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Lauchmöwe im Zombieland

Mit dem Live-Hörspiel «Nekropolis – Die Stadt gehört uns!» startete in Konstanz in der Reihe «Invasion» eine theatrale Infektion, die sich in weitere Städte verbreiten wird. Auch St.Gallen ist demnächst von den Zombies bedroht...
Von  Veronika Fischer
Bilder: Bjørn Jansen

Ein Tonstudio, drei Stühle, ein Piano, Mikros, ein Stangenlauch, ein Katzenklo, zwei Waschlappen und eine «Bild der Frau». Was braucht es noch für ein Hörspiel? Die Sprecher, natürlich. In diesem Fall Johanna Link, Odo Jergitsch und Peter Posniak. Sie spielen in der Regie von Eike Hannemann das Live-Hörspiel Nekropolis von Anita Augustin. Die Österreicherin ist promovierte Philosophin und staatlich geprüfte Barkeeperin. Eine Kombi, die sich in ihrem Stück bemerkbar macht, geht es darin doch ebenso um metaphysische Fragen wie um Smalltalk in Schnapslaune.

Diagnose: Media-Virus

Die Rahmenhandlung ist eine Live-Sendung von Radio Paranoia, der einzig hörbaren Station im Raum Konstanz, die sich abgrenzt von Radio-Seefuck und den anderen Trash-Frequenzen. Moderator Odo führt in das Thema der Geisteserkrankung ein, reisst einen schlechten Witz nach dem anderen und wartet auf seinen ersten Anrufer. Dieser ist Peter, und Peter hat ein Problem: Er war mit seiner Freundin Johanna im Theater in St.Gallen, in einem Stück über Zombies, und seither hat er in regelmässigen Abständen Black-Outs, in welchen er sich selbst im Stück erlebt.

Johanna schaltet sich zu und diagnostiziert: ein Media-Virus, Kunst als Krankheit, Theater als Seuche, Peter ist ein Zombie. Und prompt kommt er auch schon, der erste Aussetzer, in dem Peters Blick «kalt und leer wird wie ein Singlekühlschrank» und die zweite Erzählebene sich öffnet: Wir sehen nun das Zombiestück – das den Besuchern der St.Galler Pilotaufführung vom Mai 2016, damals inszeniert von Jonas Knecht, bekannt vorkommen dürfte.

Dieses hat einen 08-15-Plot, wie man ihn aus Hollywood zuhauf kennt: Drei Personen überleben als einzige eine Apokalypse und verbarrikadieren sich in einem düsteren Gebäude. Um sie herum toben die Zombies, sie sind gefangen, zwei Männer, eine sexy Frau, einer von ihnen ist bereits infiziert – nicht besonders originell also, wie Moderator Odo vorab feststellt. Sie essen Dosengemüse, proben den Ausbruch von Peters Krankheit, wobei dieser wirklich gekonnt stirbt, ebenso wie den Angriff der Zombies von aussen, und unterhalten sich. Stets begleitet von einer Geräuschkulisse, schliesslich handelt es sich ja um ein Live-Hörspiel. So werden fleissig Ketten gerasselt, Schritte getappst, Paprikagehirne zerquetscht. Und Lauchmöwen fliegen gelassen.

Frankenstein trifft Houllebecq

Die drei Charaktere stellen die grossen Fragen nach dem Sein. Was ist Leben? Was ist der Tod? Was ist der Mensch? Ist jemand mit einer künstlichen Hüfte, mit Silikonbrüsten, mit einer Organtransplantation noch immer ein Homo sapiens sapiens oder eine modifizierte Version, sprich Zombie?

Dazu gibt es Geschichten, die einer houllebecq’schen Misanthropie in nichts nachstehen. Sei es der sterbende Vater im Pflegeheim oder die geldgierige Putzfrau: Beide haben zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel. Ebenso verhält es sich mit all den Workaholics, mit den Shoppingqueens und Fernsehopfern. All jenen, die essen, schlafen, reden und streiten in Dauerschleife. Und die irgendwann früher einmal Sex hatten.

Nekropolis in Konstanz: bis 22. April, Werkstatt, theaterkonstanz.de

Nekropolis in St.Gallen: ab 27. April in neuer Besetzung, Lokremise, theatersg.ch

Die Botschaft wird klar: Sterben steht im Gegensatz zu Effizienz und Unterhaltung, den Grundpfeilern unserer Gesellschaft. Dabei hätte das Stück gerne tiefer greifen können. Geht man hinaus in die Strassen, so sieht man sie doch! All die Zombies, die ihren Smartphones hinterherlaufen, nicht um sich blicken, den Blick starr auf das leuchtende Display gerichtet. Die morgens aufstehen, ins Büro gehen, abends ins Fitnessstudio und am Wochenende saufen. Die sich auf Tinder präsentieren, auf Instagram, auf Facebook, in Snapchat modifizieren, über Whatsapp in kryptischen Halbsätzen kommunizieren. Alles nicht mehr echt. Kein Flirt, kein Anblick, kein Gespräch.

Pointierte Gesellschaftskritik verschenkt

Hier hätte der Bezug zur eigentlichen Thematik nahe gelegen. Eine schmale Medienkritik wird kurz anhand der eingangs erwähnten «Bild der Frau» vollzogen, aber das war es dann auch schon wieder. Warum Theater eine Seuche und Kunst eine Krankheit sein soll, bleibt unklar. Es hätte an dieser Stelle nicht viel gebraucht, dann würde man sich im Publikum angesprochen fühlen, sich selbst ertappen, wenn man gleich nach der Vorstellung wieder auf das Smartphone glotzt, nach Hause geht, fern sieht, die Tinderflirts checkt und am nächsten Morgen wieder ins Büro rennt. Dann würde man sich am Kopf kratzen, wenn Johanna mit einem Blick ins Publikum fragt: «Sind die echt?» Oder wenn Odo Zombies als wahre Demokraten bezeichnet: alle gleich, alle frei.

Schärfer zugespitzt, könnte das Stück sogar politische Relevanz entwickeln. So aber bleibt das Live-Hörspiel ein heiterer Abend mit wirklich witzigen Momenten und einer hervorragenden Johanna Link, die ihren Part der sexy Protagonistin trotz Jogginghose erfüllt – gerade in Zeitlupe – und ihren Text im Gegenzug zu ihren männlichen Kollegen nicht auswendig gelernt, sondern verinnerlicht hat. Und die Lauchmöwe, die ist auch wirklich sehr gelungen!

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