Kategorie
Autor:innen
Jahr

#Saitenfährtein in Konstanz

Diesen Monat hat es die Saiten-Bande nach Kreuzlingen und ins vorweihnächtliche Konstanz verschlagen. Hier die Bilder aus dem nahen Europa – wo die Marktstände nicht so eintönig und streng normiert sind wie in St.Sternenstadt.
Von  Corinne Riedener , 
Glühwein: ein Lichtblick im Sammelbecken für Staubfänger und Freizeitsäufer. (Bilder: co)

Der Blick ins Tal am frühen Dienstagmorgen hat wiedermal eines vor Augen geführt: Das Nebelmeer ist nur von Weitem schön.

Wir haben uns trotzdem auf den Weg dorthin gemacht, auch wenn wir es mit jedem Meter mehr bereuten. Trotzdem. Der gelbe Saitenbus stach tapfer immer tiefer hinein und pünktlich nach Meggenhus hatten wir vergessen, dass sowas wie Sonnenwetter überhaupt jemals existiert hat. Irgendwo.

foto

Etwas zerknittert kamen wir gegen Mittag endlich an im kalten Konstanz. Nach gefühlten 100 Stunden auf der Nicht-Autobahn durch den milchweissen Thurgau tuckernd, fuhren wir ein in die grosszügige Parkingoase am Rande der Altstadt. Und hatten Hunger.

Das Budget sollte wenigstens reichen für etwas Sonnenschein im Magen, dachten wir, und steuerten zielstrebig zum Griechen, wo wir erstmal ein ordentliches Fressfest veranstalteten, um wieder auf Betriebstemperatur zu kommen. Dort erfuhren wir auch, dass Pantominen nur hinein dürfen, wenn sie auch was essen. Gearbeitet wird auf der Gasse.

img_8201

Pappsatt trennten sich unsere Wege: Ein Teil ging Richtung Aussenquartiere, der andere Richtung Altstadt und Weihnachtsmarkt.

Ja, zum Weihnachtsmarkt. Es gibt sinnvolleres, schon klar. Und gemütlicheres. Aber da wir in letzter Zeit immer wieder in den Genuss phantastischer Erzählungen und Facebook-Postings vom Konstanzer Weihnachtsmarkt gekommen sind, haben wir beschlosssen, dass wir diesem Sammelbecken für Staubfänger und Freizeitsäufer trotzdem eine Chance geben wollen.

Zuerst ging es aber in den Plattenladen. Das gibt es noch! In St.Gallen sind sie ja bekanntlich am Aussterben, zumindest jene, in der allseits aufgewerteten Innenstadt. Dagegen brummt das Geschäft im Konstanzer «Studio 1» regelrecht, wenn man dem Inhaber glauben will. Auch dank auswärtiger Kundschaft: «Die Schweizer kommen zu uns, weil die Platten hier günstiger sind», erklärte er. Und das einen Tag, nachdem die Vinylverkäufe in Grossbritannien zum ersten Mal die Downloadeinnahmen übersteigen. Es hätte keinen schöneren Satz geben können.

img_8206

Leider war die Musikauswahl nicht ganz so breit gefächert, wie wir uns das gewünscht hätten. Henu, für zwei Bijoux hat es gereicht.

Später haben wir uns dann sagen lassen, dass das «Studio 1» sein Sortiment in letzter Zeit «doch um einiges aufgestockt» habe. Gut so. Wenn jetzt noch all die CD’s verschwinden, die seit den Nullerjahren eh niemand mehr kauft, hat es bald auch Platz für weitere Sparten. Apropos abgelaufen – auch das haben wir gefunden:

img_8205

Gegen 15 Uhr ging es weiter Richtung Weihnachtsmarkt, und wie gerufen pressten sich plötzlich zweidrei Sonnenstrahlen durchs Nebeldickicht. So war die vorwiegend Schweizerdeutsch sprechende Menschenmasse in der Altstadt fast schon erträglich.

Eine Tasse Glühwein am Seeufer konnte trotzdem nicht schaden. Mit Schuss. Schmeckte gut – auch dank der Aussicht aufs hartnipplige Dekolletee der «Imperia» und der Gesellschaft dutzender Möwen und Tauben – und angesichts der Preise in St.Sternenstadt (NAZ Glühwein Spezial: CHF 6.–) gleich noch ein bisschen besser.

img_8209

Von dort aus hätte man auch übersetzen können, zum Beispiel nach Friedrichshafen. «You can take se Kätämärän, if you like!», frohlockte eine weibliche Stimme im Lautsprecher. Aber an diesem Tag hatten wir eine andere Mission.

Der Gang durch den Weihnachtsmarkt fühlte sich eher zwiespältig an. Einerseits war es eine Freude zu sehen, dass die Marktstände in Konstanz nicht alle so tupfgleich aussehen wie jene in St.Gallen, sondern fast durchwegs Einzelanfertigungen sind. Manche Chalets haben Moos und Tannenchrääs an den Wänden, andere selbstgebaute Vordächer oder geschnitzte Theken. Und überall gibt es Quiches!

img_8207

Andererseits war da das Sortiment. Völlig austauschbar, vom holzigen Rüstbrettli bis zur hinterletzten Strohgans. Dieser ganze Schmuck, all die Kerzenständer und Duftpalästchen: Wofür braucht man diesen Scheiss eigentlich?

Wir waren uns einig: Weihnachtsmärkte rangieren definitiv ganz weit oben in der Maslowschen Bedürfnispyramide.

img_8212

Immerhin, Kirche, Sex und Drogen waren wohl noch nie so nah beieinander wie am Konstanzer Weihnachtsmarkt.

…Wenn wir diesbezüglich noch eine Kleinigkeit anmerken dürfen: Cannabis schreibt sich laut Duden mit zwei «n». Und wir müssens wissen, schliesslich gehören wir zur schreibenden Zunft.

img_8211

Ganz abstinent bleiben konnten wir auch nicht – beim Anblick dieser Schilder mussten wir einfach spontan das Portemonnaie zücken. Dreimal dürft ihr raten, welches Schild bald das neue Saiten-Büro an der Frongarten zieren wird…

img_8216

Um 15 Euro ärmer machten wir uns gegen halb fünf auf ins Warme, genauer gesagt ins Café Exxtra. Ein versteckter, beizeliger Ort samt schwarzer Hauskatze an der Hieronymusgasse nahe dem Kulturzentrum K9.

An dieser Stelle ein kleiner Veranstaltungstipp, einfach weil sich der Name so sympa liest:

img_8217

Ein Bier später standen wir wieder auf dem Weihnachtsmarkt. Diesen fanden wir immer noch nicht gerade umwerfend, aber mit der Dämmerung kam zumindest ein Stück weit auch die Versöhnung. Weil im Dunkeln alles schöner ist. Vor allem, wenn es mit Menschen zu tun hat. Und davon gabs am Weihnachtsmarkt immer noch reichlich um 18 Uhr. Ebenso wie, kurzer Einschub, eine Stunde später in der vollbesetzten Werkstatt des Stadttheaters, das bloss einige Schritte vom Weihnachtstheater entfernt ist, aber ganz andere Themen wälzt, mehr davon hier.

img_8221

Gegen Misanthropie gibt es sicher 1000 Therapien, sagten wir uns auf dem Weg zum Bahnhof – und blieben prompt an diesem Aushang kleben:

img_8222

Leider mussten wir feststellen, dass Monsieur Hypnotiseur keine Therapie gegen Massenkoller und Kitschallergie im Angebot hat. Dafür hilft er bei Prüfungsstress, Sprachproblemen (CaNNabis!) und Nikotinsucht. Immerhin. Fehlt noch Alkoholismus.

img_8223

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover