«‹Sind die denn echt?!?›, fragte er mich und grapschte ganz selbstverständlich an meine Brüste, als hätte er ein Recht, diese zu ‹überprüfen›», schreibt Manu Dorothée Seitz zum #SchweizerAufschrei, der seit dem 13. Oktober durchs Land hallt. Manu ist 22 und hat ihre Brüste noch nicht sehr lange. Erst seit einem halben Jahr, seit sie Hormone nimmt. Seither fragt sie sich hin und wieder, auf welche Toilette sie nun gehen soll: Männer oder Frauen? «Früher war das einfach», erklärt sie lachend. «Heute entscheide ich mich je nach Lust, Laune und Location.»
Keine Angst, das soll keine dieser Geschichten sein, die genderqueere Leute und Transmenschen auf ihre Geschlechtsteile reduziert. Manus #Aufschrei und die Sache mit dem Klo sollen vor allem zwei Dinge zeigen: Erstens tut es die Gesellschaft eben doch, Menschen auf ihre Geschlechtsteile reduzieren, und zweitens spielen sie, wenn es um Transition und Identität geht, eben auch eine Rolle.
«So traurig es auch ist, mir das einzugestehen», sagt Manu, «aber seit mir Brüste wachsen, fühle ich mich ernster genommen. Die Hormone geben mir eine Art Daseinsberechtigung. Heute werde ich nicht mehr als Mann in Frauenkleidern gelesen, sondern als Manu Dorothée Seitz. Und bald wird es auch so in meinem Ausweis stehen.»
Galgenfrist: drei Tage
Die Jugend hat Manu in Bern verbracht, die Freizeit gerne mit Politik und Theaterspielen. Das erste Outing beschreibt Manu so: «Eines Tages, ich war 17, hat ein Kumpel von mir mitbekommen, dass ich ein Date mit einem Jungen hatte. Er hat mir drei Tage Zeit gegeben, mich als schwul zu outen, sonst würde er es tun. Am dritten Tag hat er mich dann vor der halben Klasse gefragt, ob ich nicht noch etwas zu sagen hätte. Ich antwortete: ‹Was? Dass ich auf Männer stehe? Gib mir mal deine Hausaufgaben, ich muss noch was abschreiben.› Von da an hat die ganze Schule gewusst, was alle, auch meine Eltern, längst vermutet haben.»
Transit Havanna: Dok-Film und Podiumsdiskussion mit Regisseur Daniel Amba und Myshelle Baeriswyl von der St.Galler Fachstelle für Aids- und Sexualfragen: 17. November 19 Uhr, Palace St.Gallen pantallalatina.ch
Zwei Jahre später, mit 19, ist Manu nach Ebnat-Kappel gezogen, wo sie, damals noch als schwuler Mann lebend, eine Lehrstelle als Physiklaborantin gefunden hatte. Zwei Jahre lang wohnte Manu in der Toggenburger 5000-Seelen-Gemeinde. «Manchmal wurde ich schräg angeschaut, aber als schwul zu gelten, war selten ein Problem. Allerdings bin ich auch nicht in Ebnat-Kappel aufgewachsen und wurde nicht schon von klein auf ins soziale Korsett dort gezwängt. Ich hatte nichts zu verlieren. Die ‹einheimischen Schwulen› hatten es, denke ich, um einiges schwerer.»
Viele seien es nicht gewesen, sagt Manu. Fünf oder so. Einer davon sang im selben Chor. Er sei der einzige gewesen, der offen schwul war. Darüber geredet habe man im Dorf aber nie. «‹Don’t ask, don’t tell›, war das Motto. Heutzutage wird man vielleicht nicht mehr angefeindet in kleinen Käffern, dafür wird man ignoriert …»
Einsteigen, Umsteigen, umziehen
Manu hat sich schon immer wohl gefühlt in weiblichen Kleidungsstücken – was immer das sein mag –, auch während der Zeit in Ebnat-Kappel. Im Dorf selber war Manu aber nie als Frau unterwegs. «Ich habe meine Klamotten immer erst im Zug nach Zürich oder St.Gallen gewechselt. Aus einer Mischung aus Konfliktvermeidung und Unwohlsein heraus, denke ich, jedenfalls hatte ich keine Lust, im Postauto dumm angemacht zu werden.» Als homosexuell abgestempelt zu werden, hat Manu damals gereicht. Das sei «immerhin besser gewesen als dieser Cis-Hetero-Scheiss». Zum zweiten Mal geoutet hat sie sich erst, als sie vor gut einem Jahr nach Zürich gezogen ist.
Das Leben im Toggenburg hatte zum Glück auch schöne Seiten. Da war zum Beispiel die Jugendarbeiterin Barbara, «das Queer-Mami». Ab und zu organisierte sie einen Queer-Höck bei sich zuhause.
«Das war super», schwärmt Manu. «Wir waren zwar nur eine Handvoll Leute, aber wir haben uns bei ihr immer sehr wohl gefühlt. Es hat einfach gut getan, zwischendurch sich selber zu sein. Wäre Barbara nicht gewesen, stünde ich heute nicht da, wo ich bin – und damit bin ich nicht alleine. Safe Spaces und Menschen wie Barbara sind wichtig. Gerade auf dem Land, in diesen Schicksalsgemeinschaften, wo man abends in der gleichen Beiz ist, im gleichen Bus sitzt, im gleichen Verein ist. Da ist es schwer, aus dem Gefüge auszubrechen.»
Heimat ist, wo die Gleichgesinnten sind
Sich selber sein. Das hat Manu auch in der JUSO gelernt. Sie ist seit Jahren in der Partei und hat sich auch dort zum ersten Mal als trans* Frau geoutet. «Das war befreiend. Alle waren froh, dass sie mich endlich in die passende Schublade stecken konnten», sagt sie und betont: Das sei natürlich alles andere als böse gemeint. «Schliesslich wirst du bei der JUSO nicht rausgeworfen, wenn du dich als genderqueer outest, sondern dann, wenn du etwas gegen Menschen wie mich hast.»
milchjugend.ch transgender-network.ch ahsga.ch
Seit einigen Jahren engagiert sich Manu auch bei der Milchjugend, der «Jugendorganisation für lesbische, schwule, bi, trans* und asexuelle Jugendliche und für alle dazwischen und ausserhalb». Und bei der Jugendgruppe von Transgender Network Schweiz (TGNS). Dort sitzt sie einmal im Monat am Welcome-Desk und nimmt Ratsuchende in Empfang.
«Ich kann mir vorstellen, wie sich ein junger Mensch fühlt, der sich nicht mit heteronormativen Geschlechter-, Sexualitäts- und Beziehungskonzepten identifizieren kann», sagt Manu. Darum will sie auf die Menschen zugehen. «Mir selber hat die Arbeit bei Transgender Network und die Auseinandersetzung damit wahnsinnig viel gebracht. Und gerade auch für die ‹Landjugend› ist es wichtig, dass sie eine Anlaufstelle hat. Am besten wäre aber ohnehin, wenn verschiedene Rollenbilder bereits in der Primarschule stärker thematisiert würden.»
Dieser Beitrag erschien im Novemberheft von Saiten.
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