#Wittenbach, nur schon die Anfahrt von St.Gallen her ist trostlos. Durch die Windschutzscheibe betrachte ich die Skyline: Ein altes Pfarrhaus verliert sich zwischen Neubauten («Aber hier leben, nein danke!»), Wohnblöcken und – ja, die erste von mindestens zwei Kontaktbars, die alle sofort erwähnen, wenn man über #Wittenbach redet.
Weiter unten säumt eine Kette von Tankstellenshops die St.Gallerstrasse, ein paar durchgerockte alte Häuser dazwischen leben gerade noch so, neu genutzt als Kebabbuden, Tuning-Garagen oder Nail Studios.
#Wittenbach an einem verregneten Mittwochnachmittag im Saiten-Kastenwagen auf dem Parkplatz der Migros mit dem treffenden Namen ÖDENHOF. Das ist so ein Moment und Ort, an dem es einem nicht schwer fallen würde, sein Leben für ein Versprechen wegzuschmeissen und auszusteigen.
Und das hat nicht einmal im Besonderen mit #Wittenbach zu tun.
Rasputin trinkt Schüga
Wir könnten mit unserem mobilen Büro genauso in Flawil, wo ich aufgewachsen bin, in Herisau, Wil oder Brugg-Windisch, Aargau, stehen – vor dem plötzlichen Einbruch der Trostlosigkeit in unser Leben sind wir nirgendwo sicher.
Ich schaue aus dem Saiten-Kastenwagen, hoffe auf ein Zeichen, vielleicht ein Kind, das im langsam einsetzenden Schneeregen tanzt, während es seine Mutter an der Hand zur Migros zieht. Aber ich sehe nur beinharte Büezer, die schweigend in der mit dunklem Holz verkleideten Bar im ÖDENHOF-Foyer sitzen. Vor sich eine Stange Schützengarten nach der Mittagspause, hinter der Bar ein angemessen deprimiert wirkender Tamile, der Biergläser poliert.
Und das sind noch echte Büezer, vor denen ich als Bürogummi irgendwie Schiss habe, einer sieht aus wie Rasputin, mit einem wallenden Bart und stechenden Augen.
Rasputin um 1914. (Bild: Wikipedia)
Ein Rentner greift draussen in den Saiten-Kasten, in dem unsere Hefte zum mitnehmen aufliegen. «Lass, da hats keine 20 Minuten drin, komm!», kläfft seine Frau, und er wirft das Agglo-Heft wieder auf den Stapel zurück, er war sicher auch mal so ein abgezockter Büezer, läuft seiner Frau hinterher und lädt die Einkaufstaschen in den Honda-Kombi, dessen Fahrersitze mit diesen Schonbezügen aus Holzkugeln bezogen sind.
#Wittenbach ist, wenn man nicht hier lebt, ein Ort zum Durchfahren und am ÖDENHOF trifft sich der Verkehr St.Gallen-Amriswil-Arbon-Romanshorn-Kreuzlingen. Und so rauscht und donnert es zuverlässig, unablässig.
Streifzug
Endlich kommt die Ablösung, ich steige aus dem Saiten-Kastenwagen, wende mich nach rechts und gehe durch das neu geschaffene Dorfzentrum, den Platz mit DER Passarelle, der jetzt aber leer und weit ist, obwohl ja offiziell Lebenszentrum von fast 10’000 Menschen, die #Wittenbach bewohnen.
Dahinter steigt der Weg zu einem leichten Hügel an, oben die evangelische Kirche mit ganz neuem Pfarrhaus, viel Holz und Pastellfarben, der Abstieg dahinter führt zum Quartier Grünau, wo aber gar nichts (mehr) grün ist. Dort treffe ich in einem kleinen Park, der ein schönes altes Haus namens «Grünau» umgibt, Gerold Huber und seine 15 Wohnwagen, viele davon ebenfalls in Pastellfarben.
Huber, 58, sagt: «Als ich zur Schule ging, war hier wirklich alles grün. Wittenbach hat in ein paar Jahrzehnten einen brutalen Wandel vom Bauerndorf zur Agglo-Gemeinde durchgemacht.» Für Huber, der im alten Haus aufgewachsen ist und dessen Urgrossvater einst Gemeindepräsident von #Wittenbach war, ging das zu schnell.
Schön findet er das meiste, das neu gebaut wurde, jedenfalls nicht. «Ich hatte lange einen Groll auf die Politiker, die das zu verantworten haben», sagt Huber. Ab Mitte der 60er-Jahre seien zuerst Wohnblöcke, danach Einfamilienhaus-Quartiere «um auch die guten Steuerzahler anzulocken», gebaut worden. Eine Folge davon: Die «WOZ» zählte Wittenbach einst zu den hässlichsten Orten der Schweiz, in einer Reihe mit Schwamendingen.
Natürlich sei das Wachstum nicht nur schlecht, meint Huber: «Mit dem öV ist man heute schnell in St.Gallen, Zug und Bus fahren dicht getaktet. Und die Zuzüger haben natürlich auch frisches Blut gebracht – nicht schlecht für das manchmal verbohrte Wittenbach der Alteingesessenen.»
Gerold Huber vor zwei seiner Wohnwagen. (Bild: upz)
Aber was macht #Wittenbach lebenswert, wo sind die Oasen im Agglo-Moloch? Huber ist Fan vom Schloss Dottenwil. Der mittelalterliche Bau war lange ein Altersheim, sollte dann aber einem reichen Privatier überlassen werden – was eine Gruppe kulturinteressierter Wittenbacher verhinderte. Mit viel Herzblut verwandelten sie das Schloss in ein Kulturzentrum mit Restaurant, Dorf- und Kunstmuseum und regelmässigen Veranstaltungen.
Ganz oben im Turmzimmer finde ich mein psychedelisches Highlight des Schlosses: Die Wände des Zimmers sind rundherum mit einem Traumbild einer Welt bemalt, die vor sinnlichen Genüssen nur so übersprudelt. Flüsse winden sich durch tiefgrüne Schluchten, auf der Terrasse einer Villa räkelt sich eine nackte Frau, edle Speisen und wilde Tiere bevölkern diese Welt, die DER perfekte Gegenentwurf zum Parkplatz vor diesem verdammten ÖDENHOF ist.
Offenbar war ich so weggetreten, dass ich vergessen habe, ein 360-Grad-Bild zu machen – also hingegehen und selber anschauen, die Aussicht aus den Fenstern ist auch ganz nett. Gemalt hat das Werk in jahrelanger Arbeit der Restaurator Ernst Schneider, der heute beim Aufpimpen der alten Wohnwagen hilft, die Huber für Ferien und Ausflüge vermietet.
Die Stadt umarmt das Dorf
Über Feldwege (Huber: «Früher waren ausser der Haupstrasse alle ‹Strassen› im Dorf so.») hötterlen wir im Elektrosmart zurück nach #Wittenbach, rollen das Feld quasi von hinten auf und fahren auf die Kuppe, auf der der alte Dorfkern liegt. Das alte Gemeindehaus, zwei Schulhäuser, stolze Beizen, die aber geschlossen sind, eine Kirche und ein Pfarrhaus. Die Idylle im Grau, die man als Durchfahrender nie zu sehen bekommt. Die Wittenbacher reden konsequent bis heute einfach vom «Dorf». Was ist dann der betonierte Rest, der das Dorf umklammert oder vielleicht umarmt? Die Stadt? Der Ring?
Wir wühlen uns also durch den Feierabendverkehr durch den Ring zurück zum ÖDENHOF, zurück zum Kastenwagen, zum verregneten Parkplatz, jetzt aber ohne Verzweiflung: Für den Moment bin ich versöhnt mit #Wittenbach, mit seiner hässlichen Fassade und seinen versteckten (Turm-)Zimmern.
P.S.: Beim verdammten ÖDENHOF bleibt kein Stein auf dem anderen, eine grosse Überbauung ist geplant. Mehr dazu aber erst im Februar-Heft.
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