«Wir leben in einer verblödeten Meinungswelt!»
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
(Bild: pd)
Herr Veljanov, liest man Texte über Ihre Musik, dann gehört das Adjektiv «düster» zu den häufigsten Beschreibungen. Empfinden Sie Ihre Musik selbst auch als düster?
Alexander Veljanov: Ich mache mir keine Gedanken darüber, in welche Kategorie meine Musik eingeordnet wird. Alles, was irgendwie nicht nach Party klingt, ist in Deutschland schnell «düster». In anderen Ländern gibt es dieses Problem gar nicht. Ich bin selbst halb Deutscher, halb Mazedonier. Mazedonier reden über Musik nicht in diesen Kategorien, sondern eher darüber, ob sie ausdrucksstark ist. Und zum Ausdruck gehören natürlich nicht nur die bunten, schönen Seiten des Lebens, sondern auch die ernsthaften.
Die Zeiten, in denen wir gerade leben, sind allerdings tatsächlich kompliziert. Ist Ihre Musik damit vielleicht doch ein Stück weit ein Soundtrack dieser Gegenwart?
Ich möchte keinen Soundtrack für irgendetwas bieten. Das klingt immer so nach Hintergrundbeschallung. Aber das Leben ist für viele Menschen kompliziert, vor allem, wenn man die Augen aufmacht und sich den Realitäten stellt – sowohl im nahen Umfeld als auch global. Wir erleben schwierige Zeiten. Vieles scheint die Menschen zu überfordern oder zu überlasten. Nehmen wir nur die künstliche Intelligenz: Noch vor ein paar Jahren hatte man überhaupt nicht im Blick, dass eine nicht mehr kontrollierbare KI möglicherweise so weitreichende Folgen haben könnte. Gleichzeitig hat man das Gefühl, dass der Menschheit vieles entgleitet, dass Werte infrage gestellt oder lächerlich gemacht werden. Auch die Demokratie wird von manchen infrage gestellt. Es gibt Menschen, vor allem Superreiche, die ihren Einfluss und ihre Macht immer weiter vergrössern wollen und demokratische Kontrollmechanismen aushebeln. Das ist momentan ein Ringen der Menschheit. Ich glaube, wir stehen an einem wichtigen Scheidepunkt der Geschichte.
Kann Musik in einer solchen Situation überhaupt etwas bewirken?
Als Künstler sollte man sicherlich auch jemand sein, der der Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Das fliesst natürlich in die Musik ein. Auch das neue Album ist von solchen Themen geprägt: davon, sich gegen Lüge, Verleumdung und Fake zu stellen und das zu verteidigen, was man für selbstverständlich hält.
Sie haben sich musikalisch nie besonders für klare Grenzen interessiert. Was reizt Sie an der Verbindung von Dingen, die scheinbar nicht zusammengehören?
Wer sagt denn, was zusammengehört und was nicht? Das ist ein Problem, das es auch ausserhalb der Musik gibt. Menschen suchen Schubladen. Und gerade im deutschsprachigen Raum ist das sehr stark ausgeprägt. Die Unterscheidung zwischen E- und U-Musik ist zum Beispiel eine typisch deutsche Sache. In anderen Ländern zuckt man mit den Achseln, das gibt es dort gar nicht. Auch musikalische Genres sind solche Schubladen. Mich interessiert aber nicht so sehr, was angeblich zusammengehört. Kunst kann überhaupt nur funktionieren, wenn sie Dinge miteinander verbindet, wenn sie sich kulturell etwas aneignet und daraus etwas Neues macht. Mit diesen Einordnungen musste ich mich mein Leben lang auseinandersetzen. Es gibt Leute, die nur nach Äusserlichkeiten gehen und gar nicht richtig hinhören. Ich mache Musik für Menschen, die sich die Zeit nehmen, meine Musik anzuhören – und nicht einfach aufgrund irgendwelcher zeitgeistiger Kriterien etwas ablehnen.
Sie sprechen damit auch die Art an, wie heute Musik konsumiert wird. Was hat sich verändert?
Die Bereitschaft zur wirklichen Auseinandersetzung mit Musik wird immer geringer. Allein schon dadurch, dass Musik jederzeit verfügbar ist und nichts oder fast nichts kostet. Das führt oftmals auch zum Ende der Wertschätzung. Es geht um Millionen Klicks und Likes. Videos sollen möglichst kurz sein, nach drei Sekunden muss etwas passieren. Es ist einfach nur noch billigster Massenkonsum.
Ich möchte daraus aber kein grosses Dogma machen. Ich hoffe einfach, dass es weiterhin Menschen geben wird, die sich für Dinge interessieren, die wichtig sind und unserem Leben Sinn geben – für Kunst und für alles andere, was unser Leben bestimmt. Man sollte sich dafür Zeit nehmen, statt zu versuchen, alles aufzusaugen und am Ende überhaupt nicht mehr zu wissen, was echt ist und was falsch.
Das klingt fast wie eine gesellschaftliche Diagnose.
Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem ernsthaft darüber diskutiert wird, ob die Erde vielleicht doch eine Scheibe sein könnte. Da fragt man sich: Wo ist die Aufklärung geblieben? Warum wird der Wissenschaft immer mehr misstraut? Propaganda hat einen grossen Einfluss auf die Meinungsbildung. Meinung ist heute wichtiger als Wissen. Wir leben in einer verblödeten Meinungswelt, in der jeder behaupten kann, was immer er möchte. Und wenn man Unwahrheiten hundertmal wiederholt, werden sie für viele Menschen irgendwann zur Wahrheit.
Ist Ihre Musik für Sie auch ein Gegenzeichen dazu?
Ja. Eine Single des neuen Albums heisst Don’t Eat the Lie. Man muss einfach aufpassen, was man in sich hineinschaufelt – in jeder Hinsicht, mental genauso wie ernährungstechnisch.
Wenn man Ihre Texte betrachtet, tauchen immer wieder Tod, Liebe, Einsamkeit und die Frage nach dem richtigen Weg auf. Sind das für Sie unterschiedliche Themen – oder verschiedene Zugänge zu einer grundsätzlichen Frage?
Wir sind alle von Anfang an auf dem Weg. Die Frage ist, wie man auf diesem Weg sein Leben möglichst konstruktiv gestaltet. Wir sind nicht dafür gemacht, Einzelgänger zu sein. Wir leben durch unsere Mitmenschen. Liebe ist ein romantisches Konstrukt, dem die Menschen seit Jahrtausenden nachjagen. Bei manchen funktioniert es eine gewisse Zeit oder auch länger. Aber ich denke, wenn man sich selbst nicht lieben kann, ist es schwierig, andere zu lieben. Und das gilt letztlich auch für die Beziehung zur Natur und zum eigenen Umfeld. Im Grunde fusst vieles darauf, dass wir versuchen müssen, dankbar zu sein und lieben zu können. Auch dankbar zu sein für die Wunder der Natur und ihre Schönheit – und nicht alles zerstören und uns alles aneignen zu wollen.
Diese Sehnsucht nach einer anderen, vielleicht sogar perfekten Welt scheint auch in Ihrer Musik auf.
Ja, da ist eine Sehnsucht nach dem Überirdischen, nach etwas fast nicht Greifbarem. Und vielleicht ist das auch ein Teil dessen, was Musik überhaupt für Menschen bedeutet: Dinge, die man nicht fassen kann. Letztlich kann sich jeder nur selbst ein Bild davon machen, was Menschsein bedeutet und was einen Menschen glücklich und zufrieden machen kann.
Vor ein paar Tagen wurde die erste Single aus Ihrem neuen Soloalbum veröffentlicht. Nach The Sweet Life von 2008 ist das Ihr erstes Soloalbum seit 18 Jahren. Was hat Sie nach dieser langen Pause wieder zu diesem Projekt geführt?
Ich mache seit vier Jahrzehnten Musik. Deine Lakaien waren dabei immer mein Hauptwerk. Aber für Ernst Horn und mich war es wichtig, nicht in einem einzigen Projekt gefangen zu sein. Deshalb gab es immer auch andere Projekte. Ich habe in den 1990er-Jahren unter einem anderen Namen eine Art Spielwiese gegründet – für Musiker, mit denen ich gerne arbeiten wollte, und um stilistisch noch etwas offener sein zu können. Dazu kamen meine Soloalben.
Jetzt war es nach vielen Jahren einfach wieder an der Zeit, mit meinen Kollegen in Mazedonien und anderen Musikern zu arbeiten und den Blick etwas über Deutschland hinauszurichten. Letztlich geht es darum, dass man Musik macht, weil sie einem immer noch wichtig ist und weil man Freude daran hat. Man will sehen, was möglich ist und was entsteht, wenn man miteinander arbeitet. Und man möchte nicht das Gefühl haben, dass man nur noch abliefert, weil man muss.
Ist das neue Soloalbum also auch eine Erweiterung dessen, was bei Deine Lakaien möglich ist?
Ja, die Soloprojekte waren für mich immer eine Art Spielwiese. Dort kann ich stilistisch etwas offener arbeiten. Das war schon früher wichtig, und das ist es heute noch.
Sie haben einmal gesagt, Ihre Texte für Deine Lakaien seien weniger persönlich als jene Ihrer Soloprojekte. Gilt diese Unterscheidung noch?
Das war damals ein Versuch, den Unterschied zu erklären. Deine Lakaien kommen stärker vom Theater, von Literatur und Film. Meine Solotexte haben vielleicht mehr private, persönliche Aspekte. Ich sehe mich eigentlich immer auch als Darsteller, als Schauspieler. Die Musik ist durch viele Themen aus diesen Bereichen geprägt. Bei einem Soloprojekt geht es eher darum, als Privatmensch auf der Bühne zu stehen und zu sagen: Hört mir zu, das denke ich, so geht es mir.
Ihre Stimme ist unverwechselbar. Wann haben Sie selbst gemerkt, dass sie etwas Besonderes ist?
Das hat eigentlich schon in der frühesten Kindheit angefangen. Der Kirchenchor war ein wichtiger Bestandteil. Ich habe immer sehr viel gesungen. Nach dem Abitur habe ich zunächst gar nicht unbedingt eine Sängerkarriere angestrebt. Ich wollte eher ins Regiefach, habe Theater- und Filmwissenschaften studiert und an der Oper in München angefangen, in der Lichtregie zu arbeiten. Das hat mir auch sehr gut gefallen.
Aber irgendwann hat es mich gereizt, mit Ernst Horn im Studio Songs zu machen. Ich bin nach Westberlin gegangen, habe mit Post-Punk-Bands gearbeitet und versucht, meinen musikalischen Durst zu stillen. Und irgendwann hat man mich mehr oder weniger auf die Bühne geschubst. Ich war kurz davor, das mit der Musik wieder sein zu lassen. Dann kam Dark Star – und plötzlich verkaufte sich die Platte innerhalb weniger Monate tausendfach, vor allem durch Mundpropaganda und die Undergroundclubs.
Und damit war der Weg eigentlich vorgezeichnet?
Man kann sich nicht aussuchen, ob man Erfolg hat oder nicht. Aber man kann entscheiden, ob man weiterhin Musik machen möchte, weil sie einem etwas bedeutet. Für mich ist genau das bis heute der entscheidende Punkt.
Dieser Beitrag ist zuerst bei Thurgaukultur.ch erschienen.
Alexnader Veljanov live: Montag, 9. November, 20:15 Uhr, Eisenwerk, Frauenfeld. eisenwerk.ch
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