Zappt man sich durchs abendliche Fernsehprogramm, so sieht man sie zuhauf: aufgekratzte Moderatorinnen, skurrile Kandidaten, viel Blingbling, Spass und Einschaltquoten – die Welt der Spieleshows. Der direkte Nahkampf, Face-to-Face, begleitet von Publikum, Kameras und einem unsichtbaren Team, das für die Zuschauerzahlen zu allem bereit ist: ein Spiegel unserer Gesellschaft? Man kann es so sehen. Man muss es so sehen – sagt Liliana Bosch. Sie lebt derzeit in Berlin und arbeitet seit Monaten an ihrem ersten eigenen Stück.
Liliana Bosch (Bild: Sabrina Meier)
Bosch ist eine zierliche Person, wirre Locken umranken ihr schmales Gesicht, auf den ersten Blick wirkt sie ein wenig zerbrechlich. Dieser Eindruck hält sich genau so lange, bis ihr Lachen ertönt. Es kommt aus der Tiefe und breitet sich aus, in ihrem Gesicht, ihrem Körper, im ganzen Raum. Man kommt auch nicht drum herum, denn es gibt kein Thema, das nicht durch scharfsinnige, geistreiche und witzige Kommentare ihrerseits ins Groteske gezogen wird.
Regisseurin mit politischen Ansprüchen
Dabei verliert sie dennoch nicht die Ernsthaftigkeit – im Gegenteil. Spricht Bosch über das Theater, so verfällt sie in einen Ton, der deutlich macht, dass es ihr in ihrer Arbeit um alles geht. Um nichts weniger. Sie reflektiert die Bühne als politischen Ort, als gesellschaftliches Abbild, als Sprachrohr der Ungehörten und Psychocouch der Masse. Und ebenfalls nichts weniger bringt sie ein in ihr erstes Theaterprojekt, das den Titel trägt: Lös geht’s – We want you for Revolution.
Geboren wurde Bosch 1990 in Konstanz, wo sie aufwuchs und schon zu Schulzeiten auf die Bühne trat. Im Jugendclub des Stadttheaters Konstanz war sie in Genua 01 und Pleasant View zu sehen, als Statistin dann in der Dreigroschenoper. Diese Projekte waren ausschlaggebend für die Entscheidung, die Bühne zum Arbeitsplatz zu machen.
Als ihr die Kleinstadt über den Kopf wuchs, zog es sie nach dem Abitur nach Berlin, in die Hauptstadt der Verrückten – was wäre ein besserer Ort für ein Schauspielstudium? Hier erhielt sie nicht nur ein Diplom der Schauspielschule Charlottenburg, sondern auch die Qualifikation, den perfekten Milchschaum auf einen Latte Macchiato zu zaubern. Derzeit macht sie eine Weiterbildung zur Theaterpädagogin mit Fokus Regie und Dramaturgie an der UdK – weg vom Schauspiel, hin zur Künstlerin.
Faire Gehälter, krasser Zeitdruck
In ihrer eigenen Produktion erhebt sie den Anspruch auf eine faire Bezahlung aller Beteiligten. «Keiner von uns ist an einem grossen staatlichen Haus engagiert, aber das ist auch eine bewusste Entscheidung. Es bedeutet Freiheit zu haben. Klar ist das Punkrock, wir sparen an allen Ecken und Enden, aber können letztendlich davon leben. Es ist kein krasser Lifestyle möglich, aber keiner von uns muss noch zusätzlich zu seiner Arbeit Schichten im Café schieben», sagt die junge Regisseurin.
Lös geht’s – We want you for revolution: 15. und 17. Juni, 20 Uhr, Kulturzentrum K9 Konstanz k9-kulturzentrum.de 18. Juni, 20 Uhr, Horst Klub Kreuzlingen horstklub.ch
Sie kümmert sich in ihrem Projekt um alles selbst. Von Konzeption, Vorarbeit, Regie bis zur Wahl der Spielorte ist sie zuständig. Plakate, Bühnenbild, Sound, Licht und Kostüme hat das Trio im Kollektiv geschaffen. «Viele Leute denken, dass so ein Kunstprojekt ja Spass macht, aber man kommt damit auch an die eigenen Grenzen. Es gibt einen krassen Zeitdruck, es ist körperlich anstrengend und man muss an alles denken. Darum ist ein faires Gehalt wichtig», so Bosch. Sie finanziert ihr Projekt mit Mitteln des Konstanzer Kulturfonds. Diese Förderung erlaubt es ihr, sich für das Projekt voll und ganz auf das Theater zu fokussieren. Darüber hinaus erhält sie eine Unterstützung von den Veranstaltungsorten. Der Horst Klub in Kreuzlingen stellt die Location kostenlos zur Verfügung und übernimmt ebenso wie das Konstanzer Kulturzentrum K9 Marketing und PR .
Die Kunst der Manipulation
In Lös geht’s – We want you for revolution bildet dieRevolutionsshow den Hauptstrang des Stückes. Zwei Kandidaten (Marisa Wojtkowiak und Gabriel Stohler) treten gegeneinander an. Der Gewinner kann seine Revolution realisieren, bekommt ein bedingungsloses Grundeinkommen und einen Kurztrip nach Kuba. Was die Kandidaten nicht wissen, ist, dass es um die innere Revolution geht, um die Suche nach sich selbst. Ein Weiterkommen ist nur durch einen inneren Entwicklungsschritt möglich.
Der Showmaster (Liliana Bosch) ist unsichtbar, eine Stimme aus dem Off. Sie weiss alles, kann alles entscheiden und steuern, manipuliert die beiden Spieler. Man kann sie deuten als einen Computeralgorhythmus, als Gott, die Stimme aus dem Unbewussten, die Sozialen Medien. Gespickt ist die Show von Bubbles – kleinen Szenen, die die Lebenswirklichkeit der Kandidaten spiegeln. Das sind Geschichten von Nachbarn, eigene Erlebnisse, ein Gesellschaftsspiegel. Sie machen deutlich, welchen Einflüssen die Kandidaten ausgesetzt sind, was sie prägt und zu dem macht, was sie sind.
Entstanden ist das Stück aus der Improvisation. Es gibt es ein Konzept, in welchem die Eckpunkte festgehalten sind, die einzelnen Dialoge aber spontan entwickelt werden. «Alles Filigrane und Schöne wird sonst zubetoniert», sagt Bosch. «Jetzt funktioniert das Stück wie Malen nach Zahlen. Es gibt festgelegte Punkte, an die wir kommen müssen, der Rest wird frei gestaltet.»
Inspiration für den Inhalt des Stückes fand Bosch in Berlin: «Dort gibt es viele Menschen, die kurz davor sind, durchs System zu fallen, oder schon ausgestiegen sind. Sie wollte ich darstellen.» Ihre Kandidaten sind keine extremen Charaktere, beide stecken aber in ihrem Leben fest. Er leidet an der Gesellschaft, sie an sich selbst – sie kapseln sich ab. Kurz vor der Isolation werden sie in die Show geworfen.
Auf Augenhöhe statt im Machtgefälle
Mit der Figur des Showmasters verarbeitet Bosch das Klischee des machtgeilen Regisseurs, das gerade medial diskutiert wird. Figuren wie Dieter Wedel, Harry Weinstein oder Bill Cosby zeigen, dass übergeordnete Positionen von Männern oftmals ausgenutzt werden, um Schauspielerinnen und Schauspieler zu manipulieren. Auch in der eigenen Realität war Bosch mit derartigen Methoden konfrontiert. «Ich war nie in der Situation, dass ich einen sexuellen Übergriff erlebt habe, aber ich kenne Regisseure, die ihre Schauspieler bewusst fertig machen, um ein gutes Spiel zu erleben. An der Schauspielschule wurden wir stellenweise solange mit scharfer Kritik konfrontiert, bis etwas rauskam. Tränen zum Beispiel», so Bosch.
Mit diesem Bild des wildgewordenen, manischen Regisseurs, mit dem Diktator und Manipulator, spielt sie in Lös geht’s. In der Entwicklung des Stückes hat Bosch den beiden Spielenden beispielsweise Regieanweisungen auf deren Smartphone geschickt. «So wussten sie nicht, was der andere gerade vorhat, wo er hin will. Dadurch haben sie sich manipuliert gefühlt. Das war wichtig für den Prozess», so die Regisseurin. «Teilweise hat es auch zu Verwirrungen gefühlt. Manchmal war nicht klar, ob wir gerade im Stück oder in der Realität sind. Dann wurde ich gefragt, ob ich jetzt als Showmaster oder als Regisseurin spreche. Mit dieser Dopplung von Ebenen und Hierarchien wollte ich bewusst spielen.» Klar war aber immer, dass es sich dabei um ein Spiel handeln sollte. Alle Beteiligten haben auf Augenhöhe zusammengearbeitet, es gab keine Hierarchien und keine Machtdemonstrationen.
Lös geht’s steht für einen Neustart, eine Erlösung, eine Antwort auf all die Krisen unserer Zeit. Bosch: «Es ist unsere Version von Wir schaffen das!»
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