Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Ich leiste Widerstand gegen die Engstirnigkeit»

Serdar Somuncu inszeniert das Stück «Mein Kampf» von George Tabori am Theater Konstanz. Premiere ist an einem historisch passenden Datum: dem 20. April. Ein Gespräch über Kunst als Provokation.
Von  Veronika Fischer , 

Saiten: Herr Somuncu, Sie sind jetzt schon seit über 20 Jahren
 mit Lesungen aus Hitlers Mein Kampf auf der Bühne. Was fasziniert Sie an diesem Buch?

Serdar Somuncu: Es sind genaugenommen schon über 30 Jahre! Am Buch fasziniert mich gar nichts. Faszination ist das falsche Wort. Ich habe es anfangs aus Interesse gelesen
und mir dann zur Aufgabe genommen, es für ein Publikum erträglich zu machen. Es ist kompliziert, hat eine wirre Struktur und ist kaum lesbar. Ich trage es so vor, dass die Menschen dabei nicht einschlafen. Oder so, dass sie einschlafen, das ist dann auch ein Statement.

Halten Sie das zeitweilige Verbot des Textes für ungerechtfertigt?

Das Verbot hat das Buch unnötig spannend gemacht.
Seit die kommentierte Ausgabe wieder erlaubt wurde, ist es langweilig geworden. Beim Erscheinen haben es erst viele gekauft und jetzt verstaubt es in den Regalen.

Was reizt Sie an der Figur Hitler?


Es ist eine wichtige zeitgeschichtliche Person. Ich möchte ihr mit der Inszenierung von George Taboris Stück – mit dem selben Titel: Mein Kampf – am Theater Konstanz neue Facetten geben und sie in neue Blickwinkel stellen. Das ist nicht leicht, es wurde schon viel darüber gemacht. Die künstlerische Arbeit lässt aber mehr Freiheit. Man kann gut zeigen, wo
man selbst steht.

Und wo stehen Sie?


Ich möchte mich mit meinem Schaffen allgemein gegen Rassismus positionieren. In Österreich ist es die FPÖ, in der Schweiz die SVP, in Deutschland die AfD, die immer mehr Aufmerksamkeit erlangen. Es handelt sich nicht mehr um ein paar verstrahlte Existenzen, die im Keller sitzen und «Heil Hitler» grölen – Fremdenfeindlichkeit ist salonfähig geworden. Dagegen möchte ich angehen, ich leiste Widerstand gegen die Engstirnigkeit. Das ist meine Aufgabe, die mich noch mein ganzes Leben beschäftigen wird.

Serdar Somuncu, fotografiert von Frank Lübke.

Wenn man über Sie liest, begegnet man sehr oft dem Wort «Hass»: Der Hassprediger, der Hassias, H2 Universe… Wäre es nicht langsam an der Zeit, nicht noch mehr Hass in die Welt zu tragen, sondern dem gegenzusteuern?

Es geht mir nicht darum, dem Hass einfach freien Lauf zu lassen, wie es manche beispielsweise im Internet tun. Ich möchte die Themen ironisieren, mit Subtexten versehen, parodieren, überspitzen und somit Aufklärungsarbeit leisten. Aber es stimmt, ich gebe Ihnen recht: Manchmal reicht es. Einige Leute machen es sich zu leicht; sie hantieren oberflächlich mit Hass und tragen so Konflikte auf den Schultern von Leuten aus, die sich nicht wehren können. Ich sehe
mich mit einer anderen Methode arbeiten – als Sprachrohr der Minderheiten. Darum bin ich auch sehr froh um die Arbeit am Theater, denn hier kommt ein anderes Publikum, das nicht erwartet, nur unterhalten zu werden wie bei Comedy-Auftritten.

Wie kam es zum Engagement in Konstanz?


Intendant Christoph Nix hat mich gebeten, das Stück zu inszenieren. Wir sind gute Freunde, und da ich mich mit der Thematik auskenne und schon oft als Regisseur gearbeitet habe, kam er mit dem Stück von George Tabori auf mich zu.

Wer spielt Hitler?


Peter Posniak, ein junger talentierter Schauspieler. Überhaupt ist das ganze Ensemble sehr engagiert und euphorisch. Sie lassen mich eine grosse Freude und viel Spass spüren, obwohl es vielleicht nicht immer ganz einfach ist, mit einem wie
mir zu arbeiten, da ich ja mehr aus der Ecke Fernsehen komme.

George Tabori: Mein Kampf: 20. April (Premiere) bis 23. Mai, Theater Konstanz.

theaterkonstanz.de

Haben Sie Angst davor, etwas falsch zu machen?


Nein, Angst habe ich keine. Es kann natürlich passieren,
dass man falsch verstanden wird. Das kann ich aber erst hinterher reflektieren. Vorab vorsichtig oder ängstlich zu sein, würde meine künstlerische Freiheit einschränken. Und
darin sehe ich die Aufgabe der Kunst: Grenzen zu erweitern, sich nicht aufhalten zu lassen. Das Publikum muss das aushalten können. Kunst ist eine neue Sichtweise auf die Realität, kein Spiegel derselben. Sie darf provozieren, aber soll nicht bewusst auf Provokation angelegt sein, sonst wird es zu plump.

Sie sind Schauspieler, Musiker, Radiomoderator, Buchautor, Opernsänger, Comedian, haben eine eigene Fernsehsendung, sprechen Hörspiele ein etc. Was geben Sie als Berufsbezeichnung an?

Bei der Krankenkasse steht «Schauspieler» im Formular. Meistens fasse ich aber alles unter dem Begriff «Künstler» zusammen, das schränkt die Freiheit nicht ein.

Und was fehlt Ihnen noch in der Liste?


Eine Oper würde ich gern mal inszenieren! Dann könnte ich alle Bereiche, in denen ich bisher gearbeitet habe vereinen: Musik, Schauspielerei und Regie. Aber ich plane so etwas nicht. Die Dinge kommen von selbst, wenn man gelassen bleibt. So war das zumindest bei mir bislang immer.

Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten. Das Interview wurde Anfang März geführt.

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter