Das gelbe Saiten-Mobil steht schon seit elf Uhr auf dem Migros-Parkplatz im Zentrum von Wittenbach – samt Kafimaschine, Laptops und Drucker. Pierre und ich treffen etwa um 15 Uhr mit dem Zug ein.
Pierre Lippuner, 24 und Grafiker, ist hier aufgewachsen und vor sechs Jahren nach St.Gallen gezogen. An diesem Mittwoch soll er mich rumführen in Wittenbach, seiner «Hometown», wie er sagt.
Welcome to Wittentown!
Die krassen News zuerst: #Wittenbach hat eine Strassengang! Oder hatte – man weiss es nicht so genau. Wittenbach Crime (WBC) soll sie heissen und Gerüchten zufolge – diese sind auch bis nach St.Gallen gedrungen – soll man sich am Bahnhof in acht nehmen, wenn man nicht angepöbelt oder gar mit Messern bedroht werden will.
«Alte Räubergeschichten», winkt Pierre ab. «Ich bin jedenfalls nie einem Mitglied dieser Pseudo-Strassengang begegnet. Wittenbach ist ein absolut friedliches Dorf.»
Wer weiss, ob Wittenbach Crime nicht doch existiert – Indizien gäbs… (Die Zahl 187 ist der amerikanische Polizeicode für Mord und wird in einschlägigen Kreisen als Todesdrohung gehandelt.)
Es regnet, drum machen wir die «kleine Runde»: vorbei an den «Bananenblöcken» (so wird das Obstgarten-Quartier in Wittenbach genannt), über die alte Molkerei zum Dorfbeck, zur Badi und via Gemeindehaus wieder zurück zum Zentrum.
Aus der Molki ist eine Spielgruppe geworden, stellen wir fest. Ohnehin meint Pierre: «Jedes Mal wenn ich in Wittenbach bin, ist wieder etwas neu. Einzig der Dorfbeck, der sehe immer noch praktisch gleich aus.» Früher sei das Dorf eher sowas wie «ei grossi Wisä» gewesen. «Heute sind viele Grünflächen zugebaut.»
Rare Konstante: der Dorfbeck
Rechterhand ist das Schulhaus Dorf, eines von drei Primarschulhäusern. Ein einigermassen schöner Backsteinbau, auch wenn die Farbe – wir einigen uns auf hellgaggi – etwas amächeliger sein könnte.
Die anderen Schulhäuser heissen Steig und Kronbühl, nach der sechsten Klasse geht’s dann ins OZ Grünau, wo auch die Oberstüfler aus dem Nachbardorf Muolen dazukommen. Im Vorbeilaufen bewundern wir den neuen Streetworkout-Park beim verglasten Oberstufenschulhaus.
Was denn kommt, wenn man auf der Romanshornerstrasse weitergehen würde, frage ich. «Lang nüüt.» – «Und nach dem nüüt?» – «Lömmenschwil oder so. Irgendein Schwil halt. Ehrlich gesagt, weiss ich das gar nicht so genau, da ich mich immer nach St.Gallen orientiert habe.»
S’Mami sait: Gang doch mol use go spile!
Noch vor dem Kreisel mit den Beton-Pfeilen biegen wir rechts ab in die Grüntalstrasse. Hier, im Grüntal-Quartier, ist Pierre aufgewachsen. Ein Familienquartier sei es, mit Grillereien, Festen und gegenseitigem Babysitten. Wittenbach sei ideal zum Aufwachsen – «perfekt bis 16ni». Danach müsse man aber raus, denn kulturell laufe hier wenig.
«Wittenbach ist ein Sportverein-Dorf», erklärt Pierre. «Wenn etwas läuft, dann in den Aulen der Schulhäuser, auf den Sportplätzen oder in der Badi.»
Feudal im Grüntal: Hier haben auch die Briefkästen ihr eigenes Häuschen.
Das Schwimmbad Sonnenrain, sagt er, sei früher DER Ort für erste Flirts und Lieben gewesen. «Jemanden ins Wasser zu schupfen ist schliesslich auch eine Form von Körperkontakt.»
An diesem Mittwoch wird aber nicht rumgemacht in der Wittenbacher Badi, sondern schwimmen gelernt. Eine Handvoll Kinder im Primarschulalter übt im Hallenbad den Rückenschwumm, während ihre Mütter im dazugehörigen Bistro sitzen und sich bei Kaffee und Kuchen amüsieren.
Winter und so. Verschnaufpause fürs Freibad.
Geht man nach dem Grüntal den Hügel hinauf bis zur Sonnhalde, scheint das Dorf plötzlich fertig zu sein. Grün wohin man schaut, am Horizont Schloss Dottenwil – der vermutlich einzige Kulturort in Wittenbach, zumindest was «klassische» Kulturanlässe angeht.
Beim Rückweg entdeckt: eine Wachkuh.
Wieder unten angekommen geht es weiter Richtung Spühl. «Wer nicht weiss, was er oder sie werden will, schnuppert hier», sagt Pierre. «Früher jedenfalls war es so. Man müsste es wohl genauer untersuchen, aber ich behaupte jetzt einfach mal, dass viele, die hier aufgewachsen sind, einen industriellen Beruf gefasst haben.»
Auf dem Weg zum Bahnhof getroffen: die drei Königinnen.
Ausser den drei Weisen vom Morgenland verkommen uns nur wenige Menschen auf unserer «Tour de Wittenbach». Ein paar Mütter mit Kindern, einige ältere Semester und einige, die Gassi gehen.
Das Leben scheint sich im Zentrum abzuspielen – «einem Ort, der nicht gewachsen ist, sondern so geplant wurde», bedauert Pierre, als wir vom Bahnhof wieder Richtung Zentrum gehen, wo der Rest der Saiten-Gang bereits wartet.
Zum krönenden Abschluss: ein Hoch auf alle Bastler!
Wir beschliessen, noch ein gemeinsames Feierabendbier zu nehmen. Im Restaurant Bäche an der Romanshornerstrasse, von den Einheimischen «Bächi» genannt. Das Lokal ist recht grosszügig und hat sogar ein Fumoir. Wenn man reinkommt, riecht es ein bisschen nach Kafifertig.
Als sich die anderen sich auf den Heimweg machen, gönne ich mir noch ein Paar Wienerli mit Senf und belausche die Stammgäste am Nebentisch. Sie unterhalten sich über die verschiedenen Spünten in und um Wittenbach: Neun an der Zahl seien es – wenn man das Puff nach St.Gallen auch dazuzähle.
D’Bächi. Noch im Weihnachtsgewand.
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