Mutterschaft in Öl gefasst
Die Ostschweizer Künstlerin Anna-Lena Ruff setzt sich in ihrer Ausstellung beim Schloss Dottenwil mit Mutterschaft auseinander und zeigt Werke aus verschiedenen Schaffensphasen. Zu sehen ist «Zwischen den Zeilen» noch bis zum 29. November.
Das Werk Nikopoia aus der Serie Motherhoods der Künstlerin Anna-Lena Ruff (Bild: pd)
Was bedeutet es heute, Mutter zu sein? Unter anderem damit setzt sich die Ostschweizer Künstlerin Anna-Lena Ruff (*1987) in ihrer Einzelausstellung beim Schloss Dottenwil auseinander. «Zwischen den Zeilen» erstreckt sich über die zweistöckige Galerie in einem Nebenhaus des 1543 erbauten Schlosses, das bei Wittenbach über dem Bodensee thront.
«Das Mutterwerden ist verbunden mit Erfahrungen, über die wenig gesprochen wird. Gleichzeitig stellte ich fest, dass sich Erwartungen, die ich selbst oder andere an mein Mutterwerden herantrugen, nicht erfüllten oder gar nicht erfüllbar waren», erklärt die Künstlerin. Diese Spannungen greife sie in der Serie Motherhoods auf, dem Herzstück der Schau in der Galerie beim Schloss.
Die Serie setze sich aus Porträts und Doppelporträts zusammen, die persönliche Geschichten von Mutterschaft, Care-Arbeit und Nicht-Mutterschaft erzählen, so die Künstlerin. «Ich habe versucht, Mutterwerden so zu malen, wie ich es erlebe. Den daran gerichteten gesellschaftlichen Erwartungen und Zuschreibungen begegne ich mit Offenheit, Ehrlichkeit und Widerstand.» Entstanden sind während drei Jahren mehrere grossformatige Ölmalereien. Diese sind in der Schau in Wittenbach ergänzt mit einer Textebene: Die Porträtierten erzählen ihre Geschichten.
Eines der Werke aus der Serie Motherhoods ist Nikopoia, ein fast zwei Meter hohes, lebensgrosses Doppelporträt. Es zeigt eine Freundin der Künstlerin mit ihrer Tochter. Die Komposition des in kräftigen Farben leuchtenden Ölbildes ist angelehnt an ein typisches Kirchenmotiv: die Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoss. Sie wolle diese Darstellungstradition herausfordern, so Anna-Lena Ruff. «Mein Werk zeigt keine sanfte Jungfrau, sondern eine Frau, die eine Geburt erlebt hat, Care- und Lohnarbeit leistet und grosse Verantwortung trägt.»
Die Werke der heute in Basel lebenden Malerin sind meist gegenständlich und realistisch. Ihre Malerei erlebe sie als einen intensiven Prozess, bei dem es zu einer Entschleunigung komme. Wichtig sei für sie zudem das Mitfühlen. Malen erlebe sie wie ein Gespräch oder eine Begegnung. Diese Beziehung verdichte und materialisiere sich auf der Leinwand.
In erster Linie ist Anna-Lena Ruff eine Porträtistin, jedoch zeigt sie in der Schau «Zwischen den Zeilen» in der Galerie auch andere Seiten ihres Schaffens. So etwa die Serie Objects of Affection. Darin befasst sie sich mit Gegenständen aus dem Nachlass des bekannten St.Galler Konzeptkünstlers Hermann Reinfrank (1952–2023). Ausserdem sind Werke aus ihrer Studienzeit in St.Petersburg zu sehen.
Den Titel der Schau versteht Anna-Lena Ruff auch als Aufforderung: «Ich möchte die Besuchenden der Ausstellung zu einem zweiten Blick einladen. Dazu, meine Bilder zwischen den Zeilen zu lesen.»
Anna-Lena Ruff – «Zwischen den Zeilen»: bis Sonntag, 29. November, samstags 14 bis 20 Uhr und sonntags 10 bis 18 Uhr, Gallerie Schloss Dottenwil, Wittenbach.
Die Künstlerin ist am Sonntag, 8. November, und am Sonntag, 22. November, jeweils zwischen 14 und 17 Uhr anwesend.
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