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Mein Wort ist die Wahrheit

Mit einer Adaption des dänischen Filmklassikers «Adams Äpfel» bringt Regisseur Ingo Putz einen bitterbösen Stoff auf die Bühne, der die Facetten der menschlichen Abgründe ebenso angeht wie philosophische und politische Fragen. Für Freunde des Schwarzen Humors ein Festmahl an makaber-morbiden Szenen.
Von  Veronika Fischer , 
Bilder: Ilja Mess, Theater Konstanz

Das Leben von Pfarrer Ivan (Ingo Biermann) verläuft frei nach dem Witz: «Was bekommt ein blindes, behindertes Kind zu Weihnachten? – Krebs.» Seine Mutter verstarb bei der Geburt, der Vater ein Kinderschänder, das eigene Kind im Rollstuhl, die Frau ein Suizidfall und dann noch die Diagnose Gehirntumor.

Eigentlich müsste er verzweifeln, doch Ivan wird gehalten von einem unerschütterlichen Glauben an Gott, das Gute im Menschen und an das Prinzip der Nächstenliebe. Hier macht er keine Ausnahme und so scharen sich Figuren aus den Tiefen der menschlichen Existenzen um ihn: Gunnar (Arlen Konitz), ein Alkoholiker und Vergewaltiger, lebt mit seinem Kater Lampert, dem Araber Khalid (Julian Härtner), Tankstellenräuber und Waffennarr, sowie dem ehemaligen KZ-Aufseher Poul (Detlef Lilie) in einer obskuren Wohngemeinschaft rund um den Dorfpfarrer – und dieses Quartett funktioniert.

Die Regeln im Gotteshaus werden eingehalten, es wird gemeinsam gesungen, gebetet und die Scheinwelt von Pfarrer Ivan aufrecht erhalten. Dieser predigt auf seiner Kanzel, die bestickt ist mit einem Bibelzitat: «Mein Wort ist die Wahrheit» – und damit zeigt sich die erste Frage philosophischer Natur in diesem Stück: Was ist die Wahrheit? Ein subjektives Gut, das jeder für sich bestimmt? Oder gibt es nur eine Wahrheit? Und welche der Antworten führt zu einem besseren Leben?

Fragt man Pfarrer Ivan, ist es eindeutig: jedem das seine. Er baut sich seine Welt mit einem unerschütterlichen Optimismus und tritt seinen Mitmenschen mit dem geballten Glauben an die Menschheit gegenüber. Geht etwas schief, wird es kreativ zum Positiven interpretiert. Sei es der getarnte Alkoholismus Gunnars, die Raubüberfälle Khalids oder der Tod des Kater Lamperts, der nicht erschossen wurde, nein, «er war alt und hat sich in die Kugel fallen lassen, um dem ein Ende zu bereiten».

Stets wird ein gutes Haar gefunden und mag das selbst beim besten Willen nicht gelingen, so ist es eben eine Prüfung des Teufels, damit kann man ja auch konstruktiv arbeiten.

«Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin»

So auch, als Neonazi Adam (André Rohe) zur Kommune hinzu kommt. Drei Monate Bewährung soll er unter Aufsicht von Ivan verbringen und er wird zu einer wahren Prüfung des Satans höchst selbst. Seiner Ansicht nach gibt es nämlich nur eine Wahrheit und dass der Pfarrer Tatsachen auslegt, wie es ihm gefällt, treibt den Hitlerfanatiker in den Wahnsinn. Mit aller Kraft versucht er dem «Himmelsboten mit seiner Bamherzigkeitspisse» (wie im Film so schön gesagt wird) die Augen zu öffnen und ihn zur Vernunft zu bringen. Doch Ivan ist unerschütterlich. Er hält Adam ein jedes Mal die andere Wange hin, die Fronten verhärten sich.

Je mehr Adam an den Mauern der Kirchengemeinschaft rüttelt, desto härter geht Ivan in den Widerstand des Gutmenschentums. Zur Geschichte gesellen sich Sarah (Katrin Huke) und der Dorfarzt Dr. Kolberg (Markus Schoenen).

Auch sie machen jeweils eine neue Facette seelischer Abgründe auf. Sarah durch eine ungewollte Schwangerschaft gepaart mit einem Alkoholproblem, der Arzt durch seine Lust am Morbiden und seine Spannerattitüde, mit welcher er den Verfall um sich herum mit Wonne betrachtet. Er begleitet den Kampf zwischen Adam und Ivan, der in einem gewaltsamen Akt gipfelt und – man möchte es kaum glauben – das Gute siegen lässt.

Keine blosse Adaption der Filmvorlage

Soweit die Story, die der Film von Anders Thomas Jensen aus dem Jahr 2005 hergibt. Die Umsetzung ins Stück bleibt sehr nahe an der Vorgabe, ergänzt diese aber mit Handgriffen aus der Welt des Theaters, die das Stück wunderbar bühnentauglich machen. Beispielsweise die dänischen Gesangseinlagen oder Markierungen am Boden, die als Metapher genommen werden, um die unsichtbare Welt der Religion darzustellen und die damit zusammenhängenden Normen und Werte.

Pfarrer Ivan besteht darauf, diese als Wände anzusehen, um die man herumlaufen muss. Seine ihm Angetrauten halten sich ausnahmslos daran – Adam überschreitet eine jede Grenze mit einer ebensolchen Ausnahmslosigkeit. Somit wird abermals die Frage der subjektiven Wahrheit geöffnet und in eindrücklichen Bildern vermittelt, die durch die Komik funktionieren.

Weitere Aufführungen: 13., 14., 26. und 27. Oktober, 5., 9., 13. und 29. November, Spiegelhalle Konstanz
theaterkonstanz.de

Komisch wirken auch die Nazifreunde von Adam, deren Konflikt mit dem Araber Khalid eine absurde Komponente erhalten, was gar nicht überzogen genug dargestellt werden kann, in Zeiten, in denen der politische Schauplatz den derzeit erlebten Rechtsruck verkraften muss. Die Darsteller des Nazitrupps verdeutlichen die Dumpfheit der Ideologie durch ihre starke Spielweise und machen mit ganz schlichten Mitteln klar, dass die Inhalte der Überzeugungen nicht mehr sind, als ein pubertäres Poltern.

Ebenso glatt stellt auch André Rohe den Neonazi dar. Von der ersten Minute liegt eine (An-)Spannung in dieser Figur, die nicht eine Sekunde lang einbricht. Vom ordentlichen Seitenscheitel bis zum muskulösen Oberarm sitzt alles am rechten Fleck. Mit ebendieser Konsequenz spielt Arlen Konitz den perversen Triebtäter und auch Markus Schoenen trifft den schwitzenden Arzt nicht minder überzeugend.

Schwer hat es Ingo Biermann, der mit der Vorlag aus dem Film ein nicht zu übertreffendes Beispiel an Schauspielkunst vorgesetzt bekommt, was durch schrille Hawaihemden zu kompensieren versucht wird. Hier hätte der Inszenierung ein Tausch von Schlichtheit statt Übertreibung gut getan, ebenso wie in der Umsetzung der weiblichen Rolle Sarahs, die zu laut und der Rolle Khalids, der zu klischeehaft herüberkommt.

Dies tut dem Stück im Gesamten aber keinen Abbruch! Wer den Film mag und/oder über Humor jenseits der politischen Korrektheit lacht, den erwartet hier eine intelligente, makabre und irre-komische Inszenierung, die als weitaus mehr gesehen werden darf, als eine blosse Adaption des Filmes.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
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Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
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«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter