Für einmal hat St.Gallen die Nase vorn: Das Theater hat sich die Schweizer Erstaufführung des neusten Finanz-Stücks von Urs Widmer gesichert. Am 11. Januar 2013 hat «Das Ende vom Geld» Premiere, rund fünf Jahre nach den «Top Dogs» desselben Autors in der Schalterhalle der Kantonalbank (Bild oben / Aufnahme Ralph Ribi). Die Top Shots der Bankenwelt sind unterdessen selber zu Underdogs geworden, wie Widmer das in seinen „Top Dogs“ schon Jahre zuvor vorhergesehen hatte. «Das Ende vom Geld» versammelt die Cracks nun noch einmal am WEF in Davos, vom Bankier über den Bundesrat und den NGO-Vertreter bis zum HSG-Professor. Es schneit und schneit, das Geld geht aus und das Essen, kurzum: ein Endspiel. «Ein zorniger Text eines alten Mannes», sagte St.Gallens Schauspieldirektor Tim Kramer an der Spielplan-Pressekonferenz. Und ein Glück für St.Gallen, dass das Schauspielhaus Zürich, dem Widmer das Stück angeboten hatte, ablehnte mit der Begründung, die Finanzkrise sei schon vorbei, bis es endlich zur Premiere käme. Kramer sieht das anders. «Hier in St.Gallen sitzend und mit Blick hinüber auf die Villa der Bank Wegelin» (wo zuvor die Theaterdirektion einquartiert war, bis die Stadt das Haus an die Bank verkaufte) glaubt Kramer daran, dass das Thema aktuell bleibt.
Das Widmer-Stück dürfte die Premiere mit der grössten überregionalen Beachtung sein im Gesamtprogramm der Spielzeit 2012/13. Das Schauspiel setzt aber auch sonst auf Zeitgenossenschaft, mit einem nächsten Jelinek-Stück («Winterreise») oder dem in dieser Saison verschobenen Jugendstück über Paul Grüninger, das jetzt doch noch zustande kommt. Weiter: Kleist, Goethe, Miller, Barlow, eine Dramatisierung von Dürrenmatts Roman «Der Verdacht» und ein «Heidi»-Familienstück, das nicht in Musicalkitsch ausarten soll.
Aufs Ganze geht der Tanz, mit dem Stück „Bulldog ant“. Was tun wir uns selber und der Welt an? Führt alles zwangsläufig ins grosse Desaster? – solche Fragen will die Uraufführung des von Ultima Vez bekannten Choreographenduos Kapetanea/Frucek stellen. Die titelgebende Riesenameise verspricht Gefahr. Daneben inszeniert Tanzchef Marco Santi Handkes „Stunde, da wir nichts voneinander wussten“, just zehn Jahre nach der Freilichtinszenierung desselben Stücks von Dodo Deer auf dem Picobello-Platz.
Die Oper wartet im Verdi-Jahr mit gleich drei Werken des St.Galler „Opern-Hausgotts“ auf, „Rigoletto“, „La forza del destino“ sowie „Attila“ als Festspieloper 2013. Der Hunnenkönig vor den Türmen der Kathedrale, gebannt vom Papst und am Ende erstochen von den Verteidigern Roms: Da inszenieren die St.Galler Festspiele einmal mehr, wie schon in der Kreuzzugsoper „I Lombardi“ 2011 oder in der „Sintflut“ 2010, auf dem Klosterplatz ein Kulturkampf-Thema. Der Stoff hatte 1849 mitten im „Risorgimento“ die Italiener national ins Herz getroffen und entflammt – „Italia, Italia, Italia“ heisst es in einem der Chöre dutzendfach. Was in Sangallo daraus wird, wird man sehen.
Oper, Schauspiel, Tanz und Konzertprogramm (mit mehreren klug programmierten Abenden unter dem neuen Chefdirigenten Otto Tausk) sind, geht es nach den Worten der Theaterleitung, auch eine Antwort auf die Diskussion um das Buch „Kulturinfarkt“. In allen Sparten gebe es Ur- und Erstaufführungen neben Bekanntem, gebe es Sperriges neben Unterhaltung. Und vor allem: viele Angebote für Kinder und Jugendliche. Dass die grossen Häuser „von allem zu viel und immer das Gleiche für ein paar Wenige“ böten, wie der Generalvorwurf im Buch lautet, kann man angesichts des breiten und auch risikofreudigen Programms der höchstsubventionierten Ostschweizer Kulturinstitution tatsächlich nicht behaupten. In der laufenden Spielzeit zähle man bereits drei Prozent mehr Zuschauerinnen und Zuschauer, sagt Direktor Werner Signer: „Wir sehen dem Infarkt getrost entgegen.“
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 4: Cyprien Gaillard – «When you expect flutes, it whistles», «Komm Glüückck» und Jeremy Reeds Buch Du stirbst nur zweimal – Ein Sylvia Plath-/Victoria Lucas-Roman.
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.