Mit Saiten fahren wir also eines regnerischen Nachmittags ein in Altstätten, der Kleinstadt, die mitnichten verwandt ist mit Altdorf, das keineswegs Stadt ist, und noch weniger mit dem neunten Stadtkreis Zürichs, dem titelgebenden Quartier vom Kessel vo Altstette der «Allschwil Posse».
Altstätten besitzt aber das Stadtrecht bereits seit dem 13. Jahrhundert und ist ein eigentliches Fünfländereck: Alleine das sanktgallische Altstätten verbindet die beiden Appenzölls mit Liachtaschta und dem Ziel der grenzgängerischen Einkaufsträume: der Republik Österreich, Bundesland «Ländle».
Tradition & andere Dummheiten
Die alte Stätte mitten im Rhyntl befindet sich just unter dem Stoss, der Schlacht-Stätte, die im appenzellerischen Geschichtsunterricht noch immer nahezu obszön abgefeiert wird. So gibt es zum Beispiel den sogenannten Altstättertag, eine Saumode am ehemaligen Kollegi Appenzell, die sehr wesentlich eine konquistadorische Wiederbegehung der alten Heugabeleroberungsroute ist. Das heisst, die ganze Schule durchquert jeweils im Frühling auf verschiedenen Pfaden diejenige Sphäre, welche von engstirnigen Leuten «Natur» genannt wird, und trifft sich wieder in –tadaa! – Altstätten.Da wird dem nächsten Brauchtum gefrönt: die Erstgymeler werden zusammengekratzt, an allen Vieren gepackt und abgeschleppt, um schliesslich in den Dorfbrunnen geworfen zu werden. Dazumal, vor knapp 20 Jahren, gab es für die Verfolgten allerdings noch die Möglichkeit, im City-Disc Kopfhörer überzustülpen und schlechte Musik zu hören. Während andere mitsamt den neuesten Merchandise-Artikeln eines blonden Popmusikers aus Detroit im kühlen Dorfbrunnen getunkt wurden, war man hier vor dem identitätsstiftenden Brauchtum halbwegs sicher.
Den City-Disc in der Marktgasse gibt es – wie die ganze Branche – nicht mehr, wobei für junge Menschen, die gedachten, mit dem Handel von Tonträgern ihre Existenz zu bestreiten, an ebendieser Stelle eine Berufs- und Laufbahnberatung bereitgestellt wurde.
Um den richtigen Bahnhof
Doch man betrachte erst das, was hinter dem Bahnhof liegt, um einen Ort zu beurteilen. Und hinter dem Bahnhof in Altstätten ist: eigentlich nichts. Das ist jedoch nur ein oberflächlicher Eindruck, denn genaugenommen liegt hier das Riet. Eine einmalig-wunderschöne Ebene, die Spaziergänge ermöglicht, welche im grossen Unterschied zum Auf und Ab der hügeligen Halbkantone hinter dem Stättli, tatsächlich angenehm sind.
Im Riet hausen vermutlich auch Seefrösche, eine Spezies, die laut Medienberichten des Nachts das gesamte Tal von Rheineck bis Chur wachhält. Um es frei nach Money Boy zu sagen: Wat für 1 Froschparty!
Doch auch unabhängig von den quakenden Häppchen ist insbesondere das geschützte Bannriet einen Rundgang wert, da findet sich beispielsweise die alte Schollenmühle, die es erlaubt, im «Chancen-Tal» der proletarischen Vergangenheit zu gedenken, oder der Beobachtungsturm, der einen das Naturschutzgebiet wie auch dessen Getier und Gevögel von oben betrachten lässt.
Seltsames an jeder Ecke
Um den Bahnhof herum liegt verstreut das Industriequartier, wo diverse Unternehmen diverse Dinge tun. Um ins eigentliche alte Stättli zu gelangen, ist ein Fussmarsch von cirka einer Viertelstunde (sic!) vonnöten, vorbei an wenigen Menschen, darunter ein älterer Herr, dem meine Fassade nicht gefällt und der etwas von «Terrorist» grummelt, und vorbei an einer Dame, die ihrem anteilnahmslosen Kinderwagen mitteilt, dass man nun «das Gotti» besuchen gehe.
Die Bahnhofstrasse wartet mit unverhofften, feinen Nuancen auf. So findet sich rechter Hand der wohl weltweit einzige Dönerladen, der mit «Röbi’s Grill» angeschrieben ist und nahe davon auf der anderen Strassenseite mit einem roten Büffelbullen grafisch untermalt «tuttogrande moda per uomo xxl».
Eine knappe Handvoll Pappeln Buchen Bäume flankiert die Route zum Dorf, doch die hängen dermassen in die Strasse rein, dass sie gestutzt werden mussten auf eine Höhe, bei der die Rheintaler Busse gerade eins übers Dach gewischt bekommen. Die Halbtunnels aus Pappelbuchen verleihen dem Ort als Pergola-Spalier jedenfalls einen gewissen Charakter.
Die «sonnige Gartenterrasse» des Restaurant Rathaus findet heute nicht statt, wird aber trotzdem offensiv beworben, dies wäre beispielhaft für jene Kategorie von Werbetafeln, die noch die optimistischsten Strahlegesichter ohne Zwischenstufe in zynische Nihilisten mutieren lässt. Wohl hat es ebenso teuflisch gepisst, als die Stadtkirche gegenüber erstellt wurde mit dem wetterfesten Motto über dem Eingang: Introibo ad altare Dei. Von solchen Wettern geplagt, was bleibt einem anderes übrig…
Kratz mich mal.
Das in schamloser Deutlichkeit mit «Samenhandlung» beschriftete Geschäft hält nicht mehr, was auch immer man darunter erhoffen könnte: Jenny’s Hairstudio bewohnt jetzt das fruchtbare Erdgeschoss. Die Spünten und Knellen der altstätter Altstadt verticken Schüga und rebscht’r Sonnenbräu, haben aber an diesem verregneten Sommernachmittag mehrheitlich geschlossen.
Eine Ausnahme bildet der neben dem Appenzeller-Bahnhof angesiedelte Appenzellerhof, wo man dank Storen auch draussen sitzen kann – und ein Fumoir hätte es sowiso. Die St.Pauli Fahne steht in krassem Widerspruch zu patriotisch verzierten Bomberjacken unter den Gästen, und die Nichtraucherzone betrifft auch das Scheisshaus, weil: «Auch hier bestimmt der Staat!», verdeutlicht durch eine Tafel über der Klopapierrolle. Eine Gruppe älterer Herren philosophiert ohne erkennbare Selbstironie über «die Jungen heutzutage». Chäsflade, Tüüfelswürst und Dartmaschine garantieren, dass man hier auch gehörige Räusche würdevoll und ohne Langeweile überstehen könnte.
Vorurteile vs. Kulturschaffen
Die Klischees muss man beiseite räumen: Weder läuft Hingis durch die Gegend noch besteht die Jugend ausschliesslich aus Neonazis und Pönks, wie man früher in St.Gallen geglaubt hatte. Inzwischen gäbe es gar Hipsters im Schongsental, heisst es, dies seien aber allesamt wochenendliche Heimkehrer. Doch auch kulturell darf man das ländliche Pflaster nicht auf die Rhema oder das Chilbifäscht mit den Nachtfaltern, den Hendermoos-Buaba und den Stadtmusikanten reduzieren.
Haste nich geseh’n.
Beispielsweise verspricht das Brauhaus, dass es «100% Altstätten rockt», oder die Sitegass Bar wartet gar auf mit Montagabend-Konzerten, eine Seltenheit in der weiten Region.
Auch ein Kleintheater gibt es, benannt nach dem besten aller möglichen Philosophen: Das Diogenes bereichert seit 1961 (!) das kulturelle Angebot der Region. Die Café-Bar Breite schliesslich bringt endgültig metropolitanen Groove ins Stättli. Ein ästhetisches Gegenprogramm zum Umfeld, und wie so häufig bei antizyklischem Engagement: Es erfordert ein wenig Mut, doch danken es einem die Gäste. Leute kommen von überall – ausser vom ignoranten St.Gallen.
Es beschleicht einen der Verdacht, von Vorurteilen und blödem Geschnorr gnadenlos angelogen worden zu sein. «Pföä» ist hier gar nichts, es regnet an diesem Dienstag ohne signifikante Unterbrechung. Ein India Pale Ale unter der schönen Pergola in der Breite gibt einem den inneren Frieden zurück, und für alle, die jetzt fragen wollten: von der angeblichen Vielheit der lärmenden Frösche war gegenüber Saiten keiner zu einer Stellungnahme bereit.
Seit zehn Jahren gibt es die Residency in der Bibliothek Andreas Züst im Alpenhof, diesem so schwer zu fassenden Ort in Innerrhoden. Der runde Geburtstag wird nun mit einem vielfältigen Festival gefeiert.
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In der Ausstellung «Smile maniacally we’re alive» verbindet Jala Wahid scheinbar getrennte Welten. Sie schlägt darin eine Brücke zwischen Erinnerung, Emotion, Wissenschaft und Politik.
Die erneuten Sparvorschläge der St.Galler Regierung stossen auf breite Ablehnung. Die Kulturszene solidarisiert sich gegen die Abbaupläne. Die Kulturlobby hat sich in Stellung gebracht. Obs hilft?
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Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
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