Das Leben von Pfarrer Ivan (Ingo Biermann) verläuft frei nach dem Witz: «Was bekommt ein blindes, behindertes Kind zu Weihnachten? – Krebs.» Seine Mutter verstarb bei der Geburt, der Vater ein Kinderschänder, das eigene Kind im Rollstuhl, die Frau ein Suizidfall und dann noch die Diagnose Gehirntumor.
Eigentlich müsste er verzweifeln, doch Ivan wird gehalten von einem unerschütterlichen Glauben an Gott, das Gute im Menschen und an das Prinzip der Nächstenliebe. Hier macht er keine Ausnahme und so scharen sich Figuren aus den Tiefen der menschlichen Existenzen um ihn: Gunnar (Arlen Konitz), ein Alkoholiker und Vergewaltiger, lebt mit seinem Kater Lampert, dem Araber Khalid (Julian Härtner), Tankstellenräuber und Waffennarr, sowie dem ehemaligen KZ-Aufseher Poul (Detlef Lilie) in einer obskuren Wohngemeinschaft rund um den Dorfpfarrer – und dieses Quartett funktioniert.
Die Regeln im Gotteshaus werden eingehalten, es wird gemeinsam gesungen, gebetet und die Scheinwelt von Pfarrer Ivan aufrecht erhalten. Dieser predigt auf seiner Kanzel, die bestickt ist mit einem Bibelzitat: «Mein Wort ist die Wahrheit» – und damit zeigt sich die erste Frage philosophischer Natur in diesem Stück: Was ist die Wahrheit? Ein subjektives Gut, das jeder für sich bestimmt? Oder gibt es nur eine Wahrheit? Und welche der Antworten führt zu einem besseren Leben?
Fragt man Pfarrer Ivan, ist es eindeutig: jedem das seine. Er baut sich seine Welt mit einem unerschütterlichen Optimismus und tritt seinen Mitmenschen mit dem geballten Glauben an die Menschheit gegenüber. Geht etwas schief, wird es kreativ zum Positiven interpretiert. Sei es der getarnte Alkoholismus Gunnars, die Raubüberfälle Khalids oder der Tod des Kater Lamperts, der nicht erschossen wurde, nein, «er war alt und hat sich in die Kugel fallen lassen, um dem ein Ende zu bereiten».
Stets wird ein gutes Haar gefunden und mag das selbst beim besten Willen nicht gelingen, so ist es eben eine Prüfung des Teufels, damit kann man ja auch konstruktiv arbeiten.
«Wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin»
So auch, als Neonazi Adam (André Rohe) zur Kommune hinzu kommt. Drei Monate Bewährung soll er unter Aufsicht von Ivan verbringen und er wird zu einer wahren Prüfung des Satans höchst selbst. Seiner Ansicht nach gibt es nämlich nur eine Wahrheit und dass der Pfarrer Tatsachen auslegt, wie es ihm gefällt, treibt den Hitlerfanatiker in den Wahnsinn. Mit aller Kraft versucht er dem «Himmelsboten mit seiner Bamherzigkeitspisse» (wie im Film so schön gesagt wird) die Augen zu öffnen und ihn zur Vernunft zu bringen. Doch Ivan ist unerschütterlich. Er hält Adam ein jedes Mal die andere Wange hin, die Fronten verhärten sich.
Je mehr Adam an den Mauern der Kirchengemeinschaft rüttelt, desto härter geht Ivan in den Widerstand des Gutmenschentums. Zur Geschichte gesellen sich Sarah (Katrin Huke) und der Dorfarzt Dr. Kolberg (Markus Schoenen).
Auch sie machen jeweils eine neue Facette seelischer Abgründe auf. Sarah durch eine ungewollte Schwangerschaft gepaart mit einem Alkoholproblem, der Arzt durch seine Lust am Morbiden und seine Spannerattitüde, mit welcher er den Verfall um sich herum mit Wonne betrachtet. Er begleitet den Kampf zwischen Adam und Ivan, der in einem gewaltsamen Akt gipfelt und – man möchte es kaum glauben – das Gute siegen lässt.
Keine blosse Adaption der Filmvorlage
Soweit die Story, die der Film von Anders Thomas Jensen aus dem Jahr 2005 hergibt. Die Umsetzung ins Stück bleibt sehr nahe an der Vorgabe, ergänzt diese aber mit Handgriffen aus der Welt des Theaters, die das Stück wunderbar bühnentauglich machen. Beispielsweise die dänischen Gesangseinlagen oder Markierungen am Boden, die als Metapher genommen werden, um die unsichtbare Welt der Religion darzustellen und die damit zusammenhängenden Normen und Werte.
Pfarrer Ivan besteht darauf, diese als Wände anzusehen, um die man herumlaufen muss. Seine ihm Angetrauten halten sich ausnahmslos daran – Adam überschreitet eine jede Grenze mit einer ebensolchen Ausnahmslosigkeit. Somit wird abermals die Frage der subjektiven Wahrheit geöffnet und in eindrücklichen Bildern vermittelt, die durch die Komik funktionieren.
Weitere Aufführungen: 13., 14., 26. und 27. Oktober, 5., 9., 13. und 29. November, Spiegelhalle Konstanz theaterkonstanz.de
Komisch wirken auch die Nazifreunde von Adam, deren Konflikt mit dem Araber Khalid eine absurde Komponente erhalten, was gar nicht überzogen genug dargestellt werden kann, in Zeiten, in denen der politische Schauplatz den derzeit erlebten Rechtsruck verkraften muss. Die Darsteller des Nazitrupps verdeutlichen die Dumpfheit der Ideologie durch ihre starke Spielweise und machen mit ganz schlichten Mitteln klar, dass die Inhalte der Überzeugungen nicht mehr sind, als ein pubertäres Poltern.
Ebenso glatt stellt auch André Rohe den Neonazi dar. Von der ersten Minute liegt eine (An-)Spannung in dieser Figur, die nicht eine Sekunde lang einbricht. Vom ordentlichen Seitenscheitel bis zum muskulösen Oberarm sitzt alles am rechten Fleck. Mit ebendieser Konsequenz spielt Arlen Konitz den perversen Triebtäter und auch Markus Schoenen trifft den schwitzenden Arzt nicht minder überzeugend.
Schwer hat es Ingo Biermann, der mit der Vorlag aus dem Film ein nicht zu übertreffendes Beispiel an Schauspielkunst vorgesetzt bekommt, was durch schrille Hawaihemden zu kompensieren versucht wird. Hier hätte der Inszenierung ein Tausch von Schlichtheit statt Übertreibung gut getan, ebenso wie in der Umsetzung der weiblichen Rolle Sarahs, die zu laut und der Rolle Khalids, der zu klischeehaft herüberkommt.
Dies tut dem Stück im Gesamten aber keinen Abbruch! Wer den Film mag und/oder über Humor jenseits der politischen Korrektheit lacht, den erwartet hier eine intelligente, makabre und irre-komische Inszenierung, die als weitaus mehr gesehen werden darf, als eine blosse Adaption des Filmes.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.