Kategorie
Autor:innen
Jahr

It’s Time for Revolution, Baby!

Eine Dramödie nennt sie es: Mit «Lös Geht's - We want you for Revolution» gibt Liliana Bosch ihr Regiedebut in Konstanz und Kreuzlingen. In einer Show treten zwei Kandidaten zwischen Weltschmerz und Oberflächlichkeit, Spiel und Realität gegeneinander an.
Von  Veronika Fischer

Zappt man sich durchs abendliche Fernsehprogramm, so sieht man sie zuhauf: aufgekratzte Moderatorinnen, skurrile Kandidaten, viel Blingbling, Spass und Einschaltquoten – die Welt der Spieleshows. Der direkte Nahkampf, Face-to-Face, begleitet von Publikum, Kameras und einem unsichtbaren Team, das für die Zuschauerzahlen zu allem bereit ist: ein Spiegel unserer Gesellschaft? Man kann es so sehen. Man muss es so sehen – sagt Liliana Bosch. Sie lebt derzeit in Berlin und arbeitet seit Monaten an ihrem ersten eigenen Stück.

Liliana Bosch (Bild: Sabrina Meier)

Bosch ist eine zierliche Person, wirre Locken umranken ihr schmales Gesicht, auf den ersten Blick wirkt sie ein wenig zerbrechlich. Dieser Eindruck hält sich genau so lange, bis ihr Lachen ertönt. Es kommt aus der Tiefe und breitet sich aus, in ihrem Gesicht, ihrem Körper, im ganzen Raum. Man kommt auch nicht drum herum, denn es gibt kein Thema, das nicht durch scharfsinnige, geistreiche und witzige Kommentare ihrerseits ins Groteske gezogen wird.

Regisseurin mit politischen Ansprüchen

Dabei verliert sie dennoch nicht die Ernsthaftigkeit – im Gegenteil. Spricht Bosch über das Theater, so verfällt sie in einen Ton, der deutlich macht, dass es ihr in ihrer Arbeit um alles geht. Um nichts weniger. Sie reflektiert die Bühne als politischen Ort, als gesellschaftliches Abbild, als Sprachrohr der Ungehörten und Psychocouch der Masse. Und ebenfalls nichts weniger bringt sie ein in ihr erstes Theaterprojekt, das den Titel trägt: Lös geht’s – We want you for Revolution.

Geboren wurde Bosch 1990 in Konstanz, wo sie aufwuchs und schon zu Schulzeiten auf die Bühne trat. Im Jugendclub des Stadttheaters Konstanz war sie in Genua 01 und Pleasant View zu sehen, als Statistin dann in der Dreigroschenoper. Diese Projekte waren ausschlaggebend für die Entscheidung, die Bühne zum Arbeitsplatz zu machen.

Als ihr die Kleinstadt über den Kopf wuchs, zog es sie nach dem Abitur nach Berlin, in die Hauptstadt der Verrückten – was wäre ein besserer Ort für ein Schauspielstudium? Hier erhielt sie nicht nur ein Diplom der Schauspielschule Charlottenburg, sondern auch die Qualifikation, den perfekten Milchschaum auf einen Latte Macchiato zu zaubern. Derzeit macht sie eine Weiterbildung zur Theaterpädagogin mit Fokus Regie und Dramaturgie an der UdK – weg vom Schauspiel, hin zur Künstlerin.

Faire Gehälter, krasser Zeitdruck

In ihrer eigenen Produktion erhebt sie den Anspruch auf eine faire Bezahlung aller Beteiligten. «Keiner von uns ist an einem grossen staatlichen Haus engagiert, aber das ist auch eine bewusste Entscheidung. Es bedeutet Freiheit zu haben. Klar ist das Punkrock, wir sparen an allen Ecken und Enden, aber können letztendlich davon leben. Es ist kein krasser Lifestyle möglich, aber keiner von uns muss noch zusätzlich zu seiner Arbeit Schichten im Café schieben», sagt die junge Regisseurin.

Lös geht’s – We want you for revolution:
15. und 17. Juni, 20 Uhr, Kulturzentrum K9 Konstanz
k9-kulturzentrum.de
18. Juni, 20 Uhr, Horst Klub Kreuzlingen
horstklub.ch

Sie kümmert sich in ihrem Projekt um alles selbst. Von Konzeption, Vorarbeit, Regie bis zur Wahl der Spielorte ist sie zuständig. Plakate, Bühnenbild, Sound, Licht und Kostüme hat das Trio im Kollektiv geschaffen. «Viele Leute denken, dass so ein Kunstprojekt ja Spass macht, aber man kommt damit auch an die eigenen Grenzen. Es gibt einen krassen Zeitdruck, es ist körperlich anstrengend und man muss an alles denken. Darum ist ein faires Gehalt wichtig», so Bosch. Sie finanziert ihr Projekt mit Mitteln des Konstanzer Kulturfonds. Diese Förderung erlaubt es ihr, sich für das Projekt voll und ganz auf das Theater zu fokussieren. Darüber hinaus erhält sie eine Unterstützung von den Veranstaltungsorten. Der Horst Klub in Kreuzlingen stellt die Location kostenlos zur Verfügung und übernimmt ebenso wie das Konstanzer Kulturzentrum K9 Marketing und PR .

Die Kunst der Manipulation

In Lös geht’s – We want you for revolution bildet dieRevolutionsshow den Hauptstrang des Stückes. Zwei Kandidaten (Marisa Wojtkowiak und Gabriel Stohler) treten gegeneinander an. Der Gewinner kann seine Revolution realisieren, bekommt ein bedingungsloses Grundeinkommen und einen Kurztrip nach Kuba. Was die Kandidaten nicht wissen, ist, dass es um die innere Revolution geht, um die Suche nach sich selbst. Ein Weiterkommen ist nur durch einen inneren Entwicklungsschritt möglich.

Der Showmaster (Liliana Bosch) ist unsichtbar, eine Stimme aus dem Off. Sie weiss alles, kann alles entscheiden und steuern, manipuliert die beiden Spieler. Man kann sie deuten als einen Computeralgorhythmus, als Gott, die Stimme aus dem Unbewussten, die Sozialen Medien. Gespickt ist die Show von Bubbles – kleinen Szenen, die die Lebenswirklichkeit der Kandidaten spiegeln. Das sind Geschichten von Nachbarn, eigene Erlebnisse, ein Gesellschaftsspiegel. Sie machen deutlich, welchen Einflüssen die Kandidaten ausgesetzt sind, was sie prägt und zu dem macht, was sie sind.

Entstanden ist das Stück aus der Improvisation. Es gibt es ein Konzept, in welchem die Eckpunkte festgehalten sind, die einzelnen Dialoge aber spontan entwickelt werden. «Alles Filigrane und Schöne wird sonst zubetoniert», sagt Bosch. «Jetzt funktioniert das Stück wie Malen nach Zahlen. Es gibt festgelegte Punkte, an die wir kommen müssen, der Rest wird frei gestaltet.»

Inspiration für den Inhalt des Stückes fand Bosch in Berlin: «Dort gibt es viele Menschen, die kurz davor sind, durchs System zu fallen, oder schon ausgestiegen sind. Sie wollte ich darstellen.» Ihre Kandidaten sind keine extremen Charaktere, beide stecken aber in ihrem Leben fest. Er leidet an der Gesellschaft, sie an sich selbst – sie kapseln sich ab. Kurz vor der Isolation werden sie in die Show geworfen.

Auf Augenhöhe statt im Machtgefälle

Mit der Figur des Showmasters verarbeitet Bosch das Klischee des machtgeilen Regisseurs, das gerade medial diskutiert wird. Figuren wie Dieter Wedel, Harry Weinstein oder Bill Cosby zeigen, dass übergeordnete Positionen von Männern oftmals ausgenutzt werden, um Schauspielerinnen und Schauspieler zu manipulieren. Auch in der eigenen Realität war Bosch mit derartigen Methoden konfrontiert. «Ich war nie in der Situation, dass ich einen sexuellen Übergriff erlebt habe, aber ich kenne Regisseure, die ihre Schauspieler bewusst fertig machen, um ein gutes Spiel zu erleben. An der Schauspielschule wurden wir stellenweise solange mit scharfer Kritik konfrontiert, bis etwas rauskam. Tränen zum Beispiel», so Bosch.

Mit diesem Bild des wildgewordenen, manischen Regisseurs, mit dem Diktator und Manipulator, spielt sie in Lös geht’s. In der Entwicklung des Stückes hat Bosch den beiden Spielenden beispielsweise Regieanweisungen auf deren Smartphone geschickt. «So wussten sie nicht, was der andere gerade vorhat, wo er hin will. Dadurch haben sie sich manipuliert gefühlt. Das war wichtig für den Prozess», so die Regisseurin. «Teilweise hat es auch zu Verwirrungen gefühlt. Manchmal war nicht klar, ob wir gerade im Stück  oder in der Realität sind. Dann wurde ich gefragt, ob ich jetzt als Showmaster oder als Regisseurin spreche. Mit dieser Dopplung von Ebenen und Hierarchien wollte ich bewusst spielen.» Klar war aber immer, dass es sich dabei um ein Spiel handeln sollte. Alle Beteiligten haben auf Augenhöhe zusammengearbeitet, es gab keine Hierarchien und keine Machtdemonstrationen.

Lös geht’s steht für einen Neustart, eine Erlösung, eine Antwort auf all die Krisen unserer Zeit. Bosch: «Es ist unsere Version von Wir schaffen das

 

 

 

 

 

 

 

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02

St.Gal­len plant Kon­sum­raum für Sucht­kran­ke

Hin­ter dem St.Gal­ler Haupt­bahn­hof soll ein Kon­sum­raum für Men­schen mit schwe­ren Sucht­er­kran­kun­gen ent­ste­hen. Die­se Wo­che ha­ben die Stadt und die Stif­tung Sucht­hil­fe An­woh­ner:in­nen ein­ge­la­den, um ei­nen ers­ten Dia­log zu star­ten. 

Von  Philipp Bürkler
Liegeschaft Lagerstrasse 2 4