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Altstätta – one rainy afternoon

#Saitenfährtein: Diese Woche ging es ins Rhyntl. Erste verregnete Eindrücke aus Altstätten lassen erahnen: Wir hatten ja keine Ahnung...
Von  Michael Felix Grieder , 
Das Bannriet: im Chancental wurden früher Torfschollen gestochen.

Mit Saiten fahren wir also eines regnerischen Nachmittags ein in Altstätten, der Kleinstadt, die mitnichten verwandt ist mit Altdorf, das keineswegs Stadt ist, und noch weniger mit dem neunten Stadtkreis Zürichs, dem titelgebenden Quartier vom Kessel vo Altstette der «Allschwil Posse».

Altstätten besitzt aber das Stadtrecht bereits seit dem 13. Jahrhundert und ist ein eigentliches Fünfländereck: Alleine das sanktgallische Altstätten verbindet die beiden Appenzölls mit Liachtaschta und dem Ziel der grenzgängerischen Einkaufsträume: der Republik Österreich, Bundesland «Ländle».

Tradition & andere Dummheiten

Die alte Stätte mitten im Rhyntl befindet sich just unter dem Stoss, der Schlacht-Stätte, die im appenzellerischen Geschichtsunterricht noch immer nahezu obszön abgefeiert wird. So gibt es zum Beispiel den sogenannten Altstättertag, eine Saumode am ehemaligen Kollegi Appenzell, die sehr wesentlich eine konquistadorische Wiederbegehung der alten Heugabeleroberungsroute ist. Das heisst, die ganze Schule durchquert jeweils im Frühling auf verschiedenen Pfaden diejenige Sphäre, welche von engstirnigen Leuten «Natur» genannt wird, und trifft sich wieder in –tadaa! – Altstätten.
Da wird dem nächsten Brauchtum gefrönt: die Erstgymeler werden zusammengekratzt, an allen Vieren gepackt und abgeschleppt, um schliesslich in den Dorfbrunnen geworfen zu werden. Dazumal, vor knapp 20 Jahren, gab es für die Verfolgten allerdings noch die Möglichkeit, im City-Disc Kopfhörer überzustülpen und schlechte Musik zu hören. Während andere mitsamt den neuesten Merchandise-Artikeln eines blonden Popmusikers aus Detroit im kühlen Dorfbrunnen getunkt wurden, war man hier vor dem identitätsstiftenden Brauchtum halbwegs sicher.

Den City-Disc in der Marktgasse gibt es – wie die ganze Branche – nicht mehr, wobei für junge Menschen, die gedachten, mit dem Handel von Tonträgern ihre Existenz zu bestreiten, an ebendieser Stelle eine Berufs- und Laufbahnberatung bereitgestellt wurde.

Um den richtigen Bahnhof

Doch man betrachte erst das, was hinter dem Bahnhof liegt, um einen Ort zu beurteilen. Und hinter dem Bahnhof in Altstätten ist: eigentlich nichts. Das ist jedoch nur ein oberflächlicher Eindruck, denn genaugenommen liegt hier das Riet. Eine einmalig-wunderschöne Ebene, die Spaziergänge ermöglicht, welche im grossen Unterschied zum Auf und Ab der hügeligen Halbkantone hinter dem Stättli, tatsächlich angenehm sind.

Im Riet hausen vermutlich auch Seefrösche, eine Spezies, die laut Medienberichten des Nachts das gesamte Tal von Rheineck bis Chur wachhält. Um es frei nach Money Boy zu sagen: Wat für 1 Froschparty!

Doch auch unabhängig von den quakenden Häppchen ist insbesondere das geschützte Bannriet einen Rundgang wert, da findet sich beispielsweise die alte Schollenmühle, die es erlaubt, im «Chancen-Tal» der proletarischen Vergangenheit zu gedenken, oder der Beobachtungsturm, der einen das Naturschutzgebiet wie auch dessen Getier und Gevögel von oben betrachten lässt.

Seltsames an jeder Ecke

Um den Bahnhof herum liegt verstreut das Industriequartier, wo diverse Unternehmen diverse Dinge tun. Um ins eigentliche alte Stättli zu gelangen, ist ein Fussmarsch von cirka einer Viertelstunde (sic!) vonnöten, vorbei an wenigen Menschen, darunter ein älterer Herr, dem meine Fassade nicht gefällt und der etwas von «Terrorist» grummelt, und vorbei an einer Dame, die ihrem anteilnahmslosen Kinderwagen mitteilt, dass man nun «das Gotti» besuchen gehe.

Die Bahnhofstrasse wartet mit unverhofften, feinen Nuancen auf. So findet sich rechter Hand der wohl weltweit einzige Dönerladen, der mit «Röbi’s Grill» angeschrieben ist und nahe davon auf der anderen Strassenseite mit einem roten Büffelbullen grafisch untermalt «tuttogrande moda per uomo xxl».

Eine knappe Handvoll Pappeln Buchen Bäume flankiert die Route zum Dorf, doch die hängen dermassen in die Strasse rein, dass sie gestutzt werden mussten auf eine Höhe, bei der die Rheintaler Busse gerade eins übers Dach gewischt bekommen. Die Halbtunnels aus Pappelbuchen verleihen dem Ort als Pergola-Spalier jedenfalls einen gewissen Charakter.

Die «sonnige Gartenterrasse» des Restaurant Rathaus findet heute nicht statt, wird aber trotzdem offensiv beworben, dies wäre beispielhaft für jene Kategorie von Werbetafeln, die noch die optimistischsten Strahlegesichter ohne Zwischenstufe in zynische Nihilisten mutieren lässt. Wohl hat es ebenso teuflisch gepisst, als die Stadtkirche gegenüber erstellt wurde mit dem wetterfesten Motto über dem Eingang: Introibo ad altare Dei. Von solchen Wettern geplagt, was bleibt einem anderes übrig…

Bild: rheintaler.ch

Kratz mich mal.

Das in schamloser Deutlichkeit mit «Samenhandlung» beschriftete Geschäft hält nicht mehr, was auch immer man darunter erhoffen könnte: Jenny’s Hairstudio bewohnt jetzt das fruchtbare Erdgeschoss. Die Spünten und Knellen der altstätter Altstadt verticken Schüga und rebscht’r Sonnenbräu, haben aber an diesem verregneten Sommernachmittag mehrheitlich geschlossen.

Eine Ausnahme bildet der neben dem Appenzeller-Bahnhof angesiedelte Appenzellerhof, wo man dank Storen auch draussen sitzen kann – und ein Fumoir hätte es sowiso. Die St.Pauli Fahne steht in krassem Widerspruch zu patriotisch verzierten Bomberjacken unter den Gästen, und die Nichtraucherzone betrifft auch das Scheisshaus, weil: «Auch hier bestimmt der Staat!», verdeutlicht durch eine Tafel über der Klopapierrolle. Eine Gruppe älterer Herren philosophiert ohne erkennbare Selbstironie über «die Jungen heutzutage». Chäsflade, Tüüfelswürst und Dartmaschine garantieren, dass man hier auch gehörige Räusche würdevoll und ohne Langeweile überstehen könnte.

Vorurteile vs. Kulturschaffen

Die Klischees muss man beiseite räumen: Weder läuft Hingis durch die Gegend noch besteht die Jugend ausschliesslich aus Neonazis und Pönks, wie man früher in St.Gallen geglaubt hatte. Inzwischen gäbe es gar Hipsters im Schongsental, heisst es, dies seien aber allesamt wochenendliche Heimkehrer. Doch auch kulturell darf man das ländliche Pflaster nicht auf die Rhema oder das Chilbifäscht mit den Nachtfaltern, den Hendermoos-Buaba und den Stadtmusikanten reduzieren.

Haste nich geseh'n.

Haste nich geseh’n.

Beispielsweise verspricht das Brauhaus, dass es «100% Altstätten rockt», oder die Sitegass Bar wartet gar auf mit Montagabend-Konzerten, eine Seltenheit in der weiten Region.

Auch ein Kleintheater gibt es, benannt nach dem besten aller möglichen Philosophen: Das Diogenes bereichert seit 1961 (!) das kulturelle Angebot der Region. Die Café-Bar Breite schliesslich bringt endgültig metropolitanen Groove ins Stättli. Ein ästhetisches Gegenprogramm zum Umfeld, und wie so häufig bei antizyklischem Engagement: Es erfordert ein wenig Mut, doch danken es einem die Gäste. Leute kommen von überall – ausser vom ignoranten St.Gallen.

Es beschleicht einen der Verdacht, von Vorurteilen und blödem Geschnorr gnadenlos angelogen worden zu sein. «Pföä» ist hier gar nichts, es regnet an diesem Dienstag ohne signifikante Unterbrechung. Ein India Pale Ale unter der schönen Pergola in der Breite gibt einem den inneren Frieden zurück, und für alle, die jetzt fragen wollten: von der angeblichen Vielheit der lärmenden Frösche war gegenüber Saiten keiner zu einer Stellungnahme bereit.

Ein ziem­lich ab­ge­fah­re­nes Ding

Seit zehn Jah­ren gibt es die Re­si­den­cy in der Bi­blio­thek An­dre­as Züst im Al­pen­hof, die­sem so schwer zu fas­sen­den Ort in In­ner­rho­den. Der run­de Ge­burts­tag wird nun mit ei­nem viel­fäl­ti­gen Fes­ti­val ge­fei­ert.

Von Hanspeter Spörri,
Alpenhof bibliothek andreas zuest residency

Ein künst­le­ri­sches Ge­ne­ra­tio­nen­tref­fen

Be­vor die Kunst­hal­le St.Gal­len im De­zem­ber we­gen Um­bau­ar­bei­ten vor­aus­sicht­lich bis April 2027 schliesst, dreht sie noch­mals voll auf. In der Aus­stel­lung «House of Ch­an­ge: Pre-Con­s­truc­tion-Warm-Up-Ga­lo­re» prä­sen­tiert sie im lau­fen­den Mo­nat ein dich­tes, bun­tes Pro­gramm an Kunst und Kul­tur.

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House of change larisa baumann 1

Zwi­schen Kunst und Kör­per 

In der Aus­stel­lung «Smi­le ma­nia­cal­ly we’re ali­ve» ver­bin­det Ja­la Wa­hid schein­bar ge­trenn­te Wel­ten. Sie schlägt dar­in ei­ne Brü­cke zwi­schen Er­in­ne­rung, Emo­ti­on, Wis­sen­schaft und Po­li­tik. 

Von Sieglinde Wöhrer,
Jala Wahid Smile maniacally were alive Sieglinde Woehrer

Ver­ei­nig­te Kul­tur­sze­ne pro­tes­tiert ge­gen den Spar­ham­mer

Die er­neu­ten Spar­vor­schlä­ge der St.Gal­ler Re­gie­rung stos­sen auf brei­te Ab­leh­nung. Die Kul­tur­sze­ne so­li­da­ri­siert sich ge­gen die Ab­bau­plä­ne. Die Kul­tur­lob­by hat sich in Stel­lung ge­bracht. Obs hilft?

Von Roman Hertler,
2611 Kulturgelder gaffa rappenspalter 2 farbe

Kunstausstellung

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Cecileund Pina300dpi

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Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

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Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

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Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
01 Jakob Stutz 11 cut

Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

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Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

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VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

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Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2