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Amriswil, was willst du werden, (wenn du einmal gross bist)?

Aus unserer Reihe #Saitenfährtein: Ein offener Brief von Philipp Bürkler an seine Heimatstadt, das nicht mehr so schöne Amriswil, wo Saiten im April Halt gemacht hat.
Von  Philipp Bürkler , 
Sterile Idylle: Neubausiedlung in Amriswil (Bilder: co)

Amriswil – du «dirty old town» – bist für mich Heimat und Fluchtgrund, Geborgenheit und Widerstand, Aufregung und Langweile in einem. Du bist für mich eine Art Hassliebe, obwohl ich diesen Begriff nicht so mag. Hassen tu’ ich dich ja gar nicht, es ist mehr ein ambivalentes und manchmal etwas schwieriges Verhältnis. Ich liebe dich, weil ich mit dir meine Kindheit verbracht habe. Weil ich mit dir so viele Erinnerungen teile, Freunde, Familie, Bekannte. Du bist mir vertraut. Ich kenne jede deiner Strassen, jeden deiner Winkel und Gassen.

Ich habe aber auch ein zwiespältiges Verhältnis zu dir. Weil dein Tun und Handeln teilweise ganz schön anstrengend und fragwürdig sein kann. Es tut mir immer wieder gut, dich in regelmässigen Abständen für längere Zeit zu verlassen. Dich von aussen zu sehen und Abstand zu dir zu gewinnen. Gerade in den vergangenen Jahren hast du dich stark verändert. Du bist gewachsen, neue Menschen sind zugezogen, neue Wohnhäuser schiessen wie Pilze aus den letzten grünen Wiesen empor. Manchmal habe ich den Eindruck, du bist wie eine Zimmerpflanze, die zwar wächst, aber nicht so recht weiss, wohin sie wachsen soll.

Die Wachstumsillusion

Anders ausgedrückt: Du bist ein Opfer des Wirtschaftswachstums im 20. Jahrhundert. Die Folgen davon spürst du bis heute. Damals, vor mehr als einem halben Jahrhundert, als dir noch Persönlichkeiten mit kosmopolitischer Aura, etwa Thomas Mann, Max Frisch oder der Dalai Lama, die Ehre erwiesen, hat man dich deiner Gassen beraubt und dir dein Herz – die «Altstadt» rund um den Marktplatz und weitere schöne Häuser – mit dem Bagger entrissen. Schöne Prachtbauten wurden zerstört und an ihrer Stelle Strassen oder architektonischer Einheitsbrei in Beton gegossen.

Blinder Fortschrittsglaube und der Traum vom endlosen Wirtschaftswachstum bedeuteten dir mehr als ein nüchterner und reflektierter Gedanke an kommende Generationen. Volle Auftragsbücher der lokalen Bauwirtschaft waren dir wichtiger als deine historische Schönheit. Deine Häuser glichen immer mehr einem architektonischen Flickenteppich und weniger einer harmonischen Einheit.

Auch heute noch – lange nach dem Platzen der Wachstumsillusion der 1960er und 1970er-Jahre – erscheinen dir kurzfristiges Denken und ökonomische Motive noch allzu oft verlockender als verantwortungsvolles Handeln in eine vernünftige Zukunft. Damit bist du nicht alleine. Anderen Gemeinden geht es ähnlich. Es ist immer noch so wie damals zu den völlig unvernünftigen Zeiten Mitte des letzten Jahrhunderts. Nur tragen die Politiker andere Namen und sind anderen Verbindlichkeiten verpflichtet.

wildes amriswil

Ein kleines Beispiel: Warum nur, liebes Amriswil, lässt du es zu, dass beim Eisweiher vor den historischen Ziegeleihäusern derzeit ein kleiner hässlicher Neubau entsteht? Hast du dir nicht überlegt, ob du dir damit nicht dein Park-Idyll zerstörst? Klar, es handelt sich um ein Privatgrundstück. Aber trotzdem, wo bleibt dein Gesamtkonzept von städtebaulicher Zukunftsgestaltung? Come on! Wenn der Eigentümer nicht selbst merkt, was er da anrichtet, musst du ihm halt einen Ruck geben. Doch zu spät.

Klar, die meisten städtebaulichen Missgeschicke sind bereits vor längerer Zeit passiert. Das war, bevor ich überhaupt geboren wurde. Ich kenne dich nur so, wie du jetzt bist – und so, wie du dich in den letzten Jahren entwickelt hast. Dein früheres Ich kenne ich nur von alten Fotografien und vom Hörensagen. Im Büro meines Vaters hing jahrelang ein historisches Bild von dir. Es zeigt den Marktplatz gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Zu sehen sind darauf drei Beizen, der sogenannte «Suufring». Eine Beiz hiess «Zum wilden Mann». Ich betrachtete diese Aufnahme als Kind immer wieder fasziniert.

Ein Wimmelbild von Beizen

«Wild» muss es damals tatsächlich hergegangen sein. Du musst ein ziemlich frohes Pflaster gewesen sein. Du warst – salopp gesagt – ein Säufer-Eldorado. Um 1900 sollst du sage und schreibe 69 Beizen beheimatet haben. In den Trinklokalen haben die Menschen Neuigkeiten ausgetauscht, Geschäfte beschlossen und über Mitbürger getratscht. Jeder wusste fast alles über Jeden. Findet heute die soziale Kontrolle vorwiegend über Facebook statt, sorgten die Menschen damals in den Beizen für Gesprächsstoff.

Auf anderen historischen Aufnahmen fallen sofort die vielen Menschen auf, die deine Strassen säumen. Pferdewagen, Kutschen und Fussgänger waren vor mehr als 100 Jahren unterwegs. Und das, obwohl um 1900 gerade mal 2170 Menschen in dir lebten.

Und heute? Heute leben mehr als 13’000 Menschen in deinen Häusern. Das sind sechs Mal soviel. Statistisch gesehen bist du seit Ende der 1980er-Jahre eine Stadt. Damals, als du erstmals 10’000 Einwohner gezählt hast. Ich war noch ein Kind und freute mich. Endlich lebte ich in einer Stadt! Ich war Teil von etwas Grösserem, so meine naive Vorstellung. Seit rund zehn Jahren nennst du dich auch auf dem behördlichen Briefpapier offiziell Stadt. Aber mal ehrlich: Bist du das wirklich?

Alle haben ein Einkaufsparadies

Deine Strassen sind heute verwaister, leerer und verlassener denn je. Sogar in den 1980er-Jahren, als ich noch ein Kind war, kann ich mich an mehr Menschen auf den Strassen erinnern, vor allem samstags beim Einkaufen. Gerade deine einstige «Lebensader», die Bahnhofstrasse, gleicht heute eher einer Geisterstadt. Einige Leute behaupten, es sei so gekommen, weil du deine Seele an den Teufel verkauft hast – in Gestalt des Shopping Centers «Amriville». Die kleine Konsumstätte habe die Menschen und mit ihnen das geschäftige Treiben von deiner Bahnhofstrasse vertrieben, sagen sie.

Vielleicht. Kann sein. Aber was hättest du tun sollen? Schliesslich haben doch alle anderen Gemeinden in den letzten Jahrzehnten ebenfalls ein eigenes Einkaufszentrum errichtet. Wenn es die anderen tun, musst du doch auch mitschwimmen. Wen einer vom Dach springt, springst du mit. Logo. Immerhin hast du für das «Amriville» keine grüne Wiese geopfert, so wie die meisten anderen, sondern hast es mitten in dein Zentrum platziert. Man könnte jetzt auch unhöflich behaupten, das war der Dolch ins eigene Herz, aber so weit will ich dann doch nicht gehen. Entschuldige.

plakate anbringen untersagt

Doch im Ernst: Die Bezeichnung «Amriville» habe ich nie ganz verstanden. Dein Name ist doch Amriswil und nicht Amriwil. Konsequenterweise müsste die Wortneuschöpfung mit dem französischen «Ville» doch «Amrisville» – mit S – heissen. Vielleicht erklärst du mir das gelegentlich. Ich werde nicht schlau draus.

Ohne Popcorn kein Kino

Menschenleere Strassen sind das eine, mangelnde Kulturstätten mit historischem Ambiente das Andere. Oh, Amriswil, früher warst du so viel urbaner als heute. Sogar zwei Kinosäle hattest du zu bieten. Meinen ersten Kinofilm habe ich dir zu verdanken, irgendwann in den frühen 80ern. E.T. der Ausserirdische. Einige Jahre später – als Teenager – gab es wenigstens noch das Kino an der Florastrasse. Ich erinnere mich gut an James Bond, Goldeneye. Die liebenswerte Kino-Besitzerin, Frau Messerli, verkaufte kein Popcorn, weil sie keine Lust hatte, nach den Vorstellungen unsere Sauerei zu putzen. Kino ohne Popcorn ging irgendwie damals schon nicht, also schmuggelten wir jeweils unser eigenes Popcorn von zuhause in den Saal hinein. Unvergessene Erlebnisse.

Und heute? Müssen Amriswilerinnen und Amriswiler nach Weinfelden in ein Multiplex-Kino, das ein weit weniger charmantes Flair hat als das alte Kino Flora. Gibt es das Kino-Inventar eigentlich noch? Den Flora-Saal? Könnte man das mit einem Gemeinde-Kredit nicht renovieren? Sag, Amriswil, bräuchtest du nicht wieder ein eigenes Kino? Zum Glück gibt es mit dem Roxy in Romanshorn noch ein erhalten gebliebenes Lichtspielhaus in der Nähe, das mit seiner Aufmachung und den roten Sesseln an die gute alte Film-Ästhetik erinnert.

Genau solche Orte sind wichtiger denn je. Sie stellen architektonisch den Bezug zur Vergangenheit her und stellen uns zugleich Fragen nach der Zukunft. Mit dem Kulturforum Amriswil und der legendären Vollmondbar vor der ehemaligen Karton-Fabrik (der kleinen Roten Fabrik Amriswils) bietest du immerhin einen interessanten Blick in die Vergangenheit deiner industriellen Zeit.

ruedis shop

Schmuck ist die kleine Tankstelle beim Bahnhof, wo Ruedi’s Shop drin ist. Auch wenn die Tankstelle in ihrer Funktion (als Zapfsäule für Benzin) in den kommenden 20 Jahren nicht mehr gebraucht wird, weil es elektrobetriebene und selbstfahrende Autos geben wird, sollte diese Tankstelle mit ihrem tollen Vordach unbedingt erhalten bleiben.

Die Zukunft hat schon vorgestern begonnen

Wir leben im Jahr 2016. Sure. Ich halte überhaupt nicht an der Vergangenheit fest. Ich liebe die Zukunft und die neuen Möglichkeiten, die Technologie und Gesellschaft einem ständigen Wandel unterwerfen. Fortschritt macht aber nur dann Sinn, wenn man sich auch auf das Vergangene und Bestehende besinnt und daran erinnert. Gerade kleine Orte wie du, Amriswil, verbauen sich buchstäblich ihre Zukunft durch blindes Wachstum auf Kosten der eigenen Herkunft und Geschichte. Was nützt uns eine tolle Zukunft, wenn wir nicht mehr wissen, woher wir kommen?

Nicht nur der Abriss von historischen Bauten ist folgenschwer, auch das Verbauen der letzten Grünflächen innerhalb des Siedlungsgebietes hat dauerhafte Konsequenzen. Du baust derzeit überall, wo es nur geht. Hauptsache Wachstum und neue Steuerzahler. Merkst du nicht, dass die Neubauten architektonisch ziemlich farblos und langweilig sind? Sieht so dein neues Gesicht aus? Eine graue Architektur-Maske, die sich derzeit so viele andere Gemeinden auch überstülpen lassen. Fällst du wirklich auch auf jeden Trick der Bauwirtschaft herein?

Du verschenkst zurzeit deine letzten verbleibenden Grünflächen. Denk doch nicht nur an dein momentanes Wachstum, sondern auch daran, dass du später einmal Grünflächen als Erholungsraum brauchen könntest. Jede Grünfläche, die jetzt innerhalb eines Siedlungsgebietes verschwindet, kann später nicht mehr für Parks oder Erholungsräume genutzt werden. Ich weiss, alle reden von Verdichtung, aber trotzdem: Was nützt dir Verdichtung, wenn du nicht mehr atmen kannst?

Amriswil, was willst du werden, (wenn du einmal gross bist)? Amriswil, was bist du? Eine Stadt, ein Dorf oder doch nur eine undefinierbare Gebäudemasse – vermutlich eine typisch schweizerische Agglomerationsgemeinde. Ich mag dich trotzdem.

Philipp Bürkler, 1977, ist freier Journalist und Autor. Er ist in Amriswil aufgewachsen.

#Saitenfährtein: Nächster Ortstermin der monatlichen Streifzüge von Verlag und Redaktion ist am 7. Juni in Rapperswil-Jona. Obiger Beitrag ist im Maiheft von Saiten erschienen.

 

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VELJANOV 2018 03

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Steinmodell 2

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Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

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Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

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Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

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Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

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