Das Nibelungenlied kennt man als Text – eine der frühesten Handschriften liegt in der Stiftsbibliothek. Dort, im barocken Prunksaal, konnte man am Sonntag das Nibelungenlied gesungen hören, zumindest jene Schlüsselszene, als Siegfried König Gunter hilft, die sperrige Brünnhilde zu ehelichen. Eine Rekonstruktion zwar, denn die Musik ist, anders als der Text des Epos, nicht überliefert – aber Petter U. Johansen, der Fidelvirtuose und (Minne-)sänger, erzählte die Geschichte von helden lobebæren so farbig, dass man sich in die Zeit der Ritter und holden Vrouwen zurückversetzt glaubte.
Globalisierter Musik-Schmelztiegel
Das Programm «Cantigas y otras leyendas» brachte zumeist einstimmige Lieder zu Gehör, darunter aus dem Schaffen des Königs Alfons des Weisen und aus dem Llibre Vermell de Montserrat – eindringliche Erzählstücke in subtilen Arrangements für ein ganzes Arsenal an Instrumenten: Schalmeien, Flöte und Gaita, diverse Fideln, Lyra, Santur, Glockenspiel oder Tarambura und andere Trommeln.
Für den instrumentalen «Unterbau» sorgte die Capella Antiqua Bambergensis der Musikerfamilie Spindler; es harmonierte prächtig mit dem Ensemble Hirundo Maris um Petter U. Johansen, Arianna Savall und den fantastischen Perkussionisten David Mayoral.
Nibelungenlied, Rolandslied (in der norwegischen Fassung) oder Mariengesänge sind zwar christlich geprägt – die Musik des 12. bis 14. Jahrhunderts, wie sie hier erklang, liess aber Einflüsse aus der arabischen Kultur deutlich erkennen. Wie es nach 1492, nach der endgültigen Vertreibung und Unterdrückung der maurisch-arabischen Kultur auf der iberischen Halbinsel musikalisch weiterging, kann man heute abend im letzten Konzert der Festspielreihe hören. «Madrigales y Ensaladas» heisst das Programm mit Vokal- und Instrumentalmusik der spanischen Renaissance. Die Ausführenden versprechen einen Abend der Sonderklasse: Die Gambenisten Hille Perl und Lee Santana, bereits früher an den St.Galler Festspielen zu Gast, musizieren mit dem Leipziger Vokalensemble amarcord.
Unterwegs mit der «Karawane der Liebe»
In der Zeit, die hier anklingt, ist die Inquisition in vollem Gang. Das Programmheft zitiert gleichwohl aus den Schriften von Ibn Arabi ein paar Sätze, die als Bekenntnis zur kulturellen Toleranz bis heute Gültigkeit haben – oder haben müssten: «Es gab eine Zeit, da wandte ich mich von alle denen ab, die nicht meines Glaubens waren. Jetzt aber ist mein Herz fähig geworden, alle Formen anzunehmen. Es ist Weide für Gazellen, Kloster für Christen, Tempel für Götzenbilder und Pilger zur Kaaba. Es ist die Schrifttafeln der Thora und das Buch des Korans. Meine Religion ist die Liebe: Welchen Weg auch immer die Karawane der Liebe nehmen möge, es ist der Weg meines Glaubens.»
Den musikalischen Abschluss der Festspiele macht am Donnerstag Faurés Requiem in der Kathedrale. Den Bezug zum Spanien-Schwerpunkt der diesjährigen Festspiele stellt allenfalls das zweite Werk des Abends her, Maurice Ravels «Pavane pour und infante défunte». Die Soli sind für einmal in einheimischer Hand beziehungsweise Kehle: mit Andrea Lang, Sopran und Manuel Walser, Bariton.
Madrigales y Ensaladas: Dienstag, 5. Juli, 19 Uhr, St.Laurenzen St.Gallen
Fauré-Requiem: Donnerstag, 7. Juli, 20 Uhr, Kathedrale St.Gallen
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