«Bevor ich auf Instagram Videos poste, fange ich lieber an das Leben zu geniessen», sagt die Winterthurer Slam Poetin Martina Hügi im Gespräch über den Notstand. Ich lache laut auf, obwohl wir beide zurzeit nicht viel zu lachen haben. Erst wurden die diesjährigen Poetry Slam Schweizermeisterschaften abgesagt, kurz darauf… alles.
Martina Hügi, 1985, ist im Thurgau aufgewachsen und lebt in Winterthur. Wenn sie nicht als Solokünstlerin unterwegs ist, bildet sie zusammen mit Lara Stoll das «Trio Loghorrö» und mit Jan Rutishauser das Team «laut&stark». (Bild: Mira Andres)
Am schlimmsten für Martina Hügi war das Canceln der Thuner Künstlerbörse – laut Hügi «die OLMA für KünstlerInnen, und ich die Kuh, eine möglichst hübsche». Ein Auftritt dort bedeutet die Möglichkeit, sich vor etwa 800 Schweizer Kleinkunstveranstaltern gleichzeitig zu präsentieren. Wer da eine gute Show hinlegt, hat erstmal für eine Weile ausgesorgt. Die Plätze sind dementsprechend begehrt und Hügi hätte dort einen Auftritt gehabt. Hätte.
«Statt in Thun aufzutreten, sitze ich nun zu Hause und es fühlt sich so an wie Eile mit Weile alleine zu spielen. Und das einzige, was dir im Weg steht, bist du selber», sagt Hügi. «Die erste Woche verbrachte ich damit, einfach mit der Situation klar zu kommen. Was mir am meisten fehlt, ist der Austausch. Mit meinen Freunden, aber auch mit dem Publikum. Und das Social Distancing macht, dass ich aufpassen muss, mich nicht auch innerlich zu distanzieren.»
«Streamen hat auch seinen Charme»
Mir selber geht es ähnlich. Ich muss schauen, dass ich emotional nicht ganz abschalte. Denn die Quarantäne bewirkt, dass ich als Künstler noch mehr als sonst auf mich selber zurückgeworfen werde: Was mache ich bloss ohne Publikum? Was bin ich ohne Publikum?
Jusef Selman, 2000, ist «arabischer Poetry-Slammer aus der Schweiz und Sultan des Thurgaus». (Bild: Christian Hirschmann)
«Ich mache am Sonntag einen Livestream», sagt Jusef Selman, U20 Vize-Schweizermeister im Poetry Slam. Der Frauenfelder tritt seit drei Jahren auf und bereitet sich derzeit auf den Numerus Clausus vor. «Natürlich vermisse ich auch das Auftreten vor Livepublikum. Aber Streamen hat seinen Charme.»
Jusef Selman ist mit 20 um einiges jünger als Martina und ich. Es ist vielleicht seinem Alter zuzuschreiben, dass ihm der Sprung in die Sozialen Medien leichter fällt. Oder aber es ist für ihn leichter, weil er im Gegensatz zu uns durch die abgesagten Shows nicht einen grossen Teil seiner Einkünfte verliert.
Bei ihm sind es Erfahrungen, die verloren gehen: zum ersten Mal einen Poetry Slam Workshop geben, den ersten abendfüllenden Auftritt meistern. «Erfahrungen, die mir dabei geholfen hätten, zu verstehen, was ich in Zukunft künstlerisch machen möchte», sagt Selman.
Post-Corona-Partymeile
Ich frage auch Etrit Hasler, ob die aktuelle Situation seiner Meinung nach auch was Positives habe. «Hast du die Partyszene aus Matrix 2 im Kopf?», fragt der Slam Poet und SP-Politiker zurück. «Wenn das alles vorbei ist, wird die Zürcher Langstrasse eine Woche lang so aussehen.»
Etrit Hasler, 1977, ist in St.Gallen geboren als Sohn einer Schweizerin und eines Kosovaren. Er gehört zu den Pionieren der Schweizer Slam Poetry, ist Vorstandsmitglied des AdS (Verband der Autorinnen und Autoren der Schweiz) und freier Journalist. (Bild: dreh&angel)
Hasler prägt seit fast zwanzig Jahren die Slamszene. Und er ist Geschäftsführer des Vereins Suisseculture Social, der vom Bundesrat den Auftrag erhalten hat, die Nothilfe an Kulturschaffende auszubezahlen – was für ihn im Moment elf Stunden Arbeit pro Tag bedeutet, sechs Tage die Woche.
«Ansonsten hat das Coronavirus für uns Bühnenkünstler nichts Schönes» sagt Hasler. «Die Hälfte unserer Haupterwerbssaison ist schon weggefallen, wie es mit dem Herbst aussieht, kann niemand einschätzen. Ich hoffe, dass – wenn der ganze Spuk vorbei ist – eine ernsthafte Diskussion geführt wird über die tausenden von Kulturschaffenden, die in der Schweiz in prekären Verhältnissen arbeiten und überleben.»
Ein Horrorszenario wäre für Hasler die permanente Verschiebung des Kulturkonsums ins Internet. «Es gibt in der Schweiz immer noch keine Abgeltung der künstlerischen Arbeit im Netz. Wenn du deinen Text bei YouTube hochlädst, gibt es keinen Rappen.»
Hoffentlich wird es diese Verschiebung nicht geben, denke ich nach unserem Gespräch. Aber immerhin erkennen immer mehr Menschen gerade durch die Quarantäne, wie wichtig Kunst und Kultur für das soziale Leben sind.
Man spielt über das Netz Brettspiele, man schaut per Videotelefonie zusammen Netflix und es werden Bücher- und Musiklisten geteilt, welche die Isolation erleichtern sollen. Alles erst möglich durch – meist unterbezahlte – Künstlerinnen und Künstler.
Zwar fehlt uns jetzt das Zusammenkommen in der Bar. Aber man stelle sich die Bar mal ohne Musik vor. Und meine persönliche Hoffnung ist, dass man alle, denen die Partyszene aus Matrix 2 noch nie zugesagt hat, dann im Publikum des Poetry Slams um die Ecke antreffen wird.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
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Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.