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Ein leben für die Kunst

Auch mit 91 Jahren ist Jim Dine noch voller Tatendrang und reist um die ganze Welt. (Bilder: Florin Röösli)

Auch mit 91 Jahren ist Jim Dine noch voller Tatendrang und reist um die ganze Welt. (Bilder: Florin Röösli)

Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.

Von aus­sen ist das Ge­bäu­de im Sit­ter­tal trotz sei­ner Grös­se re­la­tiv un­auf­fäl­lig. Doch im In­nern er­öff­net sich ei­nem ei­ne be­ein­dru­cken­de Hal­le, die voll­ge­stellt ist mit künst­le­ri­schen Ar­bei­ten: Ein Tor aus Me­tall steht in der Mit­te des Raums, al­ler­hand Ge­gen­stän­de – eben­falls aus Me­tall – sind an den Git­ter­stä­ben an­ge­bracht: Werk­zeu­ge, Ket­ten, Plas­ti­ken. Da­vor und da­hin­ter lie­gen rie­si­ge Tier­köp­fe aus Gips auf dem Bo­den, man­che noch ganz weiss, an­de­re mit ei­ner Me­tall­schicht über­zo­gen. Na­than Fe­de­rer, ein Mit­ar­bei­ter der Kunst­gies­se­rei St.Gal­len, mit dem Di­ne nun schon seit meh­re­ren Jah­ren zu­sam­men­ar­bei­tet, schweisst ge­ra­de ein wei­te­res Me­tall­stück ans Tor. Jim Di­ne sitzt da­ne­ben und be­ob­ach­tet die Ar­beit mit der Neu­gier ei­nes Kin­des. 

Der US-Künst­ler ist erst seit we­ni­gen Ta­gen hier. Es ist Don­ners­tag­nach­mit­tag im Ju­ni, am Sonn­tag ist er aus sei­nem Haupt­wohn­sitz Pa­ris nach St.Gal­len ge­kom­men, kurz nach­dem er von ei­ner Aus­stel­lung in Seo­ul zu­rück­ge­kehrt ist. Be­reits am Sams­tag reist er wie­der nach Pa­ris, ehe es am Diens­tag wei­ter geht nach Ma­drid. Und da­nach in die USA.

Mit­te Ju­ni ist Jim Di­ne 91 Jah­re alt ge­wor­den. Sei­ne Be­we­gun­gen ent­spre­chen dem fort­ge­schrit­te­nen Al­ter. Doch im Ge­spräch spürt man die En­er­gie, die von ihm aus­geht, die­se un­er­müd­li­che Schaf­fens­kraft. Sei­ne Au­gen leuch­ten, als wür­de hin­ter ih­nen glü­hen­des Me­tall aus Gies­se­rei­öfen flies­sen. Er spricht nicht nur über die Ver­gan­gen­heit, son­dern im­mer wie­der auch über die Zu­kunft, über sei­ne Plä­ne.

Ein ei­ge­nes Ate­lier­haus 

Di­nes Ver­bin­dung zur Kunst­gies­se­rei reicht ins Jahr 2008 zu­rück. Da­mals stell­te er im Mu­se­um Li­ner in Ap­pen­zell (dem heu­ti­gen Kunst­mu­se­um) aus. Mit dem 2025 ver­stor­be­nen Di­rek­tor Ro­land Scot­ti be­such­te er die Kunst­gies­se­rei. «Ich war so­fort be­ein­druckt von der Gies­se­rei, aber auch von Hans Jo­seph­sohn», sagt Di­ne. «Ich dach­te: Hier wird wun­der­ba­re Ar­beit ge­leis­tet – wie die Mit­ar­bei­ter:in­nen Jo­seph­sohn ku­ra­tiert ha­ben, wie sen­si­bel sie mit dem Bild­hau­er um­ge­gan­gen sind. Sie wa­ren nicht bloss Her­stel­ler. Das präg­te sich mir ein – ich woll­te auch hier ar­bei­ten.»

Es dau­er­te je­doch meh­re­re Jah­re, bis es da­zu kam. Die Gies­se­rei in der US-Stadt Wal­la Wal­la, wo Di­ne seit Jahr­zehn­ten ein Ate­lier und ei­ne Farm hat, ha­be sich nach dem Tod ih­res Grün­ders Mark An­der­son En­de 2019 ver­än­dert, er­zählt er. «Sie wur­de zu gross und zu un­ter­neh­me­risch.» Di­ne er­in­ner­te sich an  die Kunst­gies­se­rei St.Gal­len – und kon­tak­tier­te de­ren Grün­der und Lei­ter Fe­lix Leh­ner.

Als kur­ze Zeit spä­ter die Co­ro­na­pan­de­mie aus­brach, kam Di­ne ins Sit­ter­tal und be­zog ei­nes der bei­den Ate­liers im Ate­lier­haus der Stif­tung Sit­ter­werk – und blieb. Aus Ta­gen wur­den Wo­chen, aus Wo­chen Mo­na­te. Nach­dem er schliess­lich wie­der nach Hau­se zu­rück­keh­ren konn­te, zog es ihn im­mer wie­der nach St.Gal­len zu­rück. Fe­lix Leh­ner ha­be ihn dar­auf hin­ge­wie­sen, dass das Ate­lier­haus ei­gent­lich für Gast­auf­ent­hal­te ge­dacht sei, nicht für Dau­er­gäs­te. Al­so liess ihm Leh­ner ein neu­es Ate­lier­haus bau­en.

Jim Dine und Nathan Federer von der Kunstgiesserei im Atelierhaus des US-Künstlers. 

Jim Dine und Nathan Federer von der Kunstgiesserei im Atelierhaus des US-Künstlers. 

Die bei­den «Haus­ar­chi­tek­ten» Lu­kas Fur­rer und Chris­toph Flu­ry er­rich­te­ten für Di­ne ne­ben dem Pool ein Ge­bäu­de aus wie­der­ver­wer­te­ten Ma­te­ria­li­en, un­ter an­de­rem von den Ol­ma-Mes­sen und der Ba­di Rot­mon­ten. «Ich ha­be ein klei­nes Schlaf­zim­mer und ei­ne Kü­che – mehr brau­che ich ei­gent­lich nicht. Es ist so­gar bes­ser als am al­ten Ort, weil ich hier in Ru­he ar­bei­ten kann», sagt er. Al­le paar Wo­chen kommt er hier­hin zu­rück. Aus Pa­ris sei er mit dem Zug in we­ni­gen Stun­den hier.

Die Kunst­gies­se­rei ge­be ihm viel künst­le­ri­sche Frei­heit, sagt Di­ne. Und zwar we­gen der Qua­li­tät des Hand­werks und we­gen des Ver­ständ­nis­ses für sei­ne Ideen. «Die Men­schen, mit de­nen ich hier ar­bei­te, ma­chen nicht ein­fach ih­ren Job. Das geht weit dar­über hin­aus.» Ih­re Ar­beit sei auf höchs­tem hand­werk­li­chem Ni­veau. Na­than Fe­de­rer be­zeich­net er als den bes­ten Schweis­ser, mit dem er je ge­ar­bei­tet ha­be. «Ich muss ihm nicht ein­mal et­was sa­gen. Er denkt schon vor­aus. Je­man­den von die­ser Qua­li­tät zu fin­den, ist na­he­zu un­mög­lich.» 

In di­ver­sen Spar­ten zu Hau­se 

Jim Di­ne hat sein gan­zes Le­ben der Kunst ge­wid­met. Et­was an­de­res gibt es für ihn nicht. Er hat fünf Ate­liers – das be­reits er­wähn­te in Wal­la Wal­la, ein wei­te­res in New Jer­sey, ei­nes in Mon­trouge bei Pa­ris, ei­nes in Göt­tin­gen und eben ei­nes in St.Gal­len. Es sei «un­ver­meid­lich» ge­we­sen, dass er Künst­ler ge­wor­den sei, er­zählt er im Ge­spräch. In ei­nem Be­gleit­vi­deo zu ei­ner Aus­stel­lung sag­te er einst, er ha­be schon als Kind ge­wusst, dass er als Künst­ler ge­bo­ren sei. Ei­ne sei­ner frü­hes­ten Er­in­ne­run­gen: wie er im Al­ter von zwei Jah­ren mit ei­nem Blei­stift zeich­net. In der Schu­le sei er schlecht ge­we­sen, auch we­gen sei­ner Leg­asthe­nie. «Zeich­nen war das Ein­zi­ge, was ich konn­te. Ich ha­be kein an­de­res Ta­lent.» Nur in sol­chen Mo­men­ten ha­be er wirk­lich das Ge­fühl ge­habt, ganz er selbst zu sein.

«Zeich­nen war das Ein­zi­ge, was ich konn­te. Ich ha­be kein an­de­res Ta­lent.»

Jim Dine, US-Künstler

Be­ein­dru­ckend ist vor al­lem Di­nes Viel­sei­tig­keit – und sein Zu­gang zur Kunst. Sein Schaf­fen um­fasst Ma­le­rei, Skulp­tur, Zeich­nung, Druck­gra­fik, Fo­to­gra­fie und Poe­sie. Das Ma­te­ri­al in­ter­es­siert ihn we­ni­ger als der Ar­beits­pro­zess und das, was dar­aus ent­steht. «Ich wur­de auf die­se Welt ge­setzt, um mit mei­nen Hän­den zu ar­bei­ten. Ich bin kein Kon­zept­künst­ler und kein Phi­lo­soph, son­dern ein Ar­bei­ter.»

Selbst­por­träts oh­ne Kör­per 

Di­ne ge­hör­te in den 1950ern zur Pop-Art-Be­we­gung, in­ter­pre­tier­te sie aber an­ders als die meis­ten Künst­ler:in­nen die­ses Gen­res, die statt auf per­sön­li­che Emo­tio­nen auf küh­le Di­stanz setz­ten. In sei­nen Wer­ken hin­ge­gen fin­den sich im­mer auch per­sön­li­che Aspek­te, sei es in den Her­zen, Ba­de­män­teln oder Werk­zeu­gen. Letz­te­re hat­ten seit der Kind­heit ei­nen be­son­de­ren Reiz auf ihn we­gen des Ei­sen­wa­ren­ge­schäfts sei­nes Gross­va­ters. Sie fas­zi­nier­ten ihn ei­ner­seits we­gen ih­rer Un­ver­zicht­bar­keit als Ar­beits­mit­tel im täg­li­chen Le­ben, an­de­rer­seits als Sym­bo­le für das Er­schaf­fen von Neu­em. Di­nes Wer­ke ge­hör­ten zu den frü­hen Ar­bei­ten der Pop Art, in de­nen All­tags­ob­jek­te zu zen­tra­len Mo­ti­ven wur­den.

Das gilt ge­nau­so für sei­ne Skulp­tu­ren und Bil­der von Ba­de­män­teln. Sie wa­ren ge­wis­ser­mas­sen Selbst­por­träts oh­ne Kör­per. Erst spä­ter be­gann er, sein Ge­sicht zu zeich­nen. Dies, ob­wohl er schon als Klein­kind von sei­nem Spie­gel­bild fas­zi­niert war. Als jun­ger Künst­ler in New York ha­be er der gros­sen Tra­di­ti­on des Schau­ens je­doch nicht ge­nü­gend Wert bei­gemes­sen, sagt er. Spä­ter ha­be er er­kannt, dass das für ihn der Schlüs­sel zum Zeich­nen sei. «Man be­trach­tet und zeich­net sich selbst – und sieht da­bei zu, wie die­ser Or­ga­nis­mus von der Schwer­kraft lang­sam zu Bo­den ge­zo­gen wird. Es ist ei­ne ge­wal­ti­ge Aus­sa­ge der Na­tur.» Wenn er lan­ge und in­ten­siv ge­nug hin­schaue, kön­ne er auch das Psy­cho­lo­gi­sche ei­nes be­stimm­ten Ta­ges ein­fan­gen – Ge­füh­le, Stim­mun­gen, in­ne­re Zu­stän­de, die an­de­ren ver­bor­gen blei­ben. Das da­für nö­ti­ge kon­zen­trier­te Hin­schau­en füh­re da­zu, dass die Por­träts im­mer so streng wirk­ten.

Pi­noc­chio als Me­ta­pher für die Kunst

Die klei­nen Ver­än­de­run­gen des Ge­sichts fest­zu­hal­ten, sei auch nach hun­der­ten von Selbst­por­träts schwie­rig. «Sie sind flüch­tig, wie ein Wort, das man aus­spricht – und schon ist es wie­der ver­schwun­den.» In­so­fern sei­en die Selbst­por­träts ei­ne Art Ta­ge­buch, ei­ne Do­ku­men­ta­ti­on des Al­terns und der Ver­än­de­rung, ei­ne Au­to­bio­gra­fie.

Auch bei Pi­noc­chio, den er eben­falls oft in sei­ne Kunst­wer­ke ein­bau­te, geht es um die Ver­än­de­rung des Ge­sichts: die lan­ge Na­se, wenn er lügt. Das ha­be ihn fas­zi­niert, als ihn sei­ne Mut­ter mit sechs Jah­ren ins Ki­no ge­führt ha­be, er­zählt Di­ne. Es geht aber noch um mehr: «Die Vor­stel­lung, dass Ge­ppet­to aus ei­nem spre­chen­den Stück Holz am En­de ei­nen Men­schen er­schafft, ist ei­ne Me­ta­pher da­für, wie wir Kunst ma­chen.»

Viel­leicht liegt dar­in auch das Ge­heim­nis von Jim Di­nes un­ge­bro­che­ner Schaf­fens­kraft. Trotz sei­ner 91 Jah­re möch­te er wei­ter­hin um die Welt rei­sen. «So­lan­ge ich da­zu in der La­ge bin, wer­de ich es tun. Ich rei­se, um zu ar­bei­ten, nicht zum Ver­gnü­gen. Ich ha­be in mei­nem gan­zen Le­ben nie Fe­ri­en ge­macht. Und ich bin noch nie als Tou­rist ir­gend­wo hin­ge­fah­ren. Was für ei­ne Zeit­ver­schwen­dung!» Was ihn an­treibt? Er weiss es selbst nicht so ge­nau. «Ich mag die Ver­än­de­rung, den stän­di­gen Wan­del. Und ich mag es, dass die künst­le­ri­sche Ar­beit an je­dem Ort an­ders ist», sagt er.

Ver­mut­lich im Au­gust wird er wie­der ins Sit­ter­tal kom­men, an die­sen Ort, der ihm so viel gibt. Und dem auch er so viel gibt. Was mit dem Me­tall­git­ter der­einst pas­siert? «Ich weiss es noch nicht.»


jim­di­ne.com

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