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Festlich im Opernkerker

Auf den Tag genau 50 Jahre nach der Eröffnung des Theaters St.Gallen und zehn Tage nach dem Ja zu seiner Renovation hatte am Donnerstag wieder Beethoven das Wort: Seine Oper «Fidelio» kommt musikalisch stark und politisch vage auf die Bühne.
Von  Peter Surber
Die Gefangenen und Jacquelyn Wagner als Leonore/Fidelio (Bild: Toni Suter)

Am Ende triumphieren Gemeinsinn, Gattenliebe und Glaubensstärke. Der Tyrann ist besiegt, Florestan aus dem Kerker befreit und wieder mit Leonore vereint, das Gute hat gesiegt. Beethoven berauscht sich an seinen immer neuen Schlusswendungen, Chor und Ensemble jubeln von der grossen Umarmung, starr und frontal zum Publikum gerichtet wie schon beinah den ganzen Abend lang.

Im Hintergrund leuchtet das Grün des Baums, neben Leonore/Fidelios rotem Kleid der einzige Farbtupfer in dieser auf Strenge und Stilisierung bedachten Inszenierung (Bühne: Nikolaus Webern, Kostüme: Yan Tax). Regisseur Jan Schmidt-Garre lässt konsequent nach vorn singen, reduziert die spielerischen Momente aufs Äusserste und modelliert Leonore zur Skulptur: Im Zentrum der Bühne findet sie immer wieder ihren Platz, erhöht auf einem Podest, gleissend bestrahlt, übermenschlich, aus einer anderen Welt, wie der Regisseur sagt. Jacquelyn Wagner hält mit bewundernswerter Präsenz und glasklarem, schwingendem Sopran die überlebensgrosse Stellung – und bewahrt sich trotzdem ihre etwas spröde Natürlichkeit, mit der sie die Fäden im Drama souverän zieht.

Denkt man sich am Tag danach in die Premiere zurück, so ist es dieses Bild: grauschwarze lebensfeindliche Wände, grauschwarze Menschen und in der Mitte die rote, grosse, unnahbare Frau, die sich gar nie als angeblicher Mann Fidelio «kostümieren» muss, weil wir die Geschichte kennen und weil Oper es sich im 21. Jahrhundert abgewöhnen soll und muss, unglaubwürdige Märchen zu erzählen und zu tun, als ob.

Politisch im Unbestimmten

Umso härter klingt die Frage mit: Wo will das Theater St.Gallen hin mit dieser schwarzwandigen Produktion, mit diesem musiktheatralischen Frontalunterricht, anno 2018 und in Festlaune rund um sein 50jähriges Theatergebäude?

Beethoven hatte Befreiung und Brüderlichkeit im Sinn, seine Librettisten reimten Freud auf Leid, Wut auf Blut für eine erhoffte bessere Welt, die ohne den «Tigersinn» der Despotie auskommen würde. Das war aufklärerisch gedacht und menschheitsumarmend überhöht; «namenloses» Leid, «unnennbare» Freude, «übergrosse» Lust werden in XXL-Format bejubelt und mit Trompetenfanfare bekräftigt. Und hinter allem zog ein Gott die Register, prüfend zwar, aber am Ende gerecht, ein Richter höheren Orts, dem man mit Pflichterfüllung wie Kerkermeister Rocco oder mit Schicksalsergebenheit wie Florestan diente.

Heute klingen die Götterfunken und Brüderlichkeitsbeschwörungen musikalisch zwar farbig und suggestiv wie eh und je, aber inhaltlich scheppern sie von weit her. Weltweit sind Menschen eingekerkert, weil sie wie Florestan die Wahrheit gesagt haben unter Despoten, die wie Don Pizarro nur den eigenen Machterhalt im Sinn haben. Schwer vorstellbar, dass sie sich von einer Leonore und ihrer so todesmutigen wie letzlich unpolitischen Revolte übertölpeln liessen. Das hohe Lied der Gattenliebe sprengt keine Ketten mehr.

Florestans Vision: Norbert Ernst, Jacquelyn Wagner.

Schon Beethoven musste als Konzession an die Zensurbehörde das Geschehen in ein weit weg liegendes, abstraktes Spanien verlegen. Im St.Galler Fidelio ist die Handlung definitiv zeit- und raumenthoben. Der Chor der Gefangenen singt seine Ode an die ersehnte Luft der Freiheit pittoresk vergammelt und darf sich andeutungsweise, aber dramaturgisch folgenlos über Marzelline hermachen. Don Pizarro und Don Fernando verkörpern Bös und Gut eines Regimes ohne Geschichte und ohne Soldateska. Florestans Vergehen bleibt im Dunkeln.

Hohe Schule der Ensemble-Demokratie

Das alles hat immerhin den Vorzug, dass die Musik den maximalen Raum bekommt. Otto Tausk dirigiert das Sinfonieorchester (bei seiner letzten Opernproduktion als Chefdirigent) in der ersten Ouvertüre zwar noch ziemlich fahrig, dann aber präzis und pragmatisch, mit zwischendurch aufblitzenden Highlights – dem innigen Quartett «Mir ist so wunderbar» oder der musikalisch und spielerisch dolchscharf choreografierten Kerkerszene.

Dank der zurückhaltenden Regie kommt ideal zur Geltung, was Carl Dahlhaus im Programmheft das «kontemplative Ensemble» nennt. Im genannten Quartett wie durch die ganze Partitur hindurch vestrickt Beethoven seine Figuren in Dialoge, in Trios, in komplexe Ensembles, ins Gespräch miteinander und gegeneinander.

Wunderbar im Trio: Tatjana Schneider, Wojtek Gierlach und Jacquelyn Wagner.

Der Einzelne, und noch der Einsamste wie Florestan, ist dank Beethovens Ensemblekunst musikalisch gehalten. Statt Solo-Bravour Kommunikation auf Augenhöhe: Das ist die demokratische (und damit am Ende doch kettensprengende) musikalische Botschaft des Fidelio. Die Premierenbesetzung rund um Jacquelyn Wagner agierte denn auch stimmlich ausgeglichen und spielerisch kollegial: Roman Trekel (Don Pizarro), Norbert Ernst (Florestan), Wojtek Gierlach (Rocco), Tatjana Schneider (Marzelline), Riccardo Botta (Jacquino), Martin Summer (Don Fernando) sowie Marc Haag und Frank Uhlig (Gefangene).

«Im Stolz zusammenfinden»

Das Theater St.Gallen feiert mit Fidelio das 50-Jahr-Jubiläum des Baus im Stadtpark – mit demselben Werk, mit dem er 1968 eingeweiht worden war. Das kühne Betongebäude sei damals als starkes Signal für ein St.Galler Theater auf der Höhe der Zeit gebaut und verstanden worden, sagte Verwaltungsratspräsident Urs Rüegsegger vor der Festpremiere. Und er dankte der Bevölkerung, dass sie dies mit dem Ja zur Sanierung quer durch fast alle Gemeinden vor zehn Tagen bekräftigt habe. Regierungsrat Martin Klöti gab den Dank ans Publikum weiter, lobte die Leistungen des Theaters als «oberste Liga» und das Theater selber als Treffpunkt der Gesellschaft.

«Alle Erfahrung spricht dafür, dass sich in nicht zu ferner Zeit die St.Galler im Stolz zusammenfinden werden, ein weiteres Wahrzeichen ihrer aufstrebenden Stadt zu besitzen», hatte 1968 der damalige Präsident der Genossenschaft Stadttheater, Paul Bürgi geschrieben – dabei aber auch die schwierige Finanzlage nicht verschwiegen, die namentlich das Musiktheater zeitweise ernsthaft bedroht habe.

50 Jahre danach konnte Beethovens einzige Oper jetzt ohne Finanzsorgen über die Bühne gehen. Dafür bleiben die grundsätzlichen Fragen an eine Kunstform, die sich aus dem 19. ins 21. Jahrhundert gerettet hat, aber ihre Zeitgenossenschaft neu finden muss. Die Befreiung aus dem Opernkerker ist mit diesem Fidelio nur teilweise gelungen.

Showdown im Kerker: Roman Trekel, Norbert Ernst, Jacquelyn Wagner.

 

 

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jeannot haupt,  

Bin dabei gewesen und viele vom Publikum nicht einverstanden gewesen sind mit dieser Inszenierung ich auch nicht . Warum muss alles Modern rüberkommen ? Die Kleider die Frisuren die Bühnendeko ist doch was das Publikum liebt und Begeistert Heute spielen Orchester für und nicht für den Zuhörer es ist in der Musik Szene so und auch auf der Bühne .Das schlimme ist dass die breite Masse keine eigene Meinung mehr hat vor Hundert Jahren hätte man Tomaten und Eier geworfen . Was sind wir für eine Verkommene Konsumgesellschaft geworden ohne eigene MEINUNG so wird auch in der Politik gespielt und den verantwortlichen geht es nicht um den Bürger sondern um den eigenen Salär dazu kommt noch die Korruptheit ins Spiel unter dem Namen Demokratie bei Abstimmungen wird manipuliert das weiss man ich sehe als alter Mann schwarz für unsere Jugend man hat nichts gelernt aus den vielen Kriegen Zitat ENDE

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