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«Wir sind ein Kantonstheater»

Die Zustimmung der St.Galler Stimmberechtigten zur Theatersanierung hat in ihrer Deutlichkeit auch die Profis überrascht. Im Theaterfoyer wurde analysiert, durchgeatmet und das Ja als ein Votum für «die Kultur» gefeiert.
Von  Corinne Riedener
Annette Hummel (links) ist Leiterin Maske und wird bald mehr Platz haben. Daneben ihre Volontärin Deborah Rentsch. (Bild: Hannes Thalmann)

Hocherfreulich, dieser Abstimmungssonntag. Kommt selten genug vor, dass alle Vorlagen so ring durchkommen, wie man es gerne hätte. Entsprechend entspannt war auch die Stimmung bei der Abstimmungsfeier am Sonntagnachmittag im Theater St.Gallen. «5:0!», war vor allem seitens der linken Zaungäste immer wieder zu hören. Und dass es jetzt wohl weitere zehn Jahre dauert, bis der Abstimmungssonntag wieder dermassen «beruhigend» ausfällt.

Die NoBillag-Initiative und das SVP-Referendum gegen die Sanierung des Theaters St.Gallen hatten ja einiges gemeinsam: In beiden Fällen ging es um Werterhalt, um Solidarität, um ein grundsätzliches Zugeständnis zum kulturellen Zusammenleben. Und in beiden Fällen kam man vor lauter Verteidigen der bekämpften Institutionen gar nicht mehr dazu, sie angemessen kritisch zu betrachten. Damit ist jetzt Schluss. Die Schweiz sagt mit 71,6 Prozent deutlich ja zur SRG, der Kanton St.Gallen sagt mit 62,74 Prozent deutlich ja zum Theater. Zumindest die Stimmberechtigten.

Auch ein «Ja zur Kultur»

Jens Rosenbaum, Tontechniker am Theater St.Gallen, ist nicht wirklich überrascht vom Resultat zur Sanierung des Theaters, höchstens von der Deutlichkeit. In seinem Ressort wird sich nicht ganz so viel ändern wie in den Werkstätten, der Wäscherei oder in der Maske, aber auch für ihn wird einiges angenehmer mit der Sanierung. «Der Saal wird akustisch aufgerüstet», erklärt er draussen bei der Batwurst, «und wir werden künftig auch ein Mischpult im Saal extra für uns haben, was bisher so nicht möglich war. Ich freue mich, wenns endlich losgeht.»

Das klare Resultat zum Theater St.Gallen sei «äusserst erfreulich», sagt auch Urs Rüegsegger, Präsident der Verwaltungsrats, in seiner Ansprache im Theaterfoyer. «Daraus kann man guten Gewissens ableiten, dass die Stimmbevölkerung nicht nur Ja zur Sanierung gesagt hat, sondern auch ja zur Kultur.» Regierungsrat Marc Mächler sieht das ähnlich: «Es ist ein Freudentag. Für die Regierung einerseits, aber auch für das Theater selber. Ich freue mich auf diese Baustelle!»

Werner Signer, dem geschäftsführenden Direktor, ist die Erleichterung ebenfalls deutlich anzumerken. Seine Prognose bewegte sich «im Bereich von 55 Prozent Ja-Stimmen», darunter wäre er «ziemlich enttäuscht gewesen». Endlich sei diese emotionale Zeit vorbei, sagt er, «diese Negativität, diese grundlegend falschen Zahlen und Tatsachen, mit denen die Gegnerschaft operiert hat. Dieses Resultat ist auch eine Bestätigung für die gesamte Kulturszene im Kanton.»

Die Regionen noch stärker ansprechen

Schaut man sich das kantonale Abstimmungsveralten im Fall der Theatersanierung etwas genauer an, stellt man fest, dass St.Gallen weniger an einem Stadt-Land-Graben leidet, sondern mehr an einem Nord-Süd-Gefälle (in Mörschwil ist die Zustimmung fürs Theater mit 76,11 Prozent Ja-Stimmen übrigens am grössten, gäll Stadt). Bis und mit Altstätten ist man dem Theater wohlgesonnen, schwierig wirds ab der Gegend Oberriet-Sennwald-Wildhaus-Alt St.Johann. Ab Quarten und Flums südwärts. Und in der Region Gommiswald-Kaltbrunn.

Bild: wab.sg.ch

Werner Signer will nicht von einem Nord-Süd-Gefälle reden. «Ich finde die Situation im Süden des Kantons gar nicht so dramatisch», sagt er. «Das Nein ist immerhin durchlöchert, es gibt auch Gemeinden in dieser Region, die deutlich Ja gesagt haben. Man darf aber durchaus sagen: Danke, Rheintal!»

Schauspieldirektor Jonas Knecht führt die Nord-Süd-Kluft wie Signer auch ein Stück weit auf die geografische Entfernung zurück. «Ich finde es auf jeden Fall sehr wichtig, die Regionen noch mehr anzusprechen», sagt er. «Dafür müssen wir hinaus gehen, ähnlich wie mit dem Container in der Stadt letztes Jahr – und eine solche Tour haben wir auch geplant für die nächste Spielzeit. Vielleicht müssen wir die Tamina-Brücke bespielen oder so, ich weiss es nicht… Ich für meinen Teil habe total Lust auf solche Aktionen, schliesslich sind wir ein Kantonstheater.»

Wie weiter mit den Freien?

Knecht hat zwar gehofft, aber nicht erwartet, dass die Abstimmung so klar pro Theater ausfällt. «Mich freut es extrem! Es ist ein stolzes, deutliches, geiles Ja zur Kultur. Das gibt uns die nötige Rückendeckung.» Und er darf sich gleich doppelt freuen: Am Freitag wurde bekannt, dass das Theater seinen Vertrag bis 2022 verlängert hat. Er wird den ganzen Umbau und die Zeit im Provisorium also hautnah miterleben – und mitgestalten.

Bei aller Freude – der zum Glück nun beendete Abstimmungskampf hat auch Aspekte aufgebracht, die es weiter zu diskutieren gilt, etwa die Stellung der «Freien» innerhalb der Kultur. Signer und Knecht sind sich einig: Die Freien brauchen Platz, darüber müssen wir reden.

«Das Problem ist leider nach wie vor ungeklärt», sagt Knecht, «denn es geht hierbei auch um eine gesunde Konkurrenz, die allen, auch dem Theater St.Gallen gut tun würde – am liebsten in Form eines Hauses, wo die Freien daheim sind. Und mit denen man sogar kooperieren könnte. Denn die Zeit der Grabenkämpfe zwischen dem sogannten Stadttheater und der freien Szene ist längst vorbei. Die Solidarität unter den Kulturschaffenden im Abstimmungskampf, etwa mit Jakob, hat dies deutlich gezeigt.»

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