Regisseurin Claudia Meyer der wilde Ritt durch die rasende Textfläche Jelineks. Sie tragen schlichte, zeitlose Kostüme, robenähnliche Umhänge und Glitzerschuhe (Barbara Kurth). Die Farbe Schwarz eignet sich einerseits gut, um die Facette des Glamours darzustellen (das kleine Schwarze und der schicke Smoking…), andererseits ist es die Farbe des «Bösen», es wirkt gefährlich und «man sieht die Blutflecken nicht».
Jana Alexia Rödiger, Sebastian Haase und Ralf Beckord zeigen eindrucksvoll die Facetten der Wut und deren Abgrenzung zum Zorn. Und machen uns vor, wie wir dieses Spektrum erleben: unterdrückt, blind, ohnmächtig, rasend, schäumend, tobend oder gelähmt. Allen voran aber spielt sich Katrin Huke in diesem Stück um Kopf und Kragen. Sie wechselt die Stimmungen in einem Tempo und einer Intensität, die Zeit und Raum vergessen lassen. Sie singt, sie tobt, sie hackt Köpfe von Rümpfen, sie flirtet, sie kreischt, sie tanzt und hält inne.
Alles in allem wird in Wut ein zeitgemässes Phänomen unserer Gesellschaft reflektiert behandelt. Darüberhinaus trifft es aber auch die Stimmung am Theater Konstanz, wo dem Intendanten Christoph Nix im Januar eine Verlängerung seiner Amtszeit um ein Jahr von der Lokalpolitik versagt wurde – aktuell wird immerhin wieder verhandelt. Es bleibt zu hoffen, dass auch nach 2020 Inszenierungen mit derart politischem Gehalt und ästhetischer Umsetzung möglich sind.
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