Jean-Paul Sartre beschreibt in seiner Analyse des Blicks folgende Situation: Jemand beobachtet durch ein Schlüsselloch ein Paar beim sexuellen Akt und wähnt sich dabei unbeobachtet, bis er Schritte hört. Er fühlt sich ertappt, durch den Blick eines anderen getroffen und begreift sich erst in diesem Moment selbst als das, was er ist: als Voyeur.
Was Sartre mit dieser Szene zeigen will, ist, dass der Andere uns durch seine Wahrnehmung zum Objekt macht und das Verhältnis zum eigenen Ich verändert. Der Andere bestimmt mit seinem Urteil (oder zumindest dem Urteil, das wir ihm vermeintlich zuschreiben) über unser Selbst und damit auch über unsere Freiheit: «Das Auftauchen des Anderen trifft das Für-sich mitten ins Herz.»
Liebeskummer statt Tagträumerei
Dieses Gedankenspiel wird im Stück Ich rufe meine Brüder facettenreich dargestellt. Gezeigt wird Amor, ein junger Mann mit den ganz normalen Problemen des Lebens. Er ist unglücklich verliebt in ein Mädchen, das ihn mag, «aber halt nicht so». Ein Satz wie ein Messerstich, eine Seifenblase platzt, anstelle von Tagträumerei tritt Liebeskummer.
Amors beste Kumpel ist zu nichts zu gebrauchen, er nervt mit seiner neuen Paparolle, schließlich hat er aber auch das schönste und schlauste Baby, das als Highlight des Tages Banane isst. Die Cousine geht Amor ebenfalls auf die Nerven mit ihren ständigen Bitten um einen Gefallen und ihrem Open-minded-Yoga-Gelabere.
Das alles aber gerät über Nacht in den Hintergrund: Amor rückt in den Blick der Anderen – der Gesellschaft. Ein Terroranschlag, verübt mit einem LKW, verändert die allgemeine Wahrnehmung. Amor ist nun potentieller Täter und fühlt sich verfolgt. Es beginnt eine Reise durch die Nacht und die Erlebenswelt Amors, die Paranoia tickt.
Nach dem Anschlag ist Vorsicht geboten. Ein Gedankenspiel fragt: Wie kleidet man sich unauffällig? Aber nicht zu unauffällig, denn das wäre ja schon wieder auffällig. Wie bewegt man sich möglichst normal? Wie kann man untertauchen in der breiten Masse, unsichtbar werden? Oder ist gerade das der falsche Weg? Ist es besser möglichst grell und schrill und bunt und laut zu sein? Jemand mit Glitzerfarbe im Gesicht und bunten Turnschuhen ist wohl kaum terrorverdächtig! Muss man sich also möglichst idiotisch benehmen, mit Megafonen durch die Strassen ziehen, um den Blick der Anderen wegzurücken vom LKW-Attentat?
Tolle Figuren, super Bühnenbild – Message bleibt aus
Alles dreht und wendet sich um diesen LKW, der fast die gesamte Bühne einnimmt und sich als wahre Wunderbox entpuppt. Darin enthalten sind eine Disko, ein Wohnzimmer, eine Wurstbude, und er wird auch mal zum PKW, der zum Roadtrip einlädt. Das reinste Allzweckfahrzeug also, das man am liebsten mitnehmen würde – immerhin wäre man damit für alle Eventualitäten des Lebens gerüstet (entworfen und umgesetzt wurde das Wahnsinnsteil von Christine Bertl).
Ich rufe meine Brüder: bis 13. April, Spiegelhalle Konstanz theaterkonstanz.de
Stefan Eberle führt Regie in diesem Stück und kreiert mit den drei Schauspielern Arlen Konietz, Laura Lippmann und Thomas Fritz Jung wunderbare Figuren. Letztgenannte springen zwischen verschiedenen Rollen, die in lässigen Kostümen die einzelnen Charaktere schnell und deutlich konturieren. Konietz bleibt das ganze Stück über Amor (Warum eigentlich diese Namenswahl? Der spitzbübische Liebesengel hat mit dieser Figur so gar nichts am Hut…) und zeigt sehr eindrücklich, wie sich die Gedanken und das Handeln unter den Blicken der anderen verwandeln.
Nicht klar wird hingegen die Hauptmessage des Stücks. Jonas Hassen Khemiri, der Autor, hat sich nach einem LKW-Terroranschlag vor Jahren in Stockholm mit einem Brief an die Schwedische Justizministerin gewandt. Er, als Halbtunesier, forderte sie auf, die Körper zu tauschen und auch die jeweiligen Erfahrungen, von denen einige am Ende des Stücks auf der Leinwand erscheinen: wie es ist, aufgrund des Aussehenes verdächtigt zu werden, bei jeder Passkontrolle, beim Betreten eines Plattenladens oder in der Schule.
«Ich checks nicht»
Dass die Merkmale für diesen Generalverdacht wandelbar sind und heute auf arabisch aussehende Personen zutreffen, morgen aber schon jeden anderen Stereotyp meinen könnten, will Eberle mit den drei Schauspielern verdeutlichen, die eben nicht dem aktuellen «Feindbild» entsprechen. Das führt aber im Stück selbst zu Verwirrungen, ebenso wie der Schauplatz LKW, der eingangs nicht als Terroranschlag deklariert wird, sondern erst so nach und nach aufgeklärt wird, was eigentlich passiert ist.
Das ist schade, denn die meisten Jugendlichen verlassen die Inszenierung an diesem Vormittag mit grossen Fragezeichen in ihren Gesichtern. Einer fragt vor den Toren der Konstanzer Spiegelhalle: «Warum war da eigentlich ein LKW auf der Bühne? Ich checks nicht.» Da gibt es für die begleitenden Lehrkräfte wohl noch ein wenig Interpretationsbedarf!
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.
Die Welt ist in stetem Wandel. Und manche Veränderungen sind irreversibel – Gletscher schmelzen, Tier- und Pflanzenarten sterben aus. Die Ausstellung «Flimmern» widmet sich der Bewusstwerdung dieses Wandels – und dem Schmerz, den er auslöst.
Die Grundlagen, mit denen die Befürworter:innen die dritte Autobanhröhre durch den Rosenberg in St.Gallen und die Teilspange mit dem Anschluss im Güterbahnhofareal fordern, basieren auf fragwürdigen Zahlen. Zu diesem Schluss kommt der Raum- und Verkehrsplaner Thomas Hug-Di Lena.
Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle
Die St.Galler Tanzkompanie feierte vergangenen Samstag mit From England with Love Premiere. Das Stück wagt sich abermals aus dem Gleichschritt – mit unmissverständlichen Gesten.
Das Kunsthaus Bregenz zeigt in der neuen Ausstellung Arbeiten der US-amerikanischen Künstlerin Torkwase Dyson. Ausgangspunkt ihrer grossformatigen geometrischen Skulpturen und poetischen Malereien bildet das Leben und die Befreiung Schwarzer Menschen.