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#Saitenfährtein: Plötzlich diese Weite

Ein Rundgang durch Altstätten mit Meinrad Gschwend, Journalist und Grünen-Kantonsrat, ist eine anregende Geschichtslektion.
Von  Peter Surber

Von oben müsse man kommen, sagt Meinrad Gschwend: über den Stoss, am besten mit der Bahn. Es ist dann tatsächlich genauso, wie er es beschrieben hat: Mit Schwung saust das Bähnchen von Gais her über die Hochebene, und plötzlich stoppt die Bahn, kippt die Landschaft, der Blick wird weit, fast schwindlig. Weit unten zu ahnen: Altstätten.

Der Appenzellerbahn scheint es jetzt ab der Kantonsgrenze nicht langsam genug gehen zu können, weniger historisch bedingt als zahnradtechnisch. An der Station Warmesberg steigt Meinrad Gschwend zu, macht nochmal auf die gewaltige Weite des Tals aufmerksam. «Man merkt, dass da einmal ein See war.» Vor dem Klimawandel, alles gar nicht lange her. Und vielleicht schon bald wieder Realität, wenn Stahlberger recht hat. Vorläufig regnet es aber nur, überhaupt fliesst reichlich Wasser im Städtli, die Kanäle erinnern entfernt an Strassburg.

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Wo anfangen? Gschwend zückt den Schlüssel zur Eusebius-Kapelle, offiziell Frauenhof-Kapelle am Eingang zur Marktgasse. Der Einsiedler Eusebius wollte die Sonntagsarbeit aus den Köpfen predigen, was «den Bauren nicht gfällig war», weshalb sie sich zusammenrotteten und dem heiligen Mann den Kopf abschlugen – Eusebius habe darauf kurzerhand seinen Kopf unter dem Arm geklemmt und sei weitermarschiert, erzählt die detailreich auf Wandbildern dargestellte Legende.

Nach Altstätten geriet der ursprünglich schottische, im Vorarlberg tätige Eremit, weil er eigentlich der vierte Hausheilige des Klosters St.Gallen werden sollte, neben Gallus, Otmar und Notker. Diesen Plan machte die Aufhebung des Klosters 1805 zunichte, und Altstätten, seit langem wichtige Zweigstelle des Klosters im Rheintal, sprang als heilige Rumpelkammer ein. Heute ist das Kapellchen ein Bijou, unter anderem dank Gschwend, der vor 18 Jahren, damals als Mitglied des Stadtrats, die Renovation mitinitiiert hat und bis heute schwärmt von der frappierenden Stille, mit der einen die Kapelle umfängt, mitten im Städtligewühl.

Das Kirchlein hat auch eine konfessionelle Pointe. Vorne stehen zwei kleine Holzkreuze, eins mit und eins ohne Christus, auf den Millimeter genau gleich hoch. Meinrad Gschwend erklärt sie mit der bekannten Altstätter Kirchturmposse: Bis 1906 war die zentrale Pfarrkirche paritätisch für beide Konfessionen da, dann bauten die Reformierten ihre eigene Kirche gleich vis-à-vis – mit einem provokativ höheren Turm. Das passte wiederum den Katholischen nicht; sie wehrten sich, indem sie auf ihren zuvor mit Kreuz und Hahn paritätisch geschmückten Turm zuobersthin ein zweites, kleines Kreuz schmiedeten.

Kreuz-Gockel-Kreuz: Das vermutlich schweizweite Unikum prangt bis heute auf der katholischen Kirche am Rathausplatz. Der religiöse Kulturkampf habe das Städtchen geprägt, sagt Gschwend; Schulen und Vereine und Läden waren noch vor wenigen Jahrzehnten entweder reformiert oder katholisch. Die historisch eingebläute «Streit- und Neidkultur» spüre man bis heute.

Die Marktgasse hinunter: Anschauungsunterricht für das, was der Stadtkenner als typisch Altstätten beschreibt: «Man ist ein bisschen stolz und ein bisschen fortschrittlich – aber dann steht man sich doch selber im Weg.» Nämlich: Die Marktgasse müsste längst autofrei sein, findet er; gepflastert ist sie, aber bisher sei noch jede Initiative zur Aufhebung der Parkplätze gescheitert oder abgeblockt worden.

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«Das wäre eigentlich der schönste Platz in Altstätten»: Meinrad Gschwend.

Dasselbe auf dem kleinen Plätzchen in einer Nebengasse: mit dem putzigen Häuserensemble rundherum und dem Brunnen «eigentlich der schönste Platz von Altstätten». Aber auch hier verstellen mickrige vier Parkplätze den Platz. Völlig unnötig, findet Gschwend, denn mit den Neubauten ums Rathaus habe das Städtli auch eine weitere Tiefgarage bekommen.

Der neue Rathausplatz hingegen: Er ist die Ausnahme von der Regel. Hier wurde, sagt Gschwend, für einmal alles richtig gemacht – zumindest fast alles: Etwas zu hoch wirke das Gebäude, und den Eingang zur Verwaltung finde man nur mit Glück, aber abgesehen davon: plötzlich diese Weite, natürlich gesetzte Plastersteine, von denen die Betonpflästerer in der Stadt St.Gallen einiges lernen könnten, ein Platz ohne Autos, überhaupt leer: «Das zeigt, dass man auch einen riesigen Platz einfach unmöbliert lassen und darauf vertrauen kann, was sich entwickelt», sagt Meinrad Gschwend.

Platz und Rathaus hätten darüber hinaus den Effekt, dass sich die Altstadt vergrössert hat und ein Ort entstanden sei, an dem sich Altstätten «so richtig urban» gebe. Die Städtlibibliothek liegt auch gleich am Platz: ein Ort zum Sein, wenn es nicht gerade wie aus Kübeln schütten würde.

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Viel Platz rund ums neue Rathaus.

Das Rathaus, von Allemann Bauer Eigenmann Architekten aus Zürich gebaut, hat es bereits zu einer freundlichen Besprechung im neusten Heft der Architekturzeitschrift Hochparterre gebracht, das Fazit dort: «Das neue Rathaus geht sensibel mit dem Stadtraum um. Es definiert die Strassenfluchten und öffentliche Plätze neu. Die repräsentative Setzung des Gebäudes erreicht das, was die Architektur nicht vermitteln kann: katholische Kirche auf der einen Seite, die reformierte auf der anderen und an der Spitze das Rathaus – ein Städtebau, der Tradition hat.»

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Hoch und pragmatisch: Das neue Rathaus.

Meinrad Gschwend grüsst hier, wechselt dort ein paar Worte, scheint alle zu kennen und mischt sich ein. So auch im Rathaus selber. An der Wand im Eingangsbereich empfängt das mehrere Quadratmeter grosse Städtli-Bild von Altstättens bedeutendstem Maler Ferdinand Gehr die Besucher. Dass es, in den 1950er Jahren direkt auf Beton gemalt, mit grossem technischem Geschick und mit Kosten von rund 150000 Franken gerettet und ins neue Rathaus hinübergezügelt wurde, gab zu Diskussionen Anlass.

Aber, so verteidigt Andreas Jung, der Leiter Städtebau und Projekte im Hochbauamt den Entscheid: Das Gehr-Gemälde sei die einzige direkte «Brücke» vom alten zum jetzigen Rathaus. Und nicht nur im Fall des Gehr-Bilds, sondern auch in anderen Bereichen will sich Jung dafür einsetzen, «Sorge zum Städtli zu tragen». Heisst: die Lebens- und Wohnqualität zu erhalten.

Gehr malte noch vor dem Bauboom. Dessen neustes Wahrzeichen ist der neue «Freihof» am Rand der Altstadt. Ob er zur Städtliqualität beiträgt, scheint dem Besucher eher zweifelhaft. Ein gesichtsloses Büro- und Wohngeviert ist an die Stelle der einstigen, legendären Beiz getreten. «Altstätten’s neue Business-Class» steht auf einem Transparent über dem riesigen Eingangs-Schlund des noch mehrheitlich leerstehenden Komplexes. Drinnen bleibt es im Moment beim Versprechen: «Diese Räume sind zum Verschönern da.»

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Irgendwo-Architektur: der Freihof-Innenhof.

Definitiv ein Beitrag zur Lebensqualität ist hingegen, was am anderen Ende der Stadt entsteht, ennet dem Bahnhof, dort wo der Siedlungsrand ins Riet übergeht: Für rund 21 Millionen Franken baut der Verein Rhyboot ein Gebäude mit Werkstätten, Arbeits-, Eingliederungs- und Ausbildungsplätzen für Menschen mit unterschiedlichsten Behinderungen. Bisher waren die Rhyboot-Institutionen auf mehrere Standorte verteilt, sagt Meinrad Gschwend, Präsident der Baukommission des Vereins. Jetzt gibt es einen zentralen Neubau, eines der grössten Holzbau-Projekte im Kanton.

Das Anecken gewohnt

Das ging nicht ganz ohne Nebengeräusche: Regionale Unternehmer kritisierten im Vorjahr die Vergabe von Baumeisterarbeiten an eine Firma in Buchs und den Kauf der Fenster in Süddeutschland – ausgerechnet in Altstätten, wo der Fenster-Riese Egokiefer seinen Hauptsitz hat. Gschwend hält dagegen, die Vergaben seien durchwegs korrekt durchgeführt worden, die Vorschriften für das Beschaffungswesen liessen kaum Spielraum: Entscheidend sei der Preis. Man habe jedoch dank genauer Kriterien fast alle Aufträge in der Region vergeben können (und zur Region gehöre ja auch Buchs – was lokale Firmen aber nicht gerne hörten).

Proteste solcher Art ist er sich gewohnt; acht Jahre als Stadtrat und zwölf Jahre als Kantonsrat der Grünen und einziger Rheintaler in der Fraktion haben ihn immer mal wieder in Clinch mit der bürgerlichen Mehrheit in Städtli und Kanton gebracht.

Von Altstätten will und kann Meinrad Gschwend dennoch nicht lassen. Hier ist er aufgewachsen, hier lädt er zu Stadtführungen, Altstätten ist seine Passion. Die Leute mag er und ihre gelegentliche «Kauzigkeit». «Denn die habe ich selber auch.»

 

 

 

 

 

 

 

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