Nach Gossau will hier ganz bestimmt niemand. «Roli wartet um halb zehn beim Treffpunkt in Winti!», kreischt eine massiv überschminkte Irgendwas neben mir ins Smartphone. Im Abteil vorne werweisseln zwei Halbstarke, wo heute in Zürich wohl «die heisstischte Fütz» zu finden sind.
Nein, Gossau scheint definitiv niemandes Ziel zu sein. Trotzdem steige ich aus. Als einzige mit dem Kontrolleur.
Neben dem Avec warten ein paar Junge auf den 151er nach St.Gallen. Aus dem Quellenhof vis-à-vis dringt Schlager, drinnen graue Köpfe. Ich gehe die Bahnhofstrasse entlang Richtung Markthalle. Schon von weitem höre ich die Bässe. Klingt nach Bad Touch von der Bloodhound Gang. Fängt ja gut an… Obwohl: Hier gibt es Autos, die halten freiwillig, weit und breit kein Fussgängerstreifen.
Geisterbar in der Markthalle. Durch einen verschlungenen Gang gelangt man ins Innere, wo sich gefühlt halb Gossau samt Drumherum-Käffern an diesem Abend die Kante gibt. Und ich hoffentlich auch.
Die Deko ist gar nicht mal schlecht. Erinnert an den Vampirball früher in Rorschach, ist aber nur halb so lovely. Hach, du Charmefleck am See, wie gern wär’ ich jetzt bei dir. Miguel von der Saiten-Gang ist dir näher, im guggummrigen Heerbrugg.
Als ich gierig am ersten Stadtbühler (einheimisches Bier, what else?) ziehe, trifft mich fast der Schlag: Neben mir hat doch tatsächlich ein Zombie seine Motorsäge angeworfen. Holy fuck. Das Blatt bewegt sich nicht, aber es stinkt trotzdem nach Benzin.
Überall Spinähuppälä, Scream-Masken, Rauch. Das Barpersonal trägt Totenkopf. Ansonsten: Polkadot-Kleidchen, bärtige Nonnen, Zebrafelle, Zylinder und Moustaches. Nicht gerade überraschend, dieses Gossau. Aber die meisten sind eh ungeschminkt, ein bisschen steif und irgendwie auch wieder nicht.
22:07 Uhr, Miguel aus Heerbrugg: «Tut mir echt leid, das zu sagen, aber du wärst soooo gerne hier gewesen <3.»
«Und du so ungern hier. Stehe mitten in einer Fasnachtsverlochete mit Raining Men-Wunschkonzert. Kotz. Geniess es für mich! <3»
«Zeig den Gossauen mal wie die Scheisse geht!»
«Aye. Bin jetzt auf Schnaps umgestiegen.»
Ja, was genau soll ich diesen «Gossauen» zeigen, so mausbeinallein? Dass es noch was anderes als Disco-Fox gibt? Wie man sich originell verkleidet? Wie man jemanden abschleppt ohne falsche Titten oder Gratis-Gummibärli?
Versuche zu lächeln zwecks Interaktion. Bisschen mitwippen. Und siehe da, es dauert keine zwei Minuten, bis mir jemand auf die Schulter tippt. Wo hier das Klo sei, fragt die Prinzessin.
Da kann ich weiterhelfen, machte ich doch erst grad eine denkwürdige Erfahrung dort: Gehen zwei Frauen zusammen in die Kabine. In St.Gallen wüsste ich, dass sie sich vermutlich gegenseitig das Näschen pudern – aber hier? Offenbar auch, glaubt man dem Schniefen auf der anderen Seite der Wand.
Es gibt sie auch hier, die Leute, die sich beim DJ Lieder wünschen. Wieso nur? Einen Plättlileger fragt man doch auch nicht, ob er zwischendurch mal ne Holzkachel einbauen mag. Vielleicht bin ich da auch zu bünzlig, wer weiss. Der DJ scheint sich jedenfalls immer zu freuen, wenn er von einer hübschen Dame frequentiert wird.
Und er scheint es eklektisch zu mögen, das musikalische, bewegt sich zwischen 60er-Beatles und Technolene Fischer. Aber warum zum Teufel geben sie ihm auch noch ein Micro? Wirklich damit er Sätze sagen kann wie «Um halb elf kommt die erste Guggenmusik» oder «Etwas ist komisch heute: Links stehen nur Böcke, und die Frauen sind alle rechts»?
Bin ich also offenbar eine Frau. Schön! Endlich ist Schluss mit dieser Unsicherheit. Ich persönlich hätte den Raum anders eingeteilt, in jünger und älter. Oder in Raucher und Nichtraucher, denn vorne, dort, wo laut DJ die Frauen sind, geht es zum Raucherbereich, dem mit Abstand attraktivsten Ort in der Geisterbar.
Draussen frage ich ein paar sonnenbebrillte Robo-Cop-Frauen im Minirock, ob sie wüssten, welche Guggen nachher noch spielen. «Keine Ahnung», meint Frau Chef-Polizistin, «aber später kommen dann noch die Herisauer, juhuu!»
Es dauert keine Minute, bis sie meinen «Alleingang» bemerken und so muss ich notlügen: «Mein Kumpel hat den Zug verpasst, drum wart ich alleine hier.» Den zweiten Teil hören sie zum Glück schon nicht mehr, denn drinnen läuft Robin S.
You got to show me love. Vielleicht ist es das, was ich den Gossauern zeigen soll; love. Fällt mir schwer, denn irgendwie scheinen wir nicht allzu viel gemeinsam zu haben, abgesehen vom Alkoholproblem und dem stänigen Drang zu rauchen…
Scheiss drauf, Leute haben schon mit weniger zusammengefunden, sage ich mir und zünde dem Typen neben mir seine Zigi an. Er ist Mitte zwanzig, ein Globetrotter, der gerade von einer längeren Reise zurückgekehrt ist – und allen Ernstes für die Entrechtungsinitiative ist. Wie kann er nur?! Aber immerhin haben wir Diskussionsstoff. Und lange allein bleiben wir auch nicht.
Es kommt, wie es kommen muss: Die nächsten zwei Stunden pendle ich gutgelaunt zwischen Rauchergereich und Bar, diskutiere mit allerhand Leuten über Politik, über Wollpullover, übers Kinder(nicht)kriegen. Ein bisschen auch über Gossau, aber vorwiegend über Gott und die Welt. Und ich verspür’ sogar sowas wie Zuneigung. Oder den Wodka.
Irgendwann nach eins, einer erzählt gerade von seiner gerichtlichen Vorladung, blicke ich erschrocken aufs Telefon. In sieben Minuten fährt mein Zug. Jetzt heisst es sekkeln. Mal sehen, obs noch für den Nachtzuschlag reicht…
Geisterbar: 4. bis 13. Februar, jeweils ab 19:30 Uhr, Markthalle Gossau
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