Es ist ein ziemlicher Allgemeinplatz geworden, dass es in der Schweiz keinen Humor gibt. Zumindest nicht auf der Bühne. Anders ist es kaum zu erklären, dass sich die meisten Menschen in diesem Land bis heute einig sind, dass «Giaccobo/Müller» das Beste sei, was dieses Land zu bieten hatte. Oder dass sich Andreas Thiel unwidersprochen als der einzige Schweizer Satiriker bezeichnen kann – wobei er damit gar nicht Unrecht hat: Auf unseren sogenannten ComedyBühnen tummeln sich kleinbürgerliche Klischees, körperlich anspruchslose Slapstick-Nummern und Lehrer (die Form ist bewusst männlich gehalten), die dann am meisten Lacher erhalten, wenn sie einen Witz über Bundesrätinnen machen. Oder Jugos imitieren. Ja, das gerade war auch ein Klischee. Ich habe nie gesagt, ich sei besser.
Von der Slam-Bühne ins Deutsche Fernsehen
In dieser verdammt langweiligen Szene ist Hazel Brugger die grosse Ausnahme. Oder vielleicht eher: die Ausserirdische. Seit ihrem ersten Auftritt vor sechs Jahren – einem Anfänger-Slam in Winterthur, für den sie sich spontan angemeldet hatte – zieht sie von Erfolg zu Erfolg. Brugger schreibt Kolumnen, macht Talkshows, ist Dauergast im Fernsehen, als vielleicht erste Schweizer Bühnenkünstlerin überhaupt auch in deutschen Comedy-Sendungen, ja sie nimmt (zum Glück für die Slam-Szene) immer noch an Poetry Slams teil und sorgt bei jeder noch so abgelegenen Hundsverlochete für einen Publikumsansturm.
Und das, obwohl sie sich nicht in Formate pressen lässt. Als sie 2010 zum ersten Mal an den deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam teilnahm, musste sie sich aufgrund der Konkurrenz bei den «Grossen» mit der Kategorie U20 zufrieden geben, dort, wo Opfer pädagogisch rund geschliffener Workshops ihre Teenager-Banalitäten auf die Welt loslassen. Menschen in ihrem Alter zwar, aber nicht auf Augenhöhe mit ihr, die Liebe als «dem Partner beim Verfallsprozess zuzusehen» versteht. Es war dann auch ihr letzter Auftritt unter Teenagern.
Ihr erstes Soloprogramm Hazel Brugger passiert hat auch nicht mehr viel mit Poetry Slam zu tun. Stattdessen macht sie das, was im angelsächsischen Raum StandUp Comedy heisst und bei uns bisher schlicht inexistent war: Sie steht auf der Bühne und erzählt Witze. Kuriose Geschichten und Beobachtungen. Sie tut es mit einer fast obsessiven Detailverliebtheit und vor allem einer Leichtigkeit, dass man sich als Beobachter fragt: Wieso macht das in der Schweiz eigentlich niemand sonst?
Keine Bundesräte, dafür Kindermörder, Abtreibungen und tote Tiere
Die Antwort ist vielleicht: Weil es niemand sonst so gut kann. Hazel Brugger, die «böseste Frau der Schweiz», wie seit zwei Jahren alle aus dem «Tagesanzeiger» zitieren, traut sich, mit 22 Jahren auf die Bühne zu stehen und sich über das Leben, das Frausein und das Sterben Gedanken zu machen. Und es kommt kein einziger Witz über einen Bundesrat darin vor, keine anbiedernde Politnummer, damit auch das provinzielle Bürgertum noch etwas zu lachen hat.
Stattdessen tummeln sich in ihrem Programm Pädophile, Kindermörder, Abtreibungen und tote Tiere – und all das, ohne dass sie dafür unter die Gürtellinie gehen muss. Hier bleibt niemandem das Lachen im Halse stecken, im Gegenteil: Es ist fast gefällig. Brugger bleibt locker, tut niemandem weh, tritt auf keine Füsse. Und wer sie schon länger auf der Bühne verfolgt, bekommt das Gefühl, dass sie eigentlich noch die Handbremse angezogen hat. Aber vielleicht spart sie sich vieles noch auf. Weil sie es kann. Weil ihr erstes Soloprogramm auch so schon ihre Konkurrenten wie Amateure aussehen lässt.
Kein Wunder, las sich die Präsenzliste bei der Premiere von Hazel Brugger passiert wie ein Who’s who der deutschsprachigen Kleinkunstbühnen. Kein Wunder, wird sie von den Ü-60-Männern im Kulturbetrieb so fleissig umgarnt: «If you can’t beat them, give them a job.»
Das sollte man sich nicht entgehen lassen. Die Vorstellungen am 13. Februar im Eisenwerk Frauenfeld und am 24. Februar in der Militärkantine St.Gallen sind zwar schon seit letztem Jahr ausverkauft, und auch die Chancen, dass Sie zum Zeitpunkt, wo sie diesen Artikel lesen, noch Tickets für die Zusatzvorstellung am 27. erhalten, sind eher gering. Trotzdem: Schauen Sie sich das an. Einfach, damit sie endlich die Antwort auf die Frage bekommen, ob es in der Schweiz guten Humor gibt.
Hazel Brugger passiert: 13. Februar, 20 Uhr, Eisenwerk Frauenfeld, 24. Februar und 27. Februar, 20.30 Uhr, Militärkantine St.Gallen. Alle Vorstellungen ausverkauft. hazelbrugger.ch
Frische Gesichter, alte Hasen und eine junge Favoritin – zum vierten Mal haben die Poetry Slam Meisterschaften stattgefunden, dieses Mal in Bern.
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Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Nachruf auf Urs Ullmann
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