Die Melancholie der starken Frauen

Zwei Frauen, die leben wollen, denn «Schlafen werden wir später»: Darüber schreibt die deutsche Autorin Zsuzsa Bánk in ihrem neuen Roman. Mit Saiten spricht sie über das Schreiben, den Feminismus und das Leben mit Kindern.
Von  Veronika Fischer
Zsuzsa Bánk. (Bild: Gaby Gerster)

Zsuzsa Bánk schreibt Bücher mit einer sprachlichen Schönheit, die selten zu finden ist. Nach Der Schwimmer und Die hellen Tage ist nun ihr Briefroman Schlafen werden wir später erschienen. Er handelt von zwei Frauen, Márta und Johanna, beide um die vierzig, die eine hat drei Kinder und arbeitet als freie Schriftstellerin, die andere ist Deutschlehrerin und alleine. Es geht um die grossen Fragen im Leben. Was kommt noch, wenn die erste Hälfte des Lebens geschafft ist?

Frau Bánk, in Ihrem Roman Schlafen werden wir später liest man den Emailaustausch zwischen zwei Frauen, die mit den Anforderungen ihres Alltags kämpfen. Aus den Texten dringt stellenweise eine grosse Trauer. Denken Sie, dass ein glückliches Leben für die beiden Figuren möglich wäre?

Zsuzsa Bánk: Ich sehe Márta und Johanna nicht als unglücklich an, im Gegenteil! Es sind zwei sehr lebenslustige Frauen, die auf der ständigen Suche nach dem Glück und den Füllen des Leben sind. Das ist ja auch im Titel verankert. Schlafen kann man später, jetzt wird gelebt und alles ausgekostet. In ihren Briefen schlagen sie einen anderen Ton an, als sie es in Unterhaltungen tun würden. Hier ist Platz für eine Artikulation der dunklen Seiten des Lebens. Das Schreiben ist ja ein reflexiver Prozess, in dem man anders über die Dinge nachdenkt, dort herrscht eine gewisse Melancholie. Aber wenn die beiden zusammen sind, wird viel gelacht und Schnaps getrunken. Da sitzt mit Sicherheit niemand am Tisch und sagt «Schau dir das Leben an, wie es vor uns liegt». Der Ort für so etwas sind die Briefe.

Im Buch beschreibt Márta, die Schriftstellerin, dass sie oftmals sehr lange auf Sätze wartet, die sie aufschreiben kann. Geht Ihnen das auch so?

Nein, das kann ich mir gar nicht leisten. Sobald ich am Schreibtisch sitze, arbeite ich und dann sind auch die Sätze da. Natürlich gibt es Tage, an denen es nicht so gut läuft. Diese nutze ich dann, um meine Texte zu überarbeiten, aber auch an solchen Tagen kommen vier, fünf Sätze, die brauchbar sind. Ich bin da sehr ökonomisch.

Zsuzsa Bánk: Schlafen werden wir später,
Roman, S. Fischer Verlag Frankfurt / Main 2017, Fr. 35.90

Wie oft überarbeiten Sie Ihre Texte?

Schlafen werden wir später habe ich ungefähr ein Jahr lang überarbeitet. Ich weiss nicht, wie oft. Vierhundert Mal, sechshundert Mal – das zähle ich nicht mit. Es geht so lange, bis nichts mehr quersteht, sich nichts mehr rauswindet und alles passt. Die Handlungen und Figuren stehen von Anfang an. Aber an der Sprache arbeite ich noch lange. Gerade in diesem Briefwechsel unterscheidet sich die Sprache der beiden Frauen. Mártha nutzt eine poetische Sprache. Noch ein Synonym, noch ein Nebensatz, noch ein Bild. Und Johanna schreibt sehr klar. Da musste ich entschlacken. Kurze, knappe Sätze. Sie ist eben die Wissenschaftlerin.

Im Roman schreibt Márta an einem Buch, das «Das andere Zimmer» heisst. Für was steht dieses Bild?

Das ist sehr offen, jeder kann dem hinzufügen was er möchte. Es geht ja im ganzen Roman viel um Zimmer. Kindheitszimmer, Dachkammern, Küchen, Krankenhauszimmer, Zimmer, die nicht auszuhalten sind, deren Wände man einschlagen muss. Das andere Zimmer ist dann ein Sehnsuchtsort, ein Fluchtpunkt, in dem Dinge möglich sind, die sonst keinen Platz haben. Von Virginia Woolf gibt es einen Text, Das eigene Zimmer, er wird als der erste feministische Text bezeichnet. Woolf fordert, dass Frauen in der Literatur zwei Dinge brauchen: Geld und ein eigenes Zimmer.

Stimmen Sie dem zu?

Ha, das wäre ja ein sensationeller Luxus! Virginia Woolf war vermutlich sehr privilegiert, um solche Forderungen stellen zu können. Ich habe kein eigenes Zimmer und wandere immer durch die Wohnung. Morgens am Esstisch, dann im Schlafzimmer oder auch mal im Auto, wenn die Kinder für eine Stunde beim Tennis sind. Zeit und Ruhe ist das wichtigste für mich.

Denken Sie, dass Schlafen werden wir später ein feministisches Buch ist?

Es ist auf jeden Fall ein feminines Buch, von Frauen, über Frauen. Sie haben ihren Punkt, sind reflektiert, leben mit einer sehr hohen Intensität. Aber ist es deshalb feministisch? In meinem Umfeld gibt es keine Frau, die anders lebt. Vermutlich ist das aber nicht repräsentativ. Manchmal sehe ich mit Erschrecken, dass die Frauenbewegung wieder rückläufig wird und die alten Geschlechterrollen wieder auftauchen. Da waren wir doch vor dreissig Jahren schon an einem ganz anderen Punkt!

Vielleicht kann man es ja deshalb als ein feministisches Werk ansehen, weil zwei Frauen mit Vorbildfunktion aufgezeichnet werden?

Neulich wurde ich gefragt, warum ich so unemanzipierte Frauenfiguren entwickelt habe. Márta übernimmt viele Aufgaben im Haushalt und mit den Kindern, und Johanna leidet an Liebeskummer. Ich habe mich dann gefragt, was denn daran unemanzipiert ist? Wenn man Emanzipation als Gefühlslosigkeit definiert, dann hat man ja nie geliebt. Das finde ich schon sehr schräg. Für mich geht es um ein selbstbestimmtes Leben, die Wahl des Partners, des Berufs und der Lebensform. Es geht darum Dinge für sich benennen zu können, klar zu sagen, was man will und was man denkt. Aus Emotionalität kann man sich nicht durch Emanzipation befreien. Man kann auch durchaus emanzipiert Liebeskummer haben und Kinder grossziehen.

Wäre für Sie ein Leben ohne Kinder denkbar?

Absolut nicht. Das ist eine fürchterliche Vorstellung. Ein erfülltes Leben muss für mich mit Kindern sein. Ich denke, dass man alles, was das Leben zu bieten hat, mitnehmen muss. Und es gibt nichts Beeindruckenderes als jemandem beim Aufwachsen zuzusehen. Das nicht zu kennen, halte ich für armselig und absolut schrecklich. Ich selbst habe zwei Kinder und hätte gerne noch mehr. Mir war lange nicht klar, wie man Arbeit und Kinder unter einen Hut bekommt, und ich bin erst mit 40 Mutter geworden. Sonst hätte ich noch mehr Kinder bekommen!

Als Mutter lernt man erst die Angst kennen, wie es sein könnte, wenn dem Kind etwas zustösst. Wäre ein Leben ohne diese Angst nicht leichter?

Mit Sicherheit wäre es leichter. Aber von dieser Angst ahnt man ja im Vorhinein nichts. Das ist wahrscheinlich nicht der Grund warum sich Frauen bewusst gegen Kinder entscheiden. In Schlafen werden wir später wird ein Mittel genannt, das gegen Ängste wirkt: die Wirklichkeit vorschieben und sehen, was gerade da ist. Wenn man die Realität betrachtet, dann haben die Ängste, die in der Nacht kommen, nicht mehr die Macht, uns zu vernichten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI

Lie­bes­leid im Schaum­bad

Treue­pro­be, Ver­klei­dungs­spuk, Part­ner:in­nen­tausch: Così fan tut­te scheint de­fi­ni­tiv von vor­ges­tern. Trotz­dem lohnt sich Mo­zarts Oper auch jetzt wie­der am Thea­ter St.Gal­len. Am Sams­tag war Pre­mie­re.

Von  Peter Surber
6122 30cosi foto dufajedyta

Das Mit­ein­an­der im Fo­kus ei­ner Kunst­aus­stel­lung

Das Kunst­zeug­haus Rap­pers­wil-Jo­na zeigt seit dem 26. April die ak­tu­el­le Samm­lungs­aus­stel­lung «wo­hin – wo­her – wo­mit». Mit­ge­stal­tet von Men­schen aus der Re­gi­on un­ter­sucht sie, wie Teil­ha­be in Mu­se­en künf­tig aus­se­hen kann.

Von  Larisa Baumann
1 KZH wohin woher womit c Katharina Seleznova

FC St.Gal­len vs. Si­on 0:3 – Mer ho­led dä an­der Chü­bel

St.Gal­len ver­liert das Spiel ge­gen Si­on und macht so Thun zum Meis­ter. Doch in St.Gal­len den­ken längst al­le an den an­de­ren Ti­tel, der dann in drei Wo­chen ver­ge­ben wird. Das Spiel ge­gen Si­on zum Nach­le­sen gibt es trotz­dem im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Filmfestival in Frauenfeld

Que­e­re Fil­me im Thur­gau

Von  Vera Zatti
Black Burns Fast still 1

Buch zur Migration in die Ostschweiz

Statt Ar­beits­kräf­te ka­men Men­schen

Von  Roman Hertler
Bildschirmfoto 2026 05 01 um 19 38 15

«Wir müs­sen Wi­bora­das Ge­schich­te neu er­zäh­len»

In die­sem Jahr fei­ert St.Gal­len den 1100. To­des­tag Wi­bora­das. Ob­wohl die In­klu­sin ei­nen gros­sen Ein­fluss auf die Stadt hat­te, ist sie den we­nigs­ten ein Be­griff. Das soll sich än­dern. Wie dies ge­lin­gen soll und wel­che Be­deu­tung Wi­bora­da heu­te noch hat, er­zäh­len Jo­lan­da Schär­li und Hil­de­gard Aepli vom Ver­ein Wi­bora­da-Ju­bi­lä­um 2026 so­wie Ka­rin K. Büh­ler von der fe­mi­nis­ti­schen Bi­blio­thek Wy­bora­da im Ge­spräch mit Sai­ten.

Von  Daria Frick  und  David Gadze
2605 Wyborada Laura Tura portrait
Heftvorschau 05/26
Wiborada, Amerikanisch träumen

Dop­pel­tes Ju­bi­lä­um: Im Mai jährt sich das Mar­ty­ri­um der St.Gal­ler Stadt­hei­li­gen Wi­bora­da zum 1100. Mal. Und der Ver­ein Wy­bora­da, der 1987 die gleich­na­mi­ge fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek er­öff­ne­te, fei­ert sein 40-Jahr-Ju­bi­lä­um. Aus­ser­dem im Mai-Heft: Das Ge­spräch zwi­schen Flo­ri­an Vetsch und dem St.Gal­ler Au­tor Chris­toph Kel­ler über des­sen neu­en Ro­man.

Saiten 2605 Cover

Stadt St.Gal­len stellt neu­es Spar­pro­gramm vor

Ab­bau von über 46 Voll­zeit­stel­len in der Ver­wal­tung, Schlies­sung des Volks­ba­des, zu­sätz­li­che Blit­zer für die Stadt­po­li­zei: Mit sol­chen Mass­nah­men will die St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung bis 2029 das jähr­li­che Loch in der Stadt­kas­se um 17,1 Mil­lio­nen Fran­ken re­du­zie­ren.

Von  Reto Voneschen
Rathaussw

Co­ver­cock­tail von Team Ne­gro­ni

Die Ost­schwei­zer Band Team Ne­gro­ni hat ei­ne Vi­nyl-Plat­te mit Co­ver­songs her­aus­ge­bracht. Am 7. Mai wird Don't Drag Me Down in der st.gal­li­schen Gra­ben­hal­le ge­tauft.

Von  Jeremias Heppeler
01 4 2

Die Ab­sur­di­tät des War­tens

Pu­re Zeit­ver­schwen­dung oder end­lich mal ei­ne Pau­se im durch­ge­tak­te­ten Rhyth­mus der Ta­ge? Drei Per­for­mer:in­nen nä­hern sich dem Phä­no­men des War­tens künst­le­risch-wis­sen­schaft­lich an.

Von  Judith Schuck
Nummer ziehen Christoph Luchsinger Micha Stuhlmann Thomas Kessler web

Al­tern muss kein De­fi­zit sein

Das Kol­lek­tiv Dance Me to the End setzt sich für die Sicht­bar­keit von Al­tern im Tanz ein. Am 1. und 2. Mai prä­sen­tiert es zwei ver­schie­de­ne Tanz­stü­cke in der St.Gal­ler Lok­re­mi­se. Sai­ten hat mit drei Kol­lek­tiv­mit­glie­dern ge­spro­chen.

Von  Vera Zatti
Kopie von Dance me to the end 25 neu 14

Ein be­weg­tes Le­ben

Pan­kraz Vors­ter war der letz­te Fürst­abt von St.Gal­len. Sein Ta­ge­buch lie­fert wert­vol­le Er­kennt­nis­se zur Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Schwei­ze­ri­schen Eid­ge­nos­sen­schaft. Das Stifts­ar­chiv St.Gal­len hat die Hand­schrift als Edi­ti­on ver­öf­fent­licht und ver­gan­ge­nen Mitt­woch ei­nen Ein­blick ge­ge­ben.

Von  Tanja Scherrer
1 H5 A2709

Wut als Treib­stoff

In ih­ren Songs ver­ar­bei­tet die Win­ter­thu­rer Band An­ger Mgmt. die psy­chi­schen Pro­ble­me ih­res Sän­gers. Heu­te er­scheint ihr zwei­tes Al­bum, das er­neut in die in­ne­ren Ab­grün­de führt. Es ist ein dunk­ler Mo­no­lith – mit ei­nem Licht­blick am Schluss. 

Von  David Gadze
Anger mgmt Dave Honegger 3