Der herrliche Sommerabend und das Ambiente des Unesco-geschützten Platzes mit den Klostertürmen verführt dazu, sich auf die angekündigte Fantasie- und Märchenwelt der aufgebauten Bühne einzulassen. Ob der heissen Temperaturen bedauert man das Sinfonieorchester St.Gallen, das, unter der Leitung von Stefan Blunier, aus dem schwarzen Schwitzkasten unter der Bühne herausmusizieren muss. Dank neuer Lautsprecher und verbesserter Software soll die klangliche Abstimmung zwischen Sängern und Orchester hörbar verbessert worden. Das wird sich bestätigen.
Bühne als Vergnügungspark
Also, Ohren und Augen geöffnet, auf das, was kommt: Loreley. Der Komponist Alfredo Catalani (1854 bis 1893) stammt aus Italien. Der Stoff wurzelt in der urdeutschen Romantik. Eine Merkwürdigkeit, die aufhorchen lässt. Musikalisch bedient sich die Partitur hörbar an Vielem, Allzuvielem, an der Belcanto-Tradition genauso wie an Wagnerismen, bleibt aber seltsam belanglos und ohne Tiefe. Auf die Dauer langweilen die über drei Akte aufgespannten kompositorischen Allgemeinplätze.
Regisseur David Alden und Bühnenbilder Gideon Davey ist der Versuch anzurechnen, einen intensiven Weg zur optischen Gestaltung der Loreley zu suchen. Das Budget ist da, die Liste der Sponsoren lang. Also wird die als Vergnügungspark angelegte Bühne vollgestellt: Tannenbäume, ausrangierte Juke-Boxen und Schienenreste einer Hochbahn, ein plakatives Märchen- oder Geisterschloss. Quer über die Bühne verlaufen Geleise einer Geisterbahn inkl. Wägelchen, in denen im Verlaufe der Handlung einiges an Personal und Requisiten hin- und hergeschoben wird. Ausserdem ein Teufelstor zur Hölle und eine ebenso plakative Nachbildung des Loreley-Felsens. Dort oben wird die Loreley, unter viel Theaterrauch, ihren Abgesang halten.
In der Bar Loreley
Loreley, die dämonisch-fatale Frau, ist (wie zu erwarten) in Rot gekleidet. Im Rotlicht ist sodann die Bar-Szene ausgeleuchtet. Hinten fährt ein Schild auf. Darauf steht: «Bar Loreley». Die Schrift ist umgeben von Lämpchen, die ebenfalls, zu allen andern Lampen und Lämpchen, aufleuchten werden, damit jedermann klar wird, dass das jetzt eine Bar ist. Für die Choreografie der Animierfrauen zeichnet Beate Vollack. Von der Bewegung her wäre das stimmig. Nur müssen die Tänzerinnen der Kompanie überdimensonierte Gruselmasken tragen. Erotisierend ist das nicht, nur lächerlich.
Jeder weiss, dass Weiss die Farbe der Unschuld ist. Ein als weissgekleidete Erstkommunikanten ausgestatteter Kinderchor begleitet Anna, die fragile Frau, in ihrer Tragödie. Ausstattung und Interpretation erlauben keine Zwischentöne. Optisch wirkt das Ganze, als würde eine schon überzuckerte Torte zusätzlich versüsst.
Weitere Aufführungen: 27. und 30. Juni sowie 1., 5. und 7. Juli. stgaller-festspiele.ch
Auch den Volkscharakter will Catalanis Loreley bedienen. Regisseur David Allen weiss die Masse in den Chorauftritten zu bewegen. Das sorgt optisch für Abwechslung, bleibt aber im Gesamteindruck doch rustikal, behäbig. Und auch hier scheint sich Kostümgestalter Jon Morrell austoben zu dürfen. Frauenprozessionschöre mit überdimensonierten, schwarzen Kreuzen bestückt, Ballone, die in den St.Galler Himmel aufsteigen. Das volle Programm.
Kostspielige Exhumierung
Über drei Akte ist der Zuseher durch opulente Bilder gefordert. Ist die permanente Überzeichnung Konzept? Unentschieden schwankt das Auge zwischen Ansätzen. Ist das ein Märchen? Oder eher eine Gruselstory?
Die Fragen fahren Geisterbahn, während unten die Musik dahinplätschert und oben alles verdoppelt und verdreifacht wird. Zweifeln die Verantwortlichen der Inszenierung an der Fantasie des Publikums? Oder will dieses so bedient werden?
Giuseppe Altomare, Tatjana Schneider.
Zum Glück sind da noch die Sänger-Protagonisten! Ausrine Stundyte (Loreley), mühelos in ihrem Fach zwischen dramatischem und lyrischem Sopran wechselnd, der glockenreine Sopran von Tatjana Schneider (Anna), Timothy Richards (Walter) klarer Tenor und der baritonale Klang von Giuseppe Altomare (Hermann), die retten, was zu retten ist. Bestenfalls vergisst man die Produktion der Bilder, schliesst die Augen und lauscht den Stimmen.
Ausrine Stundyte.
Am Ende überwiegt aber doch der Eindruck, dass hier mit gigantischem Aufwand die Exhumierung einer Opernleiche betrieben wurde. Dagegen wäre wenig einzuwenden, wenn nicht andernorts die Kulturgelder fehlen würden.
Stefano Poda inszeniert Verdis «Attila» als Trümmerhaufen vor der Kathedrale und lässt den Kern der Geschichte vermissen. Ein Gastbeitrag von Charles Uzor.
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.
Wie können wir unseren Konsum nachhaltiger gestalten? In «Next Relations – Zukunft gestalten» zeigt das Gewerbemuseum Winterthur anhand von Arbeiten von Studierenden mögliche Ansätze. Eine anspruchsvolle Schau, die Hoffnung macht.
Die Ausstellung «Beyond the Manosphere. Masculinities today» im Kunstmuseum St.Gallen untersucht, wie Männlichkeit dargestellt, geprägt und gelebt wird. Und zeigt dabei auch ihre Widersprüchlichkeit.
Ein Schrebergarten wird im neuen Roman Verteidigung eines Gartens von Christina Walker zum Zufluchtsort. Darin lässt die Vorarlberger Autorin vielschichtige Charaktere ebenso aufblühen wie Apfelbaum und Johannisstrauch.
Der Kanton St.Gallen hat Kunst- und Kulturschaffende zur jährlichen Kulturkonferenz nach Wil eingeladen. Spielerisch wurde versucht, die Ausrichtung der Kulturförderung zu klären und Möglichkeiten der neuen Kulturstrategie zu diskutieren. Doch die zentrale Frage blieb offen: Wie stark kann die Kulturszene den Inhalt der Strategie tatsächlich mitbestimmen?
Wer als Erntehelfer:in in der Schweiz arbeitet, tut dies in einer rechtlichen Grauzone. Das nützt vor allem einem System, das weder die Landwirt:innen noch die Konsument:innen im Alleingang ändern können. Ausserdem im Oktoberheft: zehn Jahre Unterwasser, eine Flaschenpost aus Halle (Saale), Kunst zum Thema Männlichkeit, Musik von The Black Salt und natürlich der Bücherherbst – mit neuer Literatur von Ostschweizer Autor:innen.