Zsuzsa Bánk schreibt Bücher mit einer sprachlichen Schönheit, die selten zu finden ist. Nach Der Schwimmer und Die hellen Tage ist nun ihr Briefroman Schlafen werden wir später erschienen. Er handelt von zwei Frauen, Márta und Johanna, beide um die vierzig, die eine hat drei Kinder und arbeitet als freie Schriftstellerin, die andere ist Deutschlehrerin und alleine. Es geht um die grossen Fragen im Leben. Was kommt noch, wenn die erste Hälfte des Lebens geschafft ist?
Frau Bánk, in Ihrem Roman Schlafen werden wir später liest man den Emailaustausch zwischen zwei Frauen, die mit den Anforderungen ihres Alltags kämpfen. Aus den Texten dringt stellenweise eine grosse Trauer. Denken Sie, dass ein glückliches Leben für die beiden Figuren möglich wäre?
Zsuzsa Bánk: Ich sehe Márta und Johanna nicht als unglücklich an, im Gegenteil! Es sind zwei sehr lebenslustige Frauen, die auf der ständigen Suche nach dem Glück und den Füllen des Leben sind. Das ist ja auch im Titel verankert. Schlafen kann man später, jetzt wird gelebt und alles ausgekostet. In ihren Briefen schlagen sie einen anderen Ton an, als sie es in Unterhaltungen tun würden. Hier ist Platz für eine Artikulation der dunklen Seiten des Lebens. Das Schreiben ist ja ein reflexiver Prozess, in dem man anders über die Dinge nachdenkt, dort herrscht eine gewisse Melancholie. Aber wenn die beiden zusammen sind, wird viel gelacht und Schnaps getrunken. Da sitzt mit Sicherheit niemand am Tisch und sagt «Schau dir das Leben an, wie es vor uns liegt». Der Ort für so etwas sind die Briefe.
Im Buch beschreibt Márta, die Schriftstellerin, dass sie oftmals sehr lange auf Sätze wartet, die sie aufschreiben kann. Geht Ihnen das auch so?
Nein, das kann ich mir gar nicht leisten. Sobald ich am Schreibtisch sitze, arbeite ich und dann sind auch die Sätze da. Natürlich gibt es Tage, an denen es nicht so gut läuft. Diese nutze ich dann, um meine Texte zu überarbeiten, aber auch an solchen Tagen kommen vier, fünf Sätze, die brauchbar sind. Ich bin da sehr ökonomisch.
Zsuzsa Bánk: Schlafen werden wir später, Roman, S. Fischer Verlag Frankfurt / Main 2017, Fr. 35.90
Wie oft überarbeiten Sie Ihre Texte?
Schlafen werden wir später habe ich ungefähr ein Jahr lang überarbeitet. Ich weiss nicht, wie oft. Vierhundert Mal, sechshundert Mal – das zähle ich nicht mit. Es geht so lange, bis nichts mehr quersteht, sich nichts mehr rauswindet und alles passt. Die Handlungen und Figuren stehen von Anfang an. Aber an der Sprache arbeite ich noch lange. Gerade in diesem Briefwechsel unterscheidet sich die Sprache der beiden Frauen. Mártha nutzt eine poetische Sprache. Noch ein Synonym, noch ein Nebensatz, noch ein Bild. Und Johanna schreibt sehr klar. Da musste ich entschlacken. Kurze, knappe Sätze. Sie ist eben die Wissenschaftlerin.
Im Roman schreibt Márta an einem Buch, das «Das andere Zimmer» heisst. Für was steht dieses Bild?
Das ist sehr offen, jeder kann dem hinzufügen was er möchte. Es geht ja im ganzen Roman viel um Zimmer. Kindheitszimmer, Dachkammern, Küchen, Krankenhauszimmer, Zimmer, die nicht auszuhalten sind, deren Wände man einschlagen muss. Das andere Zimmer ist dann ein Sehnsuchtsort, ein Fluchtpunkt, in dem Dinge möglich sind, die sonst keinen Platz haben. Von Virginia Woolf gibt es einen Text, Das eigene Zimmer, er wird als der erste feministische Text bezeichnet. Woolf fordert, dass Frauen in der Literatur zwei Dinge brauchen: Geld und ein eigenes Zimmer.
Stimmen Sie dem zu?
Ha, das wäre ja ein sensationeller Luxus! Virginia Woolf war vermutlich sehr privilegiert, um solche Forderungen stellen zu können. Ich habe kein eigenes Zimmer und wandere immer durch die Wohnung. Morgens am Esstisch, dann im Schlafzimmer oder auch mal im Auto, wenn die Kinder für eine Stunde beim Tennis sind. Zeit und Ruhe ist das wichtigste für mich.
Denken Sie, dass Schlafen werden wir später ein feministisches Buch ist?
Es ist auf jeden Fall ein feminines Buch, von Frauen, über Frauen. Sie haben ihren Punkt, sind reflektiert, leben mit einer sehr hohen Intensität. Aber ist es deshalb feministisch? In meinem Umfeld gibt es keine Frau, die anders lebt. Vermutlich ist das aber nicht repräsentativ. Manchmal sehe ich mit Erschrecken, dass die Frauenbewegung wieder rückläufig wird und die alten Geschlechterrollen wieder auftauchen. Da waren wir doch vor dreissig Jahren schon an einem ganz anderen Punkt!
Vielleicht kann man es ja deshalb als ein feministisches Werk ansehen, weil zwei Frauen mit Vorbildfunktion aufgezeichnet werden?
Neulich wurde ich gefragt, warum ich so unemanzipierte Frauenfiguren entwickelt habe. Márta übernimmt viele Aufgaben im Haushalt und mit den Kindern, und Johanna leidet an Liebeskummer. Ich habe mich dann gefragt, was denn daran unemanzipiert ist? Wenn man Emanzipation als Gefühlslosigkeit definiert, dann hat man ja nie geliebt. Das finde ich schon sehr schräg. Für mich geht es um ein selbstbestimmtes Leben, die Wahl des Partners, des Berufs und der Lebensform. Es geht darum Dinge für sich benennen zu können, klar zu sagen, was man will und was man denkt. Aus Emotionalität kann man sich nicht durch Emanzipation befreien. Man kann auch durchaus emanzipiert Liebeskummer haben und Kinder grossziehen.
Wäre für Sie ein Leben ohne Kinder denkbar?
Absolut nicht. Das ist eine fürchterliche Vorstellung. Ein erfülltes Leben muss für mich mit Kindern sein. Ich denke, dass man alles, was das Leben zu bieten hat, mitnehmen muss. Und es gibt nichts Beeindruckenderes als jemandem beim Aufwachsen zuzusehen. Das nicht zu kennen, halte ich für armselig und absolut schrecklich. Ich selbst habe zwei Kinder und hätte gerne noch mehr. Mir war lange nicht klar, wie man Arbeit und Kinder unter einen Hut bekommt, und ich bin erst mit 40 Mutter geworden. Sonst hätte ich noch mehr Kinder bekommen!
Als Mutter lernt man erst die Angst kennen, wie es sein könnte, wenn dem Kind etwas zustösst. Wäre ein Leben ohne diese Angst nicht leichter?
Mit Sicherheit wäre es leichter. Aber von dieser Angst ahnt man ja im Vorhinein nichts. Das ist wahrscheinlich nicht der Grund warum sich Frauen bewusst gegen Kinder entscheiden. In Schlafen werden wir später wird ein Mittel genannt, das gegen Ängste wirkt: die Wirklichkeit vorschieben und sehen, was gerade da ist. Wenn man die Realität betrachtet, dann haben die Ängste, die in der Nacht kommen, nicht mehr die Macht, uns zu vernichten.
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