Um halb zehn quere ich den Parkplatz auf dem Gossauer Bahnhof. Die basslastigen House-Melodien hört man schon von weitem. Der Eingang des Butterbarcafes, kurz BBC, ist mit Sternen aus Lichterketten und einem vielfarbigen Christbaum-Abklatsch gesäumt. Die Nachtschwärmer kommen, stellen ihren Wagen auf die kostenlosen Parkplätze und stürzen sich ins Getümmel.
Ich schliesse mich ihnen an, zeige dem Security-Mann meine Identitätskarte und werde von einem Hirsch auf einem Poster begrüsst: «Chömet idi warm Stube!». Viel weiss ich nicht über diese «warme Stube», nur dass unter der Woche viele Militärler der nahegelegen Kaserne hier vorbeikommen sollen. Und dass auf dem Vorplatz jährlich das BBC Open – ein zweitägiges Fest mit Einheitsbrei à la DJ Antoine – stattfindet.
Gleich beim Eingang steht ein Bankomat. Wer zu viele Runden ausgegeben hat, muss also nicht weit gehen, um sich wieder mit Scheinen einzudecken. Neben einer riesigen Champagnerflasche hängt ein Plakat, das aufzeigt, was mit denjenigen geschieht, die mit einer falschen Identitätskarte den Eintritt versuchen. Ich denke kurz an eigene naive Versuche zurück und mache mich dann auf Erkundungstour.
Gossau: Rummelplatz der Reize
Im Inneren flimmert es überall. Ich fühle mich überfordert und weiss gar nicht, wo ich zuerst hin will. An der Decke hängen T-Shirts des FC St.Gallen, eine Unzahl von Fernsehern zeigt spanischen Fussball, Sitcoms und leichtbekleidete Damen im sogenannten «FashionTV». Eine Gruppe spielt Dart, zwei ältere Herren versuchen sich im Billard, in der Ecke steht ein Boxkasten, wie man ihn vom Jahrmarkt kennt. Neben einer grossen Bar in der Mitte gibt es einen Essensstand, wo Nachos und andere Kleinigkeiten geordert werden können. Das Motto Weihnachten ist das einzige, was wirklich durchgezogen ist: Samichlaushüte an der Wand, Christbäume an der Decke. Irgendwo finde ich ein Gerät, das ich so noch nie gesehen habe. Es handelt sich um einen Automaten mit Spinden, in denen das Handy eingeschlossen und gleichzeitig aufgeladen werden kann.
Um diesem Rummelplatz der Reize zu entkommen, bewege ich mich in einen kleineren Nebenraum. Ich sehe durch ein bläulich schimmerndes Aquarium mit bunten Fischen einigen Frauen zu, wie sie sich in den Lavabos der Damentoilette die Hände waschen. Etwas verwirrt wende ich mich ab und will wissen, ob dies auch bei der Herrentoilette möglich ist. Ein Piktogramm mit einem zum Muskelprotz stilisierten Mann führt dort hin. Eine transparente Scheibe gibt es nicht, dafür zwei Badewannen, die durch Stahlwände abgetrennt sind und als Pissoir dienen. An der Wand hängen Mini-Fernseher, damit auch ja nichts verpasst wird, was gerade in der Aussenwelt geschieht.
Ich setze mich an die Bar und studiere die Getränkekarte. Bis 22 Uhr kann man einen After-Fitness-Shake bestellen. Ultimativer Renner scheinen aber Bierund Cocktailtürme zu sein, die auf vielen Tischen stehen. Ein 37-Liter-Cocktail ist für knapp 1’000 Franken zu haben. Etwas erhöht in einer Ecke spielt ein DJ; sein Name flitzt über eine grünliche Leuchtreklame. Als Rauch aus einer Düse in den Raum quillt, eile ich zum Ausgang.
Amriswil: Reggaeton und Beer Pong
Recht unauffällig, in einem Haus am Amriswiler Bahnhof, liegt das Amri’s. Heute ist Reggaeton-Party, also mache ich mich auf lateinamerikanische Klänge gefasst. Auf dem Tresen beim Eingang steht eine symbolische Retrokasse, an der Wand tickt eine Wanduhr vor sich hin. Ich werde darauf hingewiesen, dass Garderobenzwang besteht, gebe meinen Mantel ab und trete ein. Das Lokal ist sehr dunkel gehalten, nur in einer Ecke wird eine 5-Liter-Wodka-Flasche beinahe sakral beleuchtet. Die Leute sitzen an ihren Tischen und nippen am Bier, getanzt wird kaum. Mozzarella-Sticks oder Spare Rips gibt es zu essen, ein paar Flyer für Partys ab 28 und sonstige thematische DJ-Abende liegen herum. Das Fumoir ist besser gefüllt als die eigentliche Bar.
Irgendwo steht ein grüner Tisch, auf dem zwei weisse Dreiecke eingezeichnet sind, daneben Becher und Tischtennisbälle. Hier kann man das amerikanische Trinkspiel Beer Pong praktizieren. Dabei wird zwei gegen zwei gespielt. Trifft ein Spieler mit dem PingPong-Ball das Bierglas des anderen Teams, muss dieses getrunken werden. Das Regelwerk im Amri’s ist sehr präzise ausgelegt: Der Ellbogen darf beim Wurf über dem Tisch sein, sobald der Oberkörper jedoch nach vorne gebeugt wird, gilt der Wurf als ungültig.
Ich gehe ins Obergeschoss und will herausfinden, ob es auch so etwas wie eine Tanzfläche gibt. Die Wände im Flur sind schwarz und mit goldenen Blumen geziert, in der Mitte des Raumes steht eine weisse, abgewetzte Plüschbank. Ein Pärchen spielt in einem kleineren Raum an zwei Flipperkästen. Ich will in den grössten Saal eintreten, werde aber darauf hingewiesen, dass dieser erst später öffnet. Als ich irgendwann wiederkomme, ist alles anders. Der Saal ist nun dunkel, ein Lichtstrahl wandert hin und her und von oben herab spielt ein DJ den versprochenen Reggaeton. Langsam trudeln die ersten Leute ein.
Rorschach: Im minimalistischen Möbelgeschäft
An der Industriestrasse in Rorschach soll «The Club» sein. Verwinkelt zwischen einigen Fabrikgebäuden, abseits von jeglichem Wohnraum finde ich schliesslich den Eingang; ein goldenes Schild und eine schwarze Schiefertafel weisen darauf hin. Soviel ist klar: Diesen Laden muss man gut kennen, hierhin verirrt sich kaum jemand zufällig.
Laute Bässe dröhnen und machen klar, wie gross dieses Lokal ist: ein riesiger Fabrikraum, alte Ölfässer als Bartische und oben eine grosse Galerie mit Sitzgelegenheiten. Es erinnert an ein Möbelgeschäft ohne Inventar. Der DJ – Basecap und Gilet – fingert nervös an seinem Kopfhörer herum und legt sehr engagiert seine Technomusik auf, doch fast kein Mensch ist da. Irgendwie ist es ein beengendes Gefühl, praktisch alleine in dieser Halle zu stehen, in einem Club von einer Grössenordnung, wie ich sie in St.Gallen nicht kenne.
Ein Mann kommt auf mich zu und fragt, ob ich zum ersten Mal hier sei. Ich nicke, er zeigt mir die Bar. Ein Automat, bei dem man eine lose Handvoll Pistazien herauslassen kann, zieht mich in seinen Bann. Sogar der Wandkasten vibriert von den Bässen. Ich setze mich auf ein Sofa und lasse den Ort auf mich wirken. Der Duft von Gras macht sich breit. Tatsächlich, doch noch einige Leute! Im Fumoir wird Shisha geraucht und Billard gespielt. Hier gibt es kein Rambazamba, sondern minimalistische Einrichtung im IndustrieDesign. Hinter dem DJ zeigt ein grosses Plakat eine trendige Frau vor einer Skyline und das Logo des Lokals.
Später werde ich von einer Gruppe zu einem Kartenspiel eingeladen. Eine Frau erzählt, dass sie auch das erste Mal hier sei und sich ein Lied wünschen wolle. Ihr Wunsch sei aber nicht erhört worden, denn im «Club» könne nur unter der Woche Musik gewünscht werden. Als ich am DJ vorbei in Richtung Ausgang gehe, zieht er genüsslich an seiner Zigarette.
Dieser Text erschien im Januarheft von Saiten. Tim Wirth, 1995, studiert Journalismus und Organisationskommunikation in Winterthur. Er wohnt in St.Gallen.
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
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Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
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Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
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Nachruf auf Urs Ullmann
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Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.