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«Alle sind hungrig auf Kultur»

Der Bundesrat hat entschieden: Veranstaltungen bis 300 Personen sind vom 6. Juni an wieder erlaubt. Zugleich soll weiterhin Distanz gehalten werden, falls möglich. Was bedeutet diese «neue Normalität» für Konzerte, Theater und Kinos in der Ostschweiz?
Von  Peter Surber  und  Corinne Riedener , 
Illustration: Dario Forlin

Der ominöse 27. Mai: Auf ihn hat die halbe Schweiz gewartet. Für diesen Tag hatte der Bundesrat die nächsten Lockerungsschritte versprochen. Vor dem 27. Mai hing insbesondere der Kulturbetrieb völlig in der Luft – aus erster Hand dazu die Saiten-Interviews mit der Leiterin des St.Galler Programmkinos Kinok, Sandra Meier, mit dem Konzertveranstalter Lukas Hofstetter und mit dem St.Galler Schauspieldirektor Jonas Knecht.

Im Zeitraffer der Rückblick: Am 16. März wird der Lockdown verkündet. Sechs Wochen später der erste Lockerungsschritt für Gartencenters und Coiffeursalons; am 11. Mai dürfen auch Restaurants, Läden, Bibliotheken und Museen sowie die obligatorischen Schulen wieder öffnen, mit Einschränkungen. Zu diesem Zeitpunkt weiter Bestand hat das Versammlungsverbot für mehr als fünf Personen. Und definitiv verboten bleiben bis Ende August Anlässe mit mehr als 1000 Personen.

Was jedoch für kleinere Kulturanlässe (und damit die grosse Mehrheit) gilt, liess der Bundesrat Ende April offen – und stellte damit unzählige Kulturschaffende und -institutionen vor fast unlösbare Planungsprobleme. Proteste dagegen gab es unter anderem von den Interessengemeinschaften der Kultur, Druck machten aber auch die Tourismusverbände. Gleichzeitig hat Österreich im Turbotempo die Einschränkungen gelockert – ab Ende Mai kann dort zum Beispiel wieder Theater gespielt werden, vorerst vor 100 Personen.

Neue Freiheit – mit Schutzkonzepten

Nach der heutigen Medienkonferenz des Bundesrats herrscht Klarheit: Veranstaltungen mit bis zu 300 Personen sind ab dem 6. Juni wieder erlaubt, ebenso spontane Versammlungen bis zu 30 Personen. Zugleich bleibe das kulturelle Leben stark eingeschränkt, präzisiert das Amt für Kultur des Kantons St.Gallen: «Bedingung ist, dass für alle Einrichtungen und Veranstaltungen Schutzkonzepte vorhanden sind. Die Hygiene- und Abstandsregeln müssen weiterhin eingehalten werden. Können die Distanzregeln nicht eingehalten werden, muss die Nachverfolgung enger Personenkontakte sichergestellt sein, etwa mit Präsenzlisten.»

Das Ziel muss sein, die Übertragungskette nicht zu verlieren, sagte Gesundheitsminister Alain Berset. Die Möglichkeit zu Rückverfolgungen müsse in den Schutzkonzepten beinhaltet sein, welche die Branchen erarbeitet haben (hier das Konzept für Theater, Konzerte und Veranstaltungsbetriebe). Ob es auch Lockerungen für mittlere Veranstaltungen zwischen 300 und 1000 Personen geben soll, werde der Bundesrat später entscheiden.

«Nicht so einfach wie ein Blumenladen»

«Das ist mehr, als wir erwartet haben.» Sandra Künzi, die Präsidentin von t., dem Dachverband der Theaterschaffenden, reagiert erfreut auf den Bundesratsentscheid. Die Lockerung des Verbots werde allerdings noch keinen Normalbetrieb zur Folge haben. Denn eine Bühnenproduktion brauche einen künstlerischen und organisatorischen Vorlauf von 60 bis 90 Tagen. In der bisherigen Planungsunsicherheit seien die meisten Projekte für den Sommer abgesagt worden – unmöglich, das rasch wieder hochzufahren.

Besonders positiv wertet der Verband, dass der Bundesrat die Abstandsregeln «in gewissem Sinne relativiert und das Contact Tracing in den Mittelpunkt gestellt hat. t. Theaterschaffende Schweiz wird dies in seinen Schutzkonzepten berücksichtigen. Für Theater ist ein Abstand von 2m sowohl in den Proben als auch in den Vorstellungen eine sehr problematische Auflage. Dagegen werden Theaterbetriebe die Nachverfolgung der Personenkontakte gut sicherstellen können.»

Neben den erfreulichen Lockerungen sei es notwendig, die finanziellen Schutzmassnahmen weiter zu führen. Der Verband hat deshalb mit diversen anderen Branchenorganisationen der Kultur bereits gestern heftig protestiert gegen die Ankündigung des Seco, die Kurzarbeitsentschädigungen für selbständige Kulturunternehmer per Mitte Mai zu streichen. Ein grosser Teil von Künstler-Agenturen, Musik-Veranstaltern, Clubs usw. sei davon betroffen. Anders als Blumenläden könnten Bühnen nicht von einem Tag auf den andern wieder öffnen und Publikum empfangen – daher sei die Massnahme für Zehntausende existenzbedrohend.

An der Medienkonferenz hat Bundesrätin Simonetta Sommaruga versprochen, den Entscheid nochmal unter die Lupe zu nehmen – Sandra Künzi nahm es mit Erleichterung zur Kenntnis.

Informationen zu den Covid-19-Unterstützungen im Kanton St.Gallen sind zu finden unter: sg.ch/kultur/kulturfoerderung/coronavirus.html

Kanton St.Gallen spricht zusätzliche Mittel

Finanziell soll es für Kulturschaffende zumindest im Kanton St.Gallen nicht zu Engpässen kommen. Das Amt für Kultur hält nach dem heutigen Bundesratsentscheid wörtlich fest: «Mit Blick auf die bleibenden starken Einschränkungen im Kultursektor hat die St.Galler Regierung – basierend auf der Verlängerung der COVID-Verordnung Kultur des Bundes – am 26. Mai weitere finanzielle Mittel gesprochen. Inzwischen stehen im Kanton St.Gallen für coronabedingte finanzielle Schäden von Kulturunternehmen und Kulturschaffenden bis Ende Oktober 2020 bei Bedarf rund 22 Mio. Franken zur Verfügung, je zur Hälfte durch den Kanton und den Bund finanziert. Kulturunternehmen und Kulturschaffende können bis am 20. September 2020 Gesuche für solche Ausfallentschädigungen eingeben.»

«Wir werden so was von spielen!»

Er hatte auf die Lockerung gehofft, jetzt am Wochenende beginnen die Proben. Der St.Galler Regisseur und Musiker Michael Finger freut sich, dass der Bundesrat seinem Projekt heute «den Segen gegeben hat». Finger plant in der Rondelle der St.Galler Lokremise ein Freilicht-Sommerstück mit dem Titel Seelig. Premiere ist am 12. August, gespielt wird sieben Mal, gefeiert wird das Zehnjährige sowohl der Lokremise als auch von Fingers Truppe Cirque de Loin.

«Die Rondelle ist riesig», sagt Finger – daher wäre selbst mit striktem Zweimeter-Abstand eine Aufführung möglich gewesen. Und das Stück soll weniger körperlich intensiv sein als frühere Produktionen des Cirque. Aber das Ensemble sei als Theater-Familie sowieso in einer Art Quarantäne. Finger hofft auf ein Publikum, das «hungrig und durstig» nach Theater ist – und dass diese Lust die zweifellos auch vorhandenen Ängste überwiege.

«Die Situation wird noch länger nicht normal sein.»

Grundsätzlich erfreut ist auch Ann Katrin Cooper, Präsidentin der IG Kultur Ost und Produzentin des Panorama Dance Theaters. Der heutige Entscheid sei wichtig, weil er wieder Visionen zulasse. Aber er sei gerade für Tanztheater schwierig umzusetzen. Tanz lebe von körperlicher Nähe, im Ensemble wie zum Publikum. Abstandsregeln könnten dabei nicht eingehalten werden. Dass der Bundesrat auf Eigenverantwortung setze, sei unbedingt wichtig, aber auch anspruchsvoll: «Wir sind Künstler, keine Virologen.»

Cooper rechnet damit, dass viele Ensembles jetzt Gas geben. Zugleich wäre es wichtig, zur Besinnung zu kommen: «Die Situation wird noch länger nicht normal sein.» Es mache drum wenig Sinn, Tanz und Theater unter Corona-Bedingungen einfach möglichst rasch in die bisherigen Formen und Strukturen hineinzupfropfen. Gefragt seien neue inspirierende Formen, und dies nicht erst seit Corona, sondern schon vorher wären Reformen des Theatersystems dringlich gewesen. «Es wäre schade, wenn wir diese Chance verpassen würden.»

Das Kinok arbeitet auf Hochtouren

«Hurra, wir machen bald wieder Kino!», meldet auch das St.Galler Kinok heute Nachmittag auf Facebook. «Ab 6. Juni heissen wir Sie wieder willkommen!» Die Freude ist gross. «Eigentlich haben wir damit gerechnet, erst am 8. Juni wiedereröffnen zu dürfen, jetzt haben wir sogar zwei Tage zusätzlich», sagt Sandra Meier am Telefon. Der Kinok-Grafiker arbeitet derweil auf Hochtouren, das Programm soll morgen in Druck gehen.

Ein Monatsthema wie gewohnt gibt es aber im Juni noch nicht, denn um das zusammenzustellen, fehlte die Planungssicherheit, erklärt die Kinok-Leiterin. Kommt hinzu, dass die thematisch passenden Reprisenfilme in der Regel recht kostspielig sind und das Kinok wie viele andere Kulturorte auch in den letzten zwei Monaten grosse finanzielle Einbussen erlitten hat (mehr dazu hier im Interview).

Das Juniprogramm lässt sich trotzdem sehen: 13 Premierenfilme stehen auf dem Programm, unter anderem der Dokumentarfilm Jenseits des Sichtbaren über die schwedische Malerin Hilma af Klint, deren Werk erst vor wenigen Jahren wiederentdeckt wurde. «Die Frau ist der Hammer», sagt Meier. «Wegen ihr muss man quasi die Kunstgeschichte umschreiben, da sie ihrer Zeit weit voraus war und ein absolut konsistentes Werk hinterlassen hat. Kandisky und andere abstrakte Maler, die erst Jahre später ihre Blüte hatten, wirken gegen sie wie kleine Jungs.»

Ergänzt werden die Premieren mit sechs weiteren Filmen, die jetzt wieder aufgenommen werden. Unter anderem Thomas Lüchingers Paths of Life, der auch ziemlich gut zur Corona-Situation passt, da er den Umgang mit Krisen thematisiert (mehr dazu hier). Der Film des Ostschweizers war sehr gut angelaufen, ist aber nach nur fünf Vorstellungen ein Opfer des Lockdowns geworden. Meier freut sich sehr, ihn erneut ins Programm aufzunehmen und wünscht ihm viele Zuschauerinnen und Zuschauer.

Was die Hygienemassnahmen betrifft, geht es im Kinok wie vor dem Lockdown weiter. Es wird nur jeder zweite Platz besetzt, ausser man kommt als Familie oder in einer Gruppe. Seit einiger Zeit verfügt das Kinok zudem über ein Sitzplatzreservationssystem, das Contact Tracing kann darum auch gewährleistet werden. Wer spontan kommt, hinterlegt an der Kasse Namen und Telefonnummer. «Eine praktikable Lösung», sagt Meier. «Endlich heisst es wieder: Film ab!»

Das Kulturfestival hofft auf eine «Corona-Light-Edition»

Beim Kulturfestival sieht es etwas anders aus. Die Stimmung ist «eher schwierig», wie Lukas Hofstetter am Telefon sagt. Er hätte sich heute eine klare Antwort erhofft vom Bundesrat, leider sei aber immer noch vieles unklar. Klar ist: Ein «normales» Kulturfestival im Museumsinnenhof, wie man es kennt, ist dieses Jahr undenkbar. «Das Line-Up ist uns völlig auseinandergefallen, auch weil viele internationale Acts gar nicht nach Europa oder in die Schweiz einreisen dürfen», erklärt er.

Hofstetter und sein Team wollten eigentlich heute entscheiden, wie und ob das Kulturfestival dieses jahr stattfinden kann, doch sie brauchen noch Bedenkzeit. «Das Social Distancing ist kaum umzusetzen an einem Festival, und ein Konzert mit Maske zu besuchen, scheint mir auch eher absurd», sagt er. «Das Tracing hingegen wäre machbar. Wir werden uns in den kommenden Tagen nochmals zusammensetzen, der Entscheid soll diese Woche noch fallen.»

Hofstetter hofft auf eine «Corona-Light-Edition» des Festivals mit nationalen und lokalen Bands. «Viele bleiben da diesen Sommer», sagt er, «vieles findet nicht statt, auch die Fussball-EM wurde verschoben – alle sind hungrig. Ich hoffe sehr, dass wir einen Weg finden, den Museumsinnenhof auch in diesem Sommer etwas zu beleben.»

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