Wenn an dem einen St.Galler Bus das Openair-Fähnchen flattert und am andern das Festspiel-Fähnchen, dann ist Ende Juni und die Stadt im musikalischen Ausnahmezustand – ausser für die wachsende Zahl von Zeitgenossen, die das Sittertobel meiden und auch vom Klosterplatz nichts halten. Zu viel Kommerz, zu wenig Tiefgang hier wie dort? Das trifft zumindest auf das B-Programm der Festspiele, die Aufführungen in der Kirche St.Laurenzen nicht zu. Fünf Gründe gegen den Festspiel-Koller.
Erstens: Der Ort
«Tanz in der Kathedrale» hiess es früher. Jetzt ist statt dem katholischen Dom, wo der Tanz konservativen Kirchgängern ein Dorn im Auge war, die reformierte Stadtkirche zum Spielort geworden. Mit Vorteilen – der Raum ist schon an sich theatralisch und etwas weniger «heilig» aufgeladen. Die Lichteffekte sind fantastisch, Bühne und Seitenemporen eignen sich für dramatische Auftritte, das Publikum ist nah am Geschehen. Und Rom muss sich nicht darum kümmern, was in St.Gallen läuft.
Zweitens: Santis Abschied
So viel Virtuosität und Innigkeit zugleich hat man noch kaum in einem Tanzstück gesehen wie dieses Jahr in «Ignis». Es ist das Schluss-Stück von Marco Santi, den das Theater bedauerlicherweise nicht halten wollte und der hier mit seiner Kompagnie noch einmal zeigt, was dabei verloren geht: eine Körpersprache und Ensemblearbeit, die nicht nach Effekten schielt, sondern auf Forschungsarbeit und Konzentration angelegt ist.
In «Ignis» geht es um Langsamkeit und Achtsamkeit, um Vertrauen und Zärtlichkeit. Dazu passt die mönchisch kontemplative Musik, die Komponist Paul Giger zusammen mit Bettina Messerschmidt (Cello), Marie-Louise Dähler (Orgel) und dem klangschön singenden Collegium Vocale (Leitung Hans Eberhard) spielt. Hildegard von Bingens Pfingsthymnus als Grundlage, dazwischen avantgardistische Klänge aus der Klangküche von Andres Bosshard und die Wunderstimme von Tänzerin Zaida Ballesteros Parejo: Musik und Bewegung tragen weit und öffnen geistliche und emotionale Räume.
Die standing ovation an der Premiere galt Marco Santi und der ganzen in den fünf Jahren zum veritablen Ensemble zusammengewachsenen Truppe – letzte Gelegenheit, sie am Werk zu sehen, ist bei der dritten Aufführung am Montag 30. Juni.
Drittens: Musikalisches Neuland
18 Stimmen, ein Halbkreis, höchste Reinheit und Präzision: Das war das Requiem des spanischen Renaissance-Komponisten Tomas Luis de Victoria in der Interpretation durch das Ensemble Corund am Freitagabend im Rahmen des Festspiel-Konzertprogramms. Der Profichor, einer der ganz wenigen in der Schweiz, und sein amerikanischer Dirigent und Gründer Stephen Smith boten den komplexen sechsstimmigen Grabgesang mit stupender Sicherheit und Leichtigkeit dar. Etwas kantig blieben einzig die einstimmigen gregorianischen Intonationen – die Chorsätze strömten und blühten aufs Schönste.
Exklusiv geht es am Sonntag 29. Juni weiter: mit spanischem Barock und Flamenco. Spanien gilt als stilistischer Schmelztiegel, mit Einflüssen der maurisch-arabischen Melodik, der Musik der «gitanos» und der europäischen Kunstmusik. Dem gehen der hoch gelobte Flamenco-Sänger Arcangel, der Gambenist Fahmi Alqhai (Bild) und die Accademia del Piacere mit Gitarren, Gamben, Bass und Perkussion nach. Ungewohnte Hörerfahrungen dürften an diesem Abend mit dem Titel «Da pacem domine» garantiert sein. Barocke Tanzmusik von Komponisten, die so klingende Fussballernamen tragen wie José Blasco de Nebra oder Santiago de Murcia, gibt es dann im letzten Kammermusikprogramm am Dienstag 1. Juli in der Schutzengelkapelle zu hören.
Viertens: Technik- und Sponsorfreie Zone
In St.Laurenzen macht weder Coca Cola noch sonst jemand Werbung. Die Festspiel-Sponsoren treten nicht in Erscheinung. Und die Mikros des Schweizer Radios SRF, das zwei Konzerte des Festspiel-Wochenendes für seine «Weltklasse»-Reihe aufnimmt, sind der einzige Tribut an die Elektronik. Sonst aber hat man in St.Laurenzen Live-Erlebnisse unplugged, bei den 18 Stimmen des Ensembles Corund ebenso wie beim Flamenco-Konzert, auch wenn dort ausdrücklich alte Musik und Gegenwart zusammenprallen.
Fünftens: Gut fürs Gehör
Das Klassik-Publikum kommt in die Jahre. Viel Grau auf den Köpfen, Zuhörer U-40 sind Mangelware. Die Gründe sind vielschichtig. Teure Tickets sind das eine, 45 Franken für ein Konzert der Festspiel-Reihe Forum für Alte Musik, 40 bis 60 Franken für den Tanz: Das kann man viel Geld finden, und dass die Festspiele keine Jugend-Ermässigung anbieten, ist störend. Die Ansprüche, die diese Musik ans Publikum stellt, sind vielleicht das andere. Tatsächlich: In der Laurenzenkirche lohnt es sich, mit beiden Ohren zuzuhören. Das putzt den Kopf durch. Man kann aber, so in den sich auftürmenden Klangarchitekturen des Victoria-Requiems, auch selig ein- und abtauchen.
Barockmusik, das hat sich in den letzten Jahrzehnten dank der historischen Musizierpraxis erwiesen und bestätigt sich auch in den Festspiel-Konzerten in der sonst mit Alter Musik – von Bach abgesehen – nicht gerade verwöhnten Stadt, kann einen umwerfenden Drive und Groove haben. Und Tanz, so wie in das St.Galler Ensemble hier zeigt, hat alle Ballett-Konventionen längst hinter sich gelassen und spricht die Körper-Sprache von heute. Nichts für Junge? Im Gegenteil!
theatersg.ch/festspiele
Ignis-Bilder: Andreas J.Etter
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