Frisches Wissen fürs Museum
Ein rätselhafter Koffer und ein Mumienkopf, der nicht mehr in der Sammlung ist. Das Kreuzlinger Museum Rosenegg gibt in «Unerhört unerforscht» Einblick in seine Sammlungsgeschichte. Das Publikum ist eingeladen, sein Wissen ans Museum weiterzugeben.
Prachtvolle Kirchenfenster sind in der Ausstellung zu entdecken (Bild: pd)
Nur einen Bruchteil der Objekte, die ein Museum hat, sieht man in den Ausstellungen. Der Rest lagert in Depots. Und nicht immer weiss man, wie die Objekte überhaupt ins Museum gelangt sind und was dereinst ihre Funktion gewesen ist.
Einblicke in die Sammlung wie auch in die eigene Sammlungsgeschichte gibt das Museum Rosenegg in der aktuellen Ausstellung «Unerhört unerforscht». Zu entdecken gibt es Objekte aus älteren Beständen, aber auch Neuzugänge, die etwa über das «Stadtlabor» ins Museum gelangt sind: 2023 hat das Kreuzlinger Museum unter dem Motto «Sammeln, mitmachen, ausstellen» die Bevölkerung aufgerufen, Objekte mit stadtgeschichtlichem Bezug vorbeizubringen, schreibt Museumsdirektor David Bruder auf Anfrage. «Ziel war es, das Museum zu öffnen und ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass das Museum Rosenegg der Ort ist, an dem das Kreuzlinger Kulturerbe gesammelt und bewahrt wird.»
Unter diesen Neuzugängen ist beispielsweise eine grosse Tafel des Männerchors Frohsinn, die 1920 anlässlich dessen 25-Jahr-Jubiläums entstanden ist. Auf der Tafel sind 83 Porträts der damaligen Mitglieder abgebildet, «ein Panorama der damaligen Egelshofer Männerwelt», so Bruder. Und dieses «Panorama» ist nun Teil der aktuellen Ausstellung.
Den Ausgangspunkt für die «sammlungsgeschichtliche Reise» des Museums Rosenegg und damit auch die Ausstellung bildete ein Koffer mit einigen Fotografien. Dieser gelangte 2023 aus Lübeck ins Museum. Die Geschichte des Koffers ist noch unbekannt: «Wir wissen zum jetzigen Zeitpunkt nicht, wer die Personen auf den Fotografien sind, die im Koffer waren. Wir wissen nur, dass dieser dem Schweizer Albert Buchenhorner gehörte, müssen aber auch hier noch weiterforschen», sagt Bruder.
Ohnehin seien viele der Objektgeschichten in der Vergangenheit nur teilweise dokumentiert worden. Und bisher habe das Museum nicht über die notwendigen Ressourcen verfügt, um diese Lücken zu füllen. Es sind also «unerforschte» Objektgeschichten.
83 singende Egelshofer: Ein Spiegelbild der Kreuzlinger Männerwelt 1920 (Bild: pd)
Der Koffer gelangte 2023 aus Lübeck ins Museum (Bild: pd)
Im vergangenen Winter hat das Museum Rosenegg gemeinsam mit dem Seemuseum Kreuzlingen eine neue Sammlungsdatenbank eingeführt. Damit seien nun die Voraussetzungen für eine Revision der überlieferten Daten sowie für eine Fortsetzung der Inventarisierung gegeben.
Diese Erschliessungsarbeit sei auch eine Aufarbeitung der Sammlungsgeschichte. Dabei werfe jede Sammlungsphase eigene Fragen auf, schreibt Bruder. Man beschäftige sich etwa damit, was warum gesammelt und was wieder «entsammelt» wurde. Oder damit, was in eine zeitgemässe Museumssammlung gehört und wie man diese weiterentwickeln könne. «In den 1980er Jahren hat man beispielsweise einen ganzen Bestand von über 170 kolonialgeschichtlichen Objekten an das Ethnografische Museum Neuenburg abgegeben, weil man keinen Bezug zu Kreuzlingen oder der Region gesehen hat. Auch ein Mumienkopf, den ein Kreuzlinger aus Ägypten mitgebracht hatte, wurde nach Neuenburg abgegeben.»
Viele Erkenntnisse aus dieser Forschungsarbeit fliessen in die Ausstellung «Unerhört unerforscht» ein, aber ebenso die Leerstellen, erklärt der Museumsdirektor. Zudem wolle man den Blick auch «auf die Aufgaben eines modernen Museums» lenken. Ein solches greife aktuelle Themen auf, stelle sie in einen grösseren zeitlichen Zusammenhang und schaffe dadurch gesellschaftliche Orientierung. «Dazu gehört auch, dass die Dominanz der Männerwelt aufgebrochen wird, dass nach der Geschichte der Frauen und anderer Gruppen gefragt wird». Dabei seien ein stringentes Sammlungskonzept sowie eine systematische Weiterentwicklung der Sammlung zentral.
Ganz bewusst arbeite man in der Ausstellung «Unerhört unerforscht» ohne Medienstationen. «Wir wollten die Objekte, die Originale, in den Mittelpunkt stellen», sagt David Bruder. Es lägen Klemmbretter mit Informationen zu einzelnen Exponaten aus, die ergänzt und, falls nötig, auch korrigiert werden kötnnen. Die Besucher:innen werden damit selbst zu Forscher:innen und können frisches Wissen in die Sammlung des Museums einbringen. Mit dieser Öffnung will das Museum Rosenegg einer breiten Bevölkerung vermitteln: «Es ist euer kulturelles Erbe, das hier bewahrt wird, und ihr könnt euch daran beteiligen.»
Diese Partizipation werde dann im Projekt «Citizen Science» ab der zweiten Jahreshälfte ausgebaut, sagt Bruder. Geplant sei, dass künftig freiwillige Zweierteams das Museum bei der Inventarisierung und Recherche unterstützen und man dadurch die Erschliessung der Sammlung schneller vorantreiben könne.
«Unerhört unerforscht»: bis 28. Februar 2027, jeweils donnerstags, freitags, samstags und sonntags, 14 bis 17 Uhr, Museum Rosenegg, Kreuzlingen.
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