Saiten: Herr Somuncu, Sie sind jetzt schon seit über 20 Jahren mit Lesungen aus Hitlers Mein Kampf auf der Bühne. Was fasziniert Sie an diesem Buch?
Serdar Somuncu: Es sind genaugenommen schon über 30 Jahre! Am Buch fasziniert mich gar nichts. Faszination ist das falsche Wort. Ich habe es anfangs aus Interesse gelesen und mir dann zur Aufgabe genommen, es für ein Publikum erträglich zu machen. Es ist kompliziert, hat eine wirre Struktur und ist kaum lesbar. Ich trage es so vor, dass die Menschen dabei nicht einschlafen. Oder so, dass sie einschlafen, das ist dann auch ein Statement.
Halten Sie das zeitweilige Verbot des Textes für ungerechtfertigt?
Das Verbot hat das Buch unnötig spannend gemacht. Seit die kommentierte Ausgabe wieder erlaubt wurde, ist es langweilig geworden. Beim Erscheinen haben es erst viele gekauft und jetzt verstaubt es in den Regalen.
Was reizt Sie an der Figur Hitler?
Es ist eine wichtige zeitgeschichtliche Person. Ich möchte ihr mit der Inszenierung von George Taboris Stück – mit dem selben Titel: Mein Kampf – am Theater Konstanz neue Facetten geben und sie in neue Blickwinkel stellen. Das ist nicht leicht, es wurde schon viel darüber gemacht. Die künstlerische Arbeit lässt aber mehr Freiheit. Man kann gut zeigen, wo man selbst steht.
Und wo stehen Sie?
Ich möchte mich mit meinem Schaffen allgemein gegen Rassismus positionieren. In Österreich ist es die FPÖ, in der Schweiz die SVP, in Deutschland die AfD, die immer mehr Aufmerksamkeit erlangen. Es handelt sich nicht mehr um ein paar verstrahlte Existenzen, die im Keller sitzen und «Heil Hitler» grölen – Fremdenfeindlichkeit ist salonfähig geworden. Dagegen möchte ich angehen, ich leiste Widerstand gegen die Engstirnigkeit. Das ist meine Aufgabe, die mich noch mein ganzes Leben beschäftigen wird.
Serdar Somuncu, fotografiert von Frank Lübke.
Wenn man über Sie liest, begegnet man sehr oft dem Wort «Hass»: Der Hassprediger, der Hassias, H2 Universe… Wäre es nicht langsam an der Zeit, nicht noch mehr Hass in die Welt zu tragen, sondern dem gegenzusteuern?
Es geht mir nicht darum, dem Hass einfach freien Lauf zu lassen, wie es manche beispielsweise im Internet tun. Ich möchte die Themen ironisieren, mit Subtexten versehen, parodieren, überspitzen und somit Aufklärungsarbeit leisten. Aber es stimmt, ich gebe Ihnen recht: Manchmal reicht es. Einige Leute machen es sich zu leicht; sie hantieren oberflächlich mit Hass und tragen so Konflikte auf den Schultern von Leuten aus, die sich nicht wehren können. Ich sehe mich mit einer anderen Methode arbeiten – als Sprachrohr der Minderheiten. Darum bin ich auch sehr froh um die Arbeit am Theater, denn hier kommt ein anderes Publikum, das nicht erwartet, nur unterhalten zu werden wie bei Comedy-Auftritten.
Wie kam es zum Engagement in Konstanz?
Intendant Christoph Nix hat mich gebeten, das Stück zu inszenieren. Wir sind gute Freunde, und da ich mich mit der Thematik auskenne und schon oft als Regisseur gearbeitet habe, kam er mit dem Stück von George Tabori auf mich zu.
Wer spielt Hitler?
Peter Posniak, ein junger talentierter Schauspieler. Überhaupt ist das ganze Ensemble sehr engagiert und euphorisch. Sie lassen mich eine grosse Freude und viel Spass spüren, obwohl es vielleicht nicht immer ganz einfach ist, mit einem wie mir zu arbeiten, da ich ja mehr aus der Ecke Fernsehen komme.
George Tabori: Mein Kampf: 20. April (Premiere) bis 23. Mai, Theater Konstanz.
theaterkonstanz.de
Haben Sie Angst davor, etwas falsch zu machen?
Nein, Angst habe ich keine. Es kann natürlich passieren, dass man falsch verstanden wird. Das kann ich aber erst hinterher reflektieren. Vorab vorsichtig oder ängstlich zu sein, würde meine künstlerische Freiheit einschränken. Und darin sehe ich die Aufgabe der Kunst: Grenzen zu erweitern, sich nicht aufhalten zu lassen. Das Publikum muss das aushalten können. Kunst ist eine neue Sichtweise auf die Realität, kein Spiegel derselben. Sie darf provozieren, aber soll nicht bewusst auf Provokation angelegt sein, sonst wird es zu plump.
Sie sind Schauspieler, Musiker, Radiomoderator, Buchautor, Opernsänger, Comedian, haben eine eigene Fernsehsendung, sprechen Hörspiele ein etc. Was geben Sie als Berufsbezeichnung an?
Bei der Krankenkasse steht «Schauspieler» im Formular. Meistens fasse ich aber alles unter dem Begriff «Künstler» zusammen, das schränkt die Freiheit nicht ein.
Und was fehlt Ihnen noch in der Liste?
Eine Oper würde ich gern mal inszenieren! Dann könnte ich alle Bereiche, in denen ich bisher gearbeitet habe vereinen: Musik, Schauspielerei und Regie. Aber ich plane so etwas nicht. Die Dinge kommen von selbst, wenn man gelassen bleibt. So war das zumindest bei mir bislang immer.
Dieser Beitrag erschien im Aprilheft von Saiten. Das Interview wurde Anfang März geführt.
Die zweite Ausgabe des audiovisuellen Festivals Susurrus in der Mülenenschlucht widmet sich der «mehr-als-menschlichen» Mitwelt. Mit akustischen und performativen Interventionen erkundet das Festival neue Formen der Beziehung zwischen Mensch und Natur.
Das Theater an der Grenze in Kreuzlingen startet heute in die neue Spielzeit. Kürzlich verstarb die prägende Co-Präsidentin Anna Rink. Ausserdem fällt der bisherige Spielort im Kulturzentrum Kult-X bis Ende 2027 weg. Wie der Verein diese Hürden meistert, erzählen Präsidentin Vroni Ellenbroek und Klaus Okrafka aus der Programmleitung im Interview.
War der Auswärtssieg in Genf das Ende der Mini-Baisse? Gegen den FC Sion will der FC St.Gallen weitere drei Punkte einfahren. Ob das gelingt? Die Antwort gibt's ab 18 Uhr live im SENF-Ticker.
Auf seinem neuen Soloalbum thematisiert Manuel Stahlberger die Überhitzung. Die klimatische, die gesellschaftliche, die politische. Gemeinsam mit Bit-Tuner hat der St.Galler Musiker dafür einen düsteren, elektronischen Sound gefunden.
An Kleinbauten gehen wir oft achtlos vorbei: Buswartehäuschen, öffentliche WCs, nicht mehr gebrauchte Telefonkabinen oder Feuerwehr- und Strassenwärtermagazine. Aktuell gibt es dazu eine Ausstellung im 1. Stock des Rathauses St.Gallen.
Bis 2050 will die Stadt St.Gallen klimaneutral sein. Karin Hungerbühler und Tobias Fischer-Künzler von der Dienststelle Umwelt und Energie beantworten Fragen zur bevorstehenden Klimawoche und zum Klimaschutz in der Stadt.
Anita Zimmermann alias Leila Bock prägt die St.Galler Kulturszene seit Jahrzehnten – als Künstlerin, als Vermittlerin, als Ermöglicherin. Sie hat Widerstände überwunden und andere Künstler:innen immer wieder herausgefordert. Eine Würdigung
Die St.Galler Museumsnacht findet in diesem Jahr zum 20. Mal statt. Zum Jubiläum blickt Vereinspräsidentin Barbara Affolter zurück und nach vorne. Sie sagt, was die Museumsnacht bis heute ausmacht und wohin sie sich entwickeln soll.
Die Ausstellung «Voller Leben» des Vereins IG Halle Rapperswil wirft Schlaglichter auf künstlerische Schaffensprozesse und ihre Verbindungen zur Natur.
Kolumne: Stimmrecht
Der St.Galler Kunstkiosk wird fünfzehn Jahre alt. Gefeiert wird das mit einer Jubiläumsausstellung im ehemaligen Tiffany Night Club. Die Vernissage ist am 12. September. Saiten hat schon vor der Eröffnung vorbeigeschaut.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See