Er spuckt, wenn er spricht. Steht im Rampenlicht mit glänzender Glatze und spricht sich in Rage. Es ist heiss auf der Bühne. Der letzte Satz – der Saal tobt. Fünf Minuten später kürt das Publikum im Casinotheater Winterthur den Goldacher Renato Kaiser zum Schweizermeister im Poetry Slam. Sein Text über die fünfzehn Minuten Einsicht, die er manchmal unter Alkoholeinfluss zu haben glaubt, hat das Publikum überzeugt. Degustation gefällig?
«Und während es sonst immer erbrochener Wein ist, der in solchen Momenten aus mir schiesst wie eine Fontäne, wars dieses Mal die Wahrheit über Gott und seine Pläne, die meinen Mund verliessen, als gäbs kein Morgen mehr, und war mein Leben grad noch sorgenschwer, soff ich die Flasche des Lebens jetzt samt Korken leer.»
Der Siegerpreis: ein Pokal aus pinkem Draht (einer der Slammer fand, der Pokal sei wie die Poeten – nicht ganz dicht) und eine Flasche Absinth – wie passend. Die «Grüne Fee» wurde dann auch gleich im Anschluss auf der Bühne brüderlich und schwesterlich unter allen Poeten verteilt. Quasi als Inspiration für die «Karaoke from Hell»-Afterparty nach dem Slam.
Kaisers Konkurrent im Stechen war der Basler Laurin Buser. Sein Rap-Text über die Dreier-Sadomaso-Spiele eines Paares liess das Publikum weniger konsterniert zurück, als man glauben könnte. Die Lautstärke im Saal, der bis auf den letzten Platz gefüllt war: gefühlte 200 Dezibel.
Und es gibt noch mehr gute News für die Ostschweiz: Neben Kaiser räumte ein Damen-Duo aus dem Thurgau ab. Lara Stoll und Martina Hügi kämpften sich mit ihrem Text über Thurgauer in der Diaspora ins Final und holten sich den ebenfalls pinken und undichten Pokal im Team-Slam. Das tönte dann etwa so:
«Ein Thurgauerspermium, auf dem Weg zum Ziel. Ein harter und steiniger Weg. Denn der weibliche Körper wehrt sich gegen den armen Keim. Von den Eileitern gedisst, mit Eierstöcken geschlagen und von der Eizelle abgelehnt. Zwiegespalten, irritiert, zerrissen, wird es sein. Einsam aufgewachsen, dem Dialekt hilflos ausgeliefert, kulturell unterkühlt, von Hunden und Fischen gebissen.» Oder: «Wir sind lieber Deutsche Einwanderer als Thurgauer Flüchtlinge.»
Soviel zu den Höhepunkten des zweitägigen Festivals, das insgesamt knapp 1500 Gäste anzog. Jetzt zum Rest der Schweiz: Den U20-Final am Freitagabend gewann der Basler Dominik Muheim, der von Slam-Urgestein Gabriel Vetter als «grossartig durchgeknallt» bezeichnet wurde.
«Durchgeknallt» beschreibt im übrigen das ganze Festival recht gut: Daniela Dill hatte einen literarischen Orgasmus während ihrem Text zu Kafka, Michèle Friedli war mit Glitter im Intimbereich beim Gynäkologen, und Kilian Ziegler erzählte fünf Minuten lang aus dem Leben einer PET-Flasche.
Mit der grössten aller drei Schweizermeisterschaften im Poetry Slam bestätigte Winterthur seinen Ruf als «Mekka» der Szene. Die Ostschweizer Vertreter halten ihre Vormachtstellung – und haben den Pokal jetzt endlich zum ersten Mal nach St.Gallen geholt.
Die Sieger der letzten beiden Meisterschaften zogen nach ihrem Erfolg nach Winterthur. In der Szene geht das Gerücht, dass Renato Kaiser auch bereits auf Wohnungssuche im Slam-Mekka sei.
Bevor er aber umziehen kann, stellt er sein Buch «Uufpassä, nöd Aapassä» vor. Die Vernissage findet am 10. November im Literaturraum in der Hauptpost St.Gallen statt.
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
Alles deutet drauf hin, dass die Uni St.Gallen demnächst in den bisherigen Hauptsitz der Helvetia-Versicherung, geplant vom Basler Architekturbüro Herzog und de Meuron, als zweiten grossen Standort auf dem Rosenberg einziehen kann. Zusätzlich ist ein Holzbau mit Seminarräumen in Planung.
Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
Gegen dieses Luzern müsste der FC St.Gallen eigentlich drei Punkte einfahren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es immerhin einer wird. Der Ausgleich gelingt erst weit in der Nachspielzeit per Penalty. Das Spiel zum Nachlesen im SENF-Ticker.
Herbert Rauch (1929–2012) war Briefträger und Künstler. In den Schwarz-Weiss-Fotografien des Rankweilers erscheinen Objekte wie Steine und Federn als abstrakte, grafische Gebilde. Nun ist ein Fotoband zu seinem Spätwerk erschienen, und im Schauraum René Dalpra in Altach sind seine Arbeiten ausgestellt.
Eine Bundesrätin, mehrere Nationalrät:innen und die Politrapper der Stunde: Alle kommen sie aus der Kleinstadt Wil. Eine Erkundung vor den Lokalwahlen.