Der Gesang ist himmlisch. Fünf-, vier- oder dreistimmig lässt das französische Vokalensemble Thélème die Akkorde schweben, mit Stimmen wie silbernen Fäden, durchscheinend und doch unzerreissbar, feiner als die Goldranken, die das Chorgitter der Kathedrale schmücken.
Auch die Stückauswahl ist exquisit: Madrigalisches von Alexander Agricola, Clément Janequin, Claude Le Leune und im Zentrum die Sibyllinischen Prophezeiungen von Orlando di Lasso, eine halb weltlich halb geistliche Sammlung chromatisch aufgeladener Meditationen, deren Texte man im Programmheft allerdings vergeblich sucht. Das ideal harmonierende Vokalensemble nimmt das Publikum im vollbesetzten Dom mit auf einen subtilen Trip ins Seelen- und Glaubens-Innerste.
Vom Solo zur Kommunion
Dem buchstäblich umwerfenden Gesang hält der Tanz nicht immer stand – eindrücklich ist die Leistung des Tanzensembles dennoch. Auf den links und rechts des Altars aufgebauten Podien entwickelt sich aus der Vereinzelung ein mönchisch anmutendes Kollektiv, aus dem wiederum Zweier-, Dreier- und Vierergruppen nach und nach Beziehung zueinander aufnehmen – bis im Finale das 14-köpfige Ensemble in zwei und am Ende in einem grossen Kreis zum «sacrum convivium» zusammenfindet, zum Abendmahl in der vergeistigten Vertonung von Olivier Messiaen.
Dieser finale Ruhepunkt bleibt allerdings die Ausnahme – eine Stunde lang herrscht sonst in den Körpern der Tänzerinnen und Tänzer Dauer-Hochspannung bis in die Spitzen der Finger hinein. Die krümmen und krallen sich, werden vor den Mund geschlagen, kratzen oder strecken sich zum Himmel; die Finger und Hände sind das eigentliche, beredte Organ in der Choreographie des Engländers Jonathan Lunn.
In unzähligen Variationen spielt das Ensemble die Gesten des Redens und Verstummens, des Erschreckens, des Für-Sich-Behaltens und des geheimnistuerischen Einverständnisses durch. Das Repertoire passt zum Oberthema «Schweigerose», jenem alten Verschweige-Emblem, das sich die neue Theater-Tanzchefin Beate Vollack für den Festspiel-Tanz in diesem und den beiden folgenden Jahren vorgenommen hat.
Fröhliches Schlachtengetümmel
Aber zum wirklichen Schweigen kommt es nicht. Die Choreographie lässt dafür keinen Raum. Das ist befremdlich, weil der filigrane Renaissance-Gesang ebenso wie Messiaens tiefgläubige Orgelmusik (gespielt von Willibald Guggenmos) wesentlich aus dem Gestus der Verinnerlichung leben. Musik und Bewegung sprechen zwei unterschiedliche Sprachen.
Am eindeutigsten, aber zugleich irritierend kommen Tanz und Gesang in La bataille von Clément Janequin zusammen. Vorn an der Rampe brillieren Altus, Tenöre und Bass mit der irrwitzig schweren Partitur; links und rechts produziert das Tanzensemble nicht minder virtuose Turbulenzen, feiert Party, lacht und sprudelt und wirbelt kreuz und quer. Die Musik feuert an – aber was Janequin da musikalisch und textlich stattfinden lässt, ist die Schlacht von Marignano. Mit knallenden Konsonanten und Vokalbombardements malt er den Kampf aus, den Alarm, Pferdegetrampel und Fanfaren und das Pfeifen der Kanonenkugeln, bis zum bitteren Ende der Eidgenossen und dem Triumph der Franzosen.
Dass der musikalische Krieg im Tanz zur Lustpartie wird, kann einen ärgern: Der Inhalt wird nicht gerade zur Nebensache, aber Vorrang hat die ästhetische Perfektion und choreografische Raffinesse. Eine Haltung, zu der einen die spektakulär ästhetische St.Galler Kathedrale allerdings leicht verführen kann.
Weitere Aufführungen: Donnerstag, 25. und Montag, 29. Juni, jeweils um 21 Uhr. Infos: theatersg.ch
Bilder: Andreas J.Etter
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