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«Slam ist mehr als Schenkelklopfer» (II)

SlamGallen und die «etablierte» Literatur: Teil II des Saiten-Gesprächs mit Slammaster Lukas Hofstetter, Literaturvermittler Richi Küttel und Autorin Rebecca C. Schnyder – im Vorfeld der Slam-Meisterschaften und des Festivals Wortlaut.
Von  Peter Surber
Eingespieltes Duo: Richi Küttel (links) und Etrit Hasler (Bild: Pierre Lippuner)

Teil I des Gesprächs drehte sich um das Verhältnis von Slam und traditionellem Literaturbetrieb. Kennt man sich, mag man sich, konkurrenziert man sich? In Teil II geht es jetzt ans Eingemachte.

Saiten: Lukas Hofstetter, Richi Küttel, Rebecca C. Schnyder – reden wir vom Geld. Kann man von Slam leben?

Lukas: Der erste Preis ist ein Flasche Whisky, die man zusammen trinkt. Klar: Du willst gewinnen, aber nicht um des Geldes willen. In der Schweiz können heute fünf, sechs Slammerinnen und Slammer als Profis leben. Das Geld macht man aber nicht mit Wettkämpfen, sondern mit Kolumnen Workshops, Soloauftritten, Kundenanlässen, Moderationen, Auftragstexten und so weiter. Die traditionellen Slams bringen nichts ein, sind aber das Aushängeschild. Der Wettkampf ist immer noch die wichtigste Plattform.

Rebecca: Im Literaturbetrieb ist es noch nie ums grosse Geld gegangen. Einige wenige Autorinnen und Autoren können sich finanzieren, mit Büchern, Lesungen, Werkbeiträgen, Auftragstexten etc.

Richi: Aber unsere Gagen sind höher. Der Tarif für eine Autorenlesung beträgt 600 Franken, Poetry-Slammer bekommen für einen Soloauftritt 1200 bis 1500 Franken, oder sogar das Doppelte bei Grossanlässen. Bloss: Es sind wenige, die solche Engagements haben.

Rebecca: Ich wechsle ab sofort die Sparte.

Lukas: Ein Anlass in der Grabenhalle mit zehn Slampoeten und zwei Moderatoren, das geht ins Geld, vergleichbar einer Party mit 12 DJs. Ich zahle Reisespesen, Hotel, Essen, Getränke, daneben aber nur ein kleines Taschengeld. Bei einer kleinen Veranstaltung für eine gute Sache tritt man aber auch gratis auf. Die Slamszene ist ja kaum organisiert. Es gibt keinen Dachverband, kein Tarifsystem, nur die Jahrestreffen der Slammaster in der Schweiz und in Deutschland: Das ist das einzige Gremium, das Entscheidungen treffen kann.

Es gibt nicht nächstens eine Fifa der Slammer? Keine BMWs zu gewinnen?

Poetry Slam Schweizer Meisterschaften 2016: 17. bis 19. März, verschiedene Orte in St.Gallen. Infos: slamgallen.ch

Literaturtage Wortlaut: 31. März bis 3. April, verschiedene Orte in St.Gallen. Infos: wortlaut.ch

Lukas: Nein, und das erstaunt mich selber, weil das Geld ja doch recht verlockend ist. Auch Sachpreise gab es nur ganz kurz, das wurde nicht toleriert. Wer die grossen Meisterschaften gewinnt, kann durchaus gutes Geld verdienen. Das sind Plattformen von einer Grösse, die es im Literaturbetrieb sonst nicht gibt, sieht man einmal vom Bachmannpreis ab. Wir reden da von 20’000 Zuschauern an den viertägigen deutschsprachigen Meisterschaften und von drei Fernsehstationen, die den Final live übertragen. Das Jahrestreffen, die Meisterschaften, die Slamily, das sind für mich zentrale Gründe, mit Slam weiter zu machen.

Statt eines Dachverbands die Slamily: Kennen das die Autoren auch?

Rebecca: Wir haben zwar einen Verband der Autoren AdS, den Pen oder Pro litteris. Das Literaturnetz Ostschweiz wäre so gedacht, als Plattform für Austausch und gegenseitige Unterstützung. In den zweieinhalb Jahren, in denen ich das Netzwerk nun betreue, habe ich aber mit einer gewissen Ernüchterung festgestellt: Es ist wenig Interesse da. Man sieht auch kaum Autoren bei Lesungen von Kolleginnen oder Kollegen. Ausser den paar Treuen. Zu unserem halbjährlichen Autorenapéro kommt ein knappes Dutzend. Im Theater erlebe ich das anders: Da gehört Teamarbeit dazu.

Richi: Das liegt am Format. Slam heisst: Man tritt gemeinsam auf, man stürzt anschliessend vielleicht gemeinsam ab. Den Jungen muss man manchmal erst beibringen, dass es nicht ums Gewinnen geht. Wir leiden gemeinsam und jubeln gemeinsam.

Zum Schluss: Warum soll ich die Schweizer Slam-Meisterschaften besuchen?

Lukas: Weil man da die geballte Ladung von Schweizer Bühnenpoeten auf einen Chlapf sehen kann. Es gibt den U20-Wettbewerb, es gibt den grossen Teamwettkampf, Einzelveranstaltungen, Rahmenanlässe…

Und warum muss ich ans Wortlaut Festival kommen?

Richi: Weil man da Grenzen überschreiten kann. Mit Comic, mit Spoken Word, mit klassischen Lesungen. Bei beiden Anlässen geht es am Ende aber ums Gleiche: zuhören und sich begeistern lassen.

Lukas Hofstetter, 1979, organisiert seit 11 Jahren das Kulturfestival St.Gallen, ist langjähriger Projektleiter diverser Jugendprojekte (Ostschweizer Kurzfilmwettbewerb, Aktion 72h Ostschweiz, Interreg. Jugendprojekt Wettbewerb). Als St.Galler Slammaster gehört er zu den dienstältesten Slam-Veranstaltern im deutschsprachigen Raume und organisiert neben den regelmässigen Slams und Lesebühnen zum zweiten Mal nach 2011 die Poetry Slam Schweizermeisterschaften. 2008 war er Mitveranstalter der deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften im Schiffbau mit über 10`000 Zuschauern.

Richi Küttel, 1973, gilt als Slammer der zweiten Stunde, d.h. seit 2002; slammt, moderiert und vermittelt Kultur. Er ist Mitglied der weltbesten St.Galler Lesebühne Tatwort, Vorstandsmitglieder der GdSL und Mitinitiator und Leiter der St.Galler Literaturtage Wortlaut.

Rebecca C. Schnyder (1986) ist seit 2009 freischaffende Autorin (Drama/Prosa) und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für deutsche Sprache und Literatur GdSL. Ihr Debütroman Alles ist besser in der Nacht ist unlängst im Dörlemann Verlag Zürich erschienen. Sie liest am Wortlaut Festival am Samstag 2. April um 15 Uhr in der Hauptpost St.Gallen.

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