Saiten: Frau Münch, Sie sind nun 87 Jahre alt und stehen immer noch auf der Theaterbühne. Was fesselt Sie an Ihrer Leidenschaft?
Irma Münch: Es ist auf keinen Fall die Eitelkeit! Dafür ist die Schauspielerei zu schwer. Ich hatte den Beruf gerade so einigermassen gelernt, plötzlich wurde ich 60 und dann soll das alles zu Ende sein? Man hat ja eine Menge in sich, das ausgedrückt werden will. Ich halte es gerne mit Schiller und betrachte das Theater als moralische Anstalt. Wie ist es bei dir Hannelore? Du bist ja auch schon in Rente!
Hannelore Koch: Meine Neugierde hört nicht auf. Ich erfahre in jeder Rolle wieder etwas über mich oder die anderen Personen. Jedes Mal entdecke ich etwas, das ich noch nicht kannte. Das ist spannend!
Irma Münch: Man fängt auch immer wieder von vorne an. Ich erinnere mich, dass ich mich bei meinem berühmten Schwiegervater Bernhard Minetti, als er auf die 90 zuging, gewundert habe, dass er vor manchen Rollen wie ein Anfänger stand. Aber heute weiss ich, dass es immer wieder von vorn beginnt.
Bei Ihrem letzten Besuch in Konstanz haben Sie im Stück Schwarz ohne Zucker gespielt. Teilweise sassen Sie dabei auf dem Boden und sind wie ein junges Mädchen wieder aufgesprungen. Ein Textfehler war auch nirgends zu bemerken. Wie halten Sie sich fit?
Irma Münch: Ja wie halte ich mich fit? Mit Schwimmen, Laufen, Disziplin beim Essen und den Aufgaben im Alltag. Und viel, viel, viel lesen!
Hannelore Koch: Und mit Menschen zusammen sein.
Irma Münch: Ja! Mit jungen Menschen! Ich habe gar keine alten Freunde, alle sind jünger.
Wollten Sie schon immer Schauspielerin werden?
Hannelore Koch: Ich wollte eigentlich Dramaturgin werden. Mein Vater war Musiker am Gorki Theater und so habe ich nach dem Abitur dort als Mädchen für alles gearbeitet. Ein Freund riet mir dann: Wenn schon Theater, dann richtig! Also habe ich mich an der Schauspielschule beworben und wurde genommen.
Irma Münch: Schon als Kind habe ich mich gern verkleidet und vor einem Vorhang aus einem Leintuch gespielt. Wir hatten damals noch Zeit als Kinder, das ist heute vorbei.
Gestern ist auch noch ein Tag: 27. (Premiere) und 28. Oktober, 20 Uhr, Werkstatt, Theater Konstanz.
Weitere Aufführungen: theaterkonstanz.de
Hat sich Ihrer Ansicht nach auch das Frau-Sein in den letzten Jahrzehnten verändert?
Hannelore Koch: Wir sind beides Ostfrauen und haben daher viele Aspekte der Gleichberechtigung als ganz selbstverständlich angesehen, die im Westen erst noch erkämpft werden mussten. Für uns war es ganz klar, dass wir unser eigenes Leben hatten und einen Beruf ausübten, auch trotz kleiner Kinder. Heute ist das gar nicht mehr so selbstverständlich. Mir tun jüngere Kolleginnen mit kleinen Kindern oft leid, weil sie es schwerer haben.
Irma Münch: Im Theater gab es immer eine Gleichberechtigung. Jeder steht auf der Bühne im selben Licht. Gut, die Männergagen waren schon immer höher, aber ich habe mich nie untergebuttert gefühlt.
Im aktuellen Stück Gestern ist auch noch ein Tag spielen Sie Mutter und Tochter. Was haben Sie in diesem Text für sich gefunden?
Irma Münch: Ich hatte eine vollkommen andere Mutter. Wir hatten ein wunderbares Verhältnis und das Einzige was ich bereue ist, dass ich ihr nicht oft genug sagte, dass sie die beste Mutter der Welt ist.
Hannelore Koch: Durch den Text reflektierte ich natürlich meine Mutterbeziehung und auch die zur meiner Tochter. Es kommen Fragen auf wie: Wann befreit man sich? Wo steckt man zurück? Wie löst man sich? Aber das Stück geht auch weit über das Mutter-Tochter-Verhältnis hinaus. Solcherlei Missverständnisse gibt es überall und ich frage mich oft, warum man sich nicht einfach mal richtig zuhört.
Irma Münch: Zum Teil sind es ja auch Missverständnisse nicht-verbaler Natur. Die Tochter wirft der Mutter beispielsweise vor, dass sie immer leise sein musste, damit die Mutter sich ausruhen konnte. Das müsste doch eigentlich verständlich sein! Aber sie fühlt sich nicht wahrgenommen und kommt nun mit Vorwürfen. Dieses ständige Schlucken auszuhalten fällt schwer.
Mögen Sie die beiden Figuren?
Hannelore Koch: Ja!
Irma Münch: Sie werden verteidigt bis aufs Äusserste!
Hannelore Koch: Allerdings war der Text nicht ganz einfach. Anfangs haben wir uns schon gefragt, wie man diesen fliessenden Dialog auf die Bühne bekommt und ob er nicht zu fragil ist. Wir haben versucht in die Figuren abzutauchen, sie bildlich zu machen. Durch die Arbeit mit Andreas Pirl gelingt das gut. Er ist dazu in der Lage auf Feinheiten zu reagieren, wie es viele grosse Regisseure nicht können.
Irma Münch: Es wird auch interessant, wie das Publikum auf die Figuren reagieren wird. Ich kann mir vorstellen, dass es Menschen gibt, die die Alte fürchterlich finden und dann wieder andere, die möchten vielleicht die Tochter an die Wand werfen. Ich freue mich auf das Konstanzer Werkstattpublikum! Beim letzten Mal war ich sehr angenehm überrascht, wie sensibel und aufmerksam dem Text gefolgt wurde. Ich habe eine Frau getroffen, die aus der Nähe von Zürich sogar ein zweites Mal in das Stück gekommen ist. Das freut mich sehr! Solche Stücke sind sehr selten und nur darum spiele ich sie. Ich möchte mich nicht mehr für etwas anstrengen, das ich nicht mag. Als Hochbetagte darf man den Anspruch haben, dass man auswählt. Neulich hab ich nämlich gelesen: Mit 65 ist man alt, ab 80 «hochbetagt». Und es ist ja auch das letzte Mal, dass ich meine Koffer packe und zu einer Premiere fahre…
Hannelore Koch: Das hast du bei Schwarz ohne Zucker auch gesagt!
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.