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Über den Umgang mit der Kultur(-losigkeit)

Streit ums Konstanzer Theater: Die Intendanz von Christoph Nix wird nach Ende seines Vertrags 2020 nicht verlängert, die Baden-Württembergischen Theatertage finden deshalb nicht dort statt. Ein sinnloser Kampf von Lokalpolitik und Kunst wurde ohne Sieger beendet – ein Kommentar.
Von  Veronika Fischer , 
Eines der Theaterplakate, die zum Jahreswechsel überall in Konstanz hingen. Hier mit einer von drei Strophen von Wolfgang Borcherts Gedicht «Versuch es». (Bild: Veronika Fischer)

Das Büro des Intendanten des Stadttheaters Konstanz, Christoph Nix, befindet sich im zweiten Stock. Darin stehen ein langer Besprechungstisch mit vielen Stühlen, zwei Ledersessel, ein Schreibtisch. In einer Ecke steht ein Fernsehwagen mit VHS-Rekorder. Auf jeder freien Ablagefläche Papierstapel und Bücher. An der Wand hängen unterschiedlichste Dinge, bunt durcheinander. Eine Aufnahme von Nix in einer Gruppe afrikanischer Kinder in Postergrösse, ein peruanischer Teppich, ein gerahmter historischer Zeitungsartikel mit der Überschrift «Wie bleibe ich Intendant?».

Darunter sitzt Nix an diesem kalten Februartag – wie passend. Seit einigen Wochen machen er und sein Haus ungewollt Schlagzeilen. Nun hat der Intendant am Dienstag Journalisten in sein Büro geladen, gemeinsam mit dem Anwalt Gerd Zahner und drei Mitarbeitern des Theaters. Alle behalten die Jacken an. Es ist eiskalt im Büro, die Heizung ist ausgefallen. «Eine Sparmassnahme der Stadt?» witzelt man vor der Sitzung. Doch Nix ist nicht nach Scherzen zumute: «Lassen Sie uns die Fakten betrachten.»

Christoph Nix, seit zwölf Jahren Theaterintendant in Konstanz. (Bild: «Südkurier»)

Kurz stellt er den Sachverhalt dar: Letzten Sommer beschliesst der Bühnenverein Baden-Württemberg, dass die Theatertage 2019 in Konstanz stattfinden sollen. Zeitgleich beginnt dort die Planung des Projektes «Atlantis», ein Theaterschiff, das die Dreiländerregion abfahren soll. Die Mitarbeitenden des Theaters stellen damals gegenüber dem Kulturbürgermeister Andreas Osner klar, dass beide Grossveranstaltungen nur durchführbar seien, wenn die Intendanz um ein Jahr verlängert wird. Das wird jedoch abgelehnt in einer nicht-öffentlichen Sitzung des Gemeinderates. Laut der dort vertretenen «Linken Liste Konstanz» hätte die Abstimmung aufgrund formaler Fehler wiederholt werden müssen. Proteste in der Bevölkerung sowie der Theaterszene machen deutlich, dass ein grosses Interesse dran besteht, Nix weiterhin als Intendanten zu behalten. Ebenso eine Petition mit fast 1600 Unterschriften.

Ein leerer Kompromiss

Oberbürgermeister Uli Burchardt und Kulturbürgermeister Andreas Osner finden daraufhin zusammen mit Nix einen Kompromiss: Mit einer um ein halbes Jahr verlängerten Amtszeit wären beide Grossveranstaltungen am Theater durchführbar. Es gibt eine erneute Abstimmung, die in einem Patt endet: 17 Gemeinderäte stimmen für Nix, 17 gegen ihn. Da eine Mehrheit erforderlich gewesen wäre, ist die Verlängerung somit hinfällig. Das Stadttheater Konstanz muss die Theatertage absagen.

In einem Interview mit dem Südkurier erklärt Osner daraufhin, warum er sich kurzfristig doch gegen den von Burchardt vorgeschlagenen Kompromiss entschieden hat und das auch vor der Abstimmung im Gemeinderat bekannt gab. Das Interview enthält Aussagen, die das Theater seinerseits richtig stellen will: Es liegen Dokumente vor, die eindeutig belegen, dass die Absprachen mit dem Bühnenverein BaWü anders liefen, als vom Kulturbürgermeister dargestellt.

Im Gespräch am Dienstag geht es Nix aber nicht darum, Osner persönlich anzugreifen. Es geht ihm vielmehr um den allgemeinen Umgang mit der Kultur und den Kulturschaffenden: In der Kommunalpolitik werden hinter verschossenen Türen Entscheidungen getroffen, uneinsichtig für die Bürgerinnen und Bürger und in diesem Fall auch für den Betroffenen, den Intendanten des Stadttheaters.

Schon einige Male stand Nix im Konflikt mit der lokalen Obrigkeit, etwa als er in seinem Theatermagazin stadtkritische Texte veröffentlichte, oder als er für höhere Gagen seines Ensembles kämpfte. Offensichtlich hat er sich im Rathaus bei einigen unbeliebt gemacht. Dass die Verhandlungen der vergangenen Wochen aber in dermassen kontroverse Richtungen liefen und nun ein besonderer Event wie die Theatertage nicht stattfinden kann, ist schlicht traurig. Man sieht es Nix an. Die Fassungslosigkeit und Betroffenheit ist auch seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Gesicht geschrieben. Und die Fragen, die daran anschliessen.

Für Aussenstehende ist es schwierig zu beurteilen, an welcher Stelle die Kommunikation schief lief, wo das Steinchen ins Rollen kam, das letztlich zu diesem Ergebnis führte, das für alle Seiten unbefriedigend ist und vor allem auf Kosten der Konstanzerinnen und Konstanzer geht. Die Theatertage wären unzweifelhaft eine Bereicherung für das kulturelle Leben am See gewesen – und eine Möglichkeit, über die eigenen Ufer hinaus von sich hören zu machen.

Fragen zum Umgang mit der Kultur drängen sich auf

In was für einer Stadt leben wir Konstanzer also, wenn ein Gemeinderat eine Abstimmung unter Ausschluss der Öffentlichkeit machen muss, um über das Interesse der Allgemeinheit zu bestimmen? Nach und nach werden immer mehr Stimmen laut, die fordern, dass die Gemeinderäte sich öffentlich zu ihrem Abstimmungsverhalten bekennen sollen. Es geht immerhin nicht um eine persönliche Meinung, sondern darum, das Interesse der Wählerinnen und Wähler zu repräsentieren, und diese wüssten gern, wer dieses Versprechen in welcher Form umsetzt. Zu einem öffentlichen Plenum, in dem das Theater den Dialog zu Bürgern und Politikern suchte, waren weder Osner noch Burckhard erschienen.

In welcher Gesellschaft leben wir, wenn ein derartiger Umgang mit Versprechen zur Normalität wird? Nix erzählt, dass der Oberbürgermeister kurz vor der zweiten Abstimmung noch heiter ein Selfie mit dem Intendanten geschossen und ihm eine grosse Abschiedsspielzeit gewünscht habe, und dann habe Bürgermeister Osner, wie Nix zugetragen wurde, im nächsten Augenblick hinter verschlossenen Türen des Gemeinderates ein Plädoyer gegen die halbjährige Verlängerung des Intendanten gehalten. Dies bestätigen auch Gemeinderatsmitglieder.

Werden nicht die Grenzen des Anstands grob verletzt, wenn die Arbeit eines engagierten Menschen, der über ein Jahrzehnt Zeit, Energie, Intellekt und Herzblut in einen Kulturbetrieb steckt, der ökonomisch, künstlerisch und zwischenmenschlich funktioniert, derart abrupt und intrigant beendet wird? Wo bleiben Wertschätzung, Anerkennung und Dankbarkeit für diese Leistungen? Wie kann man diese Arbeit in solcher Weise enden lassen? Und nicht zuletzt stellt sich auch die Frage, wie auf dieser Basis eine Nachfolge gefunden werden soll, der sich auf eine Arbeitsatmosphäre einlässt, die beim Vorgänger derart entgleisen konnte.

Und was bedeutet exakt dieser Umgang für das Theater im Allgemeinen? Ist eine Beleuchtung politischer und gesellschaftskritischer Themen hier überhaupt noch erwünscht? Oder geht es der Konstanzer Obrigkeit darum, lediglich gut unterhalten zu werden? Dann reicht auch der sonntagabendliche «Tatort» in der Jogginghose oder «Game of Thrones» auf Netflix. Wozu braucht es dann noch Häuser mit Kronleuchtern und Sesseln aus rotem Samt? Wohin mit all den elegant gekleideten Menschen, denen nicht nur die Robe, sondern in erster Linie der innewohnende Geist gut steht? Und was ist mit all jenen, die es sich zur Lebensaufgabe machen, Gedanken, Gefühle und Geschichten in Bilder zu verpacken, in Sprache zu formen und in Liedern zu singen? Wird all das in Zukunft überflüssig sein? Man muss es befürchten, wenn so mit der Kultur umgegangen wird.

Denn wer Kultur auf hohem Niveau geniessen will, muss in erster Linie eines tun: die Kulturschaffenden niveauvoll behandeln.

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Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

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Von Philipp Bürkler,
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Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover

Sound­track für den Herbst

Hu­man Hu­man spie­len me­lan­cho­li­schen und fra­gi­len In­die-Pop, der trotz­dem warm und licht­durch­flu­tet ist. Das St.Gal­ler Duo hat jetzt sei­ne ers­te EP ver­öf­fent­licht und tritt am Wo­chen­en­de gleich zwei­mal im Bahn­hof Brug­gen auf – erst­mals mit ei­ner Band.

Von David Gadze,
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Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat

Men­schen­wür­de, nicht Bud­get­pos­ten

Von Christoph Keller,

Der Neo­na­zipfar­rer

1976 lässt sich Gerd Zi­keli in der evan­ge­li­schen Kirch­ge­mein­de St.Gal­len-Strau­ben­zell zum Pfar­rer wäh­len. Drei Jah­re spä­ter wird er als gut ver­netz­ter Ho­lo­caust-Leug­ner und Vor­stands­mit­glie­der der ers­ten Neo­na­zi­grup­pe der Schweiz ent­tarnt. Heu­te be­ob­ach­tet er Lauf­enten.

Von Roman Hertler,
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Das Glück, bei Pe­ter Kamm Stein zu sein

Bild­hau­er Pe­ter Kamm haut kei­ne Stei­ne mehr im Ate­lier. Trotz­dem ent­ste­hen neue Skulp­tu­ren, die ak­tu­ell in Steck­born zu se­hen sind. Wie geht das?

Von Ursula Badrutt,
Peter Kamm Kunst am Bau Erweiterungsbau Paedagogische Hochschule Kreuzlingen

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von René Hornung,
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

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Von Vera Zatti,
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights