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Die historische Relevanz von Bratwürsten

Seit 16 Jahren finden in St.Gallen regelmässig Poetry Slams statt. Damit gehört die Ostschweizer «Slam-Hochburg» zu den Pionieren der Branche. Zeit, einen Blick zurückzuwerfen. von Pierre Lippuner
Von  Gastbeitrag
Bild: slamgallen.ch

Der weltweit erste Poetry Slam ging in Chicago in «The Green Mill» über die Bühne. Was 1986 den Bauarbeiter Marc Kelly Smith dazu bewegt hatte, dieses Literaturformat zu begründen, wird von den älteren Slam-Generationen in der Form mündlicher Legendenbildung weitergegeben: Gelangweilt von öden Wasserglaslesungen und versnobten Lyrikern entschloss sich Smith, die Bühne für jede und jeden zugänglich zu machen und das Publikum in den Event einzubeziehen.

In den frühen 90ern kam die neue Eventform nach Deutschland, wo in Berlin 1997 die ersten deutschsprachigen Meisterschaften ausgetragen wurden. Im Jahr 2000 schliesslich kam der Slam in die Schweiz. Und somit auch nach St.Gallen.

Start im Schatten von Jack Stoiker

«Zu Beginn war es schwierig, Leute für die Bühne zu finden», sagt Lukas Hofstetter, der 2000 das Format nach St.Gallen gebracht hatte. Die Idee dazu kam ihm, als er von der ersten Deutschland-Tournee in der Zeitung gelesen hatte. Zürich, Bern und Luzern hatten die Dichterschlacht bereits vorher adaptiert.

Für den ersten Slam – damals noch im Flon an der Davidstrasse – hatte Hofstetter Jack Stoiker für die Aftershow-Party eingeladen, um sicher genug Leute anzulocken. «20 bis 30 Fans sind aufgetaucht und skandierten während des ganzen Slams lauthals Stoikers Namen.» Allgemein war es schwierig, Leute für den Wettkampf zu begeistern. Egal ob Rapper, Jungautorin oder Liedermacher: Wer auf der Bühne stand, wurde von Lukas Hofstetter dazu animiert. Als Slammer der ersten Stunde war auch Etrit Hasler – im Dezember 2015 feierte er zusammen mit SlamGallen 15 Jahre Bühnenjubiläum – mit von der Partie. Richi Küttel, Kulturmanager und Haslers langjähriger Moderationspartner, folgte kurze Zeit später.

«Ich wusste zuerst nicht, was ich mit Poetry Slam anfangen sollte», erklärt Richi bei einer Zigarette vor dem Baracca an der Teufenerstrasse, wo er regelmässig mit Ralph Weibel und Etrit Hasler an der Tatwort-Lesebühne auftritt. «Etrit kam irgendwann vollkommen begeistert zu mir und erzählte davon. Ich war etwas skeptisch. Aber nachdem ich den zweiten oder dritten Slam im Flon gesehen hatte, stieg ich recht schnell ein.»

Legendär: Der Sieg gegen Tocotronic

Die Vergangenheit der Slam-Metropole St.Gallen verliert sich im Nebel alter Pressetexte und Erzählungen. Der Dichterwettstreit hat es hier bunt getrieben; von den ersten Schul-Slams um die Jahrtausendwende über den ersten Schweizer «Dead or Alive»-Slam, wo SlamPoeten als lebende Dichter gegen Schauspieler im Gewand von toten Autoren antreten, bis hin zum geschichtsträchtigen Showcase vor einem völlig erstaunten Publikum am Openair St.Gallen 2003.

«Die ganze Sache kam erst mit dem Openair-Auftritt so richtig ins Rollen», sagt Hofstetter. Fast 5000 Leute sollen bei dem Spektakel dabei gewesen sein. Man munkelt gar, dass Tocotronic auf der Hauptbühne weniger Zuschauer gehabt hätten als die Slam-Show auf der Sternenbühne. «Ob das stimmt, weiss ich nicht so genau», meint Hofstetter mit einem amüsierten Lächeln. Selbst wenn nicht – legendär war es trotzdem.

Poetry Slam Schweizer Meisterschaften 2016: 17. bis 19. März, verschiedene Orte in St.Gallen. Infos: slamgallen.ch

Literaturtage Wortlaut: 31. März bis 3. April, verschiedene Orte in St.Gallen. Infos: wortlaut.ch

Seit Beginn ist SlamGallen einer der konstantesten und auch einer der innovativsten Slams der Schweiz. Hier wurden die ersten Schweizermeisterschaften im Poetry Slam für Jugendliche veranstaltet, hier gab es einst einen Kampf der Dichter im Boxring, hier war richtig was los. Vom Flon bis zur Grabenhalle, von der Lokremise und dem Theater St.Gallen bis hin zum Kugl: Wo die Kultur in St.Gallen ist, da ist auch der Slam nicht weit. In der einen oder anderen Form.

«Wir haben den Rap-Slam, den Team-Slam, den Box-Slam und auch den Jazz-Slam in die Schweiz geholt», erinnert sich Lukas. «Wir waren im Palace, im Figurentheater, sogar im alten Kinok im Grossacker. Einer, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist, war der Erotik-Slam in der Kellerbühne. Damals mussten wir etwa 300 Leute wegschicken.» Lachend schüttelt er den Kopf. «Sex sells!»

Ich allein gegen die Nervosität

Poetry Slam hatte sich also in der Ostschweizer Metropole etabliert. Ich selber bin 2006 mit dem Dichterwettstreit in Berührung gekommen. Damals war ich noch Schüler an der Sekundarschule Grünau in Wittenbach, und die Klassen über uns veranstalteten zum Schulabschluss einen Slam in der Aula. Einige Monate später schleppte man mich zu einem U20-Slam im Flon, und als schliesslich Richi Küttel 2007 an unsere Schule kam und dieses Format mit Text und Charme unseren Klassen vorstellte, hielt mich nichts mehr davon ab, selbst auf die Bühnen zu stehen.

Keine fünf Tage später stellte ich mich vors Publikum – ich allein gegen die Nervosität, gegen die Zeit und das Brechen meiner Stimme. Ein eindimensionaler Text über Kaffee, getarnt als Drogentext. 17 von 30 Punkten. Es war ein schlimmer Auftritt (aber nicht mein schlimmster), doch manchmal muss man auf die Fresse fliegen, um zu merken, wie unglaublich gern man etwas tut.

Was mir als Jugendlichem so gut gefallen hat am Slam, war das Konzept der offenen Bühne. Ein Ort, wo man sich vor Leute hinstellen und einfach die Sau rauslassen kann. Heute sind die Facetten vielfältiger: zum einen habe ich auf und neben der Slam-Bühne viele gute Freunde gefunden, bin durch die Schweiz und durch Deutschland gereist, habe mich mit Literaturformen und -geschichte auseinandergesetzt. Andrerseits habe ich Lob und Kritik erfahren – und damit umzugehen gelernt. Wahrscheinlich wäre ich heute immer noch so verunsichert und schlimm auf der Bühne, hätte mir Etrit Hasler nach einem Slam in Davos nicht gesagt, dass der Text zwar gut, aber meine Performance ziemlich scheisse gewesen sei…

2010 bin ich dann in die Organisation der U20Slams gerutscht und habe gelernt, Veranstaltungen und letztlich auch mich zu organisieren. Plötzlich war ich Fotograf und Grafiker, Organisator und Texter. Heute stehe ich da, wo Richi Küttel vor neun Jahren gestanden ist: vor Schulklassen und Jugendlichen, erzähle von Poetry Slam und lese Texte.
Slam ist zu einer zweiten Identität geworden: guter Humor, schlechte Sprüche, nette Leute, ob auf oder neben der Bühne, ob hinter einem Mikrofon, einem Laptop oder einer Kamera. Wo ich hingehe, sehe und atme ich Slam. Manchmal zu viel. Manchmal nicht genug. Meistens aber genau richtig. Poetry Slam ist nicht nur eine Bühne, nicht nur eine Kulturform. Für mich ist Slam – und vor allem der Slam in St.Gallen – ein Stück Leben. Fast schon ein bisschen Heimat.

Dicke Luft in der Grabenhalle

2011 wurden die Schweizermeisterschaften erstmals in St.Gallen durchgeführt. Es war die zweite Ausgabe, nachdem im Vorjahr in Olten der Startschuss ertönt war. In drei Vorrunden kämpften rund 40 Dichterinnen und Dichter um die Krone, und auch im U20-Slam wurde ordentlich mit Worten gespielt – unter anderem war auch ich mit von der Partie.

Während Lisa Christ Junior-Championesse wurde, setzte sich Gabriel Vetter mit einem legendären Metzger-Kunstgeschichten-Gleichnis über die historische Relevanz von Bratwürsten in einem wortwörtlich hitzigen Finale gegen die Vorjahres-Meisterin Lara Stoll und Laurin Buser, den deutschsprachigen U20-Champion von 2010, durch. Ich erinnere mich noch heute an eine überfüllte Grabenhalle und die über 600 hechelnden Zuschauer, die sich mit Flyern schwüle Luft zufächelten.

Im März 2016 kehren die Schweizermeisterschaften erneut nach St.Gallen zurück. Wieder beherbergen Grabenhalle und Palace das Spektakel. Das grosse Finale aber findet in der Tonhalle St.Gallen statt. Dort, wo 2013 auch der fünfte St.Galler «Dead or Alive»Slam über die Bühne ging.

Neben den bereits erwähnten Haslers und Küttels hat die Ostschweiz weitere bekannte Bühnendichter ausgespuckt. So den zynischen Sam Hofacher, Daniel Ryser aka Göldin, Ralph Weibel, Rosie Hörler, Romeo Meyer oder Renato Kaiser, der sich 2012 den Schweizermeister-Titel holte und seither samt Musiker mit seiner Solo-Show Integrational – Ein Abend für Schweizer, Deutsche, Ostschweizer, Löwenzähne und andere Randgruppen die Schweiz unsicher macht. Sowie viele andere, teils hier im Heft vertretene Namen.

Noch immer pilgern Slammer aus dem gesamten deutschsprachigen Raum nach St.Gallen, um in der Grabenhalle aufzutreten. Manche Ansässigen zieht es zwar weg, dafür verschlägt es regelmässig auswärtige Poetinnen und Poeten in die Gallusstadt. Und man ist sich immer wieder von neuem einig, dass man sich hier gerne vors Publikum stellt.

SlamGallen erfindet sich ständig neu

Die Ostschweizer Slam-Kultur blickt also auf eine reichhaltige Geschichte zurück. Ein Umstand, der Ende Dezember, beim 15-jährigen Jubiläum, ordentlich gefeiert wurde, mit starkem Line-Up und einem Roast für Grossonkel Hasler (mehr dazu hier).

Trotzdem ist die Entwicklung des Dichterwettstreits noch nicht zu Ende. Aus dem bunten Gemisch von regulären Wettbewerben, Specials und Showcases haben sich unterschiedliche regelmässige Veranstaltungen entwickelt. Zum traditionellen Slam in der Grabenhalle gesellt sich die bereits genannte Lesebühne Tatwort in der Baracca Bar. In der Militärkantine finden Soloshows ihre Bühne, der U20-Slam in der Ostschweiz floriert, und am Festival «Wortlaut» wird nicht nur ein Dialekt-Slam durchgeführt, sondern auch Slam-Künstlern von nah und fern eine Bühne geboten.

Weiterhin erscheint in mehr oder weniger regelmässigen Abständen das Magazin «Nerv», und in der Umgebung – in Arbon, Buchs und Herisau – sind kleinere Slams entstanden. Die Ostschweiz hat mit «Dreh und Angel» eine auf Poeten spezialisierte Künstler-Agentur, und zum x-ten Mal findet am ersten Montag im Monat der Dichtungsring in der Grabenhalle statt, samt Kerzenschein und Absinth. Poetry Slam ist aus der Kulturlandschaft nicht mehr wegzudenken. Das Gemisch aus Literatur und Performance zieht stets neue Gesichter an, als Zuschauer oder als Teilnehmer. Und solange der Kampf der Dichterinnen und Dichter hier schon existiert, so lange wird er hoffentlich weiter bestehen.

Was für ihn so besonders sei am Poetry Slam, frage ich Richi Küttel. Seine Antwort: «Wenn heute noch 400 Leute verstummen, weil ein ernster Text vorgelesen wird.»

Pierre Lippuner, 1991, kommt aus St.Gallen, ist Grafiker und in seiner Freizeit Teil des Slam-Duos Pink im Park.

 

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