Es hätte keinen passenderen Zeitpunkt für die Premiere von Die Rassen geben können. Während in den USA dem radikalen Islamismus die Ausrottung angedroht wird, sitzt das Konstanzer Publikum vor einem Stück, das die Anfänge des Nationalsozialismus dokumentiert. In weissen Lettern steht auf dem schwarzen Hintergrund der Bühne der Amtsantritt Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 geschrieben. Darunter trainiert eine Art Hitlerjugend in weisser Uniform mit schwarzer Krawatte. Schwarz-weiss ist das Bühnenbild (Ausstattung Damian Hitz) gehalten, das einer Kombination aus Käfig und Schlachthaus gleicht; schwarz-weiss wird auch der Inhalt dargestellt.
Kein Platz für Zwischentöne Ferdinand Bruckners Stück, bereits 1933 entstanden, handelt von einem jungen Doktoranden, Heinrich Karlanner, und seiner jüdischen Freundin Helene Max. Heinrich wendet sich der Partei zu, Helene leistet zunächst Widerstand und flieht schlussendlich. Heinrich vermag sich zwischen den Welten nicht recht zu entscheiden, weiss nicht, wo er hingehört, schwarz oder weiss?
Liebe in finsteren Zeiten: Johanna Link und Julian Härtner. (Bilder: Ilja Mess)
Grautöne sind in einem faschistischen System nicht möglich. Man kann nicht einerseits der NSDAP angehören und andererseits einen Humanismus vertreten, der auch Juden einschliesst. Man muss sich entscheiden: Vernunft oder Glaube, Hirn oder Herz, Politik oder Liebe. Es ist also eine Geschichte, deren Schema bekannt ist, die in Die Rassen erzählt wird. Ein moralischer Konflikt, den man schon oft gesehen hat – «schon wieder so ein Nazi-Stück?».
Das ist die eine Herausforderung, der sich das Stück stellen muss. Die andere ist, dass diese Spielzeit in Konstanz mit einer Inszenierung begonnen hat, die ebenfalls die Folgen eines totalitären Regimes beleuchtete. Es war Tschechows Onkel Wanja, in der Regie der Hollywoodgrösse Neil LaBute, deutschlandweit zum neuntbesten Theaterstück des Jahres 2016 gekürt. Diesem Vergleich muss sich Barbara-David Brüesch, seit dieser Spielzeit Hausregisseurin am Theater St.Gallen, mit der Wahl ihrer Thematik unausweichlich stellen.
Ferdinand Bruckner: Die Rassen Weitere Vorstellungen bis 9. März Theater Konstanz, Spiegelhalle
Und sie tut es. Mit einer Schlichtheit, die eine ungemeine Wirkung aufbaut. Der Theaterchor, der anfangs die Hitlerjugend darstellt, begleitet das Stück in einer hervorragenden Weise. Man merkt, dass man es hier grösstenteils mit erfahrenen Darstellern des Jungen Theaters zu tun hat, die ihre Mimik ebenso im Griff haben wie die Synchronität ihrer Choreographie. Diese unterstreicht die Dialoge, die Karlanner führt, mit seinem Freund Tessow, mit Helene, mit dem parteitreuen Rosloh (immer gut frisiert) oder mit dem jüdischen Kommilitonen Siegelmann.
Die Wirkung der Partei ist anziehend für Karlanner, der schon in seiner Kindheit «hart sein wollte und von Funken voll, wie ein Feuerstein», dem Spielzeug früherer Tage. Der sich nach einem Vater sehnt, nach einer Familie, nach einem Ganzen, das besser ist als seine Teile. Der stolz ist auf sein Vaterland, ein Deutschland, das aus Musik, besteht, die ist wie seine Landschaft, Architektur und Philosophie. Julian Härtner gibt in der Rolle des Karlanner alles auf der Bühne. Er dreht sich im Kreis und verwickelt sich in seinen moralischen Zwiespalt: schwarz, weiss, schwarz, weiss, schwarz, weiss.
Der Herzschlag wird zu Techno Der gemeinsame Herzschlag, der vom Beginn des Stücks weg in den Ohren dröhnt und es rhythmisch begleitet, ist, was ihn fasziniert. Dieser steigert sich bis hin zum Wahnsinn und wird zum Technobeat, der die Körper der Hitlerjugend aus dem Gleichschritt in einen unkontrollierten Tanz katapultiert.
Karlanner wählt die NSDAP und wird zum Teil des Systems. «Von zwölf auf eins war ich ein anderer Mensch. Ein Schritt der mich jeder Verantwortung enthob», rechtfertigt er sich vor Helene, die aus dem Verrat an ihrer Liebe als einzigen Ausweg die Trennung sieht. Sie, die einst das Menschliche hinter seinem Alkoholismus erkannte und bei ihm blieb, kann nun nichts mehr davon finden. Johanna Link spielt eine junge Frau, die sich nicht brechen lässt und einen klaren Verstand behält. Dieser Teil ihrer Rolle gelingt ihr perfekt, die emotionale Seite der Liebenden kommt dabei ein wenig kurz und macht eine wirkliche Identifikation mit der Figur schwer möglich.
Keiner ist schuld in der Masse – der Bewegungschor.
Dennoch wird deutlich, wie der Ungeist des Massenmenschen zuerst im Persönlichen seine Opfer fordert. In der kleinsten Zelle der Gemeinschaft, dem Paar, deutet sich an, was bald universelle Macht entfaltet: die gesellschaftliche Spaltung, und wieder die Frage: schwarz oder weiss?
Im Hintergrund rattert während des Stücks eine Schreibmaschine historische Daten. Diese berichten von der Auflösung des Bundestages, der Einschränkung der Pressefreiheit und diversen Verboten für Juden bis hin zur Inbetriebnahme des ersten Konzentrationslagers. Der Höhepunkt der Inszenierung liegt irgendwo in der Mitte, als der Wahlsieg Hitlers vermerkt wird: mit 52 Prozent Stimmen. Die Parallele zum Jetzt sitzt wie ein Schlag in die Magengrube. Doch dem Zuschauer wird keine Zeit gelassen für Übelkeit, denn es geht weiter mit einer Szene, die es in sich hat. Der Jude Nathan Siegelmann wird von den Angehörigen der Partei verfolgt, umzingelt, ausgezogen und schliesslich vom Anführer vergewaltigt – während der Chor «Häschen in der Grube» summt.
Siegelmann, beziehungsweise Gideon Maoz, der ihn spielt, wird nackt auf der Bühne zurückgelassen, und man fragt sich kurz, ob es gewollt ist, dass der Zuschauer sich ebenfalls als Mit-Täter fühlt. Doch auch für diese Überlegung bleibt nicht viel Zeit, es geht weiter. Wo im Theater ein Penis zu sehen ist, folgt meist literweise Kunstblut, und dieses gibt es auch hier, in der Interpretation der Reichskristallnacht. Ein Dialog mit Helena und ihrem Vater zeigt noch auf, dass jüdisch sein nicht immer gleich jüdisch sein heisst und dass Differenzierungen und Graduierungen der «Rasse», sprich Grautöne, nötig wären. Dann versinkt das Stück im Chaos.
Die Eindrücklichkeit verliert sich Die Dialoge werden wirr und man weiss nicht mehr so recht, ob Karlanner nun seinem Herzen oder seiner Partei folgt, auf welcher Seite er steht und wie er sich fühlt. Zerrissen, klar, aber die Sprünge sind unscharf und verworren, es fällt schwer, ihnen zu folgen. Am Ende beginnen auch die Zeitdaten im Hintergrund zu rasen, werden schneller und schneller und schliesslich unleserlich, bis sie stehen bleiben, beim aktuellen Datum: dem 20. Januar 2017. Wir sind angekommen in der Gegenwart.
Jüdin und Geheimrat: Johanna Link, Odo Jergitsch.
Zurück zu den Herausforderungen, denen sich das Theater Konstanz und Barbara-David Brüesch stellt. Erstens: Gelingt es ihr, Die Rassen in einen aktuell relevanten Kontext zu setzen und damit die «Ausgrabung» des Stücks zu rechtfertigen? Die Antwort ist ein klares Ja. Man verlässt die Vorstellung im Bewusstsein, dass nach diesen Ereignissen nichts mehr so sein wird wie zuvor. Und wie fatal es ist, Entwicklungen wie die dargestellte zu unterschätzen. Man erlebt, was passieren kann, wenn einer sein Land gross machen will und wie schnell ein totalitäres System eine Eigendynamik entwickeln kann, die nicht mehr aufzuhalten ist: Vom Amtsantritt Hitlers bis zum ersten KZ vergingen nur wenige Monate. Glaubt man an die nietzscheanische Theorie der Ewigen Wiederkehr, so begreift man: Es ist nun wieder an der Zeit, wachsam zu sein.
Die zweite Frage: Gelingt es der Inszenierung, sich mit Onkel Wanja zu messen? Hier ist die Antwort ein klares Nein. Bis zur Hälfte ist das Stück fesselnd und funktioniert, hier erlebt man die verstörendsten Momente, doch dann verliert der Abend an Eindringlichkeit. Man verlässt das Theater nachdenklich, nicht aber bis in die Grundfesten erschüttert. Trotz «historischem» Premierendatum.
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