Kategorie
Autor:innen
Jahr

Roadtrip unter Terrorverdacht

In der Konstanzer Spiegelhalle läuft derzeit das Jugendstück «Ich rufe meine Brüder» von Jonas Hassen Khemiri. Wenn man sich mit der Entstehung des Stückes beschäftigt, wird die Auswirkung von Vorverurteilungen und Generalverdächtigungen deutlich. Ohne das Programmheft gelesen zu haben, verlässt man das Stück aber mehr verwirrt als betroffen.
Von  Veronika Fischer , 
Arlen Konietz als Amor. (Bilder: Ilja Mess)

Jean-Paul Sartre beschreibt in seiner Analyse des Blicks folgende Situation: Jemand beobachtet durch ein Schlüsselloch ein Paar beim sexuellen Akt und wähnt sich dabei unbeobachtet, bis er Schritte hört. Er fühlt sich ertappt, durch den Blick eines anderen getroffen und begreift sich erst in diesem Moment selbst als das, was er ist: als Voyeur.

Was Sartre mit dieser Szene zeigen will, ist, dass der Andere uns durch seine Wahrnehmung zum Objekt macht und das Verhältnis zum eigenen Ich verändert. Der Andere bestimmt mit seinem Urteil (oder zumindest dem Urteil, das wir ihm vermeintlich zuschreiben) über unser Selbst und damit auch über unsere Freiheit: «Das Auftauchen des Anderen trifft das Für-sich mitten ins Herz.»

Liebeskummer statt Tagträumerei

Dieses Gedankenspiel wird im Stück Ich rufe meine Brüder facettenreich dargestellt. Gezeigt wird Amor, ein junger Mann mit den ganz normalen Problemen des Lebens. Er ist unglücklich verliebt in ein Mädchen, das ihn mag, «aber halt nicht so». Ein Satz wie ein Messerstich, eine Seifenblase platzt, anstelle von Tagträumerei tritt Liebeskummer.

Amors beste Kumpel ist zu nichts zu gebrauchen, er nervt mit seiner neuen Paparolle, schließlich hat er aber auch das schönste und schlauste Baby, das als Highlight des Tages Banane isst. Die Cousine geht Amor ebenfalls auf die Nerven mit ihren ständigen Bitten um einen Gefallen und ihrem Open-minded-Yoga-Gelabere.

Das alles aber gerät über Nacht in den Hintergrund: Amor rückt in den Blick der Anderen – der Gesellschaft. Ein Terroranschlag, verübt mit einem LKW, verändert die allgemeine Wahrnehmung. Amor ist nun potentieller Täter und fühlt sich verfolgt. Es beginnt eine Reise durch die Nacht und die Erlebenswelt Amors, die Paranoia tickt.

Nach dem Anschlag ist Vorsicht geboten. Ein Gedankenspiel fragt: Wie kleidet man sich unauffällig? Aber nicht zu unauffällig, denn das wäre ja schon wieder auffällig. Wie bewegt man sich möglichst normal? Wie kann man untertauchen in der breiten Masse, unsichtbar werden? Oder ist gerade das der falsche Weg? Ist es besser möglichst grell und schrill und bunt und laut zu sein? Jemand mit Glitzerfarbe im Gesicht und bunten Turnschuhen ist wohl kaum terrorverdächtig! Muss man sich also möglichst idiotisch benehmen, mit Megafonen durch die Strassen ziehen, um den Blick der Anderen wegzurücken vom LKW-Attentat?

Tolle Figuren, super Bühnenbild – Message bleibt aus

Alles dreht und wendet sich um diesen LKW, der fast die gesamte Bühne einnimmt und sich als wahre Wunderbox entpuppt. Darin enthalten sind eine Disko, ein Wohnzimmer, eine Wurstbude, und er wird auch mal zum PKW, der zum Roadtrip einlädt. Das reinste Allzweckfahrzeug also, das man am liebsten mitnehmen würde – immerhin wäre man damit für alle Eventualitäten des Lebens gerüstet (entworfen und umgesetzt wurde das Wahnsinnsteil von Christine Bertl).

Ich rufe meine Brüder:
bis 13. April, Spiegelhalle Konstanz
theaterkonstanz.de

Stefan Eberle führt Regie in diesem Stück und kreiert mit den drei Schauspielern Arlen Konietz, Laura Lippmann und Thomas Fritz Jung wunderbare Figuren. Letztgenannte springen zwischen verschiedenen Rollen, die in lässigen Kostümen die einzelnen Charaktere schnell und deutlich konturieren. Konietz bleibt das ganze Stück über Amor (Warum eigentlich diese Namenswahl? Der spitzbübische Liebesengel hat mit dieser Figur so gar nichts am Hut…) und zeigt sehr eindrücklich, wie sich die Gedanken und das Handeln unter den Blicken der anderen verwandeln.

Nicht klar wird hingegen die Hauptmessage des Stücks. Jonas Hassen Khemiri, der Autor, hat sich nach einem LKW-Terroranschlag vor Jahren in Stockholm mit einem Brief an die Schwedische Justizministerin gewandt. Er, als Halbtunesier, forderte sie auf, die Körper zu tauschen und auch die jeweiligen Erfahrungen, von denen einige am Ende des Stücks auf der Leinwand erscheinen: wie es ist, aufgrund des Aussehenes verdächtigt zu werden, bei jeder Passkontrolle, beim Betreten eines Plattenladens oder in der Schule.

«Ich checks nicht»

Dass die Merkmale für diesen Generalverdacht wandelbar sind und heute auf arabisch aussehende Personen zutreffen, morgen aber schon jeden anderen Stereotyp meinen könnten, will Eberle mit den drei Schauspielern verdeutlichen, die eben nicht dem aktuellen «Feindbild» entsprechen. Das führt aber im Stück selbst zu Verwirrungen, ebenso wie der Schauplatz LKW, der eingangs nicht als Terroranschlag deklariert wird, sondern erst so nach und nach aufgeklärt wird, was eigentlich passiert ist.

Das ist schade, denn die meisten Jugendlichen verlassen die Inszenierung an diesem Vormittag mit grossen Fragezeichen in ihren Gesichtern. Einer fragt vor den Toren der Konstanzer Spiegelhalle: «Warum war da eigentlich ein LKW auf der Bühne? Ich checks nicht.» Da gibt es für die begleitenden Lehrkräfte wohl noch ein wenig Interpretationsbedarf!

Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
DSC02464

Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft

Hu­mor und Hal­tung

Del­fi­ne, Her­zen und Flag­gen. Die «Il­lo Kon­stanz Vol. 5» zeigt über 60 Ar­bei­ten von in­ter­na­tio­na­len Il­lus­tra­to­ren. Die Schau lässt viel Raum für ei­ge­ne Zu­gän­ge, übt aber auch Kri­tik und zeigt Hal­tung.

Von Vera Zatti,
IMG 1890 2

«Die­ser Ort braucht ei­ne Per­spek­ti­ve»

Der Ver­ein Lat­tich im Gü­ter­bahn­hof­are­al St.Gal­len fei­ert das 10-Jahr-Ju­bi­lä­um. Noch im­mer kämpft er mit Ein­spra­chen. Der Vor­stand der Grün­dungs­pha­se hat auf­ge­ge­ben. Seit gut ei­nem Jahr bil­den Adel­heid Kar­li und Flo­rim Ša­ba­ni das Co-Prä­si­di­um.

Von Andi Giger, Bilder: Nayla Baumgartner,
2610 Redeplatz

Nachruf auf Urs Ullmann

«Wir nann­ten ihn ‹Sun­ny› we­gen sei­nes auf­ge­stell­ten Ge­müts»

Von Urs Oskar Keller,
Urs Ullmann Maerz 2023 Altnau Urs Oskar Keller

Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun

Vom Le­ben und Schrei­ben

Von Sieglinde Wöhrer,
Bildschirmfoto 2026 10 19 um 15 34 04

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Bücherherbst: Réduit von Alexander Raschle

Hoff­nung in ei­ner ver­stei­ner­ten Welt

Von Richard Butz,
Bildschirmfoto 2026 10 28 um 16 11 18

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter