Kategorie
Autor:innen
Jahr

Notizen aus dem Kastenwagen: #Wittenbach zwischen Verzweiflung und Idylle

Eine Reise durch Wittenbachs vergewaltigte Gegenwart, grüne Vergangenheit und offene Zukunft.
Von  Urs-Peter Zwingli

#Wittenbach, nur schon die Anfahrt von St.Gallen her ist trostlos. Durch die Windschutzscheibe betrachte ich die Skyline: Ein altes Pfarrhaus verliert sich zwischen Neubauten («Aber hier leben, nein danke!»), Wohnblöcken und – ja, die erste von mindestens zwei Kontaktbars, die alle sofort erwähnen, wenn man über #Wittenbach redet.

Weiter unten säumt eine Kette von Tankstellenshops die St.Gallerstrasse, ein paar durchgerockte alte Häuser dazwischen leben gerade noch so, neu genutzt als Kebabbuden, Tuning-Garagen oder Nail Studios.

#Wittenbach an einem verregneten Mittwochnachmittag im Saiten-Kastenwagen auf dem Parkplatz der Migros mit dem treffenden Namen ÖDENHOF. Das ist so ein Moment und Ort, an dem es einem nicht schwer fallen würde, sein Leben für ein Versprechen wegzuschmeissen und auszusteigen.

Und das hat nicht einmal im Besonderen mit #Wittenbach zu tun.

Rasputin trinkt Schüga

Wir könnten mit unserem mobilen Büro genauso in Flawil, wo ich aufgewachsen bin, in Herisau, Wil oder Brugg-Windisch, Aargau, stehen – vor dem plötzlichen Einbruch der Trostlosigkeit in unser Leben sind wir nirgendwo sicher.

Ich schaue aus dem Saiten-Kastenwagen, hoffe auf ein Zeichen, vielleicht ein Kind, das im langsam einsetzenden Schneeregen tanzt, während es seine Mutter an der Hand zur Migros zieht. Aber ich sehe nur beinharte Büezer, die schweigend in der mit dunklem Holz verkleideten Bar im ÖDENHOF-Foyer sitzen. Vor sich eine Stange Schützengarten nach der Mittagspause, hinter der Bar ein angemessen deprimiert wirkender Tamile, der Biergläser poliert.

Und das sind noch echte Büezer, vor denen ich als Bürogummi irgendwie Schiss habe, einer sieht aus wie Rasputin, mit einem wallenden Bart und stechenden Augen.

Rasputin um 1914. (Bild: Wikipedia)

Ein Rentner greift draussen in den Saiten-Kasten, in dem unsere Hefte zum mitnehmen aufliegen. «Lass, da hats keine 20 Minuten drin, komm!», kläfft seine Frau, und er wirft das Agglo-Heft wieder auf den Stapel zurück, er war sicher auch mal so ein abgezockter Büezer, läuft seiner Frau hinterher und lädt die Einkaufstaschen in den Honda-Kombi, dessen Fahrersitze mit diesen Schonbezügen aus Holzkugeln bezogen sind.

#Wittenbach ist, wenn man nicht hier lebt, ein Ort zum Durchfahren und am ÖDENHOF trifft sich der Verkehr St.Gallen-Amriswil-Arbon-Romanshorn-Kreuzlingen. Und so rauscht und donnert es zuverlässig, unablässig.

Streifzug

Endlich kommt die Ablösung, ich steige aus dem Saiten-Kastenwagen, wende mich nach rechts und gehe durch das neu geschaffene Dorfzentrum, den Platz mit DER Passarelle, der jetzt aber leer und weit ist, obwohl ja offiziell Lebenszentrum von fast 10’000 Menschen, die #Wittenbach bewohnen.

Dahinter steigt der Weg zu einem leichten Hügel an, oben die evangelische Kirche mit ganz neuem Pfarrhaus, viel Holz und Pastellfarben, der Abstieg dahinter führt zum Quartier Grünau, wo aber gar nichts (mehr) grün ist. Dort treffe ich in einem kleinen Park, der ein schönes altes Haus namens «Grünau» umgibt, Gerold Huber und seine 15 Wohnwagen, viele davon ebenfalls in Pastellfarben.

Huber, 58, sagt: «Als ich zur Schule ging, war hier wirklich alles grün. Wittenbach hat in ein paar Jahrzehnten einen brutalen Wandel vom Bauerndorf zur Agglo-Gemeinde durchgemacht.» Für Huber, der im alten Haus aufgewachsen ist und dessen Urgrossvater einst Gemeindepräsident von #Wittenbach war, ging das zu schnell.

Schön findet er das meiste, das neu gebaut wurde, jedenfalls nicht. «Ich hatte lange einen Groll auf die Politiker, die das zu verantworten haben», sagt Huber. Ab Mitte der 60er-Jahre seien zuerst Wohnblöcke, danach Einfamilienhaus-Quartiere «um auch die guten Steuerzahler anzulocken», gebaut worden. Eine Folge davon: Die «WOZ» zählte Wittenbach einst zu den hässlichsten Orten der Schweiz, in einer Reihe mit Schwamendingen.

Natürlich sei das Wachstum nicht nur schlecht, meint Huber: «Mit dem öV ist man heute schnell in St.Gallen, Zug und Bus fahren dicht getaktet. Und die Zuzüger haben natürlich auch frisches Blut gebracht – nicht schlecht für das manchmal verbohrte Wittenbach der Alteingesessenen.»

Gerold Huber vor zwei seiner Wohnwagen. (Bild: upz)

Aber was macht #Wittenbach lebenswert, wo sind die Oasen im Agglo-Moloch? Huber ist Fan vom Schloss Dottenwil. Der mittelalterliche Bau war lange ein Altersheim, sollte dann aber einem reichen Privatier überlassen werden – was eine Gruppe kulturinteressierter Wittenbacher verhinderte. Mit viel Herzblut verwandelten sie das Schloss in ein Kulturzentrum mit Restaurant, Dorf- und Kunstmuseum und regelmässigen Veranstaltungen.

Ganz oben im Turmzimmer finde ich mein psychedelisches Highlight des Schlosses: Die Wände des Zimmers sind rundherum mit einem Traumbild einer Welt bemalt, die vor sinnlichen Genüssen nur so übersprudelt. Flüsse winden sich durch tiefgrüne Schluchten, auf der Terrasse einer Villa räkelt sich eine nackte Frau, edle Speisen und wilde Tiere bevölkern diese Welt, die DER perfekte Gegenentwurf zum Parkplatz vor diesem verdammten ÖDENHOF ist.

Offenbar war ich so weggetreten, dass ich vergessen habe, ein 360-Grad-Bild zu machen – also hingegehen und selber anschauen, die Aussicht aus den Fenstern ist auch ganz nett. Gemalt hat das Werk in jahrelanger Arbeit der Restaurator Ernst Schneider, der heute beim Aufpimpen der alten Wohnwagen hilft, die Huber für Ferien und Ausflüge vermietet.

Die Stadt umarmt das Dorf

Über Feldwege (Huber: «Früher waren ausser der Haupstrasse alle Strassen im Dorf so.») hötterlen wir im Elektrosmart zurück nach #Wittenbach, rollen das Feld quasi von hinten auf und fahren auf die Kuppe, auf der der alte Dorfkern liegt. Das alte Gemeindehaus, zwei Schulhäuser, stolze Beizen, die aber geschlossen sind, eine Kirche und ein Pfarrhaus. Die Idylle im Grau, die man als Durchfahrender nie zu sehen bekommt. Die Wittenbacher reden konsequent bis heute einfach vom «Dorf». Was ist dann der betonierte Rest, der das Dorf umklammert oder vielleicht umarmt? Die Stadt? Der Ring?

Wir wühlen uns also durch den Feierabendverkehr durch den Ring zurück zum ÖDENHOF, zurück zum Kastenwagen, zum verregneten Parkplatz, jetzt aber ohne Verzweiflung: Für den Moment bin ich versöhnt mit #Wittenbach, mit seiner hässlichen Fassade und seinen versteckten (Turm-)Zimmern.

P.S.: Beim verdammten ÖDENHOF bleibt kein Stein auf dem anderen, eine grosse Überbauung ist geplant. Mehr dazu aber erst im Februar-Heft.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

«Gros­ses Lob für die­sen Kel­ler»

Nach 22 Jah­ren gibt Mat­thi­as Pe­ter die Lei­tung der St.Gal­ler Kel­ler­büh­ne ab. Vom Raum ist er nach wie vor be­geis­tert. Aber dem Ka­ba­rett ging es auch schon bes­ser, er­zählt er im Ge­spräch.

Von  Peter Surber
2606 Redeplatz Matthias Peter

Für ei­nen Mo­ment be­rührt

Die Thur­gau­er Künst­le­rin Mi­cha Stuhl­mann be­fasst sich in ih­rem neu­en Pro­jekt mit dem Da­sein im Mo­ment. Am 7. Ju­ni fin­det da­zu ein Work­shop in St.Gal­len statt und am 26. Ju­ni zeigt sie mit ih­rem En­sem­ble die fi­na­le Per­for­mance in Kreuz­lin­gen. 

Von  Vera Zatti
Martin Schweingruber DA SEIN Vorpremiere 20260509 tgkultur 31 von 49

Mu­si­ka­li­sches Fest zum 150.

Die Ton­hal­le Wil wur­de 1876 er­öff­net. Seit­her be­rei­chert sie prak­tisch un­un­ter­bro­chen das kul­tu­rel­le Le­ben der Äb­te­stadt. An den kom­men­den zwei Wo­chen­en­den wird ge­fei­ert.

Von  Roman Hertler
DSC2639

Lau­te Ein­sam­keit

Jo­nas Ul­rich taucht mit sei­nem ers­ten Spiel­film in die Black-Me­tal-Welt ab. Wol­ves ist ei­ne bild­star­ke Ge­schich­te über Ein­sam­keit und das Da­zu­ge­hö­ren, vol­ler Ge­gen­sät­ze und mit et­was holp­ri­gen Dia­lo­gen.

Von  Daria Frick
001 wolves

Das Ge­dächt­nis der Zu­kunft

St.Gal­len be­wahrt nicht mehr nur 1000-jäh­ri­ge Hand­schrif­ten. Mit dem In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht hier ein Ar­chiv für Web­sei­ten, künst­li­che In­tel­li­genz und das di­gi­ta­le Ge­dächt­nis der Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
2606 Internet Archive 01
Heftvorschau 06/26
archive.org, Generalverdacht, 80er-Aufbruch

Mit In­ter­net Ar­chi­ve Switz­er­land ent­steht in St.Gal­len ein Ab­le­ger des gröss­ten Ar­chivs für Web­si­ten und Künst­li­che In­tel­li­genz welt­weit. Aus­ser­dem im Ju­ni­heft: Män­ner un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht, das gros­se St.Gal­ler 80er-Buch, das Ab­schieds­in­ter­view mit dem lang­jäh­ri­gen Kel­ler­büh­nen­chef und die Fla­schen­post aus Ve­ne­dig.

Saiten 2606 01 Cover

«Han­deln wi­der bes­se­res Wis­sen ist wie­der po­pu­lär»

Der WWF St.Gal­len wird 50 Jah­re alt. Sein Ge­schäfts­lei­ter Lu­kas In­der­maur zieht bei der Be­ur­tei­lung der ak­tu­el­len Si­tua­ti­on von Na­tur und Um­welt ei­ne durch­zo­ge­ne Bi­lanz.

Von  Reto Voneschen
2605 Redeplatz Lukas Indermaur

Freu­de am Ma­chen

«Urs Frei. A – Z» im Kunst­mu­se­um St. Gal­len ist die ers­te Re­tro­spek­ti­ve zum aus­ser­or­dent­li­chen Schaf­fen von Urs Frei (1958 – 2023). Rund 140 Ar­bei­ten ge­ben Ein­blick in ein Werk, das kaum zu fas­sen ist. Das ge­hört zu sei­ner Qua­li­tät.

Von  Ursula Badrutt
Urs frei online

Ideen für die Zu­kunft

Wie wol­len wir künf­tig le­ben und un­se­re Nah­rungs­mit­tel pro­du­zie­ren? Die Aus­stel­lung «How goes To­mor­row» der Ost­schwei­zer Künst­le­rin Clau­de Büh­ler in der Shed­hal­le in Frau­en­feld sen­si­bi­li­siert für nach­hal­ti­ge Hand­lungs­stra­te­gien. 

Von  Vera Zatti
IMG 9114

Vom Un­glück der Frau, die ihn ge­bo­ren hat

«Das Kind zu­rück­las­sen? Wie kann man so dumm und herz­los sein», schreibt der Schwei­zer Au­tor Lu­kas Bär­fuss über sei­ne Mut­ter, die kei­ne Mut­ter für ihn sein konn­te. In sei­nem neu­en Buch schaut er in die Ver­gan­gen­heit und hat Ver­ständ­nis, nicht für die Mut­ter, aber doch für die­se Frau, die nie Glück und im­mer zu we­nig Geld hat­te.

Von  Sieglinde Wöhrer
Jhqzg1tg 1 1 Stefano de Marchi

Lau­sanne-Ouchy vs. FCSG – St. Gal­len ist end­lich Cup­sie­ger!

Gaal, Gört­ler und Wit­zig schies­sen St. Gal­len zum lang­ersehn­ten Cup­sieg!

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bis­se am Bo­den­see­ufer

Die Me­di­ka­men­ten­ver­su­che von Müns­ter­lin­gen als Teil ei­nes Vam­pir-Mu­si­cals? Auf die Idee muss man erst ein­mal kom­men. Die Büh­ne Mam­mern wagt den Ver­such. Ab 29. Mai im Zir­kus­zelt.

Von  Michael Lünstroth
Cast landscape

Zwi­schen Gleis, Ge­gen­wart und Ge­sell­schaft

Die dies­jäh­ri­ge Kul­tur­lands­ge­mein­de fin­det ent­lang der Bahn­li­nie zwi­schen Gos­sau und Was­ser­au­en statt. Es ist ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Ex­pe­ri­m­ent­zwi­schen Kunst, Ge­sell­schaft und Ak­ti­vis­mus. Aus­ser­dem stellt die Kul­tur­lands­ge­mein­de künst­le­risch und or­ga­ni­sa­to­risch die Wei­chen für die Zu­kunft.

Von  Philipp Bürkler
KULA Vorstand Oleksandra Tsapko

Ein Fes­ti­val für Punk­rock

Am Sams­tag fin­det in St.Gal­len erst­mals das Punk­fes­ti­val El Car­tel statt. Es soll da­zu bei­tra­gen, die Sze­ne zu stär­ken. Da­bei fehlt es ge­ra­de in St.Gal­len an Nach­wuchs.

Von  David Gadze
Yellow tales grabepunk

Wy­bora­da: Die fe­mi­nis­ti­sche Bi­blio­thek der Ost­schweiz

Seit 40 Jah­ren macht die Bi­blio­thek Wy­bora­da in St.Gal­len sicht­bar, was lan­ge fehl­te: Li­te­ra­tur von und über Frau­en. Heu­te sind Au­torin­nen und fe­mi­nis­ti­sche The­men zwar stär­ker prä­sent in der Öf­fent­lich­keit, doch die Re­le­vanz der Bi­blio­thek ist nach wie vor gross.

Von  Marion Loher
2605 Wyborada Laura Tura room

Or­ches­trier­ter An­griff ge­gen ex­ter­nen Auf­klä­rungs­un­ter­richt 

Mit ei­ner In­ter­pel­la­ti­on grei­fen SVP und EDU im St.Gal­ler Kan­tons­rat den aus­ser­schu­li­schen Auf­klä­rungs­un­ter­richt an. Und mit Un­ter­stüt­zung des «Leh­rer­netz­werks Schweiz» wol­len El­tern aus Büt­schwil ei­ne Mit­ar­bei­te­rin der Fach­stel­le für Aids- und Se­xu­al­fra­gen vor Ge­richt brin­gen. Da­hin­ter steckt ei­ne or­ches­trier­te Ak­ti­on.

Von  René Hornung
2502 Aufklaerung Badges Inv nr 1300

Brü­cke zwi­schen mu­si­ka­li­scher und sprach­li­cher Tra­di­ti­on

«Die­ci», die ita­lie­ni­sche Zahl für zehn, ist das Mot­to des dies­jäh­ri­gen Hei­den-Fes­ti­vals. Es ver­weist da­bei nicht nur auf das Ju­bi­lä­um, son­dern auch auf ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Hal­tung.

Von  Lilli Kim Schreiber
Heiden Festival Nicoals Senn Tom Rigney USA

Naturmuseum Thurgau

Der Grim­bart zum An­fas­sen

Von  Vera Zatti
Dachs Illustration quer def 1

Ein Ber­ner in St.Gal­len

Das St.Gal­ler Thea­ter Trou­vail­le ent­deckt den Mu­si­ker und Ju­ris­ten Ma­ni Mat­ter neu. «’S isch ei­nisch ei­ne gsy»– 90 Jah­re Ma­ni Mat­ter ver­bin­det zahl­rei­che Lie­der und li­te­ra­ri­sche Tex­te des Ber­ners zu ei­nem abend­fül­len­den Pro­gramm. Sai­ten hat mit dem Thea­ter­lei­ter Mat­thi­as Flü­cki­ger ge­spro­chen.

Von  Vera Zatti
Mani Matter Pressefoto

Ein Kurz­trip durch Schein­wel­ten

Vier Jah­re nach ih­rem De­büt keh­ren Lev Ti­gro­vich mit ei­ner neu­en EP zu­rück. Die­se han­delt von Kon­troll­ver­lust, Il­lu­sio­nen und gros­sen Ge­füh­len – und ent­hält erst­mals ei­nen Song, der nicht auf Rus­sisch ge­sun­gen ist.

Von  David Gadze
Lev Tigrovich Press Photo 4 Lena Frei