Das Büro des Intendanten des Stadttheaters Konstanz, Christoph Nix, befindet sich im zweiten Stock. Darin stehen ein langer Besprechungstisch mit vielen Stühlen, zwei Ledersessel, ein Schreibtisch. In einer Ecke steht ein Fernsehwagen mit VHS-Rekorder. Auf jeder freien Ablagefläche Papierstapel und Bücher. An der Wand hängen unterschiedlichste Dinge, bunt durcheinander. Eine Aufnahme von Nix in einer Gruppe afrikanischer Kinder in Postergrösse, ein peruanischer Teppich, ein gerahmter historischer Zeitungsartikel mit der Überschrift «Wie bleibe ich Intendant?».
Darunter sitzt Nix an diesem kalten Februartag – wie passend. Seit einigen Wochen machen er und sein Haus ungewollt Schlagzeilen. Nun hat der Intendant am Dienstag Journalisten in sein Büro geladen, gemeinsam mit dem Anwalt Gerd Zahner und drei Mitarbeitern des Theaters. Alle behalten die Jacken an. Es ist eiskalt im Büro, die Heizung ist ausgefallen. «Eine Sparmassnahme der Stadt?» witzelt man vor der Sitzung. Doch Nix ist nicht nach Scherzen zumute: «Lassen Sie uns die Fakten betrachten.»
Christoph Nix, seit zwölf Jahren Theaterintendant in Konstanz. (Bild: «Südkurier»)
Kurz stellt er den Sachverhalt dar: Letzten Sommer beschliesst der Bühnenverein Baden-Württemberg, dass die Theatertage 2019 in Konstanz stattfinden sollen. Zeitgleich beginnt dort die Planung des Projektes «Atlantis», ein Theaterschiff, das die Dreiländerregion abfahren soll. Die Mitarbeitenden des Theaters stellen damals gegenüber dem Kulturbürgermeister Andreas Osner klar, dass beide Grossveranstaltungen nur durchführbar seien, wenn die Intendanz um ein Jahr verlängert wird. Das wird jedoch abgelehnt in einer nicht-öffentlichen Sitzung des Gemeinderates. Laut der dort vertretenen «Linken Liste Konstanz» hätte die Abstimmung aufgrund formaler Fehler wiederholt werden müssen. Proteste in der Bevölkerung sowie der Theaterszene machen deutlich, dass ein grosses Interesse dran besteht, Nix weiterhin als Intendanten zu behalten. Ebenso eine Petition mit fast 1600 Unterschriften.
Ein leerer Kompromiss
Oberbürgermeister Uli Burchardt und Kulturbürgermeister Andreas Osner finden daraufhin zusammen mit Nix einen Kompromiss: Mit einer um ein halbes Jahr verlängerten Amtszeit wären beide Grossveranstaltungen am Theater durchführbar. Es gibt eine erneute Abstimmung, die in einem Patt endet: 17 Gemeinderäte stimmen für Nix, 17 gegen ihn. Da eine Mehrheit erforderlich gewesen wäre, ist die Verlängerung somit hinfällig. Das Stadttheater Konstanz muss die Theatertage absagen.
In einem Interview mit dem Südkurier erklärt Osner daraufhin, warum er sich kurzfristig doch gegen den von Burchardt vorgeschlagenen Kompromiss entschieden hat und das auch vor der Abstimmung im Gemeinderat bekannt gab. Das Interview enthält Aussagen, die das Theater seinerseits richtig stellen will: Es liegen Dokumente vor, die eindeutig belegen, dass die Absprachen mit dem Bühnenverein BaWü anders liefen, als vom Kulturbürgermeister dargestellt.
Im Gespräch am Dienstag geht es Nix aber nicht darum, Osner persönlich anzugreifen. Es geht ihm vielmehr um den allgemeinen Umgang mit der Kultur und den Kulturschaffenden: In der Kommunalpolitik werden hinter verschossenen Türen Entscheidungen getroffen, uneinsichtig für die Bürgerinnen und Bürger und in diesem Fall auch für den Betroffenen, den Intendanten des Stadttheaters.
Schon einige Male stand Nix im Konflikt mit der lokalen Obrigkeit, etwa als er in seinem Theatermagazin stadtkritische Texte veröffentlichte, oder als er für höhere Gagen seines Ensembles kämpfte. Offensichtlich hat er sich im Rathaus bei einigen unbeliebt gemacht. Dass die Verhandlungen der vergangenen Wochen aber in dermassen kontroverse Richtungen liefen und nun ein besonderer Event wie die Theatertage nicht stattfinden kann, ist schlicht traurig. Man sieht es Nix an. Die Fassungslosigkeit und Betroffenheit ist auch seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ins Gesicht geschrieben. Und die Fragen, die daran anschliessen.
Für Aussenstehende ist es schwierig zu beurteilen, an welcher Stelle die Kommunikation schief lief, wo das Steinchen ins Rollen kam, das letztlich zu diesem Ergebnis führte, das für alle Seiten unbefriedigend ist und vor allem auf Kosten der Konstanzerinnen und Konstanzer geht. Die Theatertage wären unzweifelhaft eine Bereicherung für das kulturelle Leben am See gewesen – und eine Möglichkeit, über die eigenen Ufer hinaus von sich hören zu machen.
Fragen zum Umgang mit der Kultur drängen sich auf
In was für einer Stadt leben wir Konstanzer also, wenn ein Gemeinderat eine Abstimmung unter Ausschluss der Öffentlichkeit machen muss, um über das Interesse der Allgemeinheit zu bestimmen? Nach und nach werden immer mehr Stimmen laut, die fordern, dass die Gemeinderäte sich öffentlich zu ihrem Abstimmungsverhalten bekennen sollen. Es geht immerhin nicht um eine persönliche Meinung, sondern darum, das Interesse der Wählerinnen und Wähler zu repräsentieren, und diese wüssten gern, wer dieses Versprechen in welcher Form umsetzt. Zu einem öffentlichen Plenum, in dem das Theater den Dialog zu Bürgern und Politikern suchte, waren weder Osner noch Burckhard erschienen.
In welcher Gesellschaft leben wir, wenn ein derartiger Umgang mit Versprechen zur Normalität wird? Nix erzählt, dass der Oberbürgermeister kurz vor der zweiten Abstimmung noch heiter ein Selfie mit dem Intendanten geschossen und ihm eine grosse Abschiedsspielzeit gewünscht habe, und dann habe Bürgermeister Osner, wie Nix zugetragen wurde, im nächsten Augenblick hinter verschlossenen Türen des Gemeinderates ein Plädoyer gegen die halbjährige Verlängerung des Intendanten gehalten. Dies bestätigen auch Gemeinderatsmitglieder.
Werden nicht die Grenzen des Anstands grob verletzt, wenn die Arbeit eines engagierten Menschen, der über ein Jahrzehnt Zeit, Energie, Intellekt und Herzblut in einen Kulturbetrieb steckt, der ökonomisch, künstlerisch und zwischenmenschlich funktioniert, derart abrupt und intrigant beendet wird? Wo bleiben Wertschätzung, Anerkennung und Dankbarkeit für diese Leistungen? Wie kann man diese Arbeit in solcher Weise enden lassen? Und nicht zuletzt stellt sich auch die Frage, wie auf dieser Basis eine Nachfolge gefunden werden soll, der sich auf eine Arbeitsatmosphäre einlässt, die beim Vorgänger derart entgleisen konnte.
Und was bedeutet exakt dieser Umgang für das Theater im Allgemeinen? Ist eine Beleuchtung politischer und gesellschaftskritischer Themen hier überhaupt noch erwünscht? Oder geht es der Konstanzer Obrigkeit darum, lediglich gut unterhalten zu werden? Dann reicht auch der sonntagabendliche «Tatort» in der Jogginghose oder «Game of Thrones» auf Netflix. Wozu braucht es dann noch Häuser mit Kronleuchtern und Sesseln aus rotem Samt? Wohin mit all den elegant gekleideten Menschen, denen nicht nur die Robe, sondern in erster Linie der innewohnende Geist gut steht? Und was ist mit all jenen, die es sich zur Lebensaufgabe machen, Gedanken, Gefühle und Geschichten in Bilder zu verpacken, in Sprache zu formen und in Liedern zu singen? Wird all das in Zukunft überflüssig sein? Man muss es befürchten, wenn so mit der Kultur umgegangen wird.
Denn wer Kultur auf hohem Niveau geniessen will, muss in erster Linie eines tun: die Kulturschaffenden niveauvoll behandeln.
Der diesjährige Autorenwettbewerb der Theater St.Gallen und Konstanz geht in die Schlussrunde: Im Final ist auch die in Ausserrhoden aufgewachsene Rebecca C.Schnyder.
Eigentlich war das Aus des Konstanzer Programmkinos Scala für Ende Jahr geplant. Schon seit Monaten im Zustand der Schnappatmung, konnte es Kinobetreiber Detlef Rabe anscheinend kaum erwarten, ihm ein vorzeitiges Ende zu bereiten. Am 29. November wurde es mit einer etwas schräg anmutenden Zeremonie beerdigt.
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.
Human Human spielen melancholischen und fragilen Indie-Pop, der trotzdem warm und lichtdurchflutet ist. Das St.Galler Duo hat jetzt seine erste EP veröffentlicht und tritt am Wochenende gleich zweimal im Bahnhof Bruggen auf – erstmals mit einer Band.
Kommentar zur Beratung der Inklusionsinitiative im Nationalrat
1976 lässt sich Gerd Zikeli in der evangelischen Kirchgemeinde St.Gallen-Straubenzell zum Pfarrer wählen. Drei Jahre später wird er als gut vernetzter Holocaust-Leugner und Vorstandsmitglieder der ersten Neonazigruppe der Schweiz enttarnt. Heute beobachtet er Laufenten.
Bildhauer Peter Kamm haut keine Steine mehr im Atelier. Trotzdem entstehen neue Skulpturen, die aktuell in Steckborn zu sehen sind. Wie geht das?
In vielen Ausserrhoder Dörfern klapperten früher Webstühle und später Stickmaschinen. Inzwischen sind sie alle verstummt. Der Film Das Ende einer Ära porträtiert die Sticker Walter Sonderegger Senior und Junior aus Rehetobel und setzt der Branche ein Denkmal.
Der Schweizer Filmemacher Kaspar Kasics überlässt in seinem neuen Film Das unendliche Jetzt Menschen, die mit Demenz leben, die Bühne. Ein Experiment mit einem aussergewöhnlichen Storytelling, auf das es sich einzulassen lohnt.