Er regt sich auf. Ivo Ledergerber, Schriftsteller und auch sonst ein friedlicher Mensch, steht kopfschüttelnd am Eingang zum St.Galler Klosterplatz, vor dem schwarzglänzenden Audi S8, Preis 164‘430 Franken, der neben den Kassahäuschen aufgebockt steht. Audi, «Vorsprung dank Technik», ist neuer Hauptsponsor der St.Galler Festspiele, neben Helvetia und Migros und hinter Credit Suisse. Dass man den Klosterplatz bespiele, könne er akzeptieren, und das Konzept mit selten gespielten Opern sei ja auch überzeugend. Aber das Auto hier: «Breitarschig» zeige sich so der Geldgeber, schimpft Ledergerber. Wie man ihn kennt, wird es da wohl bald ein Gedicht drüber geben. Es könnte mit den Zeilen anfangen, mit denen am Schluss der diesjährigen Festspieloper «La Damnation de Faust» die Teufel ihren MC Mephistopheles begrüssen: «Tradioun Marexil fir trudinxé burrudixé!». Höllisches Kauderwelsch – damit lässt sich auf jeden Fall gut fluchen.
Die Aufführung selber (am Freitag war Premiere, gespielt wird bis 6. Juli) hat dann aber Qualitäten, die dem Hochglanzauto definitiv abgehen: Vielschichtigkeit, Bildervielfalt, stille Momente, aber auch Brüche, die verwirren und zum Hintendrein- und Weiterdenken anregen.
Unter dem Maibaum
Das fängt mit dem Hauptsymbol an: Auf dem Klosterplatz St.Gallen steht ein Maibaum. Dort war er schon einmal gestanden, 1803, als die Franzosen einmarschierten und die alte Eidgenossenschaft und den fürstäbtischen Staat zu Fall brachten. Jetzt tanzen Kinder um den Maibaum, später dreht der lebensmüde Faust ein paar Runden und zieht dann die rissigen Fahnen am Bühnenrand hoch. Sie flattern samt den Maibändern im zeitweise heftigen Wind des Premierenabends.
Wofür sie flattern, bleibt weniger klar. Denn die Freilichtoper verlegt den Fauststoff nicht in eine politische, sondern in eine Zirkuswelt, mit Mephisto als Direktor und Dompteur. Mit seinen sechs fantastisch beweglichen Teufeln der St.Galler Tanzkompanie jagt er die Handlung voran und schiesst am Ende Faust zur Hölle. Die Hölle, das lernt man an diesem Abend, ist der Ort, wo alle Anstrengung ins Nichts führt. In einem Laufrad rennt Faust, rennt und rennt und schaffts doch nie zu seinem Gretchen, das in den wolkigen St.Galler Nachthimmel wegschwebt. Ein starkes Bild.
Faust, bei Goethe der Wissbegierige, der die Welt im Innersten kennen möchte und dafür dem Teufel seine Seele verkauft: Davon ist in der 1846 uraufgeführten Oper von Berlioz «La damnation de Faust» nicht viel übrig geblieben. Berlioz konzentriert sich auf die Liebesgeschichte, baut sie in langen Traumvisionen auf bis zum kurzen Höhepunkt: Faust und Margarethe singen ein seliges Bett-Duett, die Regie plaziert dafür ein kitschiges Liebesnest mitten auf die Bühne – aber sofort greift Mephisto ein, der das Volk inzwischen gegen die Liaison Faust-Margarethe aufgewiegelt hat. Nichts mit «liberté» und «fraternité», nichts mit freier Liebe, auch der Teufel hält es mit einer rigiden Moral. Das Volk drängt Margarethe, aufgepeitscht von einer grandiosen Lynchjustiz-Musik, an den Bühnenabgrund, Mephisto rettet in höchster Not.
Alles nur Zirkus
Faust, ein älterer Clochard, und Margarethe, halb Märchenprinzessin, halb Model: Es geht von Anfang mit dem Teufel zu und her, dass die zwei überhaupt zusammenkommen. Regisseur Carlos Wagner nimmt die grossen, romantisch komponierten Emotionen denn auch nicht ganz ernst. Als Margarethe zur Trauerarie über den verlorenen Faust ansetzt, stellt sich Mephisto dazu und souffliert ihr die passenden Worte und Gesten. Das ist brillant gespielt, gleich sitzt man kerzengerad auf dem Klappsitz. Und stellt fest, dass sich Oper nicht nur in den Opern-Metropolen, sondern auch hier auf der Festspiel-Klosterwiese selber ironisch auf den Arm nehmen kann. Alles nur teuflisch gute Show, die Welt ein Zirkus: Diese Linie zieht der französische Regisseur konsequent bis zum Ende durch. Den berühmten «Höllenritt» spielt Mephisto als Pferdedressur mit Faust als gepeinigtem Ross, die Teufel klettern und speien Feuer, Gretchens Himmelfahrt wird zur Trapeznummer.
Die vier Solisten (Elena Maximova, Gilles Ragon, Mirco Palazzi und Tijl Faveyts bei der Premiere), die Chöre und das Sinfonieorchester unter Sébastien Rouland überzeugen in dieser selten gespielten Oper, die nicht auf Spektakel baut, sondern spektakulär in den Klangdetails im Orchester ist. Lichtmeister Guido Petzold lässt die Klostertürme apart leuchten, und die Aufbauten des jungen Bühnenbildners Rifail Ajdarpasic bieten für vieles Platz, für Intimität wie für Volksaufläufe rund um den Maibaum.
Dieser aber steht in der Mitte und weiss nicht recht, wofür er steht.
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