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Tragikomödie über das Leben

Die Autorin Christina Walker (Bild:pd/Petra Rainer)

Die Autorin Christina Walker (Bild:pd/Petra Rainer)

Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch. 

Die Vor­arl­ber­ger Schrift­stel­le­rin Chris­ti­na Wal­ker hat ein Fai­ble für un­ge­wöhn­li­che Schau­plät­ze und Men­schen in schwie­ri­gen Le­bens­si­tua­tio­nen. In ih­rem De­büt­ro­man Au­to er­trägt der Ver­tre­ter Busch das Her­um­rei­sen nicht mehr, kün­digt und zieht in sei­nen al­ten Mer­ce­des. Vor­über­ge­hend woh­nungs­los, weil von sei­ner Frau aus­quar­tiert, ist auch der Prot­ago­nist in dem Buch Klei­ne Schu­le des Flie­gens, das für den Ös­ter­rei­chi­schen Buch­preis 2023 no­mi­niert war. In Chris­ti­na Wal­kers neu­em, drit­ten Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens ist das Set­ting ei­ne Schre­ber­gar­ten­sied­lung, die von drei «Schiff­brü­chi­gen» be­wohnt wird. Ei­ne da­von ist Ma­ri­an­ne.

«Seit drei­zehn Ta­gen be­fand sie sich auf die­ser Kreuz­fahrt durch spät­win­ter­li­ches Ge­län­de, aus­ge­stat­tet mit di­cken Woll­de­cken, Zwei-Plat­ten-Re­chaud und spär­lich be­leuch­tet von ei­ner Cam­ping-So­lar­lam­pe, die seit ges­tern kom­plett streik­te.» Am Va­len­tins­tag zieht die eins­ti­ge Bä­ckers­frau Ma­ri­an­ne Roth un­ter das ein­zi­ge Dach, das ihr nach dem Tod ih­res Man­nes Carl ge­blie­ben ist. In ein Gar­ten­haus der Schre­ber­gar­ten­sied­lung «Neu-Ame­ri­ka», die von Herrn Gre­gor, dem Ob­mann des Klein­gar­ten­ver­eins streng kon­trol­liert wird. 

Doch ob­wohl es hier ver­bo­ten ist, ganz­jäh­rig zu woh­nen, hau­sen ne­ben Ma­ri­an­ne noch zwei wei­te­re Über­le­bens­künst­ler:in­nen in der Sied­lung: Ri­chard, der, seit­dem er al­le Kon­tak­te und Ver­pflich­tun­gen ab­ge­legt hat, kei­nen Nach­na­men mehr hat, der die dün­nen Wän­de sei­ner Hüt­te mit Bü­chern iso­liert und un­ter an­de­rem mit selbst ge­fan­ge­nen Aa­len han­delt; und das fünf­zehn­jäh­ri­ge Mäd­chen Dia­na – ei­ne eben­so klu­ge wie mu­ti­ge Re­bel­lin, die, ob­wohl sie sich Di­di nennt, dem Na­men der rö­mi­schen Göt­tin al­le Eh­re macht. Sie zieht die Hüt­te ih­rem Zu­hau­se vor, in dem ne­ben ih­rer al­ko­hol­kran­ken Mut­ter Ro­sa de­ren ge­walt­tä­ti­ger Lo­ver, «Idi­ot» Mi­ke, wohnt. Auch Herrn Gre­gors Psy­che ist an­ge­schla­gen, seit­dem ihn sei­ne Frau oh­ne An­ga­be von Grün­den ver­las­sen hat und er um sein ge­lieb­tes «Neu-Ame­ri­ka» ban­gen muss, wel­ches ver­mes­sen und in Bau­land um­ge­wid­met wer­den soll. Die­se vier Per­so­nen könn­ten un­ter­schied­li­cher gar nicht sein, aber sie ste­hen ein­an­der in der Not bei. 

Chris­ti­na Wal­ker zeich­net sie al­le wun­der­bar fein, viel­schich­tig und lie­be­voll. «In ei­ner Re­gen­pau­se lehn­te Herr Gre­gor sei­ne Lei­ter ans Dach von Ma­ri­an­nes Hüt­te. Er klet­ter­te hin­auf, um nach dem Leck zu su­chen. Es tropf­te auch durchs Vor­dach auf die Och­sen­herz­to­ma­te, die zum Er­stau­nen des Ob­manns trotz­dem gut wuchs.» Mit gros­ser Em­pa­thie und sti­lis­ti­scher Ele­ganz er­weckt sie Chris­ti­na Wal­ker zum Le­ben. Die in Augs­burg le­ben­de Au­torin, in ih­rem Brot­be­ruf Wer­be­tex­te­rin, lässt ih­rem Per­so­nal ihr Ge­heim­nis und ih­re Wür­de. «Ich bin nie­mand, der die Hand­lung ei­nes Ro­mans vor dem Schreib­pro­zess durch­plant. Ich las­se mich von den Fi­gu­ren durch ih­re Ge­schich­ten füh­ren», sagt sie. Es sind Ge­schich­ten prall ge­füllt mit Le­ben. 

Kei­ne grü­ne Idyl­le mit Gar­ten­zwer­gen

In den ers­ten bei­den Ro­ma­nen von Chris­ti­na Wal­ker wa­ren die Prot­ago­nis­ten je­weils männ­lich, dies­mal heis­sen sie Ma­ri­an­ne und Dia­na ali­as Di­di. Die schon et­was äl­te­re Frau und das ju­gend­li­che Mäd­chen wer­den ei­ne wich­ti­ge Stüt­ze für­ein­an­der. Die mit ih­ren bis­he­ri­gen Ent­schei­dun­gen ha­dern­de Ma­ri­an­ne be­wun­dert es, wie Di­di ihr Le­ben trotz al­ler Här­ten un­ge­mein läs­sig und – wenn es zum Über­le­ben not­wen­dig ist – auch ab­seits des ge­setz­lich Er­laub­ten meis­tert. Das Mäd­chen mit den rot und pink ge­färb­ten Zöpf­chen bringt nicht nur Schwung in die Schre­ber­gar­ten­an­la­ge, son­dern auch in das Da­sein von Ma­ri­an­ne, die we­gen der Spiel­sucht ih­res Man­nes, der sich al­lem An­schein nach mit­tels Sui­zids da­von­ge­stoh­len hat, al­les ver­lo­ren hat: ih­ren Be­ruf, ihr Haus, ih­re Freun­de. «Die Käl­te und der Licht­man­gel wa­ren aus­zu­hal­ten, nur, dass nie­mand mit ihr sprach, setz­te ihr zu.» 

In ih­rer fast dreis­sig­jäh­ri­gen Ehe war Ma­ri­an­ne ei­ne Meis­te­rin der Selbst­ver­leug­nung. In der Gar­ten­sied­lung wird ih­re Re­si­li­enz her­aus­ge­for­dert. Der Schau­platz ist kei­ne grü­ne Idyl­le mit Gar­ten­zwer­gen, son­dern Zu­fluchts­stät­te und Lost Place in ei­nem. Vor al­lem aber ist es ein Ort, wo nicht nur fan­tas­ti­sche Pflan­zen wach­sen, son­dern auch die So­li­da­ri­tät un­ter­ein­an­der blü­hen kann. «34 Par­zel­len mit 43 Ap­fel­bäu­men, 22 Birn­bäu­men, der ei­nen oder an­de­ren Zwetsch­ge und Quit­te, mit Jo­han­nis- und Sta­chel­beer­sträu­chern, mit le­ben­den He­cken, Hi­bis­kus, Bau­ern­jas­min und Herrn Gre­gors ech­ten eng­li­schen Tee­ro­sen.» Chris­ti­na Wal­ker hat of­fen­bar ein er­staun­li­ches Wis­sen um die Ge­heim­nis­se der Flo­ra und Fau­na. Die sich im­mer wie­der auf­bäu­men­de Na­tur steht sinn­bild­lich für den Über­le­bens­kampf der Fi­gu­ren, de­nen die Au­torin auch dies­mal wie­der ei­ni­ges ab­ver­langt. 

Raus aus der Kom­fort­zo­ne!

«Schau­plät­ze in­spi­rie­ren mich zu mei­nen Ge­schich­ten», sagt Chris­ti­na Wal­ker. «Da­mit fängt es an. An­de­re ha­ben zu­erst ei­ne Fi­gur oder ein The­ma. Bei mir ist es ein spe­zi­el­les Set­ting, das ich mit mei­nen Fi­gu­ren be­sie­de­le. Die­se Fi­gu­ren neh­me ich aus ih­rer Kom­fort­zo­ne her­aus. Ich trei­be sie zum Äus­sers­ten, um sie mit der Fra­ge zu kon­fron­tie­ren, was im Le­ben wirk­lich zählt.» Die Schre­ber­gar­ten­sied­lung er­weist sich als Schutz­raum. Im Kon­takt mit dem «Aus­sen» er­lei­den die Fi­gu­ren Schlim­mes: Ge­walt, Miss­brauch, Ab­wer­tung und Un­ge­rech­tig­keit. Am meis­ten be­kommt die Jüngs­te ab. «Der kräf­ti­ge Tritt in die Knie­keh­le, den sie nicht kom­men sah, traf ihr ge­sun­des Bein. Den an­de­ren Fuss be­las­te­te sie kaum. Der Knö­chel tat noch weh. Das Mäd­chen, das den Na­men ei­ner Göt­tin trägt, der Jä­ge­rin, der Be­schüt­ze­rin der Frau­en und Mäd­chen, konn­te sich dies­mal selbst nicht schüt­zen. Sie war die Beu­te. Sie ging so­fort zu Bo­den.» Im Ge­gen­satz zu ih­rer Mut­ter, die trotz der vie­len Nie­der­la­gen nach wie vor an den Kon­junk­tiv und die Zu­kunft glaubt, folgt Di­di den Re­geln des In­di­ka­tivs. Sie zieht ih­re Schlüs­se und steht wie­der auf. 

Neben den Menschen spielen auch in Christina Walkers drittem Roman die Tiere eine zentrale Rolle. Im ersten waren es die Ameisen, im zweiten die Krähen, nun sind es die so unfassbar widerstandsfähigen Aale. Sie habe ein Faible für Tiere, die die meisten nicht so mögen, schmunzelt Christina Walker. «In diesem Buch stehen sie für das, was meine Figuren durchmachen müssen. Sie alle streben nach Freiheit und Unabhängigkeit, müssen aber dafür viel durchmachen.» Doch der Kampf lohnt sich. So gesehen ist Verteidigung eines Gartens auch ein Buch, das Hoffnung spendet. Und es ist ein literarisches Juwel, das seinen Zauber und seine Sogwirkung nicht sofort, sondern allmählich, aber unaufhaltsam entfaltet.

(Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe September 2026 der Zeitschrift für Kultur und Gesellschaft.)

Annette Raschner ist Redakteurin im ORF-Landesstudio Vorarlberg.

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Chris­ti­na Wal­ker: Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens. Re­si­denz Ver­lag, Wien 2026. 

Le­sun­gen mit Au­torin: Diens­tag, 29. Sep­tem­ber, 19.30 Uhr, Thea­ter Kos­mos, Bre­genz; Frei­tag, 2. Ok­to­ber, 19.30 Uhr, Thea­ter am Sau­markt, Feld­kirch; Sams­tag, 7. No­vem­ber, Fes­ti­val Tex­te und Tö­ne, ORF Funk­haus Dorn­birn; Frei­tag, 20. No­vem­ber, 19.30 Uhr, Kul­tur­ca­fé Haf­ner, Hard.

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Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
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