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Die Hunnen fallen ein

Stefano Poda inszeniert Verdis «Attila» als Trümmerhaufen vor der Kathedrale und lässt den Kern der Geschichte vermissen. Ein Gastbeitrag von Charles Uzor

Von  Gastbeitrag

Dass die St.Galler Festspiele international werden, zeigt das zugewandte Kloster-Bistro oder das neu eingerichtete abbey precinct visitor center. Damit gleicht sich St.Gallen anderen provinziellen Festspielorten an. Zu hoffen bleibt, dass dieser Öffnung nicht eine gänzliche Schliessung des schönen Klosterplatzes folgt. Immerhin, im 8. Jahr der St.Galler Festspiele haben sich die Macher einiges Überraschendes, Witziges und Sinnhaftes einfallen lassen. So etwa Wagners fünfstündiger Ring reduziert als Orgelkonzert ohne Worte, die Goldberg Variationen interpretiert auf dem Akkordeon, oder Obertongesang aus der Welt des Hunnenkönigs Attila.

In seiner frühen Oper «Attila» lässt Verdi vieles offen: Die Guten und die Bösen, Christentum und Barbarei, das Weiterleben nach dem Komplott gegen Attila. Die spektakuläre Inszenierung Stefano Podas spürt dieser moralischen Unbestimmtheit nicht nach, sondern lädt sie mit gewaltigen Bildern auf. Mit grobem Strich malt Poda eine Geschichte, deren Schauer vom Skeletthaufen bis zum finalen Speerstich einen über zwei Stunden in Atem hält, danach aber wie verflogen scheint. Schon die erste Szene zeigt eine düstere Siegesfeier des Hunnenkönigs, der nach zwei Jahrzehnten die halbe Welt, vom Ural bis ins Herz Europas erobert hat und nun die Stadt Aquileia in Schutt und Asche legt. Der rot-violett-schwarze Trümmerhaufen erinnert an eine Science-Fiction Mondlandschaft oder an ein Leichenfeld mit üppiger Symbolik, Hunnenpferdekopf, Christuskreuz, verkehrtes Ziffernblatt – gruselig, «gothic». Diese musicalhafte, sich allerlei Rauch- und Geräuscheffekte bedienende Künstlichkeit beeindruckt in der Organisation der Elemente, sie vermag aber nicht nach einer eigenen Interpretation des komplexen Librettos (Solera/Piave) zu greifen, welche die eigentliche Tragödie eher in den Flüchtlingsströmen und Massengräbern, also in den Chören legen könnte als im persönlichen Scheitern Attilas.

Die musikalische Leistung der Premierenaufführung ist gross. Alexander Vinogradov singt Attila mit warmem, manchmal in der Höhe etwas limitiertem Timbre. In seiner sympathischen Präsenz erobert er trotz der Leichenhaufen allerdings die Herzen. Luca Grassi als Ezio überzeugt durch stimmliche Sicherheit und im Laufe der Geschichte immer dramatischer werdenden Duktus. Dagegen wirkt Bruno Ribeiros Tenor (Foresto) fast kammermusikalisch. Seine entrückend schöne Stimme vermag im Duett mit Odabella kaum Liebesfunken oder echte Eifersucht zu evozieren. Mary Elizabeth Williams schöpft aus dem Vollen. Ihr stimmliches Arsenal scheint unbegrenzt. Mit dem facettenreichen und in allen Registern kräftigen Gesang überzeugt sie auch schauspielerisch, psychologisch. Trotzdem bleibt der Eindruck, dass dieser ganzen Produktion, und gerade auch bei Odabella etwas fehlt. Es fehlt – trotz herrlich begleitendem, wie aus dem Nichts aufsteigenden Orchesterklang (Sinfonieorchester St.Gallen, Ltg. Antonio Fogliani) und wunderbar intonierenden Chören (Chor des Theaters und Opernchor St.Gallen sowie der Theaterchor Winterthur und der Prager Philharmonische Chor) – die emotionale Authentizität. Obwohl Licht- und Klangregie bei so grossen Räumen erstaunliches leisten, wird die Vielheit der Elemente kaum zur dramatischen Intimität. Trotz vieler Bewegungen, spektakulärer Auftritte und grosser Klangmassen bleibt das Geschehen statisch. Die Musik wirkt weniger verstärkt als verzerrt und «gedeckelt». Einzelne Chorpassagen sind um halbe Pulsschläge verschoben, das Belcanto der Odabella hinkt hinter der wie gefilterten orchestralen Verdopplung nach. Beim Mord an Attila kommt am Schluss Dramatik auf. Attila erscheint trotz seiner Barbarei als einziges menschlich fühlendes Wesen. Odabella, Foresto und Ezio agieren im Komplott der Fieslinge ihre Rache aus, jeder für sich mit seinen ureigenen Motiven.

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