Zwei Jahre lang bleibt das Theatergebäude zu. Vor der Tonhalle wächst das Provisorium in die Höhe. Und in der Luft ist immer noch Corona. Wie geht Theater in dieser Lage? Geht es überhaupt?
Bestseller und Trouvaillen
Aida: geht! Jesus Christ Superstar: geht! Operndirektor Peter Heilker lässt sich in seiner letzten St.Galler Spielzeit vom Virus nicht schrecken und setzt auf Repertoire-Bestseller. Verdis populäre Oper sei im Grunde ein Kammerspiel; und für die beiden grossen Chorsätze im Stück gibt es einen Plan B: Sollten die Abstandsvorschriften nicht weiter gelockert werden, so musizieren Chor und Orchester in der Tonhalle und werden – wie an den Festspielen – auf die Bühne zugeschaltet.
Für das Musiktheater und für die Sinfoniekonzerte haben Heilker und Konzertdirektor Florian Scheiber minutiös an den Besetzungen getüftelt. Der Zweimeter-Abstand ist das Mass aller Dinge – damit passen 18 Musikerinnen und Musiker in den Orchestergraben des Provisoriums und 40 auf die Tonhalle-Bühne. Neuste Studien zeigten zudem, dass nicht Gesang und nicht die Blasinstrumente virologisch am problematischsten sind, sondern das laute Sprechen und Schreien. Bad news fürs Sprechtheater? «Wir halten die Auflagen ein»: Das war die mehrfach wiederholte Botschaft an der Medienkonferenz zur kommenden Spielzeit in Konzert und Theater St.Gallen.
Händels Giulio Cesare in Egitto eröffnet im Oktober das Opernprogramm in barocker, schlanker Besetzung – jenes Stück, das schon beinah fertig geprobt dem Lockdown im März als erstes zum Opfer fiel. The Sound of Music, Jesus Christ Superstar und als Wiederaufnahme Wüstenblume bilden das Musical-Trio im Provisorium-Gebäude, das jetzt den Namen «UM:BAU» trägt.
Das Provisorium im Bau, dahinter verdeckt die Tonhalle.
Zum Abschied dann doch noch Heilkers «Trouvaillen». Die Festspieloper auf dem Klosterplatz ist Notre-Dame von Franz Schmidt, 1914 uraufgeführt. Und als Schweizer Erstaufführung kommt Florencia en el Amazonas nach St.Gallen. Das Stück nach Gabriel Garcia Marquez erzählt die Geschichte einer Opernsängerin auf Amazonasreise und Liebessuche. Komponiert hat es Daniel Catan in spanischer Sprache, die Uraufführung fand 1996 in Houston statt, die Musik lokalisiert Heilker «zwischen Puccini und Regenwald».
Gratiskonzerte, Schachbrett-Tanz
Klassik geht auch – sogar gratis: Als «Willkomm» ans Publikum spielt das Sinfonieorchester ein Romantikprogramm in der Tonhalle, und Anna Fedorova gibt bei freiem Eintritt ein Klavierrezital. Coronatauglich gleich siebenmal ist ein Abend von Mackie Messer bis Pulcinella angesetzt. Daneben kommen Beethovens Eroica, Mozarts c-moll-Klavierkonzert und selbst Mahlers Neunte zu Gehör, letztere mit Gastmusikern der Litauischen Nationalphilharmonie, die ebenfalls Modestas Pitrenas zum Chefdirigenten hat.
Und einmal geht das Orchester fremd: Sein Neujahrskonzert spielt es neben St.Gallen auch in Mels, im dannzumal eröffneten Verrucano-Konzertsaal – erstmals gebe es damit im Kanton St.Gallen einen zweiten für das Sinfonieorchester tauglichen Saal, freut sich Florian Scheiber.
Visualisierung der Bühne im UM:BAU (Bild: Theater St.Gallen)
Tanz geht ebenfalls – wenn auch momentan wie auf dem «Schachbrett» geprobt werde, wie Tanzchef Kinsun Chan sagt. Chan will seinerseits «positiv vorwärts denken» und plant zwei Produktionen in der Lokremise und eine im Provisorium. Letzteres ist Prokofjews populäre Cinderella, von Chan selber choreografiert. Für die anderen Stücke kommen Gäste ins Spiel: Der israelische Choreograf Nadav Zelner entwickelt eine utopische Tanzwelt mit dem Titel Zendijwa, und das Duo Dimo Kirilov Milev und Stephanie Lake bringt einen getanzten TraumAlpTraum als Uraufführung auf die Bühne – coronatauglich ohne Pause.
Zudem fördert St.Gallen in Kooperation mit der ZHdK Nachwuchs-Choreographen, und Robina Steyer bringt mit der Theatertanzschule das ebenfalls vom Lockdown gebremste Kinderstück Sandkorn doch noch zur Aufführung.
Lange erwartet: das Stück zur Stadt
Was nicht geht: Das für diese Spielzeit geplante «Joint venture» von Schauspiel und Oper mit Carl Maria von Webers Freischütz und dem Black Rider von Burroughs/Wilson/Waits musste gestrichen werden. Das Schauspielensemble macht jetzt Black Rider trotzdem in kleinerem Format. Daneben setzt Schauspieldirektor Jonas Knecht einmal mehr auf den wunderbaren Wolfram Lotz (Die lächerliche Finsternis), bringt die im Frühling gestoppte Orestie und das Auftragswerk Die Gastfremden von Ivna Zic doch noch zur Aufführung und betreibt engagierte Autorenförderung: Thomas Melle, Autor von Versetzung, bringt eine Bearbeitung von King Lear ins Provisorium. Und die junge Autorin und Regisseurin Maria Ursprung hat für das Förderformat Dramenprozessor Schleifpunkt geschrieben, das Stück entsteht zusammen mit dem freien Theater Marie Aarau. Maria Ursprung wird als Writer in Residence zudem die ganze Spielzeit in St.Gallen und am Theater Basel mitwirken.
Schliesslich, lang erwartet, das Stück zur Stadt. HotSpotOst heisst es und soll St.Gallen die «letzte Chance 2031» – so der Untertitel – eröffnen, doch noch den Sprung unter die urbanen Hot Spots der Schweiz zu schaffen. Der Stoff ist notorisch: das hiesige Minderwertigkeitsgefühl. Den Text schreibt ein Autorenteam um die Journalistin Brigitte Schmid-Gugler: Hans-Ruedi Beck, Rolf Bossart, Marcel Elsener und Dani Fels. Zum Vormerken: Premiere ist am 23. April 2021.
Im Sprechtheater kommt daneben die «Königsdisziplin» zu Ehren: der Monolog. «Radikal allein» heisst das Programm, Spielorte sind neben dem Foyer des neuen Provisoriums andere «ausgewählte Orte» in St.Gallen.
Das Foyer im Provisorium. (Bild: Theater St.Gallen)
«Offene Räume»: Schön wärs
Ein Fazit: Theater geht, soweit heute absehbar. Es geht mit Hygieneregeln, mit Abstandhalten, mit Fiebermessen in den Proben, mit adaptierten Besetzungen, mit Kammer-Werken. Es geht vermutlich gut, denn all dies haben die fünf Direktoren für die kommende Spielzeit mit aller Sorgfalt bedacht. Sie halten die Fahne hoch.
Aber: Corona war und ist ein Hammer. Ein Hammer ist auch die Renovation. Beide Hammerschläge zusammen haben es nicht geschafft, das Theater St.Gallen aus seinen Programmroutinen herauszuklopfen.
Die zwei Renovationsjahre würden als «mobile» Spielzeiten die Chance bieten, ungewohnte Orte und andere Regionen im Kanton zu bespielen. Das jetzt vorgestellte Programm lässt davon noch beinah gar nichts erkennen. Das Musiktheater konzentriert sich auf das Provisorium, das Orchester reist gerade einmal nach Mels, Tanz und Schauspiel setzen sich in der Lokremise fest. Kooperiert wird mit Zürich, mit Basel, mit Aarau, das ist löblich. Kein Wort dagegen von möglichen Kollaborationen mit hiesigen Playern, von der FH bis zur HSG, vom Kinok bis zur Wyborada, von der Klimabewegung bis zu Gymiklassen, vom FC Brühl bis zum Kantonsspital…
«Offene Räume»: Das ist das Spielzeitmotto, allerdings nicht in St.Gallen, sondern in Luzern. Das Theater Luzern inszeniert unter anderem eine Oper im Elektrizitätswerk, spielt in Kooperation mit dem FC im Stadion eines der legendären Fussballspiele mit zwei Schauspielern nach oder arbeitet mit der Hochschule zusammen.
Wo bleibt in St.Gallen das mobile, das strassentaugliche, das sich einmischende und sich für andere öffnende Theater im Renovationsjahr? Vieles sei noch offen, sagt Theaterdirektor Werner Signer auf Nachfrage – was jetzt präsentiert wurde, seien die fixen Programme, anderes, Mobileres komme noch nach. Auch Schauspieldirektor Jonas Knecht verspricht weitere flexible Projekte – eine Position im Programm bleibe dafür explizit offen, sie heisst «Carte blanche». Auch der Container soll erneut auf Tour gehen.
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